Altersforschung

Diskriminierung im Alter: „Die Corona-Krise kann den Generationenkonflikt verstärken“

Coronavirus - Schweiz
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Alternsforscher Hans-Werner Wahl warnt vor einer Diskriminierung älterer Menschen und den Folgen von sozialer Distanz.

  • In der Corona-Krise ist soziale Distanz im Alltag gefordert.
  • Darunter leiden insbesondere Risikogruppen und Senioren.
  • Der Forscher Hans-Werner Wahl warnt vor der Diskriminierung älterer Menschen.

Hans-Werner Wahl ist Direktor des Netzwerks Alternsforschung der Universität Heidelberg. Er forscht vor allem zu den Auswirkungen von negativen Alterszuschreibungen.

Herr Wahl, in der Corona-Krise werden alte Menschen vor allem als „die Schwächsten der Gesellschaft“ und als „Risikogruppe“ wahrgenommen. Sie haben sich als Wissenschaftler stets für einen differenzierten Blick auf das Alter eingesetzt und dafür, das Altern nicht nur unter dem Gesichtspunkt des Verlustes von Gesundheit und Fähigkeiten zu betrachten. Stellt die derzeitige Debatte in dieser Hinsicht einen Rückschlag dar?

Natürlich ist es selbstverständlich, dass jetzt ältere und chronisch kranke Menschen geschützt werden müssen. Aber wir müssen sehr aufpassen, dass das heterogene, auch mit positiven Elementen versehene Altersbild nicht unter die Räder kommt in dem Sinne, dass diese riesige Gruppe von Menschen auf eine homogene Masse reduziert und einheitlich in eine Schublade gesteckt wird: in die der Verletzlichen, vom Tode Bedrohten, der zu Isolierenden. Allein in Deutschland beträfe das 17,5 Millionen Menschen, denn so viele sind älter als 65 Jahre. Das wäre kulturell primitiv. Leider ist das teilweise aber schon geschehen.

Was meinen Sie mit „kulturell primitiv“?

In der Alternsforschung verstehen wir immer besser, dass das chronologische Alter keine gute Aussagekraft im Hinblick zum Beispiel auf kognitive Leistungen und Krankheiten besitzt. Es wäre ein Kardinalfehler und eine unglaubliche Reduktion, jetzt Ratschläge oder Anordnungen mit gewaltigen Konsequenzen willkürlich an einer Grenze von 65 oder 70 Jahren festzumachen. In der Gerontologie wissen wir, dass „junge alte Menschen“ zwischen 65 und 80 meist noch kognitiv in hohem Maße leistungsfähig sind. Für diese Menschen ist es ein Schlag ins Gesicht, wenn sie nur als verletzlich und gefährdet dargestellt werden. Das ist altersdiskriminierend. Selbst bei den über 90-Jährigen leiden nur 30 bis 40 Prozent unter mehreren schweren Grunderkrankungen und Demenz. Natürlich sind diese sehr alten Menschen durch das Coronavirus stärker gefährdet. Aber grundlegend dürfen wir nicht davon ausgehen, dass das rein chronologische Alter das beste Kriterium ist, nachdem man vorgehen muss.

Corona-Krise: Diskriminierung älterer Menschen

Hans-Werner Wahl forscht zu den Auswirkungen von negativen Alterszuschreibungen.

Nun ist es aber so, dass das Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken, tatsächlich mit dem Alter steigt. Und die meisten Patienten, die an den Folgen einer Infektion sterben, sind ältere Menschen. Was entgegnen Sie diesem Argument?

Es ist unbestritten, dass es bei Covid-19 eine Altersabhängigkeit gibt. Aber es gibt auch unter den 40- bis 65-Jährigen viele vulnerable Gruppen mit chronischen Erkrankungen, etwa des Herz-Kreislauf-Systems. Wir wissen auch, dass psychische Erkrankungen, die eine nicht kleine Gruppe bei den 20- bis 60-Jährigen von etwa 15 bis 20 Prozent betreffen, die Empfindlichkeit gegenüber Infektionen erhöhen kann. Auch wenn Ältere im Schnitt ein höheres Risiko haben, so darf es doch nicht dazu führen, sie alle einer Kategorie zuzuordnen. Ich wünsche mir einfach eine differenzierte Kommunikation mit älteren Menschen.

Was löst es bei älteren Menschen aus, wenn sie in der aktuellen Situation ständig damit konfrontiert werden, dass sie als schwach gelten und geschützt werden müssen?

Das macht nichts Gutes mit den Betroffenen. Wir wissen, dass solche negativen Stereotype oft übernommen werden, das Selbstbild verändern und die Motivation für ein facettenreiches Leben und neue Erfahrungen massiv schwächen können. Was im Augenblick in Deutschland passiert, ist eine massenhafte Selbststigmatisierung älterer Menschen. Sie sagen sich: „Ich bin ja doch alt und verletzlich.“ Studien zeigen auch, dass diese negativen Stimuli auch im körperlichen Bereich starke Auswirkungen haben. Sie führen zu einer höheren Ausschüttung des Stresshormons Kortisol, können zu entzündlichen Prozessen führen und dadurch unter anderem kardiovaskuläre Erkrankungen befördern. Auch das Risiko einer Demenz steigt. Hinzu kommt, dass ältere Menschen nun zur „Unmotorik“ gezwungen werden, was schnell zu einem erheblichen Verlust an Muskelkraft führen kann.

Diskriminierung in Corona-Krise: Ältere Menschen und Risikogruppen betroffen

Was bedeutet das seit Wochen praktizierte Social Distancing für ältere Menschen?

Schwierig ist es vor allem für ältere Menschen, die alleine leben und bisher noch gerade so ein Mindestmaß an Austausch hatten und ihr soziales Netzwerk nur mit viel Anstrengung halten konnten. Sie fallen jetzt in eine Art sozialer Unterdosierung, wie ich von Menschen aus meinem eigenen Bekanntenkreis weiß. Positive Emotionen, das Gefühl, gebraucht zu werden, Zärtlichkeiten, all das fällt jetzt weg. Das ist sehr belastend. Und es betrifft eine große Gruppe von Menschen, denn auch von den über 80-Jährigen leben nur die wenigsten im Heim – auch wenn derzeit manchmal der gegenteilige Eindruck vermittelt wird.

Was könnte man Ihrer Ansicht nach tun, um die Einsamkeit dieser Menschen zu mindern?

Ich sehe eine Chance in der Nutzung neuer Kommunikationsmedien. Jetzt müsste die Stunde der Vernetzungen über existierende Geräte und Software-Lösungen schlagen. Das ist auch für ältere Menschen nicht unmöglich. 40 Prozent der über 65-Jährigen besitzen ein Smartphone, 70 Prozent einen PC, 60 Prozent sind im Internet, 30 nutzen ein Tablet. Aber man muss Angebote machen, für ältere Menschen, die zu Hause leben ebenso wie für jene in Heimen.

Alternsforschung: Abschottung und Isolation in Corona-Krise problematisch

Von wem sollten die kommen? Von Kommunen, Seniorenverbänden?

Politische Akteure, Sozialverbände und die Telekom könnten es in einer konzertierten Aktion leisten und Tablets zur Verfügung stellen, man könnte Nachbarschaftssstrukturen und Pflegedienste einbinden. Auch alte Menschen können noch lernen und sich mit IT vertraut machen. Klar sollte sein, dass es dabei nicht um soziale Betreuung geht – ein schreckliches Wort -, sondern um ein partnerschaftliches Miteinander, von dem alle profitieren können. Jetzt wäre der ideale Zeitpunkt für solche Initiativen. Das wäre wichtiger, als das Datenvolumen ohne Zusatzkosten zu erhöhen, wie es die Telekom jetzt gemacht hat.

In Pflegeheimen ist die Lage noch problematischer als bei den älteren Menschen, die noch zu Hause leben. Die Einrichtungen müssen sich wegen der Infektionsgefahr abschotten, Besucher sind nicht mehr zugelassen. Wie ließe sich die Situation dort verbessern?

In den Pflegeeinrichtungen potenziert sich die Lage noch, das ist sicherlich richtig. Man weiß, dass viele Bewohner dort nur dann aufblühen, wenn ein Angehöriger zu Besuch kommt. Das fällt jetzt weg. Auch in Heimen könnten Tablets eine große Rolle spielen. Pfleger könnten sie für die Bewohner bedienen. Oder Angehörige sprechen einen Text auf Band, den man sich dann anhört und gleichzeitig ein Foto mit anschaut. Hier sind Ideen gefragt. Wichtig wären auch physische Aktivierung und mehr gesellige Aktivitäten, bei denen man Gemeinsamkeiten pflegt, immer vorausgesetzt, man hat keine Infektionen im Haus. Schön wäre es auch, jeden Tag ein besonders tolles Essen zu servieren. Das ist nun einmal für viele im Heim das Highlight des Tages. Sehr verwerflich finde ich, dass offenbar in vielen Heimen nicht genügend Schutzkleidung für Pflegepersonal da ist und Masken selbst genäht werden müssen. Auch müssen die völlig unterbezahlen Pflegerinnen und Pfleger jetzt endlich besser entlohnt werden. Wir sind lange unanständig gewesen in diesem Bereich hochbedeutsamer Professionalität unserer Gesellschaft. Eine Gehaltserhöhung von 30 Prozent wäre angebracht. Jetzt gleich und natürlich dauerhaft.

Corona-Krise: Paternalistische Haltung gegenüber Senioren und Risikogruppen

Bei Diskussionen um die Lockerungen des Shutdowns kommt regelmäßig auch der Vorschlag, dass die Schwachen und Alten in der Isolation bleiben müssen, während der Rest der Gesellschaft wieder weitgehend den normalen Alltag leben kann. Wie denken Sie darüber?

Ich finde solche Aussagen und die ihnen zugrunde liegende paternalistische Haltung den Älteren gegenüber schrecklich und unwürdig. Jüngere spielen sich symbolisch gesehen als die selbst ernannten Eltern der Alten auf, die ihnen sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Dabei sind ältere Menschen doch diejenige Gruppe in unserem Gemeinwesen mit der größten Lebenserfahrung. Die meisten handeln vernünftig und wissen selbst, wie sie sich zu verhalten haben. Das kann man auch von ihnen erwarten. Trauen wir ihnen doch einfach zu, dass sie wissen, welches Verhalten risikoreich ist. Das muss ihnen niemand dauernd sagen.

Kann die Corona-Krise den Generationenkonflikt verstärken, wie er sich schon in der Klimadebatte angedeutet hat?

Ja – und der Weg kann in sehr gefährliches Terrain führen. In Extremsituationen – die wir jetzt noch nicht haben – kann es schnell dahin kommen, dass lange gegen kurze Leben gegeneinander abgewogen werden, im Stil von: „Der alte Mensch hat doch sein Leben schon gelebt.“ Solche Vereinfachungen kommen selbst, wie ich in meinem eigenen Freundeskreis feststellen musste, bei gebildeten Menschen vor. Aber man kann Leben nicht anhand der Länge bewerten. Deshalb ist es auch wichtig, dass die Deutsche interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin in ihren Triage-Empfehlungen geschrieben hat, das Alter dürfe kein Kriterium sein bei einer Entscheidung, wer im Notfall behandelt wird und wer nicht. In Italien, Spanien und Frankreich ist das schon passiert. Ich erwarte, dass dort deswegen ein riesiges kulturelles Trauma im Sinne von „Was haben wir da eigentlich gemacht?“ entstehen wird und bewältigt werden muss. In Deutschland dürfen wir es nicht so weit kommen lassen. Wir brauchen eine breite Debatte über ein hoffentlich nie eintretendes Ereignis, nämlich den Umgang mit zu wenig medizinischen Ressourcen. Gerade wir müssen angesichts unserer Vergangenheit bei der Bewertung von Leben sehr vorsichtig sein und die ethische Latte besonders hoch hängen. Ich selbst neige angesichts der relativ hohen Lebenserwartung auch bei 60- oder 70-Jährigen heute dazu, dass in medizinischen Extremsituationen vielleicht eine Zufallsentscheidung das ethisch Beste wäre. Aber dieser Gedanke wird von vielen abgelehnt. Nur, wohin führen uns andere Kriterien?

Diskriminierung in Corona-Krise kann Generationenkonflikt verstärken

Löst die ganze Triage-Diskussion bei älteren Menschen Ängste aus, sie könnten bei einer schweren Erkrankung aussortiert werden?

Das ist eine große Gefahr. Durch diese Diskussion entstehen massive Ängste in einer Generation, die noch am nächsten dran ist an der deutschen Vergangenheit. Da werden Dinge auch schnell falsch verstanden. Ich bin sicher, dass viele ältere Menschen denken, wenn es schlimmer wird, werde ich abgekoppelt und habe aufgrund meines Alters keine Überlebenschance. Da wäre meiner Ansicht nach auch die Initiative von Seniorenverbänden gefragt.

Tun die Ihrer Ansicht nach in dieser Krise zu wenig?

Ich finde, sie agieren zu stark in die Richtung, dass ältere Menschen vor einer Infektion geschützt werden müssen, was natürlich wichtig ist. Sie vernachlässigen darüber grundsätzliche Fragen wie die der Diskriminierung Älterer und auch von Gefahren mangelnder Solidarität zwischen den Generationen in dieser Krise. Dabei geht es doch um die Positionierung und das Selbstverständnis einer sehr großen gesellschaftlichen Gruppe. Auch die Gerontologie muss hier mit ihren Fachgesellschaften sehr deutlich Position beziehen. Ähnliches erwarte ich vom Bundesministerium für Senioren, Frauen und Jugend. Es muss ein überzeugender Ausgleich zwischen Schutzhaltung und einem absolut partnerschaftlichen Austausch mit älteren Menschen gefunden werden. Und dieser muss im öffentlichen Diskurs in der Krise deutlich hörbar sein.

Interview: Pamela Dörhöfer

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