Werder-Profi im nordbuzz-Interview

„Plötzlich hieß es: Der Junuzovic hat keine Lust mehr! Völliger Quatsch!“

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Der stellvertretende Werder-Kapitän Zlatko Junuzovic und nordbuzz-Redakteur Timo Strömer im Gespräch.

Wir treffen Zlatko Junuzovic in der Spieler-Loge des Bremer Weser-Stadions. Der stellvertretende Werder-Kapitän wirkt überaus entspannt und nimmt sich für das Gespräch mit nordbuzz-Redakteur Timo Strömer deutlich mehr Zeit als ursprünglich vereinbart. Gut für uns. Im Interview spricht Junuzovic über Höhen und Tiefen in 2016, Wechselabsichten, Vaterfreuden, Klischees und das beste Schnitzel Bremens.

nordbuzz: Hinter Werder liegt ein turbulentes Jahr. Wie bewertest Du 2016?

Zlatko Junuzovic: Sportlich war es ein Auf und Ab, der Stressfaktor war enorm, der Druck gerade zum Ende der letzten Saison unglaublich groß. Die Möglichkeit, abzusteigen war bis zum letzten Spiel allgegenwärtig. Das Ende ist bekannt: Wir haben den Klassenerhalt gesichert und gemeinsam mit den Fans gefeiert, als wären wir Meister geworden – Wahnsinn!

nordbuzz: Die aktuelle Saison startete ebenfalls turbulent...

Junuzovic: Ja, die Ergebnisse waren nicht gut und so steckten wir direkt wieder unten drin. Zuletzt war der Trend aber positiv, ich hoffe, dass wir es diesmal nicht so eng gestalten und souveräner die Klasse halten.

nordbuzz: Du bist mittlerweile eine Art Abstiegskampf-Experte.

Junuzovic: Ja, leider. Als ich im Januar 2012 nach Bremen gekommen bin, war die Situation für Werder noch entspannter, aber seit 2013 ist der Abstiegskampf hier ein Dauer-Thema.

nordbuzz: Haben die Abstiegskämpfe Narben hinterlassen?

Seit dem 30. Januar 2012 ist Zlatko Junuzovic bei Werder. In dieser Zeit bestritt er 149 Bundesligaspiele für die Grün-Weißen, erzielte 16 Tore und bereitete 40 weitere direkt vor.

Junuzovic: Sicher, das schüttelst du nicht einfach so ab. Ich bin deutlich schneller gealtert (lacht). Im Ernst: Ich bin mir durchaus der Verantwortung bewusst, Spieler von Werder Bremen zu sein. Der Verein ist nicht nur die Mannschaft, wir spielen auch für die Fans, die sehr viel für Werder investieren, für das Team ums Team und die Mitarbeiter der Geschäftsstelle, die im Abstiegskampf um ihren Job bangen. Das wissen wir und auch deswegen ist der Druck unglaublich groß. Aber bisher hatten wir immer ein Happy End, daraus zieht man auch neue Kraft und Motivation.

nordbuzz: Es schien aber so, als hättest Du unter Trainer Skripnik die Lust am Fußball verloren…

Junuzovic: Nein, so war es nicht. Der Abstiegskampf ist für die ganze Mannschaft und das Trainerteam unangenehm, alle sind angespannt, mental bist du am Limit. Dann gelingt es oft nicht, befreit aufzuspielen, unglückliche Aktionen häufen sich, man ist unzufrieden. Du stehst in solchen Situationen nicht da und gibst freudestrahlend Interviews, das ist doch klar. Plötzlich hieß es: Der Junuzovic hat keine Lust mehr! Völliger Quatsch!

nordbuzz: Also gab es keine Probleme mit Skripnik?

Junuzovic: Zwischenmenschliche Probleme hatten wir nie miteinander, aber ich bin im Mannschaftsrat und zweiter Kapitän – da bin ich in der Pflicht, auch neben dem Platz Dinge anzusprechen. Ich war mit Skripnik nicht immer einer Meinung, wenn wir uns ausgetauscht haben, aber letztendlich haben alle an einem Strang gezogen und den Abstieg verhindert.

nordbuzz: Dennoch wolltest Du im Sommer weg...

Junuzovic: Nein, das stimmt so nicht.

„Ich finde es falsch, auf die Raute zu klopfen und den Fans zu versprechen, dass ich Werder niemals verlassen werde“

nordbuzz: Manager Frank Baumann sagte damals, dass Du mit dem Gedanken spielen würdest, Dich verändern zu wollen und Werder bei einem entsprechenden Angebot gesprächsbereit sei. Klingt für mich nach Wechselwunsch.

Junuzovic: Im Fußball kannst Du nichts ausschließen, mehr habe ich mit „die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit“ nicht sagen wollen. Nach der letzten Saison habe ich mit Frank Baumann zusammengesessen und wir haben über alles mögliche gesprochen. Dabei ging es auch um die Zukunft und wir haben festgehalten, dass wir erneut sprechen, wenn etwas Interessantes kommen sollte. Das heißt nicht, dass ich unbedingt weg wollte, aber natürlich bin ich als Profi-Fußballer bereit, mich mit Optionen auseinanderzusetzen. Ich finde es falsch, auf die Raute zu klopfen und den Fans zu versprechen, dass ich Werder niemals verlassen werde – das kann ich nicht garantieren, das wären nur Phrasen. Trotzdem weiß ich sehr wohl, was ich an Werder habe, sonst hätte ich 2015 meinen Vertrag nicht bis 2018 verlängert.

nordbuzz: Dabei ging es aber auch um eine ganze Menge Geld. Du gehörst zu den Top-Verdienern bei Werder.

Junuzovic: Das gehört zum Geschäft. Ich hätte damals bei anderen Vereinen mehr verdienen können, es geht nicht immer nur ums Geld.

nordbuzz: Und wie sah es im letzten Sommer aus? Sind die passenden Angebote ausgeblieben?

Junuzovic: Es gab Angebote, aber nichts, was für mich und meine Familie gepasst hätte. Man muss dann abwägen, was man an Werder hat – das ist eine ganze Menge.

nordbuzz: Einige Werder-Fans haben Dir Deinen Wechsel-Flirt trotzdem übel genommen...

Junuzovic: Jeder nimmt es anders wahr. Der eine sagt: Toll, dass Zladdy so ehrlich ist. Der andere sagt: Dann soll er abhauen. Ich verstehe beide Seiten. Aber noch mal: Ich hatte nie den Gedanken, Werder unbedingt verlassen zu wollen.

nordbuzz: Kurz vor Deiner Vertragsverlängerung im Februar 2015 warst Du in Top-Form. Das Sahnehäubchen waren die torgefährlichen Standards. Warum hat das zuletzt nicht mehr funktioniert?

Junuzovic: An den Eckbällen und seitlichen Freistößen müssen wir als Team gemeinsam arbeiten. Bei den direkten Freistößen fehlte es zuletzt auch an Gelegenheiten. Gefühlt hatte ich in den vergangenen 1,5 Jahren nur drei, vier ruhende Bälle rund um den Sechzehner. In dieser Saison hatte ich eigentlich nur gegen Wolfsburg und gegen Ingolstadt gute Positionen. Gegen Ingolstadt habe ich Max (Kruse, Anm. d. Red.) schießen lassen. Für mich ist es nicht wichtig, alle Standards zu treten. Irgendwann platzt aber der Knoten und dann fällt auch mal wieder einer rein.

„Als Hunt und de Bruyne vor mir waren, hatte ich selten Argumente, nach vorne zu gehen“

nordbuzz: Glaubst Du, dass ein Spieler zumindest unbewusst besser performt, wenn es um einen neuen Vertrag geht?

Rustikaler Einsatz: Zlatko Junuzovic räumt Wolfsburgs Jakub Blaszczykowski ab.

Junuzovic: Ich weiß, worauf Du hinauswillst, aber was ist dann mit der letzten Saison? Ich hatte vier Tore und 13 Assists – das liest sich nicht so schlecht. Sicher gab es auch Phasen, in denen ich einen Durchhänger hatte, das kommt vor. Im Grunde ist es sogar noch schwieriger abzuliefern, wenn dein Vertrag ausläuft. Dann fehlt dir die Sicherheit, du denkst über Verletzungen nach und nimmst dir schlechte Spiele noch mehr zu Herzen. Ein auslaufender Vertrag kann für die Leistung auch hinderlich sein.

nordbuzz: Wie bewertest Du Deine Form in dieser Saison?

Junuzovic: Durchwachsen. Es gab bessere und schlechtere Spiele. Jetzt spiele ich einen zweiten Sechser, bin zwar ein bisschen defensiver unterwegs, fühle mich aber ganz gut.

nordbuzz: Deswegen hast Du offensiv weniger Freiheiten.

Junuzovic: Das ist für mich kein Problem. Ich sehe mich sogar eher etwas defensiver. Unter Thomas Schaaf habe ich oft alleine auf der Sechs gespielt. Vor mir waren Hunt und de Bruyne, da hatte ich selten Argumente, mit nach vorne zu gehen (lacht).

nordbuzz: Zur Rückrunde kommt mit Thomas Delaney ein weiterer Sechser. Noch mehr Konkurrenz in einem ohnehin überbesetzten Mittelfeld.

Junuzovic: Wer die Champions-League-Spiele von Delaney gesehen hat, weiß, dass er ein guter Spieler ist. Er wird uns als Mannschaft sicher weiterhelfen, eben auch weil er den Konkurrenzkampf antreibt.

nordbuzz: Aber als Spieler auf der gleichen Position kann man sich doch nicht darüber freuen, dass da einer kommt, der einem womöglich den Platz in der Startelf streitig macht.

Junuzovic: Du hast Druck, klar. Du musst zusehen, dass du Gas gibst. Das motiviert dich, das macht dich besser. Das merken wir doch jetzt schon im Training: Die Positionen sind teilweise vierfach besetzt, da will sich jeder zeigen.

nordbuzz: Gutes Thema. Werders Kader ist zu groß, das soll sich in der kommenden Transferperiode ändern. Auf der Jahreshauptversammlung hat Baumann gesagt: „Einige Spieler mit gut dotierten Vorträgen fühlen sich trotz fehlender sportlicher Perspektive in Bremen sehr wohl.“ Hast Du Dich angesprochen gefühlt?

Junuzovic: Nein, ich spiele ja. Ich sehe für mich eine sportliche Perspektive, also sehe ich keinen Grund, warum ich mich angesprochen fühlen sollte.

nordbuzz: Und wie sieht's mit Werders sportlicher Perspektive aus? Ist sie unter Trainer Alexander Nouri besser als unter Viktor Skripnik?

Junuzovic: Es ist nicht meine Aufgabe, das zu beurteilen. Ein Trainerwechsel ist zunächst einmal eine Veränderung, ein neuer Impuls: Mit neuen Gesichtern, neuen Ansprachen und neuen taktischen Vorgaben. Als Mannschaft mussten wir die Abstimmung zwischen Angriff und Defensive besser hinbekommen. Ich glaube, da waren zuletzt Fortschritte zu erkennen. Wir wollen in der Rückrunde noch stabiler sein.

„Dann gibt’s an Neujahr halt mal nur Salat und nicht das große Schnitzel“

nordbuzz: Welche Vorsätze hast Du persönlich für das neue Jahr?

Junuzovic: Gesund und fit bleiben und meinen Platz in der Werder-Mannschaft erkämpfen. Ich will so viel wie möglich spielen und der Mannschaft helfen, das ist doch klar. Das wird ein harter Konkurrenzkampf, der uns hoffentlich zu mehr Punkten verhelfen wird.

nordbuzz: Zuletzt wurde öffentlich über Werders Fitness diskutiert. Hat die Mannschaft da Nachholbedarf?

Junuzovic: Das steht mir nicht zu das zu beurteilen. Wenn der Trainer der Meinung ist, dass wir in dem Bereich etwas machen müssen, werden wir das tun. Darüber hinaus sollte jeder Spieler eigenverantwortlich auf seine Fitness achten. Dann gibt’s an Neujahr halt mal nur Salat und nicht das große Schnitzel (lacht).

nordbuzz: Wo gibt's eigentlich das beste Wiener Schnitzel in Bremen?

Junuzovic: Bei „The Grill“.

nordbuzz: Wiener Schnitzel, Kaiserschmarrn, Kaffeehäuser, Schmäh und Co. Wieviel Klischee steckt in Zlatko Junuzovic?

Junuzovic: Ich versuche schon, sehr oft Dialekt zu sprechen – auch in der Kabine – und wir haben ja ein paar Österreicher bei Werder. Von daher rennt der Schmäh (lacht). Kaiserschmarrn mag eh jeder. Wenn wir mit der Mannschaft im Trainingslager im Zillertal sind, freuen sich alle auf den original Kaiserschmarrn. Hier in Bremen ist es damit schon schwieriger, da hat die Stadt noch Nachholbedarf. Ohnehin mag ich es, ein bis zwei Stunden bei Kaffee und Kuchen zu sitzen – also an mir ist schon vieles typisch österreichisch.

nordbuzz: Am 30. Januar 2017 bist du aber auch schon fünf Jahre Wahl-Bremer...

Junuzovic: Das ist bald echt schon fünf Jahre her – Wahnsinn! Ich bin aus Wien nach Bremen gewechselt, da gibt es schon Unterschiede. Bremen ist deutlich kleiner, daran musste ich mich gewöhnen, aber das hat ja auch Vorteile – die kurzen Wege zum Beispiel. Insgesamt hat Bremen sehr schöne Ecken. Der Bürgerpark ist großartig. Jetzt als Vater weiß ich es noch viel mehr zu schätzen, einen solchen Park mitten in der Stadt zu haben. Theo (Theodor Gebre Selassie, Anm. d. Red.) und ich gehen mit unseren Kindern gerne in den Park, um zu spazieren und zu quatschen.

„Ein Kind ist eine Wahnsinns-Aufgabe“

nordbuzz: Was zeichnet die Bremer aus?

Junuzovic: Bremen ist Werder, jeder hier steht hinter diesem Verein, egal was passiert. Wenn es gut läuft, bekommst du eh von allen Seiten Schulterklopfer, aber auch in schlechten Phasen stehen die Bremer zum SVW. Als es ganz schlecht lief, habe ich mich fast gar nicht mehr heraus getraut, man hat dann beinahe ein schlechtes Gewissen gegenüber den Fans. In Bremen ist es aber nicht nötig, sich zu verstecken. Die Fans sprechen einem Mut zu, sind motivierend und immer positiv, das schätze ich sehr. Diese Verbundenheit zum Verein, diese Identifikation, das ist für mich Bremen, das ist Werder.

nordbuzz: Anderes Thema: Was war das dümmste, was Du 2016 gemacht hast?

Junuzovic: Sicherlich die Geschichte mit der gelben Karte. Die Woche war der Horror, aber lass' uns bitte nicht mehr darüber sprechen. Das war ein Verhau, ich habe daraus viel gelernt, belassen wir es dabei.

nordbuzz: Und das Beste in 2016?

Junuzovic: Definitiv die Geburt meines Sohnes. Das gibt einem so viel – ein unbeschreibliches Gefühl. Wir drei sind extrem glücklich!

nordbuzz: Dein Sohn heißt Clemens und damit genauso wie Werders Mannschaftskapitän. Ist das nicht irgendwie merkwürdig?

Junuzovic: Wir sind viele Namen durchgegangen, bis nur noch zwei Favoriten übrig waren. Schließlich haben wir uns für Clemens entschieden. Das ist ein schöner Name, der passt gut.

nordbuzz: Aber man will privat doch nicht ständig an seinen Arbeitskollegen erinnert werden…

Junuzovic: Anfangs war das schon etwas komisch, aber ich kann Privates und Berufliches sehr gut trennen (lacht).

nordbuzz: Wickeln, nachts aufstehen? Machst Du alles selbst?

Junuzovic: Ein Kind ist eine Wahnsinns-Aufgabe, das ist unglaublich anstrengend. Ich bin viel mit Werder unterwegs und kann nicht so helfen, wie ich gerne würde. Ich tue zwar, was ich kann, aber meine Frau managt das hauptsächlich alleine. Das ist schon überragend, was sie leistet.

„Ich helfe, wo ich kann – nur bügeln kann ich nicht“

nordbuzz: Taugst Du nicht zum Hausmann?

Junuzovic: Doch, ich denke schon. Das fällt mir nicht schwer. Ich helfe, wo ich kann. Staubsaugen, Wäsche waschen – alles kein Problem. Nur bügeln kann ich nicht.

nordbuzz: Was machst Du, wenn Du dich nicht mit Fußball oder Deinem Sohn beschäftigst? Wie schaltest Du ab?

Junuzovic: So viel Zeit bleibt ja nicht. Früher habe ich hin und wieder die Playstation angeschmissen, aber das ist weniger geworden. Ansonsten schauen meine Frau und ich gerne Serien.

nordbuzz: Was läuft aktuell im Hause Junuzovic?

Junuzovic: Die neue Staffel von The Walking Dead, Game of Thrones und bald kommen die neuen Prison-Break-Folgen.

nordbuzz: Besten Dank für das Gespräch, Junu. Guten Rutsch und viel Erfolg in 2017. Wo feierst Du eigentlich Silvester?

Junuzovic: Danke. In Österreich in Graz, im Kreise der Familie. Wird aber eine kurze Feier, denn am 1. Januar muss ich schon wieder in Bremen sein. Am 2. ist Trainingsstart.

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