1:0-Sieg gegen den SC Freiburg

Taktik-Analyse: Werder verteidigt zunächst aggressiv – und mauert sich am Ende zum Sieg!

Die Taktik ging auf: Werder Bremen gewinnt auswärts gegen den SC Freiburg.
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Die Taktik ging auf: Werder Bremen gewinnt auswärts gegen den SC Freiburg.

Was lange währt, wird endlich gut: Zum ersten Mal seit vier Monaten gewann Werder Bremen wieder ein Bundesliga-Spiel. Gegen den SC Freiburg verteidigte Werder zunächst äußerst aggressiv. Als die Kräfte in der zweiten Halbzeit schwanden, mauerte sich Werder zum knappen 1:0-Sieg. Unser Taktik-Kolumnist Tobias Escher analysiert die Partie.

Dass der SV Werder Bremen in dieser Saison dem Abstieg entgegentaumelt, liegt zu einem nicht geringen Teil an der schwachen Defensive. Kein Bundesliga-Team kassierte mehr Gegentreffer in dieser Spielzeit. Das Spiel gegen den SC Freiburg war der bestmögliche Zeitpunkt, den Trend umzukehren. Werders Defensive zeigte einen der stärksten Auftritte in dieser Saison: leidenschaftlich, laufstark und nicht zuletzt taktisch diszipliniert.

Werder Bremen gegen SC Freiburg: 4-4-2 gegen 4-4-2

Florian Kohfeldt veränderte seine Mannschaft im Vergleich zur Vorwoche auf zwei Positionen: Der zuletzt gesperrte Davy Klaassen kehrte in die Startformation zurück. Im Sturm durfte Joshua Sargent auflaufen für den zuletzt enttäuschenden Davie Selke.

Beide Wechsel entpuppten sich als Glücksgriff. Mit der neuen Startformation gewann Bremen an Aggressivität im Spiel gegen den Ball. Sargent lief in vorderster Front immer wieder die gegnerischen Verteidiger an. Klaassen schob ebenfalls weit nach vorne, der Niederländer agierte im Pressing praktisch als zweiter Stürmer neben Sargent. In dieser neu formierten 4-4-2-Formation konnte Bremen hohen Druck ausüben auf Freiburgs Spielaufbau.

Werders Stürmer zwangen im Pressing die gegnerischen Innenverteidiger, den Pass auf die Außen zu spielen. Die Außenstürmer Milot Rashica und Leonardo Bittencourt hielten hier den Druck weiter hoch. Sie liefen ihre Gegenspieler aus dem Halbraum heraus an. So zwangen sie Freiburgs Außenverteidiger, den Ball den Flügel entlang weiterzuspielen. Bremen rückte sofort hinterher. Ihnen gelang es fast durchgehend, Freiburg auf die Flügel zu lenken und dort eine Überzahl herzustellen (siehe Grafik).

Werders Bemühungen, die Freiburger auf die Flügel zu locken. Sargent und Bittencourt lenkten den Spielaufbau auf die Seiten, dort suchte Bremen den Zugriff.

Werder Bremen: Davy Klaassen im Mittelfeld der Unterschiedsspieler

Gerade in der ersten Halbzeit fiel Freiburg häufig auf diese Pressingfallen rein. Sie spekulierten darauf, sich am Flügel durchkombinieren zu können. Ihre Außenstürmer im nominellen 4-4-2-System rückten weit ein, um sich im Halbraum anzubieten. Praktisch bekamen sie den Ball aber nur in Situationen, in denen mehrere Bremer Verteidiger an ihren Hacken hingen. Bremens Einsatz war mustergültig.

Offensiv gelang es Werder Bremen ebenfalls, Nadelstiche zu setzen. Auch hier war Klaassen einer der auffälligsten Spieler: Immer wieder setzte er sich aus dem zentralen Mittelfeld ab. Oft besetzte er freie Räume zwischen den gegnerischen Linien, in manchen Szenen wich er auch auf den Flügel aus; so etwa vor dem Treffer zum 1:0, den er mit einer Verlagerung einleitete (19.). Er fand vor allem dann Lücken zwischen den gegnerischen Linien, wenn Sechser Kevin Vogt sich im Spielaufbau in die Abwehrreihe fallenließ. Freiburgs Mittelfeld verfolgte Vogt – und offenbarte Räume für Klaassen.

Nur selten glückten Werders Konterversuche so mustergültig wie beim Siegtreffer. Zum einen lag dies an der hohen Ballkontrolle der Gastgeber: Freiburg spielte zwar direkt in Bremens Pressingfallen, verlor jedoch nur selten die Kugel. Häufig konnten sie Angriffe abbrechen und neu aufbauen. Gewann Werder doch einmal den Ball, haperte es häufig an Kleinigkeiten. Allein Klaassen vertändelte dreimal die Möglichkeit, einen Mitspieler hinter die Abwehr zu schicken.

Das offenbart ein Problem, das Werder bereits seit einiger Zeit plagt und das Kohfeldt auch in dieser Partie nicht zu lösen vermochte: Werder Bremen mangelt es an Tiefe im Spiel. Bittencourt und auch Sargent boten sich immer wieder zwischen den Linien an, starteten aber selten hinter die Abwehr. Rashica versuchte es einige Male. Der Kosovare befindet sich aber weit von seiner Bestform, sowohl von seiner Endgeschwindigkeit her als auch von seinem Timing.

Einbahnstraßen-Fußball nach der Pause

Während Werder Bremen vor der Pause wenigstens vereinzelt in die gegnerische Hälfte vorstieß, spielte sich die Partie nach dem Wiederanpfiff ausschließlich in der Bremer Hälfte ab. Nachdem der Ballbesitz in der ersten Halbzeit ausgeglichen war, lagen Freiburgs Spielanteile nach der Pause bei 75%, in der Schlussviertelstunde gar bei fast 90%.

Das lag einerseits am verbesserten Aufbauspiel der Freiburger. Janik Haberer ließ sich weiter zurückfallen. Er fand häufiger den freien Raum hinter Bremens erster Pressinglinie, bestehend aus Sargent und Klaassen. Andererseits agierten aber auch die Bremer passiver: Im Verlaufe des Spiels schwanden ihre Kräfte, sodass sich das Mittelfeld weiter zurückzog. Freiburgs Verteidiger fanden nun mehr Raum vor sich.

Die Freiburger nutzten diesen Raum, um ihre Flügelangriffe besser vorzubereiten. Ihre Außenverteidiger hielt nichts mehr hinten, sodass sie praktisch zu Außenstürmern wurden. Doch Bremen zeigte sich gut vorbereitet auf die Freiburger Flügellastigkeit. Sie verhinderten Flanken besser als beim 1:4 gegen Leverkusen, und wenn der Ball doch in den Strafraum kam, klebten die Innenverteidiger in einer Manndeckung an ihren Gegenspielern.

Nicht einmal eine Rote Karte stoppt Werder Bremen

Um die Defensive zu stabilisieren, beorderte Kohfeldt in der Schlussviertelstunde den eingewechselten Philipp Bargfrede (35., für Kevin Vogt) in die Abwehr. Bremen verteidigte in einem 5-3-2. Die Fünferkette hielten sie auch nach Bargfredes Platzverweis (88.). Maximilian Eggestein übernahm seine Position. Im 5-3-1 mauerten die müden Bremer die Führung über die Zeit.

Kein Gegentreffer in neunzig Minuten: Das gelang Werder Bremen erst zum zweiten Mal in dieser Saison. Auch wenn die Bremer am Ende etwas zittern mussten, gebührt ihnen ein Lob für eine einsatzfreudige Defensivleistung.

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