Bewusster Verzicht auf Mentalcoach Marlovits vor dem Wolfsburg-Spiel

Werder Bremens Psycho-Spielchen in Krisenzeiten

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Ungewöhnliche Maßnahme: Der SV Werder Bremen verzichtet zum Auswärtsspiel beim VfL Wolfsburg auf die Anwesenheit von Team-Psychologe Andreas Marlovits (in schwarz).

Bremen – Werder Bremen gewinnt einfach nicht mehr, wartet seit mittlerweile acht Spielen auf einen Sieg, ist dem Relegationsplatz gefährlich nahe gekommen. Längst ist die Ergebniskrise auch eine Kopfsache. Trainer ergreifen in solchen Momenten gerne mal ungewöhnliche Maßnahmen.

Ein Beispiel aus der Vergangenheit: Thomas Schaaf schickte die Profis des SV Werder Bremen 2013 erst mit dem Rad in ein griechisches Restaurant und später noch auf die Hindernisbahn einer Kaserne. Und was macht Florian Kohfeldt? Auch er wählt einen von außen betrachtet durchaus speziellen Weg, verzichtet zum Beispiel ausgerechnet jetzt auf den Team-Psychologen Andreas Marlovits.

„Wir haben immer gesagt, dass Andreas nicht explizit für Krisensituationen da ist, sondern ein regelmäßiger Begleiter sein soll, um dieses Thema ein Stück weit zu normalisieren“, erklärt Kohfeldt auf Nachfrage der DeichStube. Marlovits war auch in der Vergangenheit nicht immer bei der Mannschaft, pendelte zwischen Bremen und Berlin. Dort hat er eine Professur für Sportpsychologie an der BSP Business School. Nur Zufall ist Marlovits‘ aktuelle Abwesenheit aber nicht. „Vor dieser Woche haben wir gemeinsam entschieden, dass Andreas einfach mal nicht bei uns ist, um etwas zu verändern. So etwas ist bei uns immer ein Thema“, sagt Kohfeldt.

Werder Bremen: In der Krise neue Reize setzen und das Teamgefüge stärken

Schon in der vergangenen Woche hatte der Coach erklärt, dass er ständig bemüht ist, neue Reize im Training zu setzen, um keine Monotonie entstehen zu lassen. Es gibt zum Beispiel immer wieder neue Übungsformen. Zudem werde viel geredet, mal in der Gruppe, mal mit einzelnen Spielern, mal sollen auch die Profis unter sich Themen behandeln. Kapitän Niklas Moisander verriet Anfang der Woche, dass sich die Mannschaft des SV Werder bereits zum Teamabend getroffen habe, um über die Situation, aber auch andere Dinge zu sprechen. „Das machen wir aber auch, wenn es gut läuft“, betonte der Finne. Ob so etwas auch in dieser Woche geplant sei, blieb offen.

Da lassen sich die Vereine eigentlich ungerne in die Karten gucken, um ungestört zu sein und die Sache in der Öffentlichkeit nicht zu groß werden zu lassen. So war es auch im April 2013 bei Thomas Schaaf. Radtouren waren unter seiner Leitung damals nicht unüblich, aber eine morgendliche Fahrt der gesamten Mannschaft zum Lieblingsrestaurant des Trainers im 17 Kilometer entfernten Leeste in der Gemeinde Weyhe ganz gewiss nicht. Beim Griechen gab es dann allerdings keinen Gyros-Teller, sondern ein gemeinsames Frühstück. „Wir wollen als Mannschaft noch enger zusammenrücken“, lautete damals Schaafs Erklärung. Sein Team hatte zuvor sieben Spiele in Folge nicht gewonnen und gerade eine empfindliche 0:2-Heimpleite gegen Schalke kassiert. Der Klassenerhalt war ernsthaft in Gefahr.

Andreas Marlovits ist beim SV Werder fest integriert, nimmt im Training und Spiel die Beobachterrolle ein und gibt seine Eindrücke dann an Trainer und Spieler weiter.

Werder Bremen: Thomas Schaafs‘ Faible für besondere Maßnahmen im Abstiegskampf

Nach dem Besuch im „Korinth“ gab es zwar immer noch keinen Sieg, aber immerhin ein 2:2 in Düsseldorf. Weil aber gleich die nächste Pleite folgte, ein 0:3 im Weserstadion gegen Wolfsburg, setzte der Trainer eine weitere teambildende Maßnahme an: den Besuch einer Kaserne in Delmenhorst. Und dort ging es über die bei Soldaten wenig beliebte „Rödelbahn“, den Hindernisparcours. „Wir haben in ein paar Übungen aufzeigen können, wie gut es vielleicht ist, als Team zu fungieren. Und was es ausmacht, als Team aufzutreten und wo da die Stärke, wo der Nutzen sein könnte“, erklärte Schaaf anschließend.

Der sportliche Erfolg blieb trotzdem aus: Werder verlor 0:1 in Leverkusen und war damit auch im zehnten Spiel in Folge sieglos geblieben. Daran sollte sich in den drei Spielen bis Saisonende nichts mehr ändern. Der Klassenerhalt wurde trotzdem geschafft, aber Schaaf entlassen.

Werder Bremen-Profi Maxi Eggestein: „Wir brauchen jetzt keinen Mentalcoach“

Vergleichbar sind die Situationen nicht wirklich. Damals nahte das Saisonende, da gab es nicht mehr viel zu reparieren, es drohte der Abstieg. Nun ist für Werder Bremen noch ausreichend Zeit, die Kurve zu bekommen, es steht erst der 13. Spieltag an. Trotzdem wünschen sich alle Grün-Weißen, dass schon am Sonntag beim Werder-Gastspiel in Wolfsburg endlich der Knoten platzt und der erste Bundesliga-Sieg seit dem 14. September gelingt. Einfach wird das nicht - vor allem nicht mental. Denn so eine Sieglosserie und der Absturz in den Tabellenkeller beschäftigen die Profis. Welchen Einfluss dabei ein Teampsychologe wie Marlovits nehmen kann, ist schwer zu sagen. In jedem Fall ist es ein interessanter Ansatz, dass er nun nicht vor Ort ist und auch nicht beim Spiel sein wird.

Seit Mai 2016 arbeitet Marlovits für Werder. Thomas Eichin hat ihn im Abstiegskampf kurz vor Saisonende geholt – zur Unterstützung des Trainerteams um Viktor Skripnik. Der Klassenerhalt wurde geschafft. Skripnik-Nachfolger Alexander Nouri verzichtete später weitgehend auf die Dienste des Professors. Kohfeldt holte nach seiner Berufung zum Chefcoach vor zwei Jahren den Psychologen zurück. Marlovits ist bei Werder fest integriert, nimmt im Training und Spiel die Beobachterrolle ein und gibt seine Eindrücke dann an Trainer und Spieler weiter. Es gibt auch schon mal spezielle Teamsitzungen mit ihm oder auch Einzelgespräche. Aber alles zu seiner Zeit. In dieser Woche dann eben mal nicht. Und eine Aussage von Maximilian Eggestein deutet darauf hin, dass ein anderer Weg durchaus sinnvoll sein und die Eigenverantwortung stärken kann: „Wir brauchen jetzt keinen Mentalcoach, der uns noch mal die Probleme vor Augen führt. Wir sind uns alle der Probleme bewusst und sind sie auch schon im Training angegangen.“ (kni)

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