Däne von 1972 bis 1979 beim SV Werder Bremen

Der Beckenbauer des Nordens: Per Röntved ist bis heute Werders Rekord-Eigentorschütze - und noch so viel mehr

Der Däne Per Röntved spielte von 1972 bis 1979 für Werder Bremen und wurde in dieser Zeit zum ersten ausländischen Kapitän der Vereinsgeschichte.
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Der Däne Per Röntved spielte von 1972 bis 1979 für Werder Bremen und wurde in dieser Zeit zum ersten ausländischen Kapitän der Vereinsgeschichte.

Bremen – Eine der vielleicht schönsten Eigenschaften des Fußballs ist, dass er niemals vergisst. Glanzvolle Siege, empfindliche Niederlagen, Einsätze, Tore, Gegentore und überhaupt alles, was sich irgendwie statistisch erfassen lässt, überdauert die Zeit, konserviert in Zahlen und Namen. Nur deshalb ist es im Jahr 2021 beispielsweise ein großes Thema, ob Bayerns Stürmer Robert Lewandowski den inzwischen fast 49 Jahre alten Torrekord von Gerd Müller bricht. Und nur deshalb konnte ein handelsübliches Eigentor des Bremer Angreifers Josh Sargent nach dem letzten Spieltag dafür sorgen, dass plötzlich ein Name aus der Vergangenheit wieder auftauchte, der in Zusammenhang mit Werder Bremen seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gefallen war: Per Röntved.

Zwischen 1972 und 1979 hatte der Däne für Werder Bremen gespielt und dabei gleich fünf Mal ins eigene Netz getroffen, womit er bis heute einen wenig ruhmreichen Vereinsrekord hält und im Bundesliga-Vergleich hinter Manfred Kaltz und Nikolce Noveski (je sechs Eigentore) Platz drei belegt. Grund genug für einen Anruf also. Wie war das damals, Herr Röntved? Können Sie die Szenen noch schildern? Und wie lebt es sich mit diesem doch eher wenig schmeichelhaften Bestwert? Um es gleich vorwegzunehmen: All diese Fragen sollten im Gespräch mit Per Röntved am Ende nur eine unbedeutende Rolle spielen – ganz einfach, weil dieser Mann für so viel mehr steht und stand als schnöde Eigentore.

Einst galt er als Bremer Beckenbauer, als vielleicht größter Werder-Star der 70er Jahre. Später schrieb er ein Enthüllungsbuch, das ihm und dem Verein sehr viel Ärger einbrachte. Dann ein Schicksalsschlag, der sein altes Leben als Sportler und Modellathlet von einem auf den anderen Moment enden ließ. Und vor einigen Jahren dann noch diese unglaubliche Geschichte auf dem Golfplatz, die irgendwie sinnbildlich für all das steht. „Womit wollen wir anfangen?“, fragt Röntved, 72 Jahre alt, während er in seinem Haus in Asnaes sitzt, einem 3000-Einwohner-Örtchen auf der dänischen Insel Seeland. Und nur Sekunden später ist die Zeitmaschine auch schon angeworfen.

Per Röntved kam 1972 zu Werder Bremen

Sommer 1972: Der SV Werder Bremen landet einen echten Coup und holt kurz nach den Olympischen Spielen von München den Kapitän und Libero der dänischen Nationalmannschaft an die Weser, wo der Wind für Röntved zunächst ziemlich rau weht. „Trainer Sepp Piontek hat mir im ersten Trainingslager direkt gesagt: Ihr Dänen könnt nicht Fußball spielen“, erinnert er sich an eine erstaunlich harte Einschätzung, die Piontek später aber nicht davon abhalten sollte, Nationaltrainer Dänemarks zu werden. Röntved jedenfalls nimmt sich damals vor: „Na gut, dann beweise ich dir jetzt eben das Gegenteil.“ Sich durchsetzen, gegen alle Widerstände, das ist dem Mann mit der blonden Mähne schon immer wichtig gewesen, nur kann er Anfang der 70er Jahre noch nicht ahnen, wie sehr es zum Motiv seines Lebens werden sollte.

Am 28. August 1976 bringt Per Röntved den 1. FC Saarbrücken per Eigentor in Führung. Dieter Burdenski war damals der Keeper von Werder Bremen.

Röntved nimmt die Herausforderung Werder Bremen an, lernt Deutsch, zieht mit seiner Familie in ein Haus am Osterdeich – und ist schon wenig später sportlich nicht mehr wegzudenken. Bis zu seinem Abgang im Sommer 1979 steht der Linksfuß in 220 Pflichtspielen für Werder auf dem Platz, erzielt dabei für einen Abwehrspieler mehr als beachtliche 43 Tore und wird zum ersten ausländischen Kapitän der Vereinsgeschichte. Von Trainerlegende Otto Rehhagel ist folgendes Zitat überliefert: „Außer Beckenbauer kenne ich niemanden, der einen so effizienten und eleganten Libero spielen kann wie Röntved. Dieser Per ist Weltklasse.“ Das Lob stammt aus dem Sommer 1976, als Werders scheidender Coach den Dänen am liebsten mit zu Borussia Dortmund genommen hätte – und als der große Ärger um Röntved noch drei Jahre entfernt war.

Per Röntved beschreibt in seinem Buch, dass Doping bei Werder Bremen zum Tagesgeschäft gehöre

„Ich hatte eine sehr schöne Zeit in Bremen“, betont der Ex-Profi, „sieben wirklich sehr schöne Jahre“ – zu denen im Rückblick aber auch der Paukenschlag gehört, für den er 1979 mit seinem Buch „Fodbold på vrangen“ (zu Deutsch: „Die Kehrseite des Fußballs“) sorgt. Kurz vor seinem Wechsel zum Randers Freja FC erscheint das Buch in Dänemark. Röntved beschreibt darin unter anderem, dass Doping bei Werder Bremen zum Tagesgeschäft gehöre. „Ich war schon immer ein Typ, der seine Meinung gesagt hat“, betont er heute. „Ob das immer das Beste war, weiß ich nicht.“ Arnd Zeigler zitiert Röntved in seiner Werder-Chronik „Lebenslang Grün-Weiß“ mit dem Satz: „Dann habe ich geschildert, was man damals vor einem Spiel so geschluckt hat. Keine Drogen, aber davon abgesehen alles Mögliche an Medikamenten.“ Mehrere Profis anderer Vereine äußern sich damals ähnlich über derartige Praktiken im Profifußball. Dieter Zembski, der sich mit Röntved früher jahrelang das Hotelzimmer geteilt hat, sagt heute: „Gelogen hat Per nicht. Das, was er geschrieben hat, ist wahr.“ Mit Werder Bremen gab es Jahre später eine Aussprache. „Heute ist keiner mehr sauer auf mich“, sagt Röntved, dessen Abschied für die Bremer sportlich ohnehin viel bitterer war.

Werder Bremen: Ex-Profi Per Röntved erleidet Hirnblutung

1978 hatte bereits Horst-Dieter Höttges den Verein verlassen. „Als Per dann ein Jahr später auch noch ging, war die komplette Abwehr weg und wir sind 1980 abgestiegen“, erinnert sich Klaus-Dieter Fischer, der damals Vizepräsident war, den Kontakt zu Röntved noch jahrelang aufrecht erhielt – und wie so viele andere auch einen großen Schreck bekam, als der Däne 1984 auf dramatische Weise plötzlich wieder in den deutschen Zeitungen auftauchte.

Während eines Besuchs seines jüngeren Bruders Kim, der als Profi in den USA aktiv ist, messen sich die beiden Männer aus Jux im Seilspringen – mit fatalen Folgen. Per Röntved erleidet dabei eine Hirnblutung, muss im Krankenhaus von Kopenhagen notoperiert werden. Seitdem ist seine linke Körperhälfte gelähmt. „Am Anfang war das sehr schwer für mich. Ich musste wieder neu laufen lernen“, blickt er zurück. Früher, da hatte er mit seinem linken Fuß regelmäßig aus großer Distanz für Werder Bremen getroffen, hatte Gegenspieler elegant aussteigen lassen und war darüber hinaus Linkshänder gewesen. Und jetzt? „Ich bin einfach froh, dass ich überlebt habe“, sagt er. Drei Monate lang ist Röntved auf den Rollstuhl angewiesen. In den folgenden Jahren trainiert er hart dafür, wieder laufen zu können – mit Erfolg.

Per Röntved will noch einmal ein Spiel von Werder Bremen im Weserstadion sehen

2005 dann tatsächlich noch einmal sportliche Schlagzeilen, als Golfer inzwischen. Bei einem Turnier auf der Anlage des Dragsholm-Golfclubs baut sich Per Röntved an Loch sieben auf – rund 110 Meter Fairway liegen vor ihm – und schlägt einhändig mit dem ehemals schwachen rechten Arm ein Hole-in-one. „Seitdem ist dieses Loch nach mir benannt“, schmunzelt der Däne, der damals für den Abschlag seines Lebens einen zwölf Jahre alten Whiskey als Sonderprämie bekommt. Sich durchsetzen, gegen alle Widerstände – Per Röntved hat gezeigt, dass es geht.

Während der zweifache Vater und vierfache Großvater gemeinsam mit seiner Ehefrau Janne aktuell auf den Termin für die Corona-Impfung wartet, geht sein Blick schon deutlich weiter in die Zukunft: „Ich würde eines Tages gerne noch einmal ein Spiel im Weserstadion besuchen“, sagt Röntved, der Werders Auftritte bis dato weiterhin auf Seeland vor dem Fernseher verfolgen wird. „Klar, ich fiebere noch mit“, betont er. Die Relegation im vergangenen Jahr? Ganz schlimm sei das gewesen: „Ich war so froh, dass es am Ende gut ausgegangen ist.“ Die Namen der Spieler, die habe er mittlerweile aber nicht mehr alle parat. „Manchmal frage ich mich schon, wer das jetzt wieder ist“, lacht Röntved, der zumindest einen Mann nun etwas besser kennt: Josh Sargent. Schließlich hatte der mit seinem Eigentor gegen Wolfsburg die Erinnerung an Werders großen Dänen wieder aufleben lassen. (dco)

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