Ex-Werderaner im Interview

„Werder Bremen fehlt ein Aushängeschild“ - Martin Harnik im DeichStube-Interview über Familie, Fußball und sein neues Leben

Martin Harnik, Ex-Spieler des SV Werder Bremen, hat sein Karriereende im Profi-Fußball nicht bereut. Jetzt kickt er für den TuS Dassendorf.
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Martin Harnik, Ex-Spieler des SV Werder Bremen, hat sein Karriereende im Profi-Fußball nicht bereut. Jetzt kickt er für den TuS Dassendorf.

Bremen – Er ist erst 33 Jahre alt und noch topfit: Trotzdem hat sich Martin Harnik im vergangenen Herbst vom Profi-Fußball verabschiedet und seinen Vertrag mit dem SV Werder Bremen aufgelöst.

Langweilig ist ihm nicht. Der Stürmer kümmert sich intensiv um seine Familie und kämpft mit seinen beiden Unternehmen in der Coronakrise ums wirtschaftliche Überleben. Die neue Karriere als Hobby-Fußballer beim Oberligisten TuS Dassendorf wurde allerdings sofort wieder unterbrochen. Im Interview mit der DeichStube erzählt der Österreicher, der in Hamburg aufgewachsen ist und dort nun auch lebt, wie sein neuer Alltag aussieht und was er bei Werder Bremen vermisst.

Martin Harnik, wann haben Sie zum letzten Mal aufs Tor geschossen?

(lacht) Die Frage passt gut, denn das ist gar nicht lange her – am Dienstag. Wir sind in Schleswig-Holstein tatsächlich wieder im Mannschaftstraining, allerdings noch kontaktlos.

Und wie war’s?

Super! Fast sechs Monate ohne Fußball – das habe ich nicht mal bei meiner schwersten Verletzung erlebt. Es war eine heftige Zeit. Da habe ich wirklich gemerkt, wie sehr mir der Fußball fehlt.

Haben Sie das Tor noch getroffen?

Überraschend gut, aber das ist ja meistens so nach einer langen Pause. Da ist man so voller Euphorie, da klappt gefühlt alles. Aber sobald man denkt, man ist wieder in der Spur, läuft es nicht mehr so gut. (lacht)

Fühlt sich Ihre Entscheidung vom vergangenen Oktober, die Profi-Karriere zu beenden, immer noch richtig an?

Ja, absolut. Das war ja auch keine Hauruck-Entscheidung, sondern ein Prozess über Wochen. Und ganz ehrlich: Aufgrund von Corona und der fehlenden Zuschauer fehlt mir der Profi-Fußball überhaupt nicht. Ich ziehe in der momentanen Situation aber den Hut vor den Jungs. Es ist nicht so einfach, sich immer wieder zu motivieren, vor leeren Rängen zu spielen und Vollgas zu geben. Denn der größte Antrieb für einen Fußballer ist es doch, das volle Stadion zu erleben und dort zu performen.

Werder Bremen-Ex-Profi Martin Harnik: Sorgen als Unternehmer in der Corona-Krise

Ist der größte Antrieb nicht das viele Geld?

(lacht) Klar, das ist natürlich auch ein Antrieb. Aber daran denkst du weniger, wenn du unter der Woche um einen Platz in der Startelf kämpfst, um am Samstag vor all diesen Menschen auf dem Platz stehen zu dürfen.

Wenn Sie sehen, wie Ihr Kumpel Max Kruse mit ebenfalls 33 Jahren immer noch die Bundesliga aufmischt, haben Sie dann vielleicht nicht doch zu früh aufgehört?

Nein. Körperlich hätte ich locker weitermachen können. So wäre es auch gewesen, wenn wir mit dem Hamburger SV aufgestiegen wären. Dann bin ich nach der Leihe zurück zu Werder und hätte mich für ein Jahr durchaus in die Rolle des Herausforderers im Sturm gefügt. Das wäre spannend gewesen. Aber Werder wollte das nicht. Das war zwar schade, aber okay. Ich wollte meine Karriere dann nicht künstlich verlängern und habe meinen Plan, die Prioritäten Richtung Familie zu verändern, einfach ein Jahr vorgezogen.

Ist die Familie immer noch begeistert, den Papa jetzt wirklich den ganzen Tag da zu haben?

Ich will da mal ganz allgemein für eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern sprechen: Es ist in diesen Coronazeiten schon anstrengend. Meine Frau ist mit ihrer Pferdezucht selbstständig, da hat sie eine große Verantwortung. Deshalb habe ich viel mit den Kindern gemacht, weil sie ja nicht in die Kita durften. Das war ein großer Spaß, aber dir gehen irgendwann auch mal die Ideen aus, weil man in dieser Zeit nicht viel machen konnte – kein Zoo, kein Schwimmbad, kein Spielplatz.

Sie waren auch als Profi-Fußballer schon Unternehmer, besitzen mehrere Geschäfte für Party-Utensilien und Kostüme mit über 50 Mitarbeitern – wie ergeht es Ihnen in der Coronakrise?

Mit unseren „Party-Helden“ gehen wir ganz schön am Stock. Einzelhandel und Party-Geschäft in Kombination ist gerade doppelt bitter. Der Umsatz ist auch online fast bei Null. Die Leute haben ja auch keinen Grund zu feiern. Aber wir kämpfen uns durch! Denn wir sind davon überzeugt, dass nach der Coronazeit ordentlich Nachholbedarf bei Partys besteht.

Können Sie die Beschlüsse zum Lockdown noch nachvollziehen?

Wenn man die steigenden Infektionszahlen liest, dann macht man sich schon Sorgen. Aber was sagt der Inzidenzwert eigentlich aus? Entscheidender ist doch, wie vielen Menschen es wirklich schlecht geht. Und ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass der Einzelhandel oder die Gastronomie ein Hotspot sein sollen. Dafür sind die Hygienekonzepte einfach zu gut. Warum wird da so hart durchgegriffen – und im Supermarkt oder Baumarkt nicht? Die übernehmen immer mehr Sortimente der geschlossenen Geschäfte. Da wird mit zweierlei Maß gemessen, und damit tue ich mich sehr schwer.

Martin Harnik hofft als TV-Experte auf Werder Bremen im DFB-Pokal-Finale

Zählt dazu auch die Bundesliga, die weiterspielen darf?

Das ist wirklich ein Drahtseilakt. Einerseits ist es ein sehr besonderes Privileg des Profi-Fußballs – und das werden viele betroffene Einzelhändler und Gastronomen verständlicherweise nicht nachvollziehen können. Andererseits wäre ein Wochenende für Millionen von Menschen ohne Bundesliga noch langweiliger. Ich bin ganz ehrlich: Ich maße mir nicht an, zu behaupten, dass ich es besser machen könnte als die Politik.

Schauen Sie sich die Geisterspiele im Fernsehen an?

Nein. Ich gucke mir die Zusammenfassungen an. Ich war allerdings nie der große Fußball-Gucker, und jetzt ist es noch uninteressanter.

Wie fanden Sie früher als Profi eigentlich TV-Experten?

Es gab solche und solche. Bei dem einen oder anderen habe ich mich aber schon gefragt, was der da gerade so erzählt. Aber es gibt auch ganz gute Experten.

Martin Harnik zum Beispiel?

Da sage ich ganz pauschal: Ja! (lacht) Das müssen natürlich andere entscheiden. Das macht mir schon Spaß, wobei ich zugeben muss: Im deutschen Fußball fühle ich mich da schon wohler. Als ich für DAZN in der Europa League im Einsatz war, fiel mir das bei einigen Gegnern der deutschen Mannschaften schon schwerer. Für den österreichischen Sender Servus TV bin ich beim DFB-Pokal dabei, das passt sehr gut, da kenne ich mich aus.

Freuen Sie sich schon auf ein Finale mit Werder?

Ich wüsste auf jeden Fall einiges zu erzählen.

Martin Harnik im Interview: Werder Bremen hat zu viele „unauffällige Typen“

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage bei Werder ein?

Werder ist so ein bisschen ein graues Mäuschen. Ich meine damit gar nicht die Spielweise oder die Ergebnisse oder die Tabelle. Mir fehlt in der Mannschaft einfach ein echtes Aushängeschild, eine Identifikationsfigur. So wie es ein Max Kruse lange war. Das sind alles tolle, liebe Jungs, die meisten kenne ich ja noch sehr gut. Aber als Fan würde ich mich schon fragen: Von wem soll ich mir ein Trikot kaufen? Mir geht es gar nicht darum, dass irgendwelche Stars verpflichtet werden müssen. Mir fehlen einfach diese besonderen Charaktere. Die Mannschaft ist mir insgesamt zu glatt.

Gilt das auch für Niclas Füllkrug?

Nein, das ist schon so ein Charakter. Aber wie viele Spiele hat „Fülle“ in dieser Saison gemacht? Zehn? Er kann diese Rolle leider nur selten einnehmen.

Was ist mit Milot Rashica?

Milot ist, wenn er eine gute Form hat, ein auffälliger Fußballer, aber dabei lieber in der zweiten Reihe. Er polarisiert nicht, macht auch nie eine Ansage. Diese Schablone passt auf sehr viele Spieler im Kader: alles tolle Fußballer, aber unauffällige Typen. Klingt vielleicht etwas zu negativ, aber so nehme ich Werder gerade wahr.

Wie lässt sich das ändern?

Auch solche Typen kann man scouten. Das Gesamtgefüge muss natürlich passen. Einer, der polarisiert, darf trotzdem nicht die Stimmung auf dem Platz oder in der Kabine vergiften. Aber es gibt schon viele Spieler, die etwas ausstrahlen. Von dieser Sorte haben andere Mannschaften mehr als Werder.

Der Vorsprung im Abstiegskampf ist von elf auf sieben Zähler geschrumpft, muss Werder noch zittern?

Nein, weil die anderen Mannschaften darunter nicht gut genug sind. Schalke ist weg. Auch Bielefeld wird es nicht schaffen. Klar, Mainz ist im Aufschwung. Aber da sind auch noch Köln und Hertha. Und Werder wird sicher noch Punkte sammeln.

Werder Bremen-Ex-Profi Martin Harnik: Als Spieler nicht mit zu viel Offenheit angreifbar machen

Wird es dann wieder ein Nordderby gegen den HSV geben?

Ja, der HSV steigt auf! Dass sie nach der kleinen Talfahrt wieder den Turnaround geschafft haben, war extrem wichtig. Nicht nur für die Tabelle, sondern vor allem für den Kopf.

Sie haben mal gesagt, dass Sie weder Trainer noch Manager werden wollen. Warum eigentlich nicht?

Der Hauptgrund ist der Zeitaufwand. Ich möchte mein eigener Herr sein, die Wochenenden und Urlaube mit meiner Familie verbringen. Es ist so eine private Aufopferung, Trainer oder Manager zu sein, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.

Wie lauten Ihre Pläne?

Ich möchte mich unternehmerisch weiterentwickeln. Neben den „Party-Helden“ habe ich ja auch noch den „Meat-Club“, einen Fleischladen in Stuttgart, den ich gemeinsam mit Daniel Ginczek betreibe. Bei beiden Sachen möchte ich mich noch mehr engagieren. Mal schauen, was dann noch so kommt.

Sie haben unlängst in einem Interview erklärt, dass der Druck für Sie als Profi früher manchmal so groß war, dass Sie vor Spielen kalten Schweiß bekommen haben. Wie waren die Reaktionen auf dieses Geständnis?

Durchweg positiv! Von aktiven Fußballern, Trainern, aber auch von Menschen, die im Management arbeiten. Viele haben geschrieben, dass es ihnen ähnlich geht, sie genau wissen, was ich meine. Ich wollte damit übrigens nicht über die Maschinerie Fußball lästern, wie es vielleicht andere Profis nach ihrer Karriere machen. Das war nur mein ganz persönliches Empfinden. Es war nicht dramatisch, aber auch nicht schön.

Kann man so etwas nur nach der Karriere offen ansprechen?

Ich würde es empfehlen. Ansonsten werden wahrscheinlich vergebene Torchancen oder schlechte Leistungen sofort damit in Verbindung gebracht. Dadurch macht man sich angreifbar. Als Fußballer lernt man einfach: Man darf und sollte nicht alles sagen.

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