Über den Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Werder-Profi Kevin Möhwald im DeichStube-Interview: „Dieses Denken darf nicht in unsere Köpfe“

Kevin Möhwald beim Training von Werder Bremen am Ball
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„Noch nicht bei 100 Prozent“: Kevin Möhwald kämpft sich nach seiner schweren Verletzung bei Werder Bremen zurück.

Bremen – Es lässt sich ja nicht wegreden: Auf Kevin Möhwald ruhen bei Werder Bremen viele Hoffnungen. Nach seiner langen Verletzungspause wegen einer schweren Knieverletzung ist der Mittelfeldspieler mittlerweile wieder ein Kandidat für die Startelf – und vielleicht ist er derjenige, der dem Bremer Team wieder zu mehr spielerischer Qualität verhelfen kann.

Darüber, über die eigenen Erwartungen, seinen Fitnessstand, die Kritik des Trainers nach dem Testspiel von Werder Bremen gegen den FC St. Pauli und das schwere Restprogramm bis Weihnachten hat Kevin Möhwald mit der DeichStube gesprochen.

Trainer Florian Kohfeldt war am Freitag bei der 2:4-Niederlage im Testspiel gegen den FC St. Pauli mit der Leistung einiger Spieler nicht einverstanden, monierte einen schlampigen Auftritt – haben Sie sich angesprochen gefühlt?

Ich denke, wir haben als Mannschaft einfach nicht das gezeigt, was wir uns vorgenommen haben. Es fehlte einfach an wesentlichen Dingen, um erfolgreich zu sein. Egal gegen wen und auch wenn es nur ein Testspiel war: Unser Anspruch muss ein anderer sein! Daher kann ich die Kritik verstehen.

Sie haben gegen St. Pauli 70 Minuten gespielt und damit weitere Matchpraxis gesammelt. Wie würden Sie Ihren Fitnessstand nun einordnen?

Zusammengefasst kann ich sagen: Es wird immer besser. Das Spiel war noch mal sehr wichtig für mich, und ich glaube schon, dass ich so langsam in Richtung der 100 Prozent komme.

Werder Bremen: Kevin Möhwald noch nicht am Ziel

Seit Ihrem Bundesliga-Comeback vor einem Monat sind Sie viermal eingewechselt worden, haben in Summe nur 84 Minuten gespielt, also nicht mal ein komplettes Spiel. Sind Sie mittlerweile dennoch ein Kandidat für die Startelf?

Wenn der Trainer mich braucht, bin ich da. Mir ist es im Moment noch nicht so wichtig, wie viele Minuten ich spiele. Für mich ist es wichtig, zu spüren, dass mein Knie keine Probleme bereitet und dass ich das Gefühl auf dem Platz zurückbekommen habe.

Was meinen Sie damit?

Das Gefühl für den Raum, für die Bewegungen. Das wiederzuerlangen ist nach 14 Monaten Pause aus meiner Sicht schwerer, als körperlich fit zu werden. Ich sehe mich voll im Plan – sowohl was die Fitness betrifft als auch meine fußballerischen Fähigkeiten. Am Ziel sind wir noch nicht. Bis zur 100 fehlen noch ein paar Prozent.

Dennoch die Nachfrage: Könnten Sie am Samstag gegen den FC Bayern von Anfang an spielen?

Fragen Sie den Trainer, er muss das entscheiden.

Haben Florian Kohfeldt und Sie in diesem Punkt unterschiedliche Auffassungen?

Nein, wir beide sind da absolut klar miteinander. Wir haben den Fahrplan klar besprochen. Und ich bin ja auch keine 20 mehr – ich weiß, dass es nach 14 Monaten Pause ein extrem langer Prozess ist, zurückzukommen. 14 Monate weggewesen zu sein, ist schon ein Brett. Ich will nur sagen: Egal, zu welchem Zeitpunkt im Spiel der Trainer mich braucht, werde ich versuchen, das Beste einzubringen. Ich fühle mich körperlich von Woche zu Woche besser und auch in der Lage, der Mannschaft helfen zu können.

Kevin Möhwald bei Werder Bremen am liebsten auf der Halbposition

Bei Werder Bremen zwickt es im Mittelfeld sowohl zentral als auch auf den Halbpositionen – wo sehen Sie sich?

Ein klassischer Zehner bin ich nicht. Ich kann nach vorne und nach hinten sehr aktiv sein, bin sehr viel unterwegs auf dem Platz. Deshalb fühle ich mich auf der Halbposition eigentlich ganz wohl.

Können Sie den Abgang von Davy Klaassen kompensieren?

Ich möchte natürlich irgendwann den Platz einnehmen, der da freigeworden ist. Wobei man aber bedenken muss, dass Davy und ich zwei verschiedene Spielertypen sind. Aber ich sage auch, dass ich in mich das Vertrauen habe, diesen Platz ausfüllen zu können.

Sie haben bei Werder Bremen vor zwei Jahren Ihre erste Bundesliga-Saison gespielt, damals kamen sie überwiegend zu Kurzeinsätzen. Dann folgte die schwere Verletzung und die lange Pause, jetzt läuft der Neustart. Hand aufs Herz: Fühlen Sie sich eigentlich schon als etablierter Bundesliga-Profi?

Nein, so sehe ich mich nicht. Ich habe erst 28 Einsätze in der Vita stehen. Aber was sehr wichtig für mich ist: Ich habe schon gezeigt, dass ich in der Bundesliga gute Leistungen bringen kann. Das ist gut für das Selbstvertrauen und auf meiner Festplatte abgespeichert.

Beim 1:1 gegen den 1. FC Köln ist zuletzt ein spielerisches Defizit im Team ziemlich deutlich geworden. Trauen Sie sich zu, Abhilfe zu schaffen?

Wenn ich bei hundert Prozent angekommen bin, kann ich ein Mehrwert für unser Spiel sein. Das möchte ich einbringen – und zwar so schnell wie möglich. Aber die Aufgabe an sich ist eine für die ganze Mannschaft, nicht für einen Spieler allein.

Kevin Möhwald: Werder Bremen „in einer Entwicklung, die uns allerdings auch mal in einen Zwiespalt führt“

Wie bewerten Sie das spielerische Niveau Ihres Teams?

Wir dürfen bei diesem Thema nicht vergessen, wo wir in der vergangenen Saison standen, wo wir also herkommen. Und dann haben wir in Davy Klaassen auch noch einen Fixspieler im Mittelfeld verloren. Wir sind fußballerisch sicher nicht auf dem Level, auf dem wir sein wollen. Aber wir befinden uns alle zusammen in einer Entwicklung, die uns allerdings auch mal in einen Zwiespalt führt.

Was meinen Sie?

Wir arbeiten in jeder Trainingseinheit daran, dass unser Fußball irgendwann wieder dem von vor zwei Jahren ähnelt – der war erfolgreich und schön anzusehen. Wir sind aktuell aber gezwungen, in gewissen Spielen Mittel zu wählen, die die größtmögliche Wahrscheinlichkeit versprechen, Punkte zu holen. Denn wir können diese Saison ja nicht einfach als Übergangssaison sehen, in der wir uns entwickeln wollen und von der Pflicht zu punkten befreit sind. Wir müssen konstant punkten, das ist ein knallharter Kampf. Deswegen ist da von Spiel zu Spiel auch ein gewisser Pragmatismus gefragt. Wir schämen uns auch nicht für die Punkte, die wir bisher geholt haben, denn sie waren im Großen und Ganzen alle auch verdient. Dass wir viel, viel besseren Fußball spielen wollen, da sind wir alle einer Meinung. Das sagen wir uns auch gegenseitig und arbeiten immer wieder daran.

Noch mal der Blick auf das Köln-Spiel: Ist es wirklich zu viel erwartet, dass gegen einen destruktiven Gegner mit mehr Tempo, Tiefe und Passschärfe agiert wird, um ihn zu knacken?

Wir brauchen uns nicht darüber zu unterhalten, dass wir das in dem Spiel in den ersten 75 Minuten ein bisschen haben vermissen lassen. Obwohl es schwer ist, sollte es natürlich unser Anspruch sein, dass wir in solchen Spielen geeignete Lösungen parat haben. Aber der Trainer hat es in seiner Analyse auch schon gesagt: Die Lösungen waren da auf dem Platz, wir haben sie bloß nicht angespielt. Da haben wir noch Steigerungspotenzial.

Manchmal wirkt es, als sei Werder Bremen in der eigenen Bewertung wegen der bekannten Umstände besonders nachsichtig mit sich.

Das hat mit Nachsicht nichts zu tun. Das ist einfach ein gewisses Maß an Realismus. Wir haben einen neuen Kern in der Mannschaft, und bis alles zusammenpasst, braucht es einfach Zeit. Da ist auch von der Öffentlichkeit Geduld gefordert. Dass man die nicht immer bekommt, wissen wir aber auch.

Kevin Möhwald vor schwerem Programm mit Werder Bremen: „Angst gibt es bei uns nicht“

Was kann man denn realistischerweise von der Mannschaft erwarten?

Dass wir immer 100 Prozent geben! Ich glaube, das hat man in den Spielen bisher auch gesehen. Und das ist auch das Einzige, was wir garantieren können. Wir werden immer mit ganzer Kraft daran arbeiten, den Fußball, den wir spielen, zu verbessern. Bei uns sagt auch niemand: Hey, wir haben schon zehn Punkte geholt – das ist ja super! Nein, wir sind kritisch mit uns und arbeiten hart daran, in Sachen Angriffsfußball und Spielqualität zuzulegen.

Nach zehn Punkten in sieben Spielen warten nun die Gegner aus der oberen Tabellenhälfte auf Werder Bremen. Am Samstag sind die Bayern der Gegner, bis Weihnachten folgen auch noch Leipzig und Dortmund. Wie blicken Sie diesem Programm entgegen?

Mit absoluter Vorfreude.

Manche Medien und Fans wittern dagegen eine Absturzgefahr.

Weil alle noch die vergangene Saison in den Köpfen haben, das verstehe ich sogar. Aber dieses Denken darf nicht in unsere Köpfe gelangen. Wir wissen, dass es große Herausforderungen sind, die da vor uns liegen. Hohe Berge, die wir zu erklimmen haben. Aber wir gehen positiv an die Sache ran. Angst gibt es bei uns nicht.

Haben Sie ein Punkteziel bis Weihnachten?

Nein, das wäre auch nicht der richtige Ansatz. Bis hierhin sind zehn Punkte schön und gut, aber wir müssen bis Weihnachten noch punkten, das wissen wir. Und mit diesem Gedanken bereiten wir uns in den kommenden Tagen auch auf die Bayern vor. Wir gehen bestimmt in keine Partie und sagen uns: Heute geht es nur um Schadensbegrenzung. (csa)

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