DeichStube-Interview

„Werder Bremen ergeht es wie dem HSV“: Ex-Profi und TV-Experte Erik Meijer hat Rat für kriselnde Traditions-Clubs

Ex-Profi und TV-Experte Erik Meijer sieht in der Entwicklung von Werder Bremen Parallelen zum HSV.
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Ex-Profi und TV-Experte Erik Meijer sieht in der Entwicklung von Werder Bremen Parallelen zum HSV.

Bremen – Erik Meijer sagt, was er denkt. So war er schon als Profi, so arbeitet der 51-Jährige inzwischen auch als Taktikexperte beim Pay-TV-Sender Sky – und ist dadurch äußerst beliebt. Der Stürmer hat für zahlreiche Clubs in Deutschland gespielt – für den KFC Uerdingen, Bayer Leverkusen, den Hamburger SV und Alemannia Aachen. Gegen den SV Werder Bremen hat Meijer ganz besondere Spiele erlebt.

Im Interview mit der DeichStube erzählt der Ex-Profi vor dem Gastspiel des SV Werder Bremen in Leverkusen, wie er das Team von Florian Kohfeldt einschätzt und was Traditionsclubs retten könnte.

Können Sie sich noch an Ihr erstes Tor in der Bundesliga erinnern, Erik Meijer?

Nein, nicht wirklich. Sie werden es mir sagen.

Es war im Trikot von Bayer Uerdingen 1995. Am vierten Spieltag trafen Sie zum Führungstreffer . . .

. . . beim Heimsieg gegen Werder, 3:0 haben wir gewonnen. Nun schimmert es wieder bei mir.

Hatten Sie in Ihrer Bundesliga-Zeit eine besondere Beziehung zu Werder?

Engen Kontakt hatte ich zu meinem Landsmann Frank Verlaat, der bei Werder gespielt hat, als ich beim Hamburger SV war. Wir haben damals öfter telefoniert und uns häufig getroffen.

Was hat Ihnen Verlaat über Werder erzählt?

Er war über die Maßen zufrieden mit seinem Engagement in Bremen. Alles sei fantastisch dort. Ich habe kein negatives Wort von ihm in Erinnerung. Zu jenem Zeitpunkt hatte Werder auch eine Topmannschaft, spielte europäisch.

Werder Bremen: Erik Meijer sieht Parallelen zur Entwicklung beim HSV - Werder braucht neue Geldquellen

Lange her, inzwischen ging es bergab. Wie haben Sie den Absturz verfolgt?

Ich sehe Parallelen zum Niedergang beim HSV. Es ist die gleiche Entwicklung, Werder ergeht es wie dem HSV. Der HSV hat jahrelang in der Bundesliga gekämpft und ist schließlich gescheitert. Auch Werder hat seit Jahren diverse Probleme und krebst unten herum. Es ist das Problem der Traditionsclubs. Stuttgart hat das zuletzt durchgemacht, auch Köln. Diese Vereine strampeln sich ab, bemühen sich stets, den Kopf über Wasser zu halten. Mal gelingt es, mal nicht. Dafür rücken andere Clubs wie Leipzig oder Hoffenheim in den Vordergrund. Clubs, die auf eine andere Finanzierung bauen können, die viel mehr Geld zur Verfügung haben.

Ihr Ratschlag für einen Traditionsverein wie Werder?

Es muss das Bestreben sein, neue Geldquellen anzuzapfen. Man muss sich externes Geld besorgen, nur so kann es funktionieren.

Geld von außen hilft auch nicht immer, wie gerade das Beispiel Hertha mit den Millionen des Investors Windhorst zeigt.

Natürlich kommt der Aufschwung nicht von heute auf morgen. Es muss eine gewisse Geduld vorhanden sein, bis die Initiativen greifen. Doch dieser Weg ist alternativlos.

Bei Sky sind Sie Taktikexperte. Wie bewerten Sie Werder?

Im letzten Spieljahr hat Werder vor allem unter der Heimschwäche gelitten. Die Mannschaft hat viele Spiele knapp verloren, hatte nach den vielen Niederlagen am Ende kaum noch Sicherheit und Selbstbewusstsein. In dieser Saison ist das Spiel ein wenig umgestellt worden. Trainer Florian Kohfeldt setzt mehr auf das Umschaltspiel, mehr auf Tempo und Schnelligkeit. Dieser Spielart kommt zugute, dass mit Davy Klaassen ein dominanter Mittelfeldspieler fehlt, der das Spiel eher verlangsamt hat.

Spielerisch geht allerdings nicht wirklich viel. Sehen Sie das auch als Defizit?

Natürlich! Vor zwei Jahren sah es so aus, als ob Werder sich in dieser Hinsicht entwickeln könnte. Doch es war ein Trugschluss. Es fehlt ein offensiver Mittelfeldspieler, der Kreativität und Ideen auf den Platz bringt. Daran hapert es beim Werder-Offensivspiel.

Werder Bremen: Stürmer Davie Selke hat nicht das nötige Niveau, meint Erik Meijer

Weitere Schwächen?

Das Team hat keinen echten Mittelstürmer, keinen Torjäger, der für etwa zehn bis 15 Tore in einer Spielzeit gut ist. Das ist ein großes Manko.

Aber Werder hat doch extra vor einem Jahr Davie Selke geholt. Was trauen Sie ihm zu?

Selke will, er ist bemüht, doch ihm fehlt die Klasse. Er kommt nicht heran an das Niveau, das verlangt wird.

Und die anderen Offensivkräfte? Was ist mit Niclas Füllkrug?

Füllkrug ist leider verletzungsanfällig, hat kaum gespielt. Alle anderen wie Bittencourt, Osako oder auch Sargent sind nicht diese Typen, die ich meine. Stürmer, die mit dem Rücken zum Tor agieren und im Zentrum für Torgefahr sorgen können. Wer so einen Goalgetter in der Mannschaft hat, kann leicht in der Tabelle hochrücken und fünf oder sechs Ränge weiter oben stehen.

Werder wird also wieder bis zum Schluss um den Klassenerhalt zittern müssen?

So ist es. Damit müssen die Bremer umgehen. Der Vorteil aus meiner Sicht: Sie stehen defensiv etwas besser als in der Vorsaison.

Erik Meijer im Interview: Bundesliga-Rivalen machen es Werder Bremen im Abstiegskampf leichter

Und einige Rivalen wie Schalke, Mainz und Bielefeld scheinen momentan noch schlechter zu sein.

Das ist Fakt. Diese Clubs geben sich alle Mühe, noch schlechter abzuschneiden. In dieser Hinsicht machen einige das Leben für Bremen leichter.

Nun muss Werder nach Leverkusen, ist Bayer der klare Favorit?

Der Papierform nach auf jeden Fall. Leverkusen besitzt einen exzellenten Kader und hat wie immer alle Möglichkeiten. Zuletzt haben sie zweimal verloren. Das wird ihren Ehrgeiz erhöhen, die Wende zu schaffen, um den Anschluss nach oben nicht zu verpassen.

Von 1996 bis 1999 haben Sie drei Jahre für Bayer Leverkusen gespielt und dabei am eigenen Leib erfahren, was „Vizekusen“ bedeutet . . .

. . . und darauf bin ich sogar stolz. Bayer hat damals alles richtig gemacht. Als ich da war, sind wir Zweiter, Dritter und Zweiter geworden. Zweimal Vize-Meister, das will was heißen. Es ist in der Bundesliga nicht leicht, Zweiter zu werden. Früher nicht und auch heute nicht.

Auch später im Trikot von Alemannia Aachen haben sie knapp einen Titel verpasst.

O ja, das Pokalfinale 2004 gegen Werder, das wir 2:3 verloren haben. Wir haben einen Platzverweis kassiert nach gut einer Stunde, haben in Unterzahl dennoch mithalten können. Kurz vor Schluss habe ich noch ein Tor gemacht, doch es war zu spät. Unser Trost: Als Verlierer hatten wir uns als Zweitligist für den Europacup qualifiziert, weil Werder damals auch Meister geworden ist. Werder hatte eine Klassetruppe – mit Ailton und Klasnic im Sturm und mit einem Micoud im Mittelfeld. Wie ich schon sagte: So eine Nummer zehn, so ein bestimmender Regisseur, wie es der überragende Franzose gewesen ist, fehlt heute der Elf von Kohfeldt.

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