Vier (+ ein Ösi) sind Werder Bremen – Die nordbuzz-Kolumne

Mein heißes Thema vor dem Nordderby: Bitte kein Feuer im Fanblock

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Die nordbuzz-Kolumnisten (v.l.): Laura Wontorra, Moritz Cassalette, Tobias Holtkamp, Sebastian Prödl und Tim Borowski.

In der wöchentlichen nordbuzz-Kolumne „Vier (+ ein Ösi) sind Werder Bremen“ schreiben unsere Experten im Wechsel über den SVW. Werder-Legende Tim Borowski, TV-Moderatorin Laura Wontorra, der österreichische Nationalspieler und Ex-Bremer Sebastian Prödl, Sportjournalist Tobias Holtkamp und NDR-Bundesliga-Reporter Moritz Cassalette spielen sich die Bälle zu: mal emotional, mal analytisch, aber immer authentisch.

In dieser Ausgabe schreibt Moritz Cassalette.

Es war der 2. März 1994: Werder spielte in der damals noch bescheidenen Champions League beim AC Mailand. Das Giuseppe Meazza Stadion war noch modern, aber nur halb voll. Bei Werder spielten Rufer, Herzog, Bode und Neubarth, der als Libero aushelfen musste, weil Bratseth gerade Papa wurde.

Mein Vater, mein Bruder und ich waren mit dem Auto nach Mailand gefahren und waren hinter einem der beiden Tore im Gästeblock. Ich war zehn Jahre alt und schwer fasziniert von allem. Von der Wucht des Stadions, von der Stimmung bei den „echten“ Fans und vom Stadionsprecher, der immer erst dann etwas sagte, nach dem es einen lauten Gong gab. Dann begann er mit „Attenzione“ und klang so, als würde er sich dabei die Nase zuhalten.

Erste Pyro-Erinnerungen: Vater hatte Haare verloren und Werder das Spiel

Moritz Cassalette (33) ist Radio-Reporter beim NDR und berichtet live aus den Stadien – unter anderem in der legendären Bundesliga-Konferenz. Sein erstes Spiel im Weser-Stadion sah der Bremer schon in den 80ern. Als Journalist begleitet er Werder seit 2006. Für seine Arbeit wurde er 2016 mit dem Herbert-Zimmermann-Preis ausgezeichnet.

Milan führte, bis Mario Basler kurz nach der Pause den Ausgleich erzielte. Laut war es um mich herum, dann wurde es plötzlich hell, warm und es begann, merkwürdig zu riechen. Es roch nach verbrannten Haaren. Den Geruch kannte ich von Zuhause, unsere schwarze Katze geriet manchmal mit ihrem Schwanz in eine Kerze. Voller Ekstase und Alkohol hatte ein Werder-Fan direkt hinter uns ein knallrotes bengalisches Feuer gezündet. Er fuchtelte hektisch damit herum und ein paar Funken landeten auf dem Kopf meines Vaters, der ohnehin schon wenig Haare hatte, dann aber noch ein paar weniger. Ich weiß noch, wie unangenehm es dem Fan hinter uns war und er sich noch lange immer wieder mit heiserer Stimme bei meinem Vater entschuldigte. Er war offensichtlich ziemlich betrunken und mein Vater war versöhnlich gestimmt. Am Ende des Abends hat er ein paar verkohlte Haare verloren und Werder das Spiel. Weil Neubarth als letzter Mann über den Ball haute.

Das war meine erste Erfahrung mit Pyrotechnik. Ich erinnere mich auch noch an das Rückspiel, als in der Ostkurve nach Werders Rufer-Tor gefühlt ein ganzes Dutzend rote bengalische Feuer brannten. Ja, das sah toll aus. Und dennoch bin ich total gegen Pyrotechnik – zumindest unter den jetzt gegebenen Bedingungen –, und ich habe kein Verständnis dafür, dass Fans ihrem Verein regelmäßig schaden. Natürlich spielt das Erlebnis von Mailand eine Rolle, aber auch so wüsste ich, dass Feuer in einer großen Menschenmenge einfach saugefährlich sein kann. Die Flammen werden extrem heiß (die Angaben schwanken im Internet zwischen 1000 und 2600 Grad Celsius.) Wer mit dem hochgradigen Zeug zündelt, handelt hochgradig rücksichtslos.

Nouri hat Pyrotechnik verurteilt und dafür zum Teil Spott geerntet

Beispiel Leverkusen: Anfang Februar haben Werder-Fans Leuchtkugeln abgeschossen und grüne und weiße Rauchbomben gezündet. Sie sagen: „Das sieht geil aus.“ Ich frage mich: Haben sie alle anderen Zuschauer gefragt, ob sie das auch geil finden? Ob sie den Rauch einatmen wollen? Ob sie Vertrauen haben in Menschen, die vermummt mit Clownsmaske auf dem Zaun stehen? Nun muss man wissen: In kaum einem Gästeblock werden die Fans so stark kontrolliert, wie in Leverkusen. Ultra-Gruppen, die es schaffen, unter diesen Umständen so viel Pyrotechnik in ein Stadion zu schmuggeln, senden auch ein Zeichen an Ultragruppen anderer Vereine: „Seht her, was wir geschafft haben.“

Alexander Nouri hat das in den Tagen darauf verurteilt und bei „Bild“ gesagt, dass so etwas die Mannschaft nur ablenke. Dafür erntete er in sozialen Netzwerken zum Teil Spott. Gut, dass einige besser wissen, wie sich Spieler auf dem Rasen fühlen, wenn die Tribüne leuchtet. Vor zwei Jahren musste das Nordderby im Weser-Stadion für drei Minuten unterbrochen werden, weil aus der Ostkurve Feuerwerkskörper auf den Rasen flogen. (Es gibt Ultra-Gruppen – „Caillera“ zum Beispiel –, die sich wegen der Gefahr dagegen aussprechen, dass bengalische Fackeln geworfen werden.) Kapitän Clemens Fritz hat in den Tagen darauf von sich aus den Kontakt zu den Ultras gesucht, um ihnen zu sagen, wie sehr er sich darüber geärgert hat. Als neulich beim Heimspiel gegen Schalke direkt hinter dem Tor in der Ostkurve mehrere bengalische Feuer brannten, gab es viele Pfiffe im Weser-Stadion.

147.500 Euro Geldstrafe – Werder könnte die Kohle ganz gut selbst gebrauchen

Gefühlt brennt es in den Fankurven immer häufiger. Eine Erklärung dafür habe ich nicht. Bremer Ultras, mit denen ich in Kontakt getreten bin, wollen gerade nicht darüber sprechen. Offizielle Anfragen an fünf Ultragruppen blieben unbeantwortet.

147.500 Euro musste Werder in den vergangenen zwei Jahren an Geldstrafen zahlen, weil Fans auf den Tribünen gezündelt, beziehungsweise in einem Fall auch Gegenstände geworfen haben. Auch wenn der DFB das Geld letztlich für gute Zwecke ausgibt, könnte Werder die Kohle ganz gut selbst gebrauchen.

Doch eines müssen wir auch festhalten: All die Geldstrafen führen ganz offensichtlich nicht zum gewünschten Erfolg. Forderungen aus der Ultraszene, dass Werder sich weigern sollte, Strafen zu zahlen, sind allerdings auch totaler Quatsch. In Bremen scheint die Situation festgefahren. Ein Grund dafür ist, dass sich die Ultras vom Verein im Stich gelassen fühlen, weil der – ihrer Meinung nach – nicht angemessen reagierte, als die Polizei Werder-Fans im Herbst auf dem Weg zum Derby in Hamburg stoppte und nach Bremen zurückschickte.

Vor dem Nordderby wird es keine Choreografie geben!

Es ist ein Geben und Nehmen und wahrscheinlich müssen alle Beteiligten kompromissbereiter sein. Nicht NUR, aber AUCH die Fans. Dieses sture „Wir-tun-eh-was-wir-wollen-und-lassen-uns-von-euch-doch-nichts-sagen-Gehabe“ ist genauso wenig hilfreich, wie das Dramatisieren der Thematik in der Öffentlichkeit. Wer Pyro zündet, ist nicht gleichzeitig ein Randalierer. Das eine hat mit dem anderen erst mal nichts zu tun. Wer Pyro zündet, kann trotzdem Fan sein. Das habe ich inzwischen auch akzeptiert. Wer Fackeln abbrennt, muss aber akzeptieren, dass das ganz viele im Stadion unter den gegebenen Umständen nicht gut finden. Und er muss auch akzeptieren, dass sein eigener Verein Konsequenzen zieht: Die Ultra-Gruppen dürfen unter der Woche nicht mehr in die Ostkurve, um Aktionen für das nächste Heimspiel vorzubereiten. Vor dem Nordderby wird es keine Choreografie geben! Das ist einerseits bitter. Andererseits ist es verständlich, dass Werder sich nicht alles gefallen lässt. Jahrelang galt es als No-Go, dass die eigenen Fans im Weser-Stadion zündeln. Dass Feuerwerkskörper geworfen oder gar abgeschossen werden, und damit unkontrollierbar durch die Luft fliegen. Beides ist zuletzt passiert. Um es mal klar zu sagen: Das ist ganz großer Mist.

Neue Fackeln könnten Fankurven revolutionieren – DFB muss sich damit beschäftigen

Doch wie könnte ein Kompromiss aussehen? Ein Ansatz wäre: Komplett auf Rauchbomben und laute, erschreckende Knaller (kommt bei Werder-Fans eigentlich eh nicht vor) zu verzichten, und sich darauf einzulassen, bengalische Feuer nur kontrolliert in dafür gekennzeichneten Bereichen abzubrennen. Hier gibt es aber ein Problem: Die Bengalos, die jetzt auf dem Markt sind, entwickeln noch so viel Rauch, dass Menschen mit Atemwegserkrankungen in der Nähe darunter leiden könnten. Und zu sagen, „wer Asthma hat, darf dann eben nicht ins Stadion“, ist keine Alternative. Sobald es Bengalos gibt, die weniger Rauch entwickeln, sollte es aber eine Option sein, sie zu erlauben. In Dänemark wurden gerade Fackeln entwickelt, die fast so hell leuchten wie die jetzigen, aber einen ganz entscheidenden Vorteil haben: sie werden nicht heiß. Es gibt Fotos im Internet, auf denen jemand seine Hand in die offene, aber offenbar kalte Flamme hält. 

Damit muss sich der DFB beschäftigen, diese neuen Fackeln könnten die Fankurven revolutionieren. Das ist zwingend notwendig, denn sonst – und ich will es nicht beschreien – wird es irgendwann ein Unglück geben, bei dem womöglich Schlimmeres passiert als leicht angesengte Harre meines Vaters. So weit sollte es nicht kommen müssen. Ich freue mich jedenfalls auf ein heißes und feuriges Nordderby, aber bitte auf dem Platz – nicht auf den Tribünen.

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