Vier (+ ein Ösi) sind Werder Bremen – Die nordbuzz-Kolumne

Werder vor dem nächsten Wunder: Drei Ratschläge für den Europa-Wahn

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Die nordbuzz-Kolumnisten (v.l.): Laura Wontorra, Tobias Holtkamp, Tim Borowski, Sebastian Prödl und Moritz Casalette.

In der wöchentlichen nordbuzz-Kolumne „Vier (+ ein Ösi) sind Werder Bremen“ schreiben unsere Experten im Wechsel über den SVW. Werder-Legende Tim Borowski, TV-Moderatorin Laura Wontorra, der österreichische Nationalspieler und Ex-Bremer Sebastian Prödl, Sportjournalist Tobias Holtkamp und NDR-Bundesliga-Reporter Moritz Cassalette spielen sich die Bälle zu: mal emotional, mal analytisch, aber immer authentisch.

In dieser Ausgabe schreibt Tobias Holtkamp.

Werder steht nach einer extrem Tal- und Bergfahrt vor der Rückkehr in den Europapokal. Wer ein paar Monate verreist war und die Nachrichtenlage mal ausgeblendet hatte, glaubt beim Blick auf die Tabelle eher an ein #Werdergate von Böhmermann oder Halligalli als an grün-weiße Fakten. Tja, ist aber so: Werder gewinnt wie in besten Zeiten. Und täte dennoch gut daran, den Wahnsinn realistisch einzuordnen. Ich habe drei Ratschläge.

1. Bleibt auf dem Bremer Boden der Tatsachen!

Tobias Holtkamp (38) ist Digitalchef bei _wige Media in Köln. Vorher war er in der Chefredaktion von Sport Bild, bei Transfermarkt und leitete den Sport bei Bild.de. Seine ersten Fußball-Berichte schrieb er mit 15 als Freier Mitarbeiter beim Weser-Kurier.

Die Gefahr besteht, dass die entstandene Situation nicht nur dem Umfeld, sondern auch einigen direkt Beteiligten zu Kopf steigt, so sehr sie das Gegenteil beteuern. Thomas Delaney meinte in einem „Kicker"-Interview zum Beispiel, Werder müsse sich in den nächsten fünf Jahren „wieder fest in Europa etablieren". Unter uns nordbuzz-Usern: Finde ich zweieinhalb Nummern zu groß formuliert. Werder, im Februar noch unten drin, sollte die Pille flachhalten. Klar, toller Wunsch und klingt geil, aber schaffen wir es doch erstmal, ein- oder zweimal wieder Europa League zu spielen. Oder über zwei, drei Halbserien in Folge konstant zu liefern, am besten konstant gut. Dann bin ich auch bereit fürs nächste Level. Bis dahin wünsche ich mir, zumindest von Führungsspielern, Demut und Bescheidenheit, plus größtmögliche Konzentration und natürlich Vollgas total zwischen An- und Abpfiff. Einfach eine tadellose Einstellung. Die ist meist echt schon der halbe Sieg. Klingt abgedroschen, stimmt aber sehr oft: Mentalität schlägt Qualität. Delaney lebt das auf dem Platz vor, was für ein Aushängeschild!

Ohne jede Frage: Werder hat durch den irren Lauf eine Menge zum super Saisonausgang beigetragen. Dennoch sollte niemand vergessen, dass die schwachen „Leistungen" einiger anderer den Weg nach vorne überhaupt erst frei gemacht haben. Lasst Leverkusen, Schalke, Mönchengladbach nächste Saison mal wieder auf Standardniveau spielen, ohne Europapokal-Ablenkung. Auch Wolfsburg, wenn sie die Klasse halten (wovon ich ausgehe). Dazu grüßen Leipzig und Hoffenheim ab Sommer aus dem Budget-Schlaraffenland Champions League.

Was will ich sagen? Dass für Werder nach einer guten Saison im Normalfall Platz acht oder neun steht. Und dass die herausragenden Spieler, ob Serge Gnabry, Delaney oder Max Kruse, Werder auch zukünftig immer wieder verlassen werden. Werder Bremen wird im Gegensatz zu den Größten immer ein Puzzle bleiben, bei dem die wichtigsten Teile ständig ersetzt und um sie herum neu getüftelt werden muss. Ist nicht schlimm und auch eine Challenge, aber wer laut über Ziele spricht, sollte das immer im Kopf haben, finde ich.

2. Mit Pizarro verlängern, wenn es die Chance gibt!

Meine Meinung zur Pizarro-Diskussion: Sollte Werder das internationale Comeback schaffen, darf es keine zwei Meinungen geben. Ok, darf es schon, aber nur eine sollte gelten: Die Attraktion Pizarro ist auch für zwanzig Schlussviertelstunden sein Geld wert, jede Abwehrreihe sortiert sich nach ihm. Werder muss seinen Rekordtorjäger noch einmal binden. Oder anders: Die Werder-Entdeckung Pizarro ist eine der wenigen noch aktiven Fußball-Legenden, auch in Europa. Die große Geschichte von der kleinen Bremer Auferstehung wäre ohne das Kapitel Pizarro nur halb so wunderbar. Dem modernen Fußball so lange es geht ein wenig Romantik erhalten, Werders gute Tat in dieser Mission liegt auf der Straße. Bitte aufheben.

3. Die Rückkehr nach Europa sollte wie ein Titelgewinn gefeiert werden!

Über die Hälfte der Saison war geprägt von Abstiegskampf und -sorgen. Die ersten Spiele im August und September waren unterirdisch, selbst Lotte führte Werder vor. Sollte nun am Ende der Einzug in die Europa League stehen, vor all den Großambitionierten, wäre es für mich das nächste Wunder von der Weser. Das Brett käme ebenso spektakulär unerwartet wie die historischen Siege damals gegen Maradonas Neapel, Anderlecht oder vorher Dynamo Berlin und Spartak Moskau. Und es sollte dann auch so gefeiert werden, volle Offensive, in der ganzen Stadt und überall, wo Werder wohnt. Alles andere wäre unangemessen. Momentaufnahmen sind die besten Erinnerungen. Und richtig gute Augenblicke, auch im Fußball, ahnen oft gar nicht, wie bedeutend sie mal werden.

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