Vier (+ ein Ösi) sind Werder Bremen – Die nordbuzz-Kolumne

Prödl: „In Krisenzeiten werden Helden und Anführer geboren"

+
Die nordbuzz-Kolumnisten (v.l.): Laura Wontorra, Sebastian Prödl, Tim Borowski, Tobias Holtkamp und Moritz Casalette.

In der wöchentlichen nordbuzz-Kolumne „Vier (+ ein Ösi) sind Werder Bremen“ schreiben unsere Experten im Wechsel über den SVW. Werder-Legende Tim Borowski, TV-Moderatorin Laura Wontorra, der österreichische Nationalspieler und Ex-Bremer Sebastian Prödl, Sportjournalist Tobias Holtkamp und NDR-Bundesliga-Reporter Moritz Cassalette spielen sich die Bälle zu: mal emotional, mal analytisch, aber immer authentisch.

In dieser Ausgabe schreibt Sebastian Prödl.

Ich bin zurück und sehr froh, dass ich wieder ein Teil von Bremen bin – zumindest in meiner Kolumne, die ich ab jetzt regelmäßig für Euch schreiben werde.

Geht nicht darum, auf die Spieler von Werder draufzuhauen

Es wird dabei nicht darum gehen, auf die Spieler von Werder drauf zu hauen, denn ich weiß selbst sehr genau, wie man sich in schwierigen Situationen als Profi fühlt. Soll heißen: Keine Kritik unter der Gürtellinie, aber eine klare Meinung zu verschiedenen Themen. Und ich werde auch versuchen, Euch besondere Einblicke in das Leben eines Fußballers zu geben.

Ich verfolge die Spiele von Werder auch in London über mein Sky-Abo sehr genau. Wenn ich mit Watford parallel dazu spiele, schaue ich mir die Highlights der Bundesliga dann am Abend an. Und natürlich bin ich mit einigen meiner früheren Teamkollegen noch immer im Kontakt und schreibe regelmäßig mit Clemens oder Zlatko.

Im Abstiegskampf keine Zeitungen lesen, Social Media zurückfahren und in die eigenen vier Wände zurückziehen

Sebastian Prödl (29) verteidigte sieben Jahre lang im Werder-Trikot und holte 2009 mit den Grün-Weißen den DFB-Pokal – dann zog es ihn nach England. Beim Premier-League-Club FC Watford gehört er längst zum Stammpersonal im Abwehrzentrum, doch Bremen und Werder trägt der österreichische Nationalspieler weiterhin im Herzen.

Seit ich vor 18 Monaten in die englische Premier League gewechselt bin, hat sich in Bremen viel geändert und Werder ist praktisch im Dauerumbruch. Im Kader stehen nur noch fünf, sechs Spieler, mit denen ich noch zusammen gespielt habe. Spielerisch war der Start in die Rückrunde eigentlich erfolgreich und ich habe mir um Werder keine Sorgen gemacht. Es hat Spaß gemacht, den Jungs gegen Bayern und den BVB zuzusehen, aber das Punktekonto ist leider nicht angewachsen. Trotzdem ist genug Zeit, die nötigen Siege einzufahren und es gibt keinen Grund die Nerven weg zu werfen. Ich kenne den Abstiegskampf in Bremen ja aus eigener Erfahrung. Wichtig ist, dass man sich in dieser Situation selbst zurücknimmt und nur der Erfolg der Mannschaft im Mittelpunkt steht. Keine Zeitungen lesen, Social Media zurückfahren, sich in die eigenen vier Wände zurückziehen und keine Angriffsfläche zeigen – das hat mir geholfen, mit dem Druck fertig zu werden.

Kontraproduktiv sind Aktionen, wie den freien Tag zu streichen und noch mehr und härter zu trainieren. Das ist nur Alibi und dabei geht zuviel Energie verloren, die man am Platz bitter nötig hat. Jeder ist Profi genug und weiß, wie er sich zu verhalten hat.

Werder braucht jetzt einen Lucky Punch

Dass nach der schlechten Serie der Trainer in Frage gestellt wird, ist normal. Jeder wird am Erfolg gemessen und muss liefern. Ich kenne Alexander Nouri nur vom Sehen, aber ich habe gehört, dass eine gute Kommunikation herrscht.

Was Werder jetzt braucht, ist ein besonderes Momentum: Einen Lucky Punch ganz am Schluss, einen dreckigen Sieg und schon schaut es wieder viel besser aus. Gerade in Krisenzeiten werden Helden und Anführer geboren. Der Kader von Werder ist sehr breit, aber vielleicht könnte der Konkurrenzkampf noch größer werden.

Eine Dreierkette braucht Zeit, ehe sie funktioniert

Angesichts der vielen Gegentreffer ist die Verteidigung wieder einmal ein Dauerthema. Es geht aber um das Bewusstsein der ganzen Mannschaft, defensiv nichts zuzulassen und sich 90 Minuten darauf zu konzentrieren. Wenn der Glaube an den Sieg da gewesen wäre, hätte Werder zum Beispiel gegen Augsburg gewonnen.

Werder spielt jetzt mit einer Dreierkette in der Abwehr. Die macht eine Mannschaft flexibler, muss aber über einen langen Zeitraum trainiert werden, bis sie wirklich funktioniert. Wir haben in Watford unter unserem neuen italienischen Trainer vom ersten Tag an bis zu 40 Minuten in jedem Training an der Dreierkette gearbeitet – von Perfektion können wir aber auch sieben Monate später noch nicht sprechen.

Ich glaube fest an den Klassenerhalt

Wenn sich eine Mannschaft lange im Abstiegskampf befindet, färbt das natürlich ab. Man wird zwar abgebrühter, aber auch müder im Kopf. Dieser Druck raubt dir viel Energie und wenn du in den Spiegel schaust, siehst du plötzlich viel älter aus. Dazu kommt, dass bei Werder die Vertragssituationen einiger Spieler noch ungeklärt sind – auch das kann den Druck erhöhen und sich negativ auswirken.

Trotzdem glaube ich fest an den Klassenerhalt. Die Fans sind zwar unzufrieden, aber wenn sie das Gefühl haben, dass sich jeder reinhaut, wird sicher keiner pfeifen. Werder hat es selbst in der Hand und es gibt keinen Grund zu verzweifeln. Ich habe das Gefühl, dass die Stimmung derzeit so schlecht ist, als ob bereits etwas ganz Schlimmes passiert wäre. Dabei sind doch erst wenige Spiele der Rückrunde absolviert und das Saisonende ist noch lange nicht in Sicht. Ich kann mich an unsere Lage vor zwei Jahren erinnern. Damals waren die Werder-Fans ein brutaler Rückhalt und diese positive Stimmung hat den ganzen Druck gelindert.

Werder ist in der Kabine sicher kein Streichelzoo

Dass Werder mit dem Psychologen Andreas Marlovits arbeitet, halte ich für sehr gut. Jeder Muskel wird bis zum Exzess trainiert, aber die mentalen Möglichkeiten werden noch viel zu wenig ausgeschöpft.

Wichtig ist auch in dieser Situation, dass Frank Baumann und das Trainerteam nach außen hin Ruhe bewahren. Das heißt aber nicht, dass sie einen Schmusekurs fahren, denn intern kann es ganz anders ausschauen. Werder ist in der Kabine sicher kein Streichelzoo.

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare