„Grün weiße Liebe“ für Werder von Jan Delay: Direkt ins Rauten-Herz – Eine Rezension

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Ihr wollt ein Liebeslied? Ihr kriegt ein Liebeslied! Mit „Grün weiße Liebe“ hat der Hamburger Jan Delay am 24. August seine seit langem angekündigte Werder-Hymne veröffentlicht. Funkt auf Anhieb, geht durchs Ohr direkt ins Rauten-Herz, findet unser Autor. Hamburg mag eine Perle sein, doch Bremen hat „Grün weiße Liebe“. Eine Rezension.

Werder hat noch nicht die Bedingung geliefert, die von Jan Delay ursprünglich mal an die Veröffentlichung geknüpft war – nämlich wieder international zu spielen. Doch das Timing hätte in der jüngeren Vergangenheit besser nicht sein können. Nach jahrelanger Durststrecke schwappt eine ungeahnte Euphorie die Weser herunter durch Bremen. Die Saisonvorbereitung 2018 hat vieles, was es für grün-weißen Optimismus braucht. Vielversprechende Transfers mit Klaassen, Pizarro, Osako und Harnik, unerwartete Treuebekenntnisse und Verlängerungen von Kruse, Pavlenka und Augustinsson. Möglich gemacht von einem Sportchef Baumann, der immer wieder überrascht und beeindruckt. Flankiert von einem Trainer Kohfeldt, der schon in der Rückrunde mit riss und nun sympathisch, eloquent und kompetent auf die neue Saison einstimmt. Obendrein überzeugte die Mannschaft in der ersten Runde des DFB-Pokals. Die Gesamtsituation hat den Verein bewogen, zwei Tage vor Bundesliga-Start das Saisonziel „Europa“ auszugeben. Nicht als krampfhafte und mit Druck verbundener Erwartung sondern als ehrgeiziger Ansporn. Nicht wenige halten eine derartige Platzierung indes für möglich.

Ursprünglicher Plan: „Keiner ist derber als Werder“ 

In diese Stimmung hinein platzt nun „Grün weiße Liebe“. Vom Hamburger Werder-Fan Jan Delay aka Eizi Eiz von den Beginnern aka bürgerlich Jan Eißfeld – seines Zeichens einer der größten Rap-Pop-Reggae-Rock-Funk-Stars des Landes. Eine Geschichte, die HSV-Fans wurmt, Bremer grinsen und alle anderen staunen lässt. Über seine Oma war der Halb-Oldenburger als Kind ins Werder-Umfeld geraten, hatte sich beim Hamburger SV aufgrund aggressiver Fans unwohl gefühlt. Siege seiner Grün-Weißen feiert er gerne mit vielen grünen Herzen bei Twitter, wo er momentan rund 270.000 Follower erreicht und sich selbst schon „Jan Delaney“ oder „Jani Pavlenka“ nannte. Damit, einen Werder-Song zu schreiben, kokettiert er seit etlichen Jahren. Bei einem zufälligen Treffen des Autors dieser Zeilen mit Jan Delay auf der Reeperbahn, hatte er einmal die ursprünglich geplante Hookline verraten: „Keiner ist derber als Werder“. Es wäre wohl etwas mit Bass und Rap geworden, doch davon rückte das Hip-Hop-Urgestein nach einer Befragung der Ostkurve ab. Die Fans hätten sich eine Stadionballade gewünscht. Und so kam es nun.

 

Das geht runter wie Haake Beck 

Anderswo blicken Verliebte durch die rosarote Brille, hier setzt sich Jan Delay quasi die „grüne Brille“ auf. „Grün weiße Liebe“ ist eine für Werder-Fans emotionale Ode an ihren Verein geworden. Mit dem typischen Jan-Delay-Sound, einem tragenden Klangbett. Die ersten Takte mit der Orgel, die Gitarre im Einklang mit dem Bass, die einsetzenden Bläser, das ihm eigene nachdrücklich-nasale Gesäusel. Und dann diese ersten Zeilen: „Da oben bei Werder / gleich hinter‘m Deich, da / ist der Wind ‘n büsch‘n stärker / und der Horizont ‘n büsch‘n weiter.“ Das geht runter wie Haake Beck. Und der Refrain erst: „Und immer, wenn ich an der Weser steh‘ / den grünen Deich im weißen Nebel seh‘ / fängt mein Herz an aufzugeh‘n / und ich weiß, dass ich zu Hause bin.“ Hier dürfte es endgültig um die Bremer Zuhörer geschehen sein. Es wird hanseatisches Understatement besungen, das Schietwetter, der Wind, die Fußball-Leidenschaft, die Abwesenheit von Stars mit extravaganten Frisuren, ebenso der Mangel an einer Börsennotierung, statt Knete Sonne in der Seele. „Hier denken alle ähnlich / und ich weiß, es ist für ewig / weil ich eines nie verliere / meine grün weiße Liebe“! 

Euphorie-Symphonie auf dem Weg nach Europa? 

Während sich Twitter überschlägt, von „was im Auge“ und Ohrwurm berichtet, äußern sich erste YouTube-Kommentatoren zunächst verhaltener. Kritiker monieren für Aufbruchstimmung fehle der Drive, fürs Einheizen im Stadion sei es nicht schwungvoll genug. Wer es mit Werder hält, dürfte sie mit jedem Hören mehr fühlen, diese „Grün weiße Liebe“, die authentisch ist, die man Jan Delay abkauft. Für 12,99 Euro steht die LP beim Plattenladen Ear im Bremer Viertel im Schaufenster. Wenn das Lied am Samstag kurz vor 15.30 Uhr erstmals im Weser-Stadion zum Saisonauftakt im kleinen Nordderby gegen Hannover 96 erklingt, ja spätestens dann ist absolute Gänsehaut angesagt – ohne übrigens bisherige Werder-Songs zu ersetzen. Als Einstimmung auf eine hoffentlich erfolgreiche Saison. Es hätte was, wenn der Song nicht – wie ursprünglich geplant – als Europa-League-Belohnung daher käme, sondern als Euphorie-Symphonie auf dem Weg dorthin.

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Jan Delay beim Beginner-Konzert im März 2017 in der Bremer ÖVB-Arena im Werder-Trikot.

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