Vier (+ ein Ösi) sind Werder Bremen – Die nordbuzz-Kolumne

Abstiegsfinale ohne Werder! Was bleibt, sind Pfiffe, Gänsehaut und Sorgen um Pizarro

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Die nordbuzz-Kolumnisten (v.l.): Laura Wontorra, Moritz Cassalette, Tobias Holtkamp, Sebastian Prödl und Tim Borowski.

In der wöchentlichen nordbuzz-Kolumne „Vier (+ ein Ösi) sind Werder Bremen“ schreiben unsere Experten im Wechsel über den SVW. Werder-Legende Tim Borowski, TV-Moderatorin Laura Wontorra, der österreichische Nationalspieler und Ex-Bremer Sebastian Prödl, Sportjournalist Tobias Holtkamp und NDR-Bundesliga-Reporter Moritz Cassalette spielen sich die Bälle zu: mal emotional, mal analytisch, aber immer authentisch.

In dieser Ausgabe schreibt Moritz Cassalette.

Wir beim NDR haben in den vergangenen Jahren schon einiges mitgemacht. Zum vierten Mal in Folge steckt mindestens ein Nordclub vor dem letzten Spieltag im Schlamassel. Mal ganz abgesehen davon, dass der HSV in der Relegation zweimal schon ziemlich fest auf der Schippe saß, und dann doch noch runtergefallen ist, um oben zu bleiben, in der Bundesliga. Dieses Jahr toppt aber alles – und Werder ist fein raus! Der HSV gegen Wolfsburg, ein Nordduell, das gleichzeitig noch über Relegation und Klassenerhalt entscheidet, sorgt bei manchem Mitarbeiter der Sportredaktion für besonders erhöhte Wallungen. Hinzu kommt, was hoch kommt: Hannover steigt sehr sicher auf, Braunschweig kommt sehr sicher in die Relegation und spielt dort ziemlich sicher gegen einen anderen Nordclub. Wobei ich es auch für denkbar halte, dass Augsburg in der Bundesliga noch auf Platz 16 zurückfällt, das wäre uns natürlich am liebsten.

Moritz Cassalette (33) ist Radio-Reporter beim NDR und berichtet live aus den Stadien – unter anderem in der legendären Bundesliga-Konferenz. Sein erstes Spiel im Weser-Stadion sah der Bremer schon in den 80ern. Als Journalist begleitet er Werder seit 2006. Für seine Arbeit wurde er 2016 mit dem Herbert-Zimmermann-Preis und 2017 mit dem Kurt-Magnus-Preis ausgezeichnet.

Es ist für meine Redaktion vielleicht die aufregendste Zeit seit den unvergesslichen Nordderby-Wochen 2009. Für die (Sonder-)Sendungen ist vor diesem Wochenende vieles zu besprechen und zu organisieren: Interviews werden vereinbart, Übertragungswagen delegiert und zusätzliche Reporter eingesetzt. Ich werde übrigens oft gefragt, ob beim NDR in Hamburg nicht alle HSV-Fans seien. Klares „Nein!“ Nun kenne ich nicht alle Redaktionen, aber soweit ich das überblicken kann, liegen der HSV und Werder ziemlich gleich auf in der Gunst. Und tatsächlich sind alle Farben vertreten. Aber natürlich spielt der HSV beim NDR eine besondere Rolle. Und ich persönlich finde: Irgendwann ist der Dino einfach mal fällig, aber mir würde er in der Bundesliga auch fehlen. ich möchte die Nordderbys nicht missen. Außerdem hat die Liga in den vergangenen Jahren schon zu viel Tradition verloren…

Überhaupt kein Verständnis für die Pfiffe gegen die Mannschaft

Zwischendurch war der Tabellenkeller nichts für Menschen mit Platzangst - so eng ging es zu. Umso dankbar sollte jeder Werderaner sein, sich das alles von oben aus angucken zu können. Vor einem Jahr war Bremen das Hamburg von heute. Und ich habe ehrlich gesagt überhaupt kein Verständnis dafür, dass einige Werder-Fans am vergangenen Samstag im Weser-Stadion gepfiffen haben.

Ich habe bei Twitter in Form von Herzen viel Zustimmung bekommen, aber auch Widerworte. Hier ein Best-of: 

  • „Ein Witz ist nur die Leistung der Mannschaft.“ 
  • „Hier auf die Fans zu hauen, die immer 100% geben, das ist der eigentliche Witz.“
  • „Pfiffe sind bei so einer Nichtleistung absolut angebracht, die Fans bezahlen Geld und die Spieler verweigern die Ausführung ihres Jobs.“

Hierzu möchte ich folgendes festhalten: Ja, Werder war eine Stunde lang im Vergleich zu den vergangenen Wochen nicht wieder zu erkennen. Ja, nach 51 Minuten im eigenen Stadion mit 0:5 zurück zu liegen, ist die vielleicht größtmögliche Demütigung. Aber: Hoffenheim spielt die beste Saison der Vereinsgeschichte und ist in der Lage, jede Schwäche des Gegners gnadenlos auszunutzen (im Gegensatz übrigens zum 1.FC Köln. Eine Woche zuvor war Werder 30 Minuten nicht bissig genug, Hoffenheim hätte den Bremern in der Zeit wahrscheinlich schon vier Dinger eingeschenkt und nicht zwei. Prost!). Und: wenn eine Mannschaft so einen nicht für möglich gehaltenen Lauf hatte – in dieser Zeit den von vielen für wahrscheinlich gehaltenen Abstieg verhindert hat – dann darf irgendwann mal die Luft raus sein. Abstiegskampf setzt andere Kräfte frei als das Rennen um die Europa League. Ich finde das ziemlich menschlich. Insofern hätte ich von den angesprochenen Fans ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl erwartet. Unangebracht waren übrigens auch die Pfiffe für Sandro Wagner, der Werder vor sechs Jahren zum Klassenerhalt geschossen hat (und der von Jogi Löw übrigens völlig zurecht für den Confed-Cup nominiert wurde).

Dass Werder für Gnabry nur eine Durchgangsstation ist, war doch von Anfang an klar!

Gänsehaut hatte ich aber auch zweimal: Spätestens bei der Verabschiedung von Clemens Fritz sollte jedem im Stadion bewusst geworden sein, welch großer Spieler da in Rente geht. Das müssen die Bayern-Fans am Wochenende mit Philipp Lahm (unbestritten noch eine Nummer größer) erstmal übertreffen. Beeindruckend war auch, wie die Ostkurve die Mannschaft trotz der Niederlage nach der Partie gefeiert hat. Ich stand vor dem Spielertunnel, um Radio-Interviews mit den Spielern zu führen, da bekommt man die ganze Wucht der Fangesänge erst richtig zu spüren.

Schade, dass einigen Spielern eine ordentliche Verabschiedung verwehrt geblieben ist. Wobei Serge Gnabry vermutlich auch Pfiffe bekommen hätte. Er muss sich wegen des andeutenden Wechsels zu Hoffenheim im Internet schon einiges anhören. Auch da die Frage: Warum? Weil er verständlicherweise woanders mehr Geld verdienen und in der Champions League spielen kann? Dass Werder für ihn nur eine Durchgangsstation ist, war doch von Anfang an klar! Als er noch viele Tore für Werder machte, war das allen egal. Jetzt nicht mehr.

Findet Pizarro noch einen Verein, bei dem er viel spielt? Ich glaube nicht

Ich fürchte auch, dass Claudio Pizarro zum letzten Mal als Werder-Spieler im Weser-Stadion war. Er hat bereits gesagt, dass er noch ein Jahr weiter spielen will. Aus seinem Umfeld habe ich gehört, dass es ihm tatsächlich darum geht, noch zu kicken, nicht so sehr um Geld. Und dass ein Wechsel ins Ausland unwahrscheinlich ist, weil er bei seiner Familie sein will. Da stelle ich mir die Frage (und die Antwort schmerzt ein bisschen): Findet Pizarro überhaupt noch einen Verein, bei dem er viel spielen kann? Ich glaube nicht – am Wochenende könnte die große Karriere zu Ende gehen. In der Bundesliga wird ihn keiner mehr nehmen. Bei Werder hätte er (bei Gehaltsverzicht) zumindest die Chance, seine Erfahrung an die gerade wachsende Mannschaft weiter zu geben. Es gab in den vergangenen zwei Jahren Phasen, da wurde Claudio Pizarro in Bremen vergöttert. Menschen trugen plötzlich lilafarbene Pullover, um so auszusehen wie Pizarro bei seiner Rückkehr am Bremer Flughafen. Es gab Zeiten, da hätte der Peruaner auf dem Marktplatz die Hose runterlassen und gegen Roland pinkeln können, er wäre dafür gefeiert worden. Er hätte dem Esel der Stadtmusikanten die Beine wegziehen können und wäre dafür auf Schultern getragen worden.

Jetzt ist Claudio Pizarro wie ein ehemals heißer Stein, an dem man sich vielleicht nicht mehr die Finger verbrennt, der aber immer noch warm genug ist, um die Jackentasche schön kuschelig zu halten. Solche Persönlichkeiten hatte Werder selten – und der besonnene Frank Baumann sollte Pizarro davon überzeugen, noch ein Jahr dran zu hängen. Mit der ganz klaren Ansage: „Du bekommst nicht mehr so viel Kohle wie bisher, du spielst vielleicht nicht viel, aber du bist trotzdem unbeschreiblich wertvoll für uns.“ Denn zu viele Dinos auf einmal darf die Bundesliga nicht verlieren.

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