Raptors 3:1 vorne in den NBA-Finals

Kanadische Party geht weiter: Matchball für Toronto Raptors

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Eine Halle in kanadischer Hand: Anhänger der Toronto Raptors um Superfan Nav Bhatia feiern den Sieg in Oakland/Kalifornien.

Der Außenseiter wächst nochmals über sich hinaus: Auch das zweite Auswärtsspiel bei den Golden State Warriors gewinnt Toronto - und führt nun 3:1. Die Dynastie der Warriors steht kurz vor dem Einsturz. 

Toronto - Kawhi Leonard - der Roboter in Gestalt eines Basketballers - hat schon einmal eine Dynastie zum Einstürzen gebracht. 2014 war er die entscheidende Schachfigur der San Antonio Spurs im Duell mit den Miami Heat, damals zweifacher Meister: So etwas wie die Dame, Beschützerin des eigenen Oberhaupts mit vielfältigen Talenten im Angriff. Leonard erzwang das Schachmatt in fünf Spielen. LeBron James, der sich selbst König nennt, dankte ab. Danach zerfiel die Mannschaft. Der König zog in seine Heimat und versüßte seine Rückkehr mit einem Titel für die Cleveland Cavaliers zwei Jahre später. Gerade schickt sich Leonard an, das nächste Superteam zu zerstören. In den NBA-Finals 2019 führen seine Toronto Raptors nach dem 105-92-Erfolg in Spiel vier nun 3:1. Ein Sieg fehlt noch zur Meisterschaft. 

Nach dem Spiel leuchtet die Arena nicht golden sondern rot

Kawhi Leonard erzielte 36 Punkte gegen die Golden State Warriors. Sie folgten Miami nach und dominierten den zweiten Teil dieses Jahrzehnts mit fünf Finalteilnahmen in Folge. Im Sommer verlässt Golden State die Oracle Arena - ein Relikt aus Zeiten, in denen es nicht um Meisterschaften, sondern nur um Basketball ging. Sie ist die älteste Halle der Liga, in der das modernste Team im Basketball antritt. Auf der anderen Seite der Brücke in San Francisco eröffnen die Warriors das Chase Center. Es kostet 1,5 Milliarden US-Dollar und soll sich schnellstmöglich amortisieren. Kult-Status hat die Halle durch ihre gold-gelben T-Shirts erlangt, die der Ära der Warriors einen goldenen Glanz verliehen haben. Allerdings könnte es sein, dass die letzten Momente des alten Coliseums für immer in Rot getränkt bleiben. Die gelben Farbe verschwand in den letzten Minuten des vierten Spiels in Rekordgeschwindigkeit aus der Halle. Während sich die vielen roten Pünktchen wie in einem Mosaik zu einem Bildnis für die Ewigkeit schlossen. Für Fußballfans in Europa mag ein Block, der seine Mannschaft nach einem Sieg feiert, ein gewöhnlicher Anblick sein. Aber in den Hallen der NBA, in der Auswärts-Fans vor allem bei Final-Spielen kaum an Karten kommen, hat man so etwas noch nicht erlebt. Manche von ihnen waren aus Toronto eingeflogen wie Super-Fan Nav Bhatia, der Mann mit dem Turban, manche fuhren von Vancouver aus über die Grenze, manche wohnen in der Bay Area. „Sie müssen mal Spiele in Detroit sehen“, sagt Nick Nurse, der Trainer. In Detroit an der Grenze zu Kanada fühlt er sich fast wie bei einem Heimspiel, weil genauso viele oder mehr Fans der Raptors im Rund sitzen. „Das ist Kanadas Team“, betont Nurse. Weil zum ersten Mal ein kanadisches Team in den Endspielen der NBA steht, sei die Schar der Anhänger „extra laut“. Sie sang „O Canada“, die Nationalhymne, sie schrie „We the North“ („Wir, der Norden“), den Schlachtruf der Raptors, und sie postulierte: „One more game“ - frei übersetzt: Noch ein Sieg.

Ein Erfolg fehlt Toronto zur Überraschung, zum Titel. Der Gegner befindet sich dagegen im freien Fall Richtung Abgrund, den bisher nur eine Mannschaft überlebt hat. 33 Mannschaften schlugen auf. Einzig die Cleveland Cavaliers um LeBron James schafften es 2016, einen 1:3-Rückstand in den Finals noch umzubiegen. Gegen die Golden State Warriors. Für die Warriors ist die Zeit gekommen, sich dieser Schmach, mit der sie ganz Amerika aufzieht, zu entledigen. „Wir waren schon einmal in dieser Situation - nur auf der anderen Seite“, erklärt Draymond Green. „Warum sollten wir jetzt nicht unsere eigene Geschichte schreiben?“ Man möchte dem Antreiber des Meisters zurufen: Weil Toronto bislang einfach stärker war. 12 von 16 Vierteln haben die Raptors gewonnen. Im vierten Aufeinandertreffen verloren sie auch nur den ersten Abschnitt (17:23). Mit der gelben Wand im Rücken und einem fit-gekneteten Klay Thompson in der Startformation stürmte Golden State aufs Feld. Der Scharfschütze traf aus allen Lagen und sorgte für einen Vorsprung, der allerdings höher ausfällen hätte können.

Warriors erwartet der ultimative Test

Aber Leonard, Spitzname „die Klaue“, krallte sich an den Warriors fest und ließ sie nicht davonlaufen. Zur Pause lag Toronto knapp hinten. Nach dem Wechsel bricht bei Gegnern gerne die Massenpanik aus. Das dritte Viertel ist die Spezialität des Meisters. Aber Leonard klaute den Warriors auch diese Trumpfkarte. Mit zwei Dreiern warf er die Gäste in Front. Selbst nach solchen Treffern, die die Stimmung einer Halle von enthusiastisch auf nervös stellten, sprintet Leonard regungslos übers Feld. Deshalb nennen sie ihn Roboter oder Maschine. „Es sieht bei ihm nie so aus, als wäre er in Eile“, sagt Teamkollege Pascal Siakam. Ähnlich beeindruckt war Stephen Curry, der Top-Star des Gegners. „Kawhi war unfassbar.“ 37:21 gewannen die Raptors diesen Abschnitt. Leonards 17 Zähler bildeten das Fundament. Im letzten Abschnitt zitterten die Gäste kurz, als Fred van Fleet nach einem Ellbogenschlag am Boden lag. Es vergingen Minuten, bis sein Blut vom Parkett gewischt war. In der Kabine nähten die Ärzte seine Wunde unterhalb des rechten Auges mit sieben Stichen. Van Fleet saß wenige Minuten später wieder auf der Bank. Spielen musste er nicht mehr. Seine Kollegen hatten den Vorsprung souverän verwaltet.

In der Umkleide der Gastgeber spielten sich nach der Niederlage ganz neue Szenen ab. Jeden drängte es in die Dusche, alle wollten raus, kaum einer sprach. „Es hat sich richtig schlecht angefühlt“, betont Draymond Green. Man habe einzig über den Glauben gesprochen, ergänzt Stephen Curry, den Glauben an die Rückkehr. „Vor uns liegt der ultimative Test“, stellte Trainer Kerr klar. „Dafür leben wir.“ Ob seine Mannschaft jemals wieder in der Oracle Arena antritt, entscheidet sich in der Nacht auf Dienstag (2 Uhr deutscher Zeit). Fans in gelben Trikot werden in Toronto kaum zu finden sein. 

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