Olympiasiegerin spricht über deutsche Chancen

Maria Höfl-Riesch im Interview: "München wäre mir lieber gewesen"

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Maria Höfl-Riesch gewann bei den letzten Winterspielen in Sotschi noch Gold.

Maria Höfl-Riesch ist die erfolgreichste deutsche Ski-Rennläuferin bei Olympia. Im SID-Interview spricht sie über ihre Erfahrungen und die deutschen Chancen.

München - Sie ist die erfolgreichste deutsche Ski-Rennläuferin bei Olympischen Spielen. Sie gewann 2010 in Vancouver zwei Mal Gold (Kombination und Slalom), 2014 in Sotschi einmal Gold (Kombination) und einmal Silber (Super-G). Seit ihrem Rücktritt 2014 arbeitet Mari Höfl-Riesch als Expertin für die ARD. Im Interview mit dem SID spricht sie über ihre Erfahrungen bei Olympia und über das IOC, sie schwärmt von Marcel Hirscher und sagt, was sie Thomas Dreßen und Viktoria Rebensburg zutraut.

Maria Höfl-Riesch, Sie fahren zum dritten Mal zu Olympischen Winterspielen - aber das erste Mal nicht als Teilnehmerin. Ein komisches Gefühl?

Maria Höfl-Riesch: "Überhaupt nicht. Seit ich meine Karriere 2014 beendet habe, bin ich nach wie vor jeden Winter als ARD-Expertin im Weltcup unterwegs. Natürlich ist Olympia etwas Besonderes, aber ich denke nicht, dass Wehmut aufkommt. Ich freue mich, zu Olympia zu reisen und nicht den Druck zu haben, Medaillen gewinnen zu müssen."

Es gibt nichts, was Sie vermissen werden?

Höfl-Riesch: "Zugegeben: Obwohl viel Druck und Anspannung herrschen, ist dieser Nervenkitzel bei Olympia ein schönes Gefühl. Wenn es dann noch so gut läuft wie bei mir, dann ist dieses Glücksgefühl schon etwas Besonderes. Aber, nochmal, ich blicke ohne Wehmut zurück, ich bin froh und dankbar, dass ich das zweimal so erleben durfte, dass das zweimal so toll für mich gelaufen ist. Ich habe von Anfang an gut damit abgeschlossen, deswegen bereitet mir das auch keine Probleme."

Sie waren in Sotschi bei der Eröffnungsfeier Fahnenträgerin. Beschreiben Sie bitte, was man da empfindet.

Höfl-Riesch: "Das Gefühl ist unbeschreiblich. Das ist Gänsehaut pur."

Wer sollte diesmal die Fahne tragen? Wen würden Sie wählen?

Höfl-Riesch: "Da schlägt mein Herz natürlich für die Alpinen, Vicky Rebensburg als Olympiasiegerin 2010 und Medaillengewinnerin 2014 hätte es verdient. Verdient hätte es selbstverständlich jeder, der zur Auswahl steht, aber ich bin da meinen Alpinen treu und würde für die Vicky stimmen."

Für die Olympischen Spiele 2018 hatte sich ja auch München beworben. Sind Sie im Nachhinein noch immer traurig, dass es nicht geklappt hat.

Höfl-Riesch: "Ich freue mich, nach Südkorea zu fahren, ich bin gespannt, was mich dort erwartet. Aber wenn ich die Wahl gehabt hätte, wäre mir München natürlich lieber gewesen."

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Hätten Sie Ihre Karriere verlängert, wenn München gewählt worden wäre?

Höfl-Riesch: "Nein, das hätte meine Entscheidung nicht beeinflusst."

Die Olympischen Winterspiele finden erneut nicht in einem der Kernländer des Wintersports statt, also in Europa, und stattdessen nun sogar zweimal nacheinander in Asien. Ist das der richtige Weg?

Höfl-Riesch: "Wenn man die Meinung des Volkes hört, muss man ganz klar sagen: nein, leider nicht. Ich finde auch, dass die Spiele mehr in klassische Wintersportregionen gehören. Ich verstehe auf der anderen Seite aber auch nicht, dass man sich darüber beschwert, dass die Spiele nun zweimal in Asien stattfinden und gleichzeitig sagt: Wir wollen es hier bei uns nicht haben. Es ist das Sportevent, es hat Tradition, es ist wirklich etwas Besonderes. Irgendwo muss es ja stattfinden."

Teilen Sie die Ansicht einiger Kritiker, die sagen: Der Sportler steht beim IOC schon lange nicht mehr im Vordergrund?

Höfl-Riesch: "Teilweise. Ich glaube auch, dass das IOC weiß, dass es da nicht immer alles richtig gemacht hat. Mit gewissen Maßnahmen versuchen sie ja schon, daran etwas zu ändern. Was natürlich schon ein Problem ist: Olympia findet nur alle vier Jahre statt, und man hat keine Möglichkeit, seine Sponsoren zu präsentieren, obwohl das eine besondere Plattform ist. Ich habe das 2010 gemerkt, als ich Doppel-Olympiasiegerin geworden bin, wie sich dadurch mein Bekanntheitsgrad gesteigert hat. Und natürlich wäre es für jeden Athleten ein großer Vorteil, wenn bei Olympia die Möglichkeit bestünde, seine Sponsoren zu präsentieren."

Was halten Sie dann von Preisgeldern bei Olympia?

Höfl-Riesch: "Das hielte ich auch für gut. Es gibt bei jedem Weltcuprennen Preisgelder, bei einigen sogar sehr viel. Was die Jungs in Kitzbühel abkassieren, das ist schon cool. Aber auch gerechtfertigt. Die riskieren ihr Leben da runter. Wenn man sieht, welche Gelder bei Olympia fließen, sollte auch für die Athleten etwas dabei herausschauen."

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Wie wichtig war der Sieg von Thomas Dreßen in Kitzbühel für die deutschen Ski-Rennläufer?

Höfl-Riesch: "Ich hatte ja das Glück, dass ich das als ARD-Expertin in Kitzbühel hautnah miterleben durfte und ihn danach auch zum Interview hatte. Das ist für den ganzen Skisport unheimlich wichtig. Wenn sich sogar die Österreicher freuen, dass ein Deutscher gewinnt, dann weiß man, was das zu bedeuten hat."

Haben Sie das kommen sehen?

Höfl-Riesch: "Das ist ein tolles Team, mit Mathias Berthold als Cheftrainer und Christian Schwaiger als Abfahrtstrainer, der ja lange Jahre auch mich betreut hat und nach meinem Rücktritt für dieses, ich nenne es mal: Problemfeld geholt wurde. Der deutsche Herren-Abfahrtsrennsport war praktisch nicht mehr existent. Dort den Christian hinzustellen, war ein sehr kluger Schachzug. Er hat dieses Team jetzt Schritt für Schritt und Saison für Saison nach vorne gebracht, aber dass der letzte Schritt nach oben so schnell geht, das hätte ich nicht gedacht."

Hat diese Mannschaft, hat Thomas Dreßen Medaillenchancen?

Höfl-Riesch: "Sie gehören mit zum erweiterten Kreis der Favoriten. Wenn man Kitzbühel gewonnen hat, kann man das auch nicht mehr bestreiten. Ich traue dem Thomas auch zu, dass er mit der ganzen Situation cool umgeht. Er ist auch in Garmisch ein tolles Rennen gefahren - man muss den ganzen Hype ja erst mal wegstecken. Die Jungs sind gut in Form, trotzdem würde ich ihnen nicht den ganz großen Druck aufbürden und sagen, sie müssen eine Medaille gewinnen. Sie können eine Medaille gewinnen, aber das wissen sie selbst am besten."

Sie sind selbst als Medaillenfavoritin zu Olympia gefahren - und haben den Druck gemeistert. Welchen Rat würden sie Thomas Dreßen geben?

Höfl-Riesch: "Ski Alpin ist eine sehr komplexe Sportart, da muss so viel zusammenpassen an diesem einen Tag, das Material, dazu braucht man Glück mit den Verhältnissen. Ansonsten kann ich nur raten: Nicht unter Druck setzen, nicht an die Konsequenzen denken, seine Ziele klar vor Augen haben, sein Bestes geben."

Führt der Weg zu Gold im Riesenslalom der Frauen nur über Viktoria Rebensburg?

Höfl-Riesch: "Beim letzten Riesenslalom in Lenzerheide war Vicky mit Tessa Worley eine Klasse für sich. Bei drei Siegen und zwei zweiten Plätzen in sieben Rennen kann man nicht anders als zu sagen, dass sie Topfavoritin ist."

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Sie haben Mathias Berthold und Christian Schwaiger gelobt: Was macht die beiden so besonders?

Höfl-Riesch: "Mathias ist als Cheftrainer eigentlich der große Organisator, aber er war schon zu unserer Zeit auch auf der Piste sehr aktiv. Er ist selbst Athlet gewesen, was von Vorteil ist. Und Christian ist für mich der beste Trainer überhaupt. Er hat so ein gutes Gefühl, wie man die einzelnen Athleten anpacken muss. Und: Er sieht einfach alles und kann dem Athleten gut vermitteln, was die Fehler sind und wie sie abzustellen sind."

Wer wird der Superstar der alpinen Wettbewerbe?

Höfl-Riesch: "Ich setze sehr auf Marcel Hirscher. Und er hätte es auch verdient. Er fährt jetzt seit acht Jahren so konstant, jedes Jahr denkt man: besser geht es eigentlich nicht mehr, und das Jahr darauf ist er dann nochmal besser. Ihm fehlt halt die olympische Goldmedaille. Ich hoffe, er gewinnt sie."

Seine Leistungen in diesem Winter sind ja angesichts seines Knöchelbruchs im August noch höher zu bewerten, oder?

Höfl-Riesch: "Es ist irre. Er übertrifft sich immer wieder selbst. Er ist für mich ein Phänomen."

Was erwarten Sie von Mikaela Shiffrin?

Höfl-Riesch: "Abgesehen davon, dass sie ein Jahrhunderttalent ist, und man sich manchmal fragt, wer sie schlagen soll, sieht man an den letzten Rennen: Es ist nicht immer Sonntag. Man muss mental schon stark sein, wenn kurz vor Olympia solche Missgeschicke passieren mit den Ausfällen am Kronplatz und in Lenzerheide. Aber sie wird das wegstecken. Ich traue ihr alles zu."

Und was trauen Sie Ihrer alten Freundin Lindsey Vonn zu?

Höfl-Riesch: "Auch alles. Die Strecke in Pyeongchang liegt ihr, das hat man letztes Jahr bei der Generalprobe gesehen. Sie ist top motiviert. Sie macht mindestens eine Medaille, vielleicht sogar Gold."

sid

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