Rückblick zum Geburtstag

Boris Becker wird 50: Das irre Leben der Tennis-Legende

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Boris Becker feiert am heutigen Mittwoch seinen 50. Geburtstag.

Heute feiert Boris Becker seinen 50. Geburtstag. Ein Blick auf das irre Leben der deutschen Tennis-Legende mit Höhen und Tiefen.

München – Auch nach all den Jahren ist ihm Boris Becker noch ganz nah. Günther Bosch mag lange nichts von seinem früheren Schützling gehört haben, zuletzt zum 70. Geburtstag. Vielleicht, sagt er, war es auch der 75., auf jeden Fall ewig her, wenn man bedenkt, dass er im März 80 geworden ist. Aber da ist diese Uhr. Er trägt sie an seinem linken Handgelenk, und die Gravur an der Innenseite erinnert ihn immer an den Tag, der alles veränderte.

„G. Bosch

Wimbledon 1985

B.B. – I.T.“

Die zwei Bs stehen natürlich für Boris Becker, der sie damals für seinen Trainer bestellte, kurz nach dem 7. Juli 1985, dem Sieg beim wichtigsten Tennisturnier der Welt und seinem ganz persönlichen Urknall. I.T. ist Ion Tiriac, der ebenso finstere wie gewiefte Manager. Zu dritt reisten sie damals um die Welt. Von Tennisturnier zu Tennisturnier, zu schillernden Empfängen und einmal auch ins Weiße Haus. Dort spielte der 18-jährige Becker dann Doppel mit George Shultz, dem US-Außenminister, und mitten im Match empfahl er ihm, ein bisschen mehr zu laufen. Ronald Reagan, der Präsident, wirkte leider nicht mit, erinnert sich Günther Bosch: „Aber er kam mit dem Helikopter und schaute vorbei.“

Im Herbst 1986 hat Becker dem „Spiegel“ ein Interview gegeben und dabei viel von seinen Verpflichtungen außerhalb des Tennisplatzes erzählt. Einen besonders schönen Satz sprach er: „Ich bin noch nicht einmal 19 Jahre alt und muss schon Dinge erfüllen, die kaum ein 50-Jähriger erfüllen kann.“ Morgen wird er nun 50, und der Besuch im Weißen Haus war längst nicht das Verrückteste, was ihm bisher passiert ist.

Boris Becker wird 50: Im Zentrum steht Wimbledon 1985

Das Leben eines 50-Jährigen ist ein weites Feld. Das Leben des Boris Becker aber ist das weiteste Feld, das man sich nur vorstellen kann. „Bei ihm muss man das ganz große Bild malen“, sagt Patrik Kühnen. In diesem Bild sind die Geldsorgen, die momentan alles überschatten, nur ein Klecks, wenn auch ein kräftiger, und die Frauengeschichten tauchen irgendwo am Rande auf. Im Zentrum stehen die Jahre, die mit Wimbledon 1985, mit Günther Bosch und mit der goldenen Uhr begannen.

Irgendwann im Gespräch schnauft Kühnen tief durch und sagt: „Man soll nicht immer behaupten, dass früher alles besser war. Aber das war wirklich eine besondere Zeit.“ Er muss es wissen, er hat ja alles aus nächster Nähe miterlebt. Angefangen mit der allerersten Begegnung bei den Deutschen Jugendmeisterschaften, wo jeder Teilnehmer auch eine Partie auf dem Schiedsrichterstuhl leiten musste. „Und Boris“, erinnert sich Kühnen, „war mein Schiedsrichter.“

Der Ex-Profi, der heute für Sky kommentiert und in München Turnierdirektor ist, hat dreimal den Davis Cup gewonnen, davon zweimal an Beckers Seite, und ist bis heute mit ihm befreundet. Er hat den Wirbelsturm erlebt, der Becker umtoste. Zeitweise wurde er selber von ihm erfasst. Davis Cup-Termine waren damals regelrechte Feiertage, nicht nur für die Zuschauer. Auch die Spieler fieberten den Wochenenden entgegen. „Wir waren die erste Boygroup“, witzelt Kühnen. Becker, er selbst, Carl-Uwe Steeb und Eric Jelen. Selbst die Eltern der Vier bildeten eine Einheit. Sie trafen sich zum Doppel oder bei Vater Jelen in Trier und gaben sich den Namen „BeSteJeKü“. So eine Zeit war das damals.

Wenn Tennis-Deutschland sich heute die Frage stellt, wie hoch es mit Alexander Zverev gehen kann und welche Reaktionen ein großer Coup im Lande auslösen würde, dann lohnt sich ein Blick zurück. Einen Irrsinn wie damals, so viel lässt sich vorhersagen, wird es nicht mehr geben, egal, wie gut sich der junge Hamburger schlagen wird.

Im Zentrum des Lebens von Boris Becker stehen die Jahre, die mit Wimbledon 1985  begannen.

1985 gewann Becker seinen ersten von drei Wimbledontiteln – mit 17 Jahren, wie jeder Sportlaie heute weiß – , drei weitere Grand Slam-Titel folgten, Platz eins in der Weltrangliste, mehr als 25 Millionen Dollar Preisgeld, Besuche beim Papst, Treffen mit Nelson Mandela und vieles mehr. Der Schriftsteller Martin Walser verfasste regelrechte Hymnen auf ihn („Wenn Tennis eine Religion ist, dann ist Boris Becker ihr Gott“). Die Moderatorin Desiree Nosbusch nannte sich in den USA plötzlich Desiree Becker, weil ihr einfiel, dass dies der Nachname ihrer Großmutter war und Nosbusch auf einmal so sperrig klang. Der Mann, der eine Zeitlang nur „der 17-jährige Leimener“ war (und später dann „der 17-jährigste Leimener aller Zeiten“), bewegte ein ganzes Land. Buchstäblich.

Boris Becker wird 50: Überschießende Emotionen, zu triumphale Siege

Mitten in der Nacht standen die Leute nun auf und setzten sich vor den Fernseher, wenn ein Endspiel aus Tokio oder ein Halbfinale aus Indian Wells übertragen wurde. Es war nicht nur der Umstand, dass Becker so erfolgreich war. Fast noch faszinierender war das Wie. Diese überschießenden Emotionen, die ihn zu triumphalen Siegen trugen, manchmal auch zu unfassbaren Niederlagen. „Bei Boris“, sagt Patrik Kühnen, „konntest du regelrecht sehen: Jetzt kommt ein Break.“

Auch wenn Becker gerade weniger schöne Zeiten erlebt, ist es nicht übertrieben, ihn in einem Atemzug mit Max Schmeling oder Franz Beckenbauer zu nennen und seinen ersten Wimbledontitel mit dem WM-Sieg der Fußballer 1954 in Bern. Er begründete nicht nur einen Boom, sondern eine ganze Industrie. Überall entstanden Tennishallen, die Turnierlandschaft erblühte, und wenn Becker irgendwo auftauchte, war der Erfolg der Veranstaltung garantiert.

Boris Becker gewinnt Wimbledon: Das Video

„Ey, 17!“, entfährt es Kühnen, und dieser Ausruf bündelt die ganze Einzigartigkeit einer Sportlerkarriere. Alexander Zverev, der Hochbegabte, ist 20 und hat noch nie ein Grand Slam-Viertelfinale erreicht.

Aber natürlich hatte dieser Boom seinen Preis. „Für mich wäre das nichts gewesen“, räumt Kühnen ein. Der nahezu vollständige Verlust von Privatsphäre, die totale Vereinnahmung durch die Öffentlichkeit in guten wie in schlechten Zeiten mussten Becker zwangsläufig verändern, und das schon zu einem Zeitpunkt, als er noch ein junger Leimener war und nicht der Weltbürger späterer Tage. Einmal, erinnert sich Günther Bosch, versuchte sich sein Schützling in Monte Carlo mit schwarzer Perücke und dunkler Brille zu tarnen: „Er wurde trotzdem erkannt.“

Zum 50. Geburtstag von Boris Becker: So wurde ihm oft unrecht getan

Oft ist ihm unrecht getan worden. Die vielen „Ähs“, der badische Dialekt, der Tunnelblick, den er in der Öffentlichkeit aufsetzte – all das erweckte gelegentlich den Eindruck, Beckers Stärken beschränkten sich auf Aufschlag und Volley. Liest man dann aber frühe Interviews von ihm, stößt man auf viele kluge Sätze eines Mannes, der sich offensichtlich eine Menge Gedanken machte.

Neulich trat Becker in Ismaning auf, wo am Rande eines kleinen Turniers eine Gesprächsrunde zur Zukunft des deutschen Herrentennis stattfand. Der Raum war prallvoll und die Enttäuschung groß, als der Moderator ankündigte, es werde an diesem Tag ausschließlich um Sportliches gehen. Becker hat seit dem Karriereende 1999 vieles versucht und ist oft gescheitert. Sein vielleicht größter Irrtum bestand in der Annahme, die Spielregeln auf dem Platz ließen sich ins normale Leben übertragen und ein Nachteil mit ein paar Assen in einen Vorteil verwandeln. Doch wenn es um Tennis geht, wenn Becker ganz bei sich ist, dann ist er immer noch eine Instanz, charmant und vollkommen souverän. Und dass er seit ein paar Jahren wieder in seinem Sport aktiv ist, in seinem Element also, erst als Trainer des Serben Novak Djokovic und nun als Chef der deutschen Herrensparte, bildet einen erfreulichen Kontrast zu den privaten Schreckensmeldungen.

Auch Günther Bosch schaut aufmerksam hin, was sein alter Schützling macht. 1976 hat er ihn bei einer Sichtung in Biberach entdeckt, einen Achtjährigen mit Babyspeck und fulminanten Schlägen. Jahre später baten ihn die Eltern Becker, ihren Sohn zum Profi zu formen. Der Rest ist Geschichte.

Boris Becker wird 50: So denkt Ex-Trainer Günther Bosch über die Trennung

Bosch erinnert sich an die gemeinsame Zeit, als wäre es erst gestern auseinandergegangen. Und nicht schon im Herbst 1987, als Becker mehr Freiräume beanspruchte und mit seiner Freundin zu den Turnieren reisen wollte statt mit seinem Trainer. Die Bitterkeit klingt noch immer durch. Auch mit 30 Jahren Abstand fühlt sich Bosch abserviert, und dass Becker in den folgenden Jahren den Kontakt auf ein Minimum reduzierte, nimmt er persönlich: „Er wollte mich vergessen.“

Andererseits wird Becker jetzt 50, und sein alter Trainer weiß, mit dem Rückblick auf ein Sportlerleben ist es wie mit einem umkämpften Match: Entscheidend sind die Stärken, nicht die Schwächen. Und deshalb wünscht Bosch Boris Becker „nur das Allerbeste – das meine ich zu 100 Prozent ehrlich“.

Persönlich sagen wird er es ihm am Mittwoch aber nicht. Er hat keine aktuelle Handynummer.

Zum 50. Geburtstag von Boris Becker: Das machen seine Tennis-Rivalen heute

Michael Stich (49): Ist dem Tennis als Veranstalter des Traditionsturniers am Hamburger Rothenbaum treu geblieben. Kommendes Jahr läuft der Vertrag aus, zum Ärger Stichs, der das Turnier wiederbelebt hatte. Der Wimbledonsieger von 1991, als er im Finale Becker bezwang, betreibt in Hamburg mit zwei Ärzten eine Rückenschule.

John McEnroe (58): Ist wie kaum ein anderer über Jahrzehnte der Branche treu geblieben. Es gibt kein Großturnier, bei dem der Amerikaner nicht als Kommentator auftritt. Seine Wortbeiträge sind gefürchtet. Zuletzt legte er sich mit der damals hochschwangeren Serena Williams an, der er bescheinigte, in der Männer-Weltrangliste „bestenfalls die Nummer 700“ zu erreichen.

Stefan Edberg (51): Trat zuletzt im Juli öffentlich in Erscheinung, als er in der Spielerbox von Roger Federer den Wimbledonsieg des Schweizers verfolgte. Zu diesem Zeitpunkt war der Schwede längst Federers Ex-Coach. Er lebt mit seiner Familie auf einem Bauernhof in der Nähe von Växjö.

Andre Agassi (47): Hat es geschafft, fast vollständig aus der Öffentlichkeit zu verschwinden. Führte mit seiner Ehefrau Steffi Graf, mit der er zwei Kinder hat, ein zurückgezogenes Leben. 2009 überraschte der Amerikaner in seiner Biografie mit dem Geständnis, er habe Tennis immer gehasst. Trotzdem übernahm er im vergangenen Sommer das Traineramt bei Novak Djokovic. Sein Vorgänger war Boris Becker.

Ivan Lendl (57): Der Amerikaner mit tschechischen Wurzeln beendete 1994 seine Karriere, wurde Vater von fünf Töchtern und verabschiedete sich für fast zwei Jahrzehnte ins Privatleben. 2012 meldete er sich als Trainer des Briten Andy Murray zurück und führte ihn an die Spitze der Weltrangliste. Am Wochenende gaben die beiden ihre Trennung bekannt.

Marc Beyer

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