Handball-Rekordmeister in der Krise

"Beschämend": THW Kiel nur noch ein Schatten seiner selbst

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Kaum noch ein Durchkommen: Kiels Lukas Nilsson (r) im Zweikampf gegen Gedeon Guardiola der Rhein-Neckar Löwen.

Erst der schwache Auftakt in der Liga, nun ein historischer Fehlstart in der Champions League: Der THW Kiel ist zurzeit nur noch ein Schatten seiner selbst.

Kiel - "Grausam", "beschämend", "einfach traurig": Die Reaktionen im Internet hatten es in sich. Während die Stars des THW Kiel am Tag nach der 21:32-Demütigung bei Vive Kielce am Montag völlig frustriert die Heimreise aus Polen antraten, prasselten in den sozialen Netzwerken Hohn und Spott auf sie ein. Nach dem schlechtesten Kieler Saisonstart in 25 Jahren Champions League wird bei den Fans der Ruf nach Konsequenzen lauter.

Der Aufsichtsrat der Zebras hält allerdings weiter die Füße still und sprach dem zuletzt arg in die Schusslinie geratenen Trainer Alfred Gislason inmitten der schwersten Krise der letzten Jahre am Montag das Vertrauen aus. "Wir sind alle fest davon überzeugt, dass Trainer und Mannschaft gemeinsam den Erfolg wiederfinden werden. Hier sehen wir keinen Handlungsbedarf", sagte Reinhard Ziegenbein, Vorsitzender des fünfköpfigen Kontrollgremiums, nach Tagen des Schweigens den Kieler Nachrichten. Zur Position des ebenfalls in die Kritik geratenen Geschäftsführers Thorsten Storm äußerte sich Ziegenbein nicht.

Schlechtester Liga-Start seit 15 Jahren, Fehlstart auch international

Zwei Spiele, zwei Pleiten, Gruppenletzter: Die Zwischenbilanz des Rekordmeisters in der Königsklasse liest sich verheerend. Dem schlechtesten Liga-Start seit 15 Jahren folgte auf internationalem Parkett nun der nächste Tiefschlag. "Wir sind hierher gekommen, um zu zeigen, dass die Krise, von der jeder redet, nicht da ist", sagte Europameister Rune Dahmke den Kieler Nachrichten: "Aber wir lagen von Beginn an zurück."

Ohne ihren an der Bandscheibe operierten Trainer Alfred Gislason, dafür mit dem verletzten Spielmacher Domagoj Duvnjak und Christian Sprenger als Betreuer auf der Bank, gelang dem dreimaligen Champions-League-Sieger in Kielce so gut wie gar nichts. "Ich weiß nicht, woher diese Unsicherheit kommt", sagte der seit Wochen schmerzlich vermisste Duvnjak.

Für kurzfristige Abhilfe könnte ein Sportpsychologe sorgen. "Wir werden alles tun, um die Zusammenarbeit zu stärken und haben dem Trainer gesagt, dass die wirtschaftlichen Grundlagen geschaffen sind, wenn die sportliche Seite eine mentale Unterstützung der Mannschaft für erforderlich hält", sagte Aufsichtsratsboss Ziegenbein. Einen Mentaltrainer hat es beim THW - anders als bei Fußball-Bundesligisten, wo Sportpsychologen fast obligatorisch zum Personal gehören - bis dato nicht gegeben.

"Arbeitsverweigerung" und "Kindergarten": Kiels Fans verlieren Geduld

Viele treue THW-Anhänger verlieren angesichts der blutleeren Auftritte der Zebras allmählich die Geduld. Auf der offiziellen Facebook-Seite des Klubs war nach der "Kielcer Klatsche" (Kieler Nachrichten) in bissigen Kommentaren gar von "Arbeitsverweigerung" und "Kindergarten" die Rede.

Die Begründung des Umbruchs, mit der die beiden verpassten Meisterschaften zuletzt gerne entschuldigt worden waren, zieht nicht mehr. Mit jeder weiteren Niederlage wachsen die Zweifel an Trainer Gislason. Und auch Manager Thorsten Storm, der wie Gislason in Kiel noch einen Vertrag bis 2019 besitzt, steht inzwischen im Kreuzfeuer der Kritik.

Woche der Wahrheit für den THW Kiel

Dabei wollte der 20-malige deutsche Meister in dieser Saison nach zwei dritten Plätzen wieder angreifen. Der Meistertitel wurde als klares Ziel ausgegeben - und in der Königsklasse wurde das Final Four der besten vier Teams anvisiert. Davon ist der THW nach der fünften Pflichtspiel-Niederlage im achten Spiel weit entfernt.

"Wir müssen positiv bleiben", sagte Duvnjak: "Im Sport geht manchmal alles ganz schnell." Für den Turnaround wird es höchste Zeit, der THW steht vor einer Woche der Wahrheit. Erst sind die Kieler am Mittwoch gegen den dänischen Meister Aalborg Handbold in der Champions League gefordert. Am Sonntag folgt das richtungweisende Bundesliga-Spiel bei den Rhein-Neckar Löwen.

SID

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