Analyse

HSV: FC Bayern des Nordens – was ist nur falsch gelaufen?

Früher kämpften der HSV und der FC Bayern um die Bundesliga-Krone. Heute trennen beide Vereine Welten. Micky Beisenherz analysiert den Absturz der Rothosen.

Hamburg – Manchmal wird man in Zeiten des aktuellen Fußball-Business, in dem alles größer, schneller und bunter sein muss, nochmal zum Romantiker und kann die Gedanken an alte Tage nicht zurückhalten. Nicht nur in und um Hamburg ploppt dann auch der Gedanke an den HSV mit auf.

Fußballverein:Hamburger SV
Gegründet:29. September 1887
Stadion:Volksparkstadion
Kapazität:57.000 Plätze
Ligazugehörigkeit:Zweite Bundesliga
Trainer:Daniel Thioune

Die Rothosen waren 1983 immerhin Europapokalsieger, holten diverse Meistertitel und befanden sich auf Augenhöhe mit einem bestimmten Club aus München. Für den Hamburger Autor und Moderator Micky Beisenherz hätte der HSV sogar der „FC Bayern des Nordens“ werden können. Warum hat der Verein das verbockt?

Micky Beisenherz: HSV hätte FC Bayern des Nordens werden können

„Ich habe den HSV über Jahre hinweg immer sehr intensiv verfolgt“, erinnert sich Beisenherz im „Herz-Schlag.Verein“-Podcast der Hamburger Morgenpost. „Irgendwann war der Moment da, dass es sukzessive immer weniger wurde und ich dachte, ihr müsst jetzt erstmal ohne mich weitermachen“, sagt der 43-Jährige und ist sich sicher, dass der HSV nicht nur auf de Platz viele Chancen verpasst hat: „Sie hätten aus den vielen finanziellen und infrastrukturellen Möglichkeiten, die sie hatten, irgendwann mal etwas Stabiles machen sollen.“

HSV-Frust: Sonny Kittel (rechts) spielt mit den Hamburgern in der Zweiten Liga, Leroy Sane und der FC Bayern gehören zu den Besten der Welt. (24hamburg.de-Montage)

Beisenherz glaubt: Der Hamburger SV* hätte sich in den späten 2000er-Jahren „fest zwischen der Europa League und der Champions League“ etablieren und auf Augenhöhe mit europäischen, zumindest aber deutschen Spitzenvereinen agieren können. „Der HSV hätte der FC Bayern des Nordens werden können, aber er ist noch nicht mal mehr der 1. FC Köln des Nordens. Das gibt’s doch gar nicht“, ärgert sich der Mann, der unter anderem die Gags fürs RTL-Dschungelcamp schreibt und fügt hinzu: „Es ist für mich bis heute eine ganz große Unbekannte, wie sie es geschafft haben, aus diesem Potenzial so wenig zu machen. Das ist für mich unglaublich.“

Hamburger SV: Folgen sportlich sichtbar – nur Zweite Bundesliga statt europäische Spitze

Was aber lief in der Vergangenheit schief, dass aus dem sechsmaligen Deutschen Meister, zweifachen DFB-Pokalsieger, doppelten Europapokal-Gewinner (1977 und 1983) aus der Hansestadt Hamburg* ein Verein wurde, der nicht mal mehr annähernd so groß, gut und erfolgreich ist wie der FC Bayern München? Dessen Titelsammlung liest sich um Einiges imposanter als die des Clubs aus dem Volksparkstadion*: 30 Mal Deutscher Meister, 20 Mal DFB-Pokalsieger, den UEFA-Cup gewonnen, zudem den UEFA Super-Cup, den Weltpokal und zuguterletzt sechsmal den Europapokal der Landesmeister beziehungsweise die Champions League.

Die Gründe sind vielfältiger Natur. Es lässt sich jeder Zeit auf jeder Ebene ansetzen: In Hamburg kommt man mit Krisen, wie der HSV derzeit eine hat, nicht zurecht. Der Druck auf die Mannschaft von Trainer Daniel Thioune* ist – wie schon bei dessen Vorgänger Dieter Hecking* und wiederum dessen vielen Vorgängern – so groß, dass den Spielern auf dem Platz erst der Kopf und dann die Beine versagen. Das bisherige Ende ist bekannt: der Nicht-Aufstieg. Oder zu Zeiten, als der HSV noch Bundesligist war, eben der Abstieg. Auch, wenn man in den Jahren zuvor dem sprichwörtlichen Tod immer so gerade noch von der Schippe springen konnte.

HSV: Machtkämpfe außerhalb des Platzes – Marcell Jansens Präsidentenzeit gescheitert

Immer dann, wenn es sportlich beim HSV läuft – so wie in vielen Wochen in der laufenden Saison mit einem HSV-Kader*, der durchaus aufstiegsreif ist –, kommt zudem beim HSV ein unglaubliches Phänomen hinzu: Stress uns Ärger außerhalb des Platzes, der alles das, was auf dem Feld gut läuft, überdeckt. War es im Frühjahr 2020 beispielsweise die Entlassung des damaligen Vorstandschefs Bernd Hoffmann*, so geht in diesem Jahr der ewig lange Machtkampf des Präsidiums beim HSV e.V., der mit dem Komplett-Rücktritt des Trios um Marcell Jansen endete, als Störfeuer in die Geschichte ein.

Der HSV hätte der FC Bayern des Nordens werden können, aber er ist noch nicht mal mehr der 1. FC Köln des Nordens. 

Micky Beisenherz, Moderator und Autor

Apropos Jansen: Anders als in München, wo über Jahrzehnte verdiente Ex-Spieler wie Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß, den Ex-HSV und Ex-Bayern Spieler Hasan Salihamidzic oder zuletzt Oliver Kahn auf wahrlich verantwortungsvollen Positionen in den Verein integriert wurden, schafft der HSV genau dieses Kunststück nicht. Marcell Jansens Präsidentenzeit ist (vorerst) gescheitert, die von Uwe Seeler* geht auch nicht als die glücklichste in die Geschichte ein. Immerhin haben es die verantwortlichen geschafft, mit Horst Hrubesch* eine HSV-Legende als Verantwortlichen für den Nachwuchsbereich zu installieren.

HSV-Spieler setzten sich beim FC Bayern durch – Ex-Münchener Sven Ulreich beim HSV in der Kritik

Das Ungleichgewicht ist unverkennbar – und auch, was Spieler und deren Entwicklung angeht, lässt sich das Bild so fortsetzen: Hasan Salihamidžić oder auch Jérôme Boateng, die beide das HSV-Trikot trugen, schafften beim FC Bayern eine große Karriere – auch, wenn Boateng nach zehn Jahren bei den Bayern jetzt das Aus droht*. Andersherum brachte zumindest ein Wechsel zuletzt nicht unbedingt den erhofften Erfolg: Torhüter Sven Ulreich*, den die Hamburger im vergangenen Jahr aus München an die Elbe* holten, macht in dieser Saison oft einen unglücklichen Eindruck und ist der Kritik ausgesetzt: Ulreich ist ein Risikofaktor. * 24hamburg.de und tz.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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