Fußball-WM der Frauen

Comeback einer Spätstarterin: Marina Hegering genießt die Zeit bei der WM

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Dehnen für Südafrika: Marina Hegering (links).

Sie hat jahrelang mit Fußball ausgesetzt und ist jetzt eine Stütze der Frauen-Nationalmannschaft: Marina Hegering bringt ihre besondere Vita bei der WM erfolgreich mit ein.

Mittelalterliches Ambiente, mediterranes Flair: Marina Hegering musste am Freitag gar keinen Hehl daraus machen, dass der freie Nachmittag in Montpellier bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft besser nicht hätte passen können. „Wir sind einfach mal durch die Gassen geschlendert und haben die Atmosphäre genossen“, sagte die 29-Jährige: „Die Stadt hat viel Potenzial.“ Die berühmtesten Schauplätze wie der Place de la Comédie und das Musée Fabre sind fußläufig vom Teamhotel entfernt. „Atmosphäre schnuppern“, nannte es die Abwehrchefin, um dann konzentriert das letzte Gruppenspiel gegen Südafrika (Montag 18 Uhr/ ARD) anzugehen.

Inzwischen haben die DFB-Frauen bei der Fußball-WM 2019 durch die neue Gruppenkonstellation bereits das Achtelfinale sicher, ein Remis reicht sogar zum Gruppensieg, um vor allem ein Aufeinandertreffen mit Weltmeister USA in Achtel- und Viertelfinale zu vermeiden. Hegering möchte sich gegen Südafrika im Stade de la Mosson „Sicherheit holen“, denn: „Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch. Wir sind bestimmt noch nicht fehlerfrei.“

Marina Hegering gilt als eine der Entdeckungen des Turniers

Gleichwohl: Die Nummer fünf gilt als eine der Entdeckungen des Turniers. Eine stabile Stütze, die im Zusammenspiel mit ihrer Mitstreiterin in der Innenverteidigung, Sara Doorsoun, auch menschlich auf einer Wellenlänge funkt. „Maschina“ wurde Hegering vor der Saison 2017/2018 von der Nationalmannschaftskollegin bei der SGS Essen getauft. „Jeder sieht, dass sie sehr athletisch ist. Und weil jede Spielerin in Essen einen Spitznamen bekommt, lag das bei ihrem Vornamen ja nahe“, verriet Doorsoun. Doch dass Hegering noch mal für die Nationalmannschaft spielen würde, lag damals ungefähr so weit weg wie Montpellier von Bocholt. Ihrer Geburtsstadt.

Rückblende: Hegering galt früh als großes Talent, gewann 2010 mit der heutigen Kapitänin Alexandra Popp in Deutschland die U20-Weltmeisterschaft, mit dem FCR 2001 Duisburg danach den DFB-Pokal und Uefa-Cup, doch dann verschwand sie nach einer Fersenverletzung für lange, lange Zeit von der Bildfläche. „Eigentlich war das keine Riesensache, allerdings gab es nach der ersten Operation eine Wundheilungsstörung. Und das hat sich leider sehr lange gezogen. Es gab mehrere Operationen, und es hat sehr, sehr lange gedauert, bis wirklich alles in Ordnung war: sechs Jahre in allem.“

Sie sagt das inzwischen fast ohne Regung. Nicht jeder kehrt nach einer solchen Auszeit im besten (Fußball-)Alter noch zurück. Die Spätstarterin mit den Sommersprossen empfindet ihr Comeback als großes Glück, weil sie zwangsläufig den Fokus weg vom Fußball lenken musste. „Man arbeitet sich eigentlich von Zwischenziel zu Zwischenziel, aber natürlich war das nicht einfach für mich. Und manchmal fragt man sich: Wird das überhaupt noch mal was?“

Auch mit ihrem Studium konnte sie sich nicht ablenken, „das hat weniger gut funktioniert, weil ich Sport studiert hatte“. So absolvierte sie noch eine kaufmännische Ausbildung im Bayer-Konzern, nachdem sie 2011 zu Bayer Leverkusen gewechselt war. „Ich habe irgendwann meinen Lebensmittelpunkt auf das Berufliche ausgerichtet.“ Nachdem sie dann doch wieder in der Frauen-Bundesliga Fuß fasste, bestritt sie ihr erstes Länderspiel erst am 6. April dieses Jahres in Schweden (2:1).

Martina Voss-Tecklenburg schätzt Abgeklärtheit von Marina Hegering

Danach gegen Japan (2:2) und Chile (2:0) wurde sie von deutschen Fans gleich zweimal zur „Spielerin des Spiels“ gekürt. Nun hat sie dazu beigetragen, dass es gegen China (1:0) und Spanien (1:0) noch kein Gegentor gab. Die Aufgaben in der Abwehrzentrale sind gemäß nach den individuellen Stärken verteilt: Die eine (Hegering) ist für die Kopfball-, die andere (Doorsoun) für die Laufduelle zuständig. Doch während Doorsoun zuerst der gewaltige Druck zu schaffen machte, spielte Hegering ohne große Last. „Emotional habe ich eine andere Wahrnehmung als eine junge Spielerin. Ich genieße einfach die Zeit hier.“

Von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg wurde sie ja ganz bewusst für eine tragende Rolle ausgesucht: „Ihre Lebensgeschichte ist etwas Besonderes. Diese Erfahrung hat sie geprägt.“ Überdies sei Hegering eine Person, „die in einem Raum kommt und sofort präsent ist“. Die Trainerin schätzt Organisationstalent, Aufbauspiel und Abgeklärtheit und traute Hegering mehr zu als Babett Peter, die nach ihrer Nicht-Nominierung mit 31 Jahren prompt ihren Rücktritt im Nationalteam erklärte. Was Hegerin heute besser kann als früher, vermag sie selbst gar genau zu sagen. Nur dies: „Ich habe ganz andere Erfahrungswerte als Persönlichkeit. Die verlorenen Jahre steckt man nicht einfach so weg.“

Von Frank Hellmann

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