Ego-Spiel mit dem Feuer?

Hat Trump überreizt? Sogar Fox News lässt ihn auflaufen - Persönlicher Anruf endet offenbar peinlich

Donald Trump bei seiner viel kritisierten Rede am Donnerstagabend im Weißen Haus.
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Donald Trump bei seiner viel kritisierten Rede am Donnerstagabend im Weißen Haus.

Wie einst Gerhard Schröder? Donald Trump irritiert nach der US-Wahl sogar Verbündete. Selbst Fox News lässt den Präsidenten fallen. Zugleich wagt er ein Spiel mit dem Feuer.

  • Die US-Wahl 2020 geriet zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen. Doch Donald Trump rief sich früh zum Sieger aus.
  • Mit dieser Strategie irritiert der US-Präsident nicht nur die OSZE - auch Verbündete zeigen sich entsetzt.
  • Betrugsvorwürfe, selbst proklamierte Siege und Klagen könnten ein Rückzugsgefecht sein, aber auch ein Spiel mit dem Feuer.

Update vom 6. November: Heftige Kritik an Donald Trump gab es in jeder Phase der Amtszeit des US-Präsidenten - doch auf einige Verbündete konnte Trump stets zählen. Der erzkonservative TV-Sender Fox News stützte seinen Kurs öffentlichkeitswirksam. Und die republikanische Partei hielt zumindest still. Mit seinen drastischen und unbelegten Vorwürfen nach der US-Wahl hat Trump aber ganz offensichtlich rote Linien überschritten: Nach einer erneuten Wut-Rede Trumps greifen Republikaner zu deutlichen Worten. Zugleich werden Berichte über einen handfesten Streit mit Fox publik.

Ausgerechnet der republikanische Gouverneur des traditionell konservativen Südstaats Texas, Larry Hogan, attackierte Trump hart. „Es gibt keine Verteidigung für die Kommentare des Präsidenten heute Abend“, erklärte er in einem Tweet. Trump untergrabe den demokratischen Prozess. Hogan unterstellte seinem Parteifreund indirekt einen egoistischen Kurs: „Keine Wahl oder Person ist wichtiger als unsere Demokratie“. Adam Kinzinger, Abgeordneter der Republikaner im Repräsentantenhaus, sprach von einer „wahnsinnigen“ Rede. Er forderte Belege für die Betrugs-Vorwürfe des Präsidenten.

Hinter den Kulissen hat sich Trump zudem offenbar mit Fox angelegt. Hintergrund war die frühzeitige Festlegung des Senders, Herausforderer Joe Biden habe den Bundesstaat Arizona gewonnen: Berater Jason Miller rief Berichten zufolge bei Fox News an und forderte eine „Richtigstellung“ des Ergebnisses. Nach Informationen der Washington Post versuchten auch Pressesprecherin Kayleigh McEnany, Kellyanne Conway und Stabschef Mark Meadows eine Änderung zu erreichen.

Vanity Fair-Reporter Gabriel Sherman will gar von einem persönlichen (und lautstarken) Anruf Trumps bei Sender-Besitzer Rupert Murdoch erfahren haben. Gebracht hat es offensichtlich nichts: Die Journalisten blieben standhaft - möglicherweise ein weiteres Indiz für schwindenden Einfluss Trumps. Dem Bericht zufolge geht Murdoch allerdings schon seit Monaten von einer Niederlage Trumps aus. Doch nun wird die Misere für Trump unangenehm: Fox-Mitarbeiter hatten den US-Präsidenten schon am Tag nach der Wahl heftig im laufenden TV-Programm kritisiert (siehe Erstmeldung). Diese Linie setzte sich fort: Auch bei Fox wurden Belege für die Betrugs-Vorwürfe des US-Präsidenten gefordert.

Ein Treppenwitz der Geschichte: Just in Sachen Arizona hatten Trump und sein Team durchaus einmal Argumente auf ihrer Seite: In dem Bundesstaat wird immer noch gezählt, Ausgang offen.

„Lawsuits, Schmawsuits!“ Ist Trump zu weit gegangen? Sogar Fox News lässt US-Präsidenten fallen

Donald Trump am Morgen nach der US-Wahlnacht.

Erstmeldung vom 5. November: Washington/Austin - Noch in der Nacht der US-Wahl sah Donald Trump den Moment gekommen, einen von langer Hand vorbereiteten Plan umzusetzen: „Wir sind gewaltig in Führung, aber sie versuchen, die Wahl zu STEHLEN“, twitterte der US-Präsident.

Auch fast einen Tag später war noch nicht endgültig geklärt, wer den Wahlsieg davontragen wird. Klar scheint indes etwas anderes: Trump hat mit seinem Vorgehen so einige Fans und Verbündete verprellt. Am augenfälligsten wurde das am Beispiel des Senders Fox News: Der dem US-Präsidenten lange treu ergebene TV-Kanal übte sich erst in Kritik. Dann folgte sogar offener Sarkasmus.

Für Teile seiner Anhänger hat Trump offenbar sein Blatt überreizt. Nichtsdestotrotz setzte Trumps Team im Laufe des Mittwochs immer noch einen drauf. Beobachter in Deutschland konnte das Geschehen an einen inzwischen berühmt-berüchtigten Wahlabend-Auftritt Gerhard Schröders erinnern. In den USA scheint die Lage allerdings ernster.

US-Wahl 2020: Trump verärgert Verbündete - sogar Fox News lässt US-Präsidenten fallen

Für seine Diebstahl-Vorwürfe und selbst proklamierten Siege in mehreren Bundesstaaten kassierte Trump jedenfalls herbe Kritik aus der Fox-Redaktion. „Er hat diese Staaten nicht gewonnen. Niemand sagt, dass er die Staaten gewonnen hat“, betonte TV-Journalist Chris Wallace. Auch Trumps Ruf nach einem Stopp der Auszählungen erteilte er vor Trumps treuestem Publikum eine Absage. „Es steht überhaupt nicht in Frage, dass diese Staaten noch tagelang Stimmen auszählen können.“

Noch bitterer klang eine Replik aus dem Hause Fox auf Trumps Ankündigung, vor den Supreme Court zu ziehen. Dem New York Times-Journalisten Michael Grynbaum war die klare Ansage von Fox-Politik-Experte Chris Stirewalt einen Tweet wert: „Lawsuits, Schmawsuits“, urteilte Stirewalt kühl über Trumps Ansinnen einer Klage (engl. „lawsuit“): „Wir haben keinerlei Beweis gesehen, dass irgendetwas falsch ist.“

Donald Trump verprellt Republikaner: „Schlicht falsch“

Trumps Probleme enden allerdings nicht bei Fox. Auch in Reihen der Republikaner sehen viele das Vorgehen des US-Präsidenten offenbar als Angriff auf die Demokratie. Der frühere Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur Chris Christie erklärte ABC News, Trump habe „keine Basis“ für seine Forderungen. „Ich bin nicht einverstanden mit dem, was er heute getan hat. Es gibt einen Punkt, an dem man den Dingen ihren Lauf lassen muss, bevor man behauptet, es gebe Verzerrungen.“

Selbst der Ultrakonservative Rick Santorum wandte sich in dieser Frage von Trump ab. Das Wort „Betrug“ zu verwenden, sei schlicht „falsch“, erklärte er dem TV-Sender CNN. Abzuwarten bliebe, ob die Manöver des Wahlabends auch die Treue der Republikaner im Kongress in einer etwaigen zweiten Amtszeit untergraben könnten.

Trump in Nöten: US-Präsident reagiert mit Sieges-Behauptungen

Die Strategie, munter weiter Wahlsiege zu verkünden, führte Trumps Lager am Mittwochabend deutscher Zeit nichtsdestotrotz fort. „SIEG für Präsident Donald Trump in PENNSYLVANIA!!“, twitterte Pressesprecherin Kayleigh McEnany. Auch Präsidentensohn Eric Trump behauptete „wir haben Pennsylvania“ gewonnen. McEnanys Post konterte CNN-Faktenchecker Daniel Dale mit einem kühlen „Nein.“ Auch neue Betrugsvorwürfe erhob Trump am Mittwochabend - von „weggeworfenen Wahlzetteln“ schrieb der US-Präsident auf Twitter. Belege brachte er nicht vor.

Für seine Strategie musste sich Trump sogar harsche Kritik der OSZE-Wahlbeobachter in den USA gefallen lassen. „Grundlose Anschuldigungen systematischer Defizite, insbesondere durch den amtierenden Präsidenten“ schadeten dem „Vertrauen der Öffentlichkeit in die demokratischen Institutionen“, hieß es Mittwoch. Geleitet wird die OSZE-Mission von dem deutschen FDP-Politiker Michael Georg Link. Ein erfahrener Wahlbeobachter hatte schon vor dem Wahltag bittere Parallelen zu „fragilen Demokratien“ gesehen*.

Trump wie einst Gerhard Schröder? US-Präsident womöglich auf gefährlichem Rückzugsgefecht

Rechtliche Schritte leitete Trumps Team im Ringen um den Bundesstaat Pennsylvania ein. Die Mitarbeiter des US-Präsidenten forderten, die Auszählung solle ausgesetzt werden, bis eigene Wahlbeobachter Zugang erhalten. Außerdem will sie verhindern, dass bis zum Wahltag verschickte Briefwahlzettel ausgezählt werden, die bis Freitag dort eingehen. Der Supreme Court hatte das Vorgehen vor der Wahl allerdings in dieser Form zugelassen. Der demokratische Gouverneur des Bundesstaates, Tom Wolf, sprach von „schändlichen Bemühungen“, einen demokratischen Prozess zu untergraben.

Ausfälligkeiten geschlagener Amtsinhaber gibt es freilich nicht nur in den USA. In Deutschland hatte Gerhard Schröder 2005 in der „Elefantenrunde“ seine - in Zahlen längst klar messbare - Niederlage gegen Angela Merkel rundheraus bestritten. „Es war das ausgebrochene Ego, das den Kanzler aufputschte und seine Attacken gegen die Kanzlerkandidatin Merkel, gegen die Moderatoren und gegen die Realitäten des Wahlergebnisses reiten ließ“, erinnerte sich der damalige Moderator Nikolaus Brender später.

USA erleben turbulente Präsidentenwahl: Trump „wirft Streichhölzer in hochexplosiver Situation“

Möglich, dass das auch bei Donald Trump der Fall ist. Nicht weniger Beobachter schreiben dem US-Präsidenten eine beinahe krankhafte Fixierung auf sein eigenes Image zu. „Verlieren ist niemals leicht. Nicht für mich“, sagte der Amtsinhaber selbst noch am Wahltag.

Angesichts fraglicher Erfolgsaussichten von Klagen und wilden Siegesbehauptungen könnte es Trump nun darum gehen, zumindest in den Augen seiner Anhänger als „Sieger“ in Erinnerung zu bleiben. Diese Taktik bringt allerdings nicht nur Parteifreunde gegen ihn auf - auch die Gefahr von Unruhen in den Vereinigten Staaten scheint immer noch nicht vollends gebannt. Trump werfe Streichhölzer in einer „hochexplosiven Situation“, urteilte Fox-Mann Wallace.

Allerdings tut sich auch Kontrahent Joe Biden schwer, die richtige Reaktion zu finden. Am Mittwochabend deutscher Zeit erklärte er, seine Kampagne habe offensichtlich genug Stimmen für eine Mehrheit im Electoral College erhalten. Auch über seine Pläne nach Amtsantritt sprach der Demokrat. Offiziell den Sieg für sich zu beanspruchen vermied er aber. (fn) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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