„Ich behaupte, dass hinter der Tat...“

Erstes Interview: Nawalny erklärt, wer ihn wohl vergiftet hat - schlimme Vermutung

Ein Foto, das der russische Oppositionsführer am 23. September 2020 auf seinem Instagram-Account veröffentlicht hat, zeigt Alexej Nawalny auf einer Parkbank sitzen.
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Putin-Kritiker Alexej Nawalny kurz nach seiner Entlassung aus der Berliner Charité. Jetzt hat er ein erstes Interview gegeben.

Alexey Nawalny hat sein erstes Interview nach seiner Vergiftung gegeben. Er ist sich sicher, wer für den Anschlag verantwortlich ist.

  • In seinem ersten Interview spricht Alexey Nawalny über den Giftanschlag, durch den er in einem Flugzeug zusammenbrach und nur knapp überlebte.
  • Er äußert Vermutungen, wen er für die Tat verantwortlich macht: Russlands Präsident Putin.
  • Unterkriegen lassen will er sich nicht: Nawalny will nach Russland zurückkehren.

Hamburg - In seinem ersten großen Interview nach dem Giftanschlag* auf ihn hat der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny* den russischen Staatschef Wladimir Putin für die Tat verantwortlich gemacht. „Ich behaupte, dass hinter der Tat Putin steht“, sagte Nawalny in einem Interview mit dem Spiegel, das am Donnerstagmorgen (1. Oktober) veröffentlicht wurde. „Andere Versionen des Tathergangs“ sehe er nicht.

Erstes Interview nach seiner Vergiftung: Nawalny behauptet, Putin stecke hinter dem Anschlag

Nawalny ist sich dieser Sache so sicher, weil das Nervengift Nowitschok gegen ihn eingesetzt wurde. „Der Befehl, es einzusetzen oder herzustellen, kann nur von zwei Männern stammen – dem Chef des FSB oder des Auslandsgeheimdienstes SWR.“ Auf Nachfrage räumte Nawalny ein, dass auch der militärische Geheimdienst GRU dazu fähig sei. Wer die „russische Wirklichkeit“ kenne, der wisse: „FSB-Chef Alexander Bortnikow, SWR-Chef Sergej Naryschkin und auch der GRU-Chef können so eine Entscheidung nicht ohne Putins Anweisung treffen. Sie sind ihm unterstellt.“

Nawalny kündigte in dem Interview an, nach Russland zurückzukehren. „Meine Aufgabe ist jetzt, der Typ zu bleiben, der keine Angst hat“, sagte er dem Spiegel (hinter Bezahlschranke), „Und ich habe keine Angst!“ Zuvor hatte bereits Nawalnys Stabschef Leonid Wolkow gesagt, dass Nawalny nach seiner Genesung in seine Heimat zurückkehren wolle. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus am 22. September benötigt Nawalny allerdings noch eine längere Reha-Therapie.

Nawalny spricht eindrucksvoll über seine Vergiftungserfahrung: Schlimmer als Schmerzen

Der prominente Kreml-Kritiker war am 20. August auf einem Flug vom sibirischen Tomsk nach Moskau zusammengebrochen. „Du fühlst keinen Schmerz, aber du weißt, du stirbst. Und zwar jetzt sofort“, beschrieb Nawalny das Gefühl, als er bemerkte, dass er vergiftet wurde. Ein Video der Szene, auf dem Nawalnys Schreie zu hören sind, kommentierte er folgendermaßen: „Ich habe mir das angeschaut, im Internet zirkuliert es unter dem Titel ‚Nawalny schreit vor Schmerz‘. Aber es war kein Schmerz, es war etwas anderes, Schlimmeres. Schmerz lässt dich empfinden, dass du am Leben bist. Hier verstehst du einfach: Das ist dein Ende.“

Nawalny geht davon aus, das Gift auf einer Oberfläche berührt und über die Haut aufgenommen zu haben. „Es gibt viele Gegenstände, die man in einem Hotel berührt, bevor man es verlässt – die Dusche, die Toilette, den Kleiderständer, den Griff deiner Tasche –, irgendwas berührst du sicher. Deshalb ist es so wichtig, meine Kleidung zu untersuchen“, führte er seinen Verdacht aus.

Nawalny: Beweise wurden bewusst beseitigt

Eben jene Kleidung wurde Nawalny jedoch bei seiner Einweisung in das Krankenhaus in Omsk abgenommen. Nawalny ist überzeugt, die Sachen nie wiederzusehen. „Ich habe keinen Zweifel, dass meine Kleidung seit einem Monat in einem großen Tank Bleiche köchelt! Damit die Spuren beseitigt werden“, sagte er gegenüber dem Spiegel und lachte.

Zwei Tage nach der Vergiftung wurde Nawalny auf Drängen seiner Familie und seiner Unterstützer zur Behandlung in die Berliner Universitätsklinik Charité gebracht; In Deutschland wurde eine Vergiftung mit einem chemischen Nervenkampfstoff aus der Nowitschok-Gruppe festgestellt. Labore in Frankreich und Schweden bestätigten diesen Befund eines Bundeswehrlabors.

Die russische Regierung weist den Verdacht zurück, staatliche russische Stellen könnten Nawalny gezielt vergiftet haben. Der Fall hat für erhebliche Spannungen zwischen Berlin und Moskau gesorgt. Die Bundesregierung erwartet, dass bei dem am Donnerstagnachmittag beginnenden EU-Gipfel die Mitgliedstaaten den Giftanschlag auf den bekannten russischen Oppositionellen gemeinsam verurteilen.

Video: Solidaritätsbekundung: Merkel besuchte Nawalny im Krankenhaus

Bundeskanzlerin Angela Merkel* (CDU) zeigte ihre Unterstützung für Nawalny auch dadurch, dass sie ihm vergangene Woche einen Krankenbesuch abstattete. Die Anteilnahme Merkels hat Nawalny stark bewegt. Er habe zuvor keine gorße Bindung zu Deutschland gehabt, das sei jetzt anders, sagte er im Spiegel-Interview. „Die Ärzte der Charité haben mein Leben ein zweites Mal gerettet, und sie haben mir, was noch wichtiger ist, meine Persönlichkeit zurückgegeben.“ (lb mit AFP) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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