Katholische Kirche

Brisanter Bericht über Missbrauchsfälle in München - Wusste Papst Benedikt davon?

Ein neuer Missbrauchsfall wirft kein gutes Licht auf die katholische Kirche in Deutschland
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Ein neuer Missbrauchsfall wirft kein gutes Licht auf die katholische Kirche in Deutschland.

Die katholische Kirche in Deutschland sieht sich mit neuen Vorwürfen konfrontiert. Es geht um kollektives Wegsehen bei Missbrauchsfällen. Was hat Joseph Ratzinger damit zu tun?

  • Neuer Wirbel um Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland.
  • Ein Priester konnte sich angeblich jahrelang Vergehen leisten, ohne dafür eine gerechte Strafe zu erhalten.
  • Versuchten ranghohe Kardinäle den Fall Peter H. zu vertuschen?

München - Seit Jahren wirft ein mangelhafter Umgang mit der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen ein schlechtes Licht auf die katholische Kirche in Deutschland. Nun bekannt gewordene Verfehlungen eines Priesters seit den späten 70er-Jahren verdeutlichen laut der Süddeutschen Zeitung, dass die größte Glaubensgemeinschaft noch einen weiten Weg vor sich hat, im Hinblick auf eine gerechte Bestrafung von Tätern.

Kirche: Missbrauchsfälle in Essen und München - Wusste Erzbischof Joseph Ratzinger davon?

So handelt der Bericht von Peter H., der einst als Kaplan in Essen Kinder missbraucht haben soll, wie Eltern berichten. 1980 sei der Mann in das Erzbistum München-Freising übergesiedelt, um sich in Therapie zu begeben. Jedoch: Der Beschuldigte wurde auch als Seelsorger eingesetzt und habe so angeblich weitere Missbrauchsfälle begehen können, schildert die SZ bezugnehmend auf zugespielte Dokumente.

Darauf erhielt Peter H., heute 72 Jahre und pensioniert, lediglich eine Bewährungsstrafe und konnte als Pfarrer weitere Taten begehen. Stimmen die Vorwürfe? Es wäre ein Paradebeispiel mangelnder Aufarbeitung innerhalb der katholischen Kirche, die auch aufgrund dieser Tatenlosigkeit einen enormen Mitgliederschwund zu verzeichnen hat.

Welche Fälle werden dem Beschuldigten zur Last gelegt? In fünf Fällen soll es sich um mittelschweren sexuellen Missbrauch handeln, indem er nackt mit Minderjährigen im Bett geschlafen habe. Bei zwei weiteren Fällen handele es sich um eine geringfügige Straftat. Das war es jedoch angeblich nicht: Zwei Dutzend Fälle würden nicht in das Urteil mit einfließen, weil früher keine Verfahren eingeleitet wurden oder Beweise fehlen, so der Bericht. 

Die maßgebliche Frage ist, welche führenden Kräfte der Kirche weggesehen haben, statt einzugreifen? Die Süddeutsche nennt explizit auch Joseph Ratzinger, zu dieser Zeit Erzbischof von München-Freising und später Papst Benedikt XVI. im Vatikan. Außerdem werden die Kardinäle Franz Hengsbach (Essen, mittlerweile verstorben) und Friedrich Wetter (München) beschuldigt, nicht die nötigen Maßnahmen gegen den Priester ergriffen zu haben. Schon seit geraumer Zeit gibt es Vorwürfe, auch seitens Papst Benedikt seien Fälle von sexuellem Missbrauch gedeckt beziehungsweise vertuscht worden.

Mitglieder der katholischen Kirche machen sich für Aufklärung des Falls Peter H. stark

Wie gelangten die brisanten Vorwürfe überhaupt zur SZ? Weggefährten und Insider der katholischen Kirche seien tief getroffen von der wenig drakonischen Bestrafung des Beschuldigten und fordern eine Aufarbeitung. So seien der Zeitung entsprechende Dokumente zugespielt worden.

So belege das brisante Schreiben, wie die Kirchenleitung bis hin zur Glaubenskongregation den Priester mit pädophiler Neigung vor einer gerechteren Strafe geschützt habe - und den Opfern Hilfe verweigerte. Das Dokument stamme der Süddeutschen Zeitung zufolge von Mai 2016 und sei vom Kirchlichen Gericht der Erzdiözese München-Freising erstellt worden.

Es gehe letztlich um die Frage, wie Straftaten innerhalb der katholischen Kirche gerecht aufgearbeitet werden können: Der Fall von Peter H. zeige demnach, dass innerhalb der Institution noch ein langer Weg nötig sei. Intern sei der Priester durchaus einer Strafe unterzogen worden: Er habe seinen Titel als Pfarrer verloren und müsse dauerhaft mit gekürzter Pension leben. Wie die SZ jedoch ausführt, bekomme der Mann weiterhin Pension und von der Kirche eine Wohnung gestellt.

Diese Milde dürfte ein Schlag für viele Gläubige sein - und in den Bistümern München und Essen sehen das einige genauso. Dabei gab es bereits 2010, auf dem Höhepunkt des Missbrauchsskandals in Deutschland, Bemühungen, den Mann aus dem Priesteramt zu entfernen. Doch neue Bischöfe aus München und auch Essen scheiterten mit dem Vorhaben - die Glaubenskongregation in Rom habe dem Gesuch eine Abfuhr erteilt. Stattdessen wurde er laut SZ hastig in den Ruhestand versetzt.

Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche: Aufarbeitung schreitet voran, jedoch sehr langsam

Insgesamt verdeutlicht das Dokument angeblich Missstände bei der Aufklärung von Taten, wie die SZ erläutert. Im Fall von Peter H. begann dies in den späten 70er-Jahren in Essen, wo er von einer Anzeige bei der Staatsanwaltschaft verschont blieb. Aufgrund von weiteren Vorfällen kommt es in München zwar zu einer Gerichtsverurteilung - es endet jedoch mit einer Bewährungsstrafe. Fortan darf der Kaplan seine Dienste weiter ausüben und ist in verschiedenen bayerischen Gemeinden auch für Kinder- und Jugendarbeit zuständig.

Verfehlungen bei der Aufklärung gab es laut Süddeutscher Zeitung sowohl in Essen als auch in München. Ein ordentliches kirchliches Verfahren hat der Fall Peter H. nie erfahren. Das zuständige Kirchengericht könne innerhalb des Systems katholische Kirche nicht objektiv ein Urteil fällen, lautet eine These des Artikels.

Reformprozess in der Kirche: „Synodaler Weg" angeblich vom Vatikan torpediert

Besserung ist in Sicht, doch der Prozess erscheint langwierig. Bistumssprecher Bernhard Kellner aus München lässt wissen, das Erzbistum lasse gerade alle Akten möglicher Täter untersuchen - besonders im Hinblick auf die Frage, wo Verantwortliche versagt hätten. Ob das auch den emeritierten Papst Benedikt XVI, der in seiner Biografie schwere Vorwürfe erhebt, betrifft? Was sagt Peter H. selbst zu den Anschuldigungen? Laut SZ ließ er über das Bistum Essen ausrichten, dass er kein Interesse an einem Gespräch habe. Stattdessen sehe sich der Mann selbst als Opfer einer Kampagne.

Unterdessen stellt sich bei der traditionellen Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz ab Dienstag die Frage, wie die katholische Kirche ihre Zukunft gestaltet. Hier steht ein dringend notwendiger Reformprozess unter dem Stichwort „Synodaler Weg“ im Fokus. Doch innerhalb der katholischen Kirche gibt es angeblich enormen Widerstand: Nach Einschätzung von Kirchenrechtler Thomas Schüller leidet der Prozess unter starkem Druck aus dem Vatikan.

Seit seinem Rücktritt lebt Benedikt zurückgezogen in einem Kloster im Vatikan. Doch die Sehnsucht nach der Heimat* lässt ihn nicht los. *Merkur.de ist ein Angebot des Ippen Digital Netzwerks

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