Kretschmann warnt eindringlich

Querdenker-Wirbel: Elfjährige fühlt sich „wie bei Anne Frank“ - „Greifen jetzt gezielt nach Kindern“

Demonstration "Querdenken"
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"Diktatur" steht auf der Nase-Mund-Bedeckung" einer Teilnehmerin an einer "Querdenken"-Demonstration in Frankfurt am Main. Foto: Boris Roessler/dpa

Werden die Corona-Proteste von Rechtsextremisten unterwandert? Die Demo-Rede einer Elfjährigen sorgt für Entsetzen. Experten sehen ein Muster hinter dem Vorfall.

Karlsruhe - Dass Kinder bei „Querdenken“-Demos unter den Protestierenden sind, ist nicht mehr überraschend. Nicht mal, dass sie auf der Bühne stehen. Dass eine Elfjährige aber ihren Geburtstag unter coronabedingten Einschränkungen mit der Situation des jüdischen Mädchens Anne Frank im Zweiten Weltkrieg vergleicht, löst Empörung aus und ruft die Behörden auf den Plan. Der Fall aus Karlsruhe könnte aus Expertensicht für einen fragwürdigen Trend stehen.

Corona-Proteste von „Querdenken“: Staatsanwaltschaft prüft Vorwürfe wegen Rede einer Elfjährigen

Die Elfjährige hatte am Samstag auf der Bühne eine Rede vorgelesen, in der sie sagte, die Geburtstagsfeier mit ihren Freunden sei ganz anders gewesen als in den Jahren davor: „Wir mussten die ganze Zeit leise sein, weil wir sonst vielleicht von unseren Nachbarn verpetzt worden wären. Ich fühlte mich wie bei Anne Frank im Hinterhaus, wo sie mucksmäuschenstill sein mussten, um nicht erwischt zu werden.“ Bis zu 1000 Menschen hatten sich bei der Demo versammelt. Mehrere Medien hatten über die Aussagen des Kindes berichtet. Vorausgegangen war auch eine Debatte über Denunziation in Zusammenhang mit Corona-Regeln - also in einem völlig anderem Zusammenhang als mit den mörderischen Verbrechen des Nationalsozialismus.

Die Polizei bezeichnete den Vergleich bei Twitter als „völlig unangebracht und geschmacklos“ und gab die Dokumentation des Falls durch den Staatsschutz am Dienstag der Staatsanwaltschaft zur Prüfung. Diese muss laut einem Polizeisprecher klären, ob ein Straftatbestand wie die Leugnung des Holocausts vorliegt. Er sagte aber auch: „Nicht alles, was moralisch verwerflich ist, ist auch ein Straftatbestand.“ Die Stadt Pforzheim, in der das Mädchen lebt, kündigte an, das Jugendamt werde das Gespräch mit den Eltern der Schülerin suchen.

Rechtsextremismus in Deutschland: Corona-Proteste unterwandert? Grünen-Landeschef Kretschmann warnt

Der Fall schlägt mittlerweile Wellen bis in die baden-württembergische Landespolitik. Er kenne das Ereignis nicht, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Dienstag. Falls das Mädchen das gemacht habe, sei das aber „vollkommen abwegig“. Die Situation der Elfjährigen und Anne Franks seien überhaupt nicht vergleichbar, kritisierte Justizminister Guido Wolf (CDU).

Anne Frank hatte von 1942 bis 1944 mit ihrer Familie in Amsterdam im Versteck vor den deutschen Nationalsozialisten gelebt und dort ihr weltberühmtes Tagebuch geschrieben. Sie starb im Frühjahr 1945 im Konzentrationslager Bergen Belsen im Alter von 15 Jahren.

Kretschmann warnte zudem vor einer zunehmenden Radikalisierung der „Querdenken“-Bewegung. Es gebe Anzeichen dafür, dass die Bewegung immer stärker von rechtsradikalen Kräften unterwandert werde, sagte er. Die Ansichten, die die „Querdenker“ vertreten, seien nicht faktenorientiert, zum großen Teil abwegig und schwer nachvollziehbar. Es sei beunruhigend, dass immer mehr Querverbindungen zum Rechtsextremismus und zum Rechtsradikalismus wahrnehmbar sind.

Antisemitismus unter Corona-Gegnern? „Greift jetzt gezielt nach Kindern“

Der Antisemitismusbeauftragte der baden-württembergischen Landesregierung, Michael Blume, sprach von einer „neuen Eskalation“: NS-Vergleiche habe es die ganze Zeit bei den Protesten gegen die Corona-Politik gegeben. „Neu ist, dass Kinder in offensive Rollen und zum Mitmachen gedrängt werden“, sagte Blume. „Der Antisemitismus greift jetzt gezielt nach Kindern und setzt Kinder gezielt ein, um Tabus zu brechen.“ Ein anderes Beispiel seien Chatgruppen etwa beim Anbieter Telegram, ausgerichtet genau auf Kinder und Jugendliche.

In der Verschwörungslogik gehe es darum, das Wichtigste im Leben zu schützen, so Blume. Das könnten für manche Menschen Hautfarbe, Geld oder eben die eigenen Kinder sein. In manchen Verschwörungsmythen geht es um entführte und gefolterte Kinder. „Kinder sind da ein guter Trigger“, sagte er der dpa weiter.

Wichtig sei sachliche, unaufgeregte Aufklärung. An die Betroffenen werde man kaum herankommen, räumte Blume ein. „Wir müssen damit leben, dass wir nicht alle erreichen werden. Aber die vielen Menschen, die wir erreichen können, müssen wir aufklären.“ Auch Eltern müsse klargemacht werden, „was sie ihren Kindern damit antun“.

Corona-Regeln: Anne Frank als Vergleichspunkt - Pocher greift Vorfall auf

„Ich weiß nicht, was da in der Erziehung schiefgelaufen ist“, sagte Timo Werner vom Frank-Loeb-Institut der Universität Koblenz-Landau, das seinen Sitz in einem Haus aus dem ursprünglichen Besitz der Familie von Anne Frank in Landau in der Pfalz hat, den Badischen Neuesten Nachrichten. Der Ton sei aber nichts Neues. „Man stellt sich in die Tradition des größten Unrechts. Da werden keine Punkte mehr ausgetauscht, sondern Extremargumente.“

Die Karlsruher SPD-Bundestagsabgeordnete und Vize-Fraktionschefin Katja Mast erklärte: „Wie „Querdenken“ und Co. gezielt versuchen Kinder, ihre Bedürfnisse und ihre Gesundheit für ihre Zwecke zu instrumentalisieren macht mich fassungslos.“ Zudem sei es eine ungeheure Verharmlosung der Verbrechen Nazi-Deutschlands. Comedian Oliver Pocher griff die Rede der Elfjährigen in einem Beitrag auf Instagram auf und sagte: „Das ist so ziemlich das Dümmste, was ich seit langem gehört habe.“ Den Vorwurf mache er aber nicht dem Kind, sondern seinen Eltern. „Wir leben in keiner Diktatur“, betonte er.

Corona in Deutschland: Proteste von Querdenken sorgen weiter für Wirbel und Sorge

Von den Demo-Veranstaltern von „Querdenken 721“, dem Karlsruher Ableger der in Stuttgart gegründeten „Querdenken“-Bewegung, gab es zunächst auf Anfrage keine Stellungnahme.

Unterdessen gibt es aber auch Sorge über mögliche erneute Querdenken-Versammlungen in Leipzig - dort waren zuletzt Demonstrationen massiv aus dem Ruder gelaufen. Angesichts eines neuen Corona-Gesetzes der Bundesregierung sind Kundgebungen auch vor dem Reichstag in Berlin angemeldet - sie könnten aber aus Sicherheitserwägungen an dieser Stelle verboten werden.

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(dpa/fn) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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