„Politiker sind schwieriger, weil sie meist keine wirklich echten Gespräche mögen“

Zur 50. Ausgabe seines Talks im ZDF: Richard David Precht im Interview

Moderiert er Deutschlands intelligenteste "Talkshow"? Richard David Precht mag den Begriff "Talk" nicht. Seine Zwiegespräche zu tiefgründigen Fragen gibt es seit 2012. Im der 50. Ausgabe diskutiert Deutschlands bekanntester Philosoph mit Youtuber Rezo über neue und alte Medien.
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Moderiert er Deutschlands intelligenteste „Talkshow“? Richard David Precht mag den Begriff „Talk“ nicht. Seine Zwiegespräche zu tiefgründigen Fragen gibt es seit 2012. Im der 50. Ausgabe diskutiert Deutschlands bekanntester Philosoph mit Youtuber Rezo über neue und alte Medien.

Seit 2012 gibt es Richard David Prechts Philosophie-Gespräch „Precht“ beim ZDF. Zur 50. Ausgabe der vielleicht gehaltvollsten Talkshow Deutschlands begrüßt der Bestseller-Autor Youtube-Star Rezo. Ein Gespräch über alte und neue Medien - und in welche Richtung sich Deutschland verändern muss.

Intensiv sind sie immer, die 45 Minuten langen Zwiegespräche Richard David Prechts mit einem anderen, meist klugen Kopf. Gesprochen wird seit 2012 über Fragen, die meist aus einer neuen, groß gedachten Perspektive auf Phänomene unserer Zeit blicken. „Schöne neue Medienwelt - Wer hat die Meinungsmacht?“ (Sonntag, 20. September, 23.45 Uhr) ist die 50. Ausgabe von „Precht“ und das erste Gespräch des Philosophie-Gurus („Wer bin ich - und wenn ja, wie viele“) mit einem Youtuber.

nordbuzz: War das Gespräch mit Rezo eigentlich Ihr erster Talk, bei dem sich die Gesprächspartner geduzt haben?

Richard David Precht: Ja, das war mein erstes Duz-Gespräch. Weil es einfach zu merkwürdig gewesen wäre, Rezo zu siezen.

nordbuzz: Schafft das Duzen eine Nähe, die in der Sache hilft?

Precht: Normalerweise vermeiden wir das Duzen, weil es den Anschein von Komplizenhaftigkeit erweckt. Wenn man das Gefühl hat, da unterhalten sich zwei alte Freunde, ist es dem Ziel der Sendung nicht besonders zuträglich. Doch mit Rezo kann man das nicht machen, da komme ich mir vor wie ein Großvater. Würde ich ihn dagegen Rezo nennen und siezen, hätte ich das Gefühl, ich wäre wieder in der reformierten Oberstufe. Also sind wir beim Du geblieben.

nordbuzz: Im Englischen schaffte das Duzen eine lockere Gesprächsatmosphäre, auch unter Fremden. Es baut Hürden ab. Fehlt uns das nicht ein bisschen im Deutschen?

Precht: Das finde ich nicht. Die Präzision, aber auch Offenheit und Höflichkeit eines Gesprächs, wird davon kaum beeinflusst. Es kommt eben auch aufs Alter an. Ich hatte Leute wie Horst Teltschik oder Herfried Münkler zu Gast. Das sind Menschen, die man nicht mal so eben duzt. Die man auch vergewaltigen würde, würde man ihnen auftragen, sich duzen zu lassen und zurück zu duzen. Wir kommen als Deutsche aus einer Kultur, in der der Unterschied zwischen Du und Sie mal sehr bedeutsam war - und für die Älteren ist es das zumeist auch noch.

„Die Anzahl der Menschen, die das lineare Fernsehen schätzt, ist größer als viele Leute denken“

nordbuzz: Sie haben mit Rezo über alte und neue Medien gesprochen. Was war Ihr wichtigster Erkenntnisgewinn aus der Unterhaltung?

Precht: Er kam gleich am Anfang. Rezo ist nicht der Meinung, dass die neuen die alten Medien ablösen, sondern ergänzen werden. Der Trend der letzten Jahre, dass die neuen Medien den alten immer mehr Bedeutung abnehmen, wird sich nicht unbegrenzt weiter fortsetzen, sagt er. Er glaubt, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen erhalten bleibt, auch die großen Zeitungen. Mich hat seine Einschätzung überrascht ...

nordbuzz: Was glauben Sie denn?

Precht: Ich hoffe und denke ebenfalls, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen bleiben wird. Ob es in zehn oder zwanzig Jahren noch aus so vielen Sendern besteht, ist eine andere Frage. Was die großen Zeitungen betrifft, die überleben nicht als Zeitungen, sondern als mediale Gemischtwarenläden. In ihrer Deutungsmacht als Zeitungen werden sie jedoch weiter an Boden verlieren. Das ist eine Entwicklung, die wir seit mindestens zehn Jahren beobachten.

nordbuzz: Wann, schätzen Sie, wird das lineare Fernsehen abgestellt?

Precht: Ich bin weder Prophet noch Kenner der Szene, aber ich glaube, dass es uns noch einige Jahre erhalten bleibt. Die Anzahl der Menschen, die das lineare Fernsehen schätzt, ist größer als viele Leute denken. Bei Umfragen mit Menschen über 55 oder 60 Jahren könnte es sogar die Mehrheit sein. Und die hat sicher vor, noch 20 oder 30 Jahre zu leben.

nordbuzz: Aber es schauen dann nur noch die Alten „live“ zu?

Precht: Die Zuschauerzahlen des linearen Fernsehens werden stetig weiter sinken, da müssen wir uns nichts vormachen. Trotzdem wird es uns noch lange erhalten bleiben. Mit weniger Zuschauern, aber eben auch dem politisch-gesellschaftlichen Willen, das Medium in dieser Form zu erhalten. Ich sehe keinen Widerspruch. Warum soll es dieses Angebot mit deutlich geringerer Reichweite nicht trotzdem weiter geben? Die Mediatheken kann man ja zusätzlich mit den Angeboten füttern.

„Die übertragene Redezeit im Fernsehen sagt nichts über die Tiefe der Erkenntnis aus“

nordbuzz: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist immer mehr zu einem Rede- und Diskussionsplatz geworden. Stichwort: Talkshow-Flut. Sie nehmen, wenn auch auf sehr distinguierte Weise, ebenfalls daran teil. Heißt mehr Dialog im TV auch mehr Erkenntnis?

Precht: Also, ich sehe meine Sendung nicht als Talkshow, sondern als Gesprächsformat. Grundsätzlich sagt die übertragene Redezeit im Fernsehen nichts über die Tiefe der Erkenntnis aus. Dass man jedoch einen Ort hat, an dem man 45 Minuten lang über eine einzige Frage diskutieren kann, die in den Nachrichten oder in Talkshows so überhaupt nicht vorkommt, kann schon zum Erkenntnisgewinn beitragen. Zumindest hoffe ich das für meine Sendung.

nordbuzz: „Precht“ gibt es nun acht Jahre, insgesamt sind es 50 Sendungen. Welche Gespräche waren für Sie die prägendsten? Von wem haben Sie am meisten gelernt?

Precht: Diese Frage kann ich nicht beantworten, da ich keinen Gast abwerten will. Für mich war es immer dann am besten, wenn es überraschend war - und ein echtes Gespräch. Letzteres ist gar nicht so leicht. Die Situation wirkt im Fernsehen intim, tatsächlich befinden wir uns aber in einem ziemlich großen Studio mit vielen Leuten. Also nicht die Atmosphäre, in der man sich jeder Gast sofort entspannt. Umso schöner, wenn es passiert.

nordbuzz: Welcher Gast hat Sie am meisten gefordert?

Precht: Was den Überraschungsfaktor betrifft, war für mich die herausforderndste Sendung jene mit Alexander Kluge. Von diesem Mann kommt nie etwas, das man schon mal gehört hat. Er hat ausschließlich Sätze auf Lager, auf die man sich nicht vorbereiten kann. Und Ansichten, von denen man vorher keine Ahnung hatte.

nordbuzz: Gibt es eine Art Gast, den Sie grundsätzlich schwierig finden?

Precht: Politiker sind immer schwieriger, weil sie meist keine wirklich echten Gespräche mögen. Sie wissen, dass jedes ihrer Worte auf die Goldwaage gelegt und interpretiert wird. Außerdem ist es bei Politikern so, dass sie viele Sätze schon sehr oft gesagt haben, was einen echten Dialog schwierig macht. Am liebsten rede ich mit Leuten, die irgendeine These oder eine Ansicht haben, für die sie brennen - und die man dann in aller Ruhe abklopfen kann. Dabei kommt meist ein gutes Gespräch heraus.

„Philosophie kann in gesellschaftlichen Umbruchzeiten Orientierung schaffen“

nordbuzz: Sie behandeln viele gesellschaftspolitische Fragen aus einer Meta-Perspektive. Gibt es da einen Bereich, wo Sie sagen: Ich kenne mich nicht aus und kann mich nur ganz schwer reindenken? Also etwas, wo sie Berührungsängste haben?

Precht: Nein, weil ich die Themen selbst mit aussuche. Ich würde keine Sendung zu einem Thema machen, wo ich das Gefühl habe, komplett ahnungslos zu sein. Deshalb gab zum Beispiel noch keine Sendung über China, obwohl ich das Thema sehr interessant und relevant finde. Aber ich kenne mich zu wenig damit aus.

nordbuzz: Über welche essenziellen Themen wird in der Gesellschaft viel zu wenig diskutiert?

Precht: Ich glaube, dass wir versucht haben, möglichst essenzielle Themen in die Sendung zu bringen. Weil ich eben meine, dass sie diskutiert gehören. Ein Beispiel wären die gesellschaftlichen Umbrüche durch die Digitalisierung. Viele Leute unterschätzen das Thema immer noch massiv, weil wir über Digitalisierung meistens technisch oder ökonomisch reden. Nach dem Motto: Schafft Deutschland den Anschluss? Das einzig moralische Thema, über das wir in der Öffentlichkeit diskutieren, ist der Datenschutz. Digitalisierung wirft jedoch viel mehr größere Fragen auf: Wir werden bald sehr viel weniger Arbeit zu verteilen haben. Wie wird sich unser Leben, unsere Gesellschaft dann verändern? Darüber müssen wir dringend nachdenken und reden ...

nordbuzz: Welchen Stellenwert hat die Philosophie im heutigen Alltagsleben der Deutschen?

Precht: Sie ist heute wieder sehr viel öffentlichkeitswirksamer repräsentiert als vor zehn Jahren. Die Anzahl gerade jüngerer Philosophen, die die Öffentlichkeit suchen, hat stark zugenommen. Lange war es so, dass man sich als Philosoph in der Fachwelt unbeliebt machte, sobald man die Öffentlichkeit suchte. Diesen Preis musste man zahlen und muss es zum Teil immer noch. Wir reden jedoch über Deutschland, das Problem gibt es in Frankreich oder in England überhaupt nicht. Es ist ein sehr deutsches Phänomen - und das war auch mal anders. In den Zeiten von Horkheimer, Adorno, Marcuse, Bloch, Mitscherlich oder Habermas, der ja noch lebt, hatten öffentliche Denker, ob sie nun Philosophie, Soziologie oder etwas anderes als offizielle Disziplin pflegten, ein selbstverständliches Gewicht in der Gesellschaft.

nordbuzz: Und wann verschwand der Einfluss der Philosophie in Deutschland?

Precht: Die einflussreichen Intellektuellen verschwanden, je fachwissenschaftlicher die Universitäten wurden. Plötzlich war es nicht mehr chic, über den Tellerrand hinaus zu denken. In der Philosophie ging das einher mit dem Siegeszug der analytischen Philosophie. Die interessiert sich für Sprache und Logik. An den Unis wurde eine Generation von Nachwuchs gezüchtet, die sich nicht mehr als Generalisten verstanden hat. Deshalb ist die Ära der einflussreichen Intellektuellen in Deutschland während der 80er-Jahre verschwunden. Erst seit kurzem gibt es wieder ein Bewusstsein, dass Philosophie in gesellschaftlichen Umbruchzeiten Orientierung schaffen kann.

„Wir denken nicht darüber nach, was genau wir lernen wollen und müssen“

nordbuzz: Kommen wir noch einmal zum Gespräch mit Rezo zurück. Er fordert eine Schulbildung in Sachen menschliche Wahrnehmung. Er spricht von systematischen Verzerrungen, mit denen fast alle Menschen Dinge auf falsche Art und Weise verstehen. Hat so etwas auch für Sie oberste Priorität?

Precht: Ja, das finde ich gut. Ich habe das Bildungssystem ja häufig kritisiert. Das Wichtigste, das man können sollte, wenn man eine Schule verlässt, ist Selbstmanagement. Man sollte eine sehr realistische Einschätzung von sich und der Welt gewinnen - und sich gut in ihr zurechtfinden. Darin betrachte ich das höchste Ziel der Schule. Ob man dann noch Sätze aus dem Werther auswendig kann, ist zweitrangig. Die Kinder kommen in eine immer komplexere Welt. Orientierung muss dringend trainiert werden.

nordbuzz: Wie kann man Orientierung trainieren?

Precht: Das reicht von Meditation über Konzentrationstraining bis hin zur Beherrschung, was Rezo meinte, der eigenen Psychologie. Wenn wir wissen, welchen Irrtümern und Fehlwahrnehmungen wir unterliegen, haben wir tatsächlich schon mal ein paar Gefahren des Lebens umschifft. Auch philosophische Skills helfen dabei, sich in der Welt besser zurechtzufinden. Von all diesen Fähigkeiten hängt es ab, ob man ein erfülltes Leben hat. Leider sehe ich fast nichts davon in den aktuellen Lehrplänen.

nordbuzz: Sehen Sie irgendeine Resonanz in der Bildungspolitik auf derlei Ideen?

Precht: Nein, die sehe ich nicht. Ich sehe gerade wieder, dass die Forderung nach der Digitalisierung der Schulen rein technisch gestellt wird. Man hätte im Zuge der Corona-Erfahrungen an den Schulen prima darüber nachdenken können, was Lernen im 21. Jahrhundert tatsächlich bedeutet. Doch genau das findet nicht statt. Wir machen die Netze schneller, wir schaffen mehr Tablets an, aber denken immer noch nicht darüber nach, was genau wir lernen wollen und müssen.

teleschau

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