„Das ist ein anderes Spiel“: Über eine Handball-WM in Zeiten der Pandemie

Yorck Polus, Leiter der „ZDF SPORTreportage“, im Interview

Die deutsche Handballnationalmannschaft reiste nach Ägypten, aber die Sportberichterstatter flogen nicht wie üblich hinterher. Die weltweit grassierende Corona-Pandemie zwingt Sportreporter Dr. Yorck Polus, Leiter der "ZDFSPORTreportage", ins ZDF-Studio auf dem Mainzer Lerchenberg. Ein Großteil der Übertragungen wird von dort aus bewältigt.
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Die deutsche Handballnationalmannschaft reiste nach Ägypten, aber die Sportberichterstatter flogen nicht wie üblich hinterher. Die weltweit grassierende Corona-Pandemie zwingt Sportreporter Dr. Yorck Polus, Leiter der „ZDFSPORTreportage“, ins ZDF-Studio auf dem Mainzer Lerchenberg. Ein Großteil der Übertragungen wird von dort aus bewältigt.

Wenn die Handballnationalmannschaft am Freitag in Ägypten in die WM eingreift, ist für Sportreporter Yorck Polus nichts wie gewohnt. Wie Corona-konforme Berichterstattung aussieht, was er Geisterspielen abgewinnen kann und warum die Handball-Begeisterung in Deutschland einem Wellental gleicht, verrät der ZDF-Mann im Interview.

Nachdem sich die Mannschaftskapitäne der Nationalmannschaften sich aus Angst vor einer Corona-Infektion vehement dafür einsetzten, ist nun klar: Die Handball-WM in Ägypten startet am Mittwoch, 13. Januar, ohne einen einzigen Fan in den Hallen. Auch das erste Spiel des deutschen Teams gegen Uruguay (Freitag, 15. Januar, 18 Uhr, ARD) findet vor leeren Rängen statt. Auch für Sportjournalisten von ARD und ZDF gelten ganz besondere Hygiene-Regeln. Dies gilt sowohl für die wenigen Reporter vor Ort, als auch für jene, welche die Reise nicht antreten können. Zu letztgenannter Gruppe gehört Yorck Polus, Leiter der „ZDFSPORTreportage“. Der 50-Jährige steht mit seinem Team in der Tat vor gewaltigen ungewohnten Herausforderungen. Ein Gespräch über Journalisten in Mannschafts-Bubbles, darüber, wie ökonomische Interessen des Weltverbands IHF den Sorgen strapazierter Spieler gegenüberstehen und die Schwierigkeit, dem Zuschauer trotz leerer Hallen Handball-Begeisterung in die Wohnzimmer zu liefern.

nordbuzz: Herr Polus, die Ausrichter aus Ägypten haben aufgrund der Corona-Pandemie mit enormen organisatorischen Hürden zu kämpfen. Welche betreffen die Berichterstattung des ZDF?

Yorck Polus: Ich glaube tatsächlich alle. Wir haben Stand jetzt - und da muss man die Lage immer tagesaktuell einschätzen - zwei Kollegen vor Ort, welche die Interviews führen und ihre persönlichen Eindrücke schildern werden. Aber auch die befinden sich in Ägypten in der sogenannten Mannschafts-Bubble und dürfen sich nicht frei bewegen. Es gibt sehr, sehr strenge Auflagen in den Hallen. Wir sind wirklich gespannt, wie das letztlich ablaufen wird.

nordbuzz: Sie bleiben also auf dem Lerchenberg?

Polus: Ja. Wir werden aus dem Sendezentrum in Mainz berichten. Unser Experte Sven-Sören Christophersen, den ich Gott sei Dank an meiner Seite habe, und ich stehen dort im Studio. Reporter Christoph Hamm wird ebenfalls vom Lerchenberg aus tätig sein. Das sind in der Tat neue und besondere Bedingungen. Was beim Handball noch anders ist als beim Fußball, ist diese Nähe zum Team, wenngleich wir, falls nötig, natürlich auch kritisch berichten. Doch das, was unsere Berichterstattung zum Handball sonst auszeichnet, wird es nicht in der gleichen Form wie üblich geben: der Draht zur Mannschaft, der Austausch mit dem Trainerteam und die daraus resultierenden Informationen.

„Situationen, die es weder im Handball noch im gesamten Profisport jemals gab“

nordbuzz: Einige Nationalspieler haben aus familiären beziehungsweise Corona-bezogenen Gründen für die WM abgesagt. Haben Sie mit solchen Entscheidungen gerechnet?

Polus: Gerechnet wäre zu viel, aber wir haben durchaus befürchtet, dass es den ein oder anderen Spieler gibt, der sich so entscheidet. Und ich glaube, man muss das in diesen wirklich verrückten und schwer kalkulierbaren Zeiten einfach akzeptieren. Das sind ja sehr persönliche Entscheidungen, die da momentan gefällt werden.

nordbuzz: Wie bewerten Sie den Einfluss der Ausfälle auf die deutsche Mannschaft?

Polus: Sportlich ist das schon ein echter Rückschlag. Schließlich fällt der komplette Mittelblock in der Abwehr weg, der bei den vergangenen Turnieren als Prunkstück der deutschen Mannschaft galt. Für Trainer Alfred Gislason ist das also kompliziert. Grundsätzlich bin ich aber immer optimistisch und traue der Mannschaft durchaus das Halbfinale zu.

nordbuzz: Ist es angesichts der Umstände schwieriger als üblich, die Teams einzuschätzen?

Polus: Ich glaube schon. Die Nationalmannschaften konnten zuletzt nur sehr wenige Spiele absolvieren. In den Qualifikationsrunden sind einige Partien aufgrund der Pandemie abgesagt worden und die Nationalteams hatten wesentlich weniger Lehrgänge, als es sonst üblich gewesen wäre. Das sind eben Situationen, die es weder im Handball noch im gesamten Profisport jemals gab. Ich könnte mir schon vorstellen, dass wir vielleicht die ein oder andere Überraschung erleben werden. Allerdings werden auch die Franzosen, Dänen und Norweger wie gewohnt auftrumpfen und sicherlich gute Spiele zeigen.

nordbuzz: Was erwarten Sie von den Gruppengegnern der Deutschen?

Polus: Es sind so ein bisschen die Unbekannten, wir haben keinen der ganz Großen mit in der Gruppe. Klar, Ungarn geht aus der Historie heraus immer mit guten Mannschaften an den Start. Uruguay kann sicherlich ein sehr unbequemer Gegner werden. Auch bei Kap Verde spielen die meisten Spieler in ausländischen Ligen. Aber alles in allem sollte die deutsche Mannschaft diese Gruppe relativ souverän schaffen.

nordbuzz: Erstmals findet eine WM mit 32 Teams statt. Was genau erhofft sich die IHF von der Aufstockung?

Polus: Das wurde sehr kontrovers diskutiert und ich kann auch die Position derjenigen verstehen - meistens äußerten sich Spieler dahingehend -, die eine Aufstockung kritisch sehen. Denn die bringt natürlich eine höhere Belastung in Form von Spielen mit sich. Das ist gerade bei der Sportart Handball schwer nachzuvollziehen, denn die Belastungsdichte für die Profis ist hier wirklich enorm: Zu den zahlreichen Spielen in der Bundesliga kommen die Champions League oder die EHF European League und die Qualifikationsrunden, die ausgetragen werden müssen. Und wenn man bis ins Halbfinale kommt, wird nun auch bei diesem Großereignis noch mehr gespielt als sonst üblich.

„Es hat sich ein langfristiger Effekt aufgetan“

nordbuzz: Erneut gibt es ein doppeltes Gruppensystem. Viele finden das unnötig kompliziert.

Polus: Es gab ja auch schon Versuche, eben nicht in Hauptrunden zu spielen, sondern wie im Fußball üblich in einem Modus mit Achtel- und Viertelfinale. Aber jedes einzelne Spiel mehr bietet auch mehr Sendezeit und mehr Zeit für Sponsoren, sich zu präsentieren. Letztendlich können auch mehr Übertragungsgelder generiert werden. Da trifft dann immer der ökonomische Druck auf eine sachliche Auseinandersetzung im Sinne der Spieler.

nordbuzz: Aus ökonomischen Gründen war 2015 und 2017 die Handball-WM überhaupt nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen.

Polus: Das hat uns alle getroffen. Wir hätten damals natürlich auch gerne übertragen. Letztlich haben wir als öffentlich-rechtlicher Sender aber auch eine Sorgfaltspflicht den Geldern gegenüber, die wir eigentlich nur verwalten. Wenn ein Mitbewerber wie damals kommt und einfach viel mehr zahlt, beziehungsweise die Agenturen, die die Rechte verwalten, zu viel haben möchten, kann man nicht um jeden Preis mitgehen. Aber wir sind froh, die Rechte jetzt langfristig bei ARD und ZDF zu haben.

nordbuzz: Warum profitiert die Handball-Bundesliga medial immer nur marginal vom wiederkehrenden Hype um die Nationalmannschaft?

Polus: Wir bemühen uns, dem Sport die Aufmerksamkeit zu geben, die er auch verdient. Auch, wenn wir vertraglich bedingt beim ZDF im Gegensatz zur ARD keine Bundesliga-Spiele live zeigen können. Aber wir sind auch über das Jahr hinweg dabei und zeigen Zusammenfassungen in der „ZDF SPORTreportage“. Aber es ist letztendlich, wie es ist: In Deutschland funktioniert der Sport besonders gut, wenn die eigene Nationalmannschaft gegen andere Länder antritt. Das sehen wir bei Olympia, bei Weltmeisterschaften oder jetzt auch im Winter bei den Weltcups. Im normalen Jahresverlauf hat es einfach jede Sportart gegen den Fußball schwer, weil dieser fast alles an Interesse auf sich zieht.

nordbuzz: Seit dem Jahr 2000 sind Sie für das ZDF im Sportbereich tätig. Wie hat sich das Handball-Interesse seitdem entwickelt?

Polus: Ich glaube, es hat sich ein langfristiger Effekt aufgetan. Wenn Großereignisse anstehen, ist das Interesse verlässlich sehr hoch. Aber wenn eben nicht die Nationalmannschaft aktiv ist, sondern die Vereinsmannschaften spielen, begeben wir uns ins Wellental. Als die WM 2007 in Deutschland stattgefunden hat, waren die Quoten ja extrem hoch. Das war schon enorm, was die Handballnationalmannschaft da für eine Euphorie im eigenen Land geweckt hat.

nordbuzz: Auch die Quoten der WM 2019 können sich sehen lassen. Erhoffen Sie sich ähnliche Quotenerfolge?

Polus: Grundsätzlich sind die Zahlen sicherlich zu wiederholen. Dies ist aber immer abhängig von der Euphorie, welche die deutsche Mannschaft auslöst. Handball macht auch die extreme Begeisterung aus, die in den Hallen herrscht und über das Fernsehen transportiert wird - und ob das gelingt, ist aktuell sehr schwer vorauszusagen. Wenn die entsprechende Stimmung in den Hallen fehlt, kommt das, was diese Sportart ausmacht, auch nicht zu 100 Prozent rüber. Es gilt, dem Zuschauer auch unter diesen Voraussetzungen das Bestmögliche zu bieten. Und vielleicht ist er in diesen Zeiten ja ganz besonders offen für Ablenkung durch den Sport.

„Respektloses Verhalten gegenüber den Referees fällt weg“

nordbuzz: Als sich Ägypten für die Fußball-WM qualifizierte, stand das Land kopf. Welchen Stellenwert hat der Handballsport in dem Land?

Polus: Es ist sicher nicht mit dem Fußball vergleichbar, aber die Ägypter sind ein sehr sportbegeistertes Völkchen. Wenn ihre Nationalmannschaft dann vielleicht sogar den ein oder anderen Sieg einfährt, kann ich mir vorstellen, dass eine kleine Welle der Euphorie über das Land schwappt. Das ist sicher nicht zu unterschätzen.

nordbuzz: Nun spielt man doch vor leeren Rängen, welchen Einfluss hat das auf die Teams?

Polus: Bei größerer Sicherheit hätten sich manche Spieler wohl über 20 Prozent Zuschauer und jede Stimmung gefreut, die man für sich selbst ummünzen kann. Letztlich sind es ja Profis, die den Jubel in heimischen und den Gegenwind in gegnerischen Hallen gewohnt sind. Das bekommen wir in jeder Sportart mit. Man bekommt ja fast den Eindruck eines Trainingsspiels, wenn keine Zuschauer vor Ort sind. Da mussten sich auch die Spieler erst einmal dran gewöhnen.

nordbuzz: Können Sie aus Sportreporter-Sicht auch Geisterspielen etwas abgewinnen?

Polus: Das ist sehr von den Sportarten abhängig. In den Sportarten, in denen ich sonst zu Hause bin und mich nicht nur von der Begeisterung tragen lasse, sondern auf taktische und strategische Dinge achte, wird deutlich: Das ist ein anderes Spiel. Beim Handball ist das auch so. Man hört plötzlich die Ansagen der Trainer oder aus dem Team, oder eben auch, wie die Kommandos fehlen, wenn es still agiert. Als die Bundesliga startete, haben wir uns alle gewundert, welche Spitznamen die Spieler haben. Ich vermute, die Kommunikation hat vorher auch schon so stattgefunden. Wir haben es nur nicht mitbekommen.

nordbuzz: Haben die Umstände auch die Kommunikation auf dem Platz selbst beeinflusst?

Polus: Was mir in fast allen Ligen auffällt: Die Interaktion zwischen Spielern und Schiedsrichtern hat sich verändert. Das ist nur mein persönlicher Eindruck, aber ein sehr interessanter Aspekt. Wenn das frenetische Publikum eben nicht den Siebenmeter fordert, können die Schiedsrichter auch sachlicher entscheiden. Denn auch das sind Menschen, die von Emotionen geleitet sind. Dazu kommt, dass respektloses Verhalten und Sprüche gegenüber den Referees wegfallen. Schließlich hören die ja alles. Zumindest in der Tendenz ist ein respektvollerer Umgang zwischen Spielern und Schiedsrichtern zu beobachten. Ich würde mich freuen, wenn das ein wenig Bestand hätte.

Zur Info: Das Eröffnungsspiel der Handball-WM, Ägypten gegen Chile, ist am Mittwoch, 18 Uhr, nicht im Free-TV zu sehen. Aber alle Spiele der deutschen Nationalmannschaft werden von ARD und ZDF live übertragen: der Auftakt gegen Uruguay (Freitag, 15. Januar, 18 Uhr, ARD), das zweite Hauptrundenspiel gegen die Kapverdischen Inseln (Sonntag, 17. Januar, 18 Uhr, ARD) sowie die dritte Partie gegen Ungarn (Dienstag, 19. Januar, 20.30 Uhr, ZDF). Des Weiteren zeigt Eurosport 15 weitere ausgewählte Spiele ohne deutsche Beteiligung. Nur das Online-Angebot von Sportdeutschland.TV bietet alle WM-Begegnungen gegen Bezahlung. Auf der Streaming-Plattform DAZN sind ebenfalls ausgewählte Partien des Turniers zu sehen. Das WM-Finale findet am 31. Januar statt.

teleschau

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