„Das Unwort des Jahres ist für mich 'systemrelevant'“

Wotan Wilke Möhring im Interview

Wotan Wilke Möhring hat schon so einiges erlebt im Schauspiel-Geschäft, aber damit konnte niemand rechnen: Als im Frühjahr plötzlich das Coronavirus grassierte, musste der 53-Jährige umgehend an seine neue Pandemie-Serie "Sløborn" (23. Juli, 20.15 Uhr, ZDFneo) - und die teils unfassbaren Parallelen - denken.
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Wotan Wilke Möhring hat schon so einiges erlebt im Schauspiel-Geschäft, aber damit konnte niemand rechnen: Als im Frühjahr plötzlich das Coronavirus grassierte, musste der 53-Jährige umgehend an seine neue Pandemie-Serie „Sløborn“ (23. Juli, 20.15 Uhr, ZDFneo) - und die teils unfassbaren Parallelen - denken.

„Tatort“-Kommissar Wotan Wilke Möhring im Gespräch darüber, was uns das Coronavirus über unsere Zivilisation lehrt, und seine Abneigung gegen Geisterspiele beim Fußball.

Als alter Hase im Schauspiel-Geschäft hat Wotan Wilke Möhring schon so einiges mitgemacht. Seit 1998 ist der gebürtige Detmolder im Geschäft, namhafte Produktionen wie „Das Experiment“, „Soul Kitchen“ oder vor kurzem die Komödie „Das perfekte Geheimnis“ stehen in seiner Vita. Seit 2013 bekleidet der 53-Jährige eine der renommiertesten TV-Rollen des Landes - als „Tatort“-Kommissar. Man sollte meinen, den dreifachen Vater könnte in der Film- und TV-Branche nichts mehr überraschen. Als er jedoch im Herbst 2019 in die Rolle eines Tierarztes schlüpfte, der versucht, ein tödliches, international grassierendes Virus zu stoppen, konnte er noch nicht ahnen, dass Monate später aus Fiktion Realität werden würde: Das achtteilige neoriginal „Sløborn“, am 23. und 24. Juli mit jeweils vier Folgen auf ZDFneo zu sehen, und ab 23. Juli zudem in der ZDF-Mediathek abrufbar, zeigt den Ausbruch einer Pandemie - mit erstaunlichen Parallelen zur realen Krise um das Coronavirus.

nordbuzz: Glauben Sie die Leute haben nach den letzten Monaten auf eine Seuchen-Serie wie „Sløborn“ gewartet?

Wotan Wilke Möhring: Ich glaube, dass es schlau ist, „Sløborn“ jetzt zu zeigen. Nächsten Sommer hat man wahrscheinlich überhaupt keine Lust mehr darauf. Wenn man sieht, was geschaut wurde in der Krise - dann sind das Krisenfilme. Die Leute wollen einfach sehen, wie schlimm es noch hätte werden können. Vielleicht, um sich selbst Trost zuzusprechen.

nordbuzz: Wenn Sie sich „Sløborn“ vor dem Hintergrund der Corona-Krise heute anschauen, müssen Sie sich manchmal selbst an den Kopf fassen, angesichts diverser Parallelen?

Möhring: Ja, absolut. Wenn man Genre-Fiction macht, die ja immer überzogen ist, und mit drastischen Bildern arbeitet, dann kann man natürlich überhaupt nicht mit solchen Parallelen rechnen. Wenn man sich politische Inhalte vornimmt, dann kann das schon einmal passieren. Aber die Anzeichen einer Pandemie waren ja nicht annähernd da. Da wurden geradezu beängstigende seherische Fähigkeiten bewiesen. Es ist wirklich schwer, sich vorzustellen, dass „Sløborn“ vor der Pandemie gedreht wurde. Ich hoffe, dass so was in solchen Zusammenhängen nicht noch einmal passiert (lacht).

nordbuzz: Das heißt, Sie haben rückblickend einen anderen Blick auf die Serie?

Möhring: Ja, gerade, als das so anfing mit Corona. Natürlich habe ich bei den realen Ausprägungen sofort an diese Serie gedacht. Dieser Spruch: „Das ist ja wie im Film“, der ist dann real geworden. Man hatte fast eine Art Blaupause dafür, aber in der Realität ist das natürlich etwas ganz anderes. Das ist wirklich grotesk.

„Erschreckend, wie brüchig unsere Erste-Welt-Zivilisation tatsächlich ist“

nordbuzz: Wie schätzen Sie den Effekt auf die Zuschauer ein?

Möhring: Ich glaube, das ZDF hat darauf schon reagiert - mit der Einschätzung, dass das eher etwas für die jüngere Zielgruppe ist. Und ich glaube, dass die öffentlich-rechtlichen Sender latent dazu neigen, ihre Zuschauer nicht zu überfordern. Das ZDF hat dann wohl gedacht, das verlangt den Zuschauern in der Einschätzung zu viel ab und dass die sich fragen würden: Was ist davon real und was nicht? Bringe ich die Bilder aus Norditalien mit den Bildern durcheinander, die ich da sehe?

nordbuzz: Schauen Sie sich in der jetzigen Situation ebenfalls Katastrophenfilme an?

Möhring: Nein. Viele Katastrophenfilme sind mir zu abgehoben. Oft ist ja vor allem im amerikanischen Kino der Katastrophen-Ursprung völlig an den Haaren herbeigezogen. Hauptsache, es geht um die Untergangsstimmung. Bei „Sløborn“ ist aber auch die Dimension der Entstehung, des Nicht-Wahrhaben-Wollens dabei. Eine Dimension, die von der Realität noch weit übertroffen wurde. Etwa wenn Politiker sagen: „Bei uns gibt es das nicht“ oder bei der Suche nach dem Schuldigen, die in der Serie ebenfalls angesprochen wird. Diesen Kampf gegen einen unbekannten Feind finde ich schon beängstigend und trotzdem faszinierend.

nordbuzz: Die Pandemie in „Sløborn“ wirkt zu Beginn weit weg, sie grassiert in Asien und Südamerika - und die Leute machen einfach das Radio aus. Glauben Sie, die Menschen müssen Gefahren wirklich immer unmittelbar vor der eigenen Nase haben, um den Ernst der Lage zu begreifen?

Möhring: Viele schon. Wir haben in dieser Zeit ja viel lernen dürfen und müssen: Unter anderem, was uns in Wahrheit vom Neandertaler unterscheidet und uns als Zivilisation auszeichnet oder eben auch nicht. Aber klar: Es ist immer leichter, die Augen zuzumachen, jemandem die Schuld zu geben. Es ist immer einfacher, von jemand anderem eine Veränderung zu verlangen, als von sich selber. Das ist einfach so. Dafür sind wir zu sehr auch egoistische Wesen. Und doch sehen wir auch in einer solchen Situation, dass wir eben auch soziale Wesen sind. Wir müssen kommunizieren, wir brauchen Kontakt. Ich bin sehr gespannt, welche Schlüsse man aus dieser Blaupause zieht.

nordbuzz: Sind Sie optimistisch, dass Menschen in Krisenzeiten zusammenrücken, oder erwarten Sie ein weiteres Auseinanderdriften der Gesellschaft?

Möhring: Ich muss gar nicht Helmut Schmidt mit „In der Not sieht man den wahren Charakter“ zitieren (lacht). Aber das stimmt schon. Ich glaube, Angst ist einer der größten Motoren. Das gilt ja auch für die Arbeit in der Politik, drüben über dem Atlantik noch mehr als hier. Angst ist so eine starke Macht, mit der sich am besten arbeiten lässt. Nicht mit Argumenten und Vernunft, was uns ja eigentlich auszeichnen sollte, sondern mit dieser archaischen Angst. Wenn ich nur an die Hamsterkäufe mit Nudeln und Klopapier denke - Ich verstehe nicht, wie es so weit kommen kann. Ich finde es schon erschreckend, wie brüchig unsere Erste-Welt-Zivilisation tatsächlich ist, und dass ein Virus uns diese Wahrheit vor Augen führt. Kriegen Krankenschwestern jetzt mehr Geld oder nicht? Werden die Schulen digitalisiert? Das ist dann das, was uns in dieser Krise auch eine Chance eröffnet.

„Die Leute waren süchtig nach Fallzahlen und krasser Überspitzung“

nordbuzz: Als Jugendlicher waren Sie in der Punk-Szene aktiv, in der Systemkritik eine große Rolle spielt. Haben Sie den Eindruck, dass im Zuge der Krise der Begriff der Systemkritik durch Verschwörungstheoretiker zunehmend negativer behaftet ist?

Möhring: Nein, finde ich nicht. Das Unwort des Jahres ist für mich „systemrelevant“. Das ist ein materieller Begriff, der einfach nur auf die Wertschöpfung deiner Arbeit für die Gesellschaft abzielt. Also Künstler sind da raus - das ist natürlich absurd. Alle sitzen zu Hause und gucken Filme und Serien, und dann ist man als Schauspieler nicht systemrelevant? Also diese Einschätzung fand ich doch ziemlich ernüchternd. Auch die völlige Fehleinschätzung der Möglichkeiten, die Schulen haben: Erst wird die Bildung permanent heruntergefahren, und plötzlich sollen die alle Seifenspender und Desinfektionsmittel haben? Da ist einfach eine Diskrepanz zwischen dem Anspruch der Politiker und der Realität.

nordbuzz: Aber vieles wurde auch angestoßen ...

Möhring: Ich finde es toll, zu merken: Wenn wir wirklich wollen, dann können wir das alles ändern. Zum Beispiel den Klimawandel, der ja das viel größere Problem ist - und zwar für alle! Aber das ist so bizarr: Das betrifft mich ja noch nicht, weil mir noch nicht das Wasser über die Füße fließt. Aber ich denke an den Mundschutz, das ist aus irgendeinem Grund für mich realer.

nordbuzz: Sind Sie eher jemand der, vor allem zur Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen, die aktuelle Nachrichtenlage aufgesaugt oder gemieden hat?

Möhring: Ich habe die Nachrichten schon verfolgt, aber irgendwann konnte man es auch nicht mehr hören. Die Medien haben ja auch ihren Teil dazu beigetragen. Wenn ich etwa die Überschrift sehe: „X Neuinfektionen“, und dann kommt aber im Text raus, dass es viel weniger sind als vorher. Ich fand es eher spannend zu verfolgen, wie süchtig die Leute irgendwann nach Fallzahlen, nach krasser Überspitzung waren. Das hat einen psychologischen Grund. Sie denken: „Das ist ja noch krasser, da geht's mir besser.“

„Geisterspiel ist einfach scheiße“

nordbuzz: Sie haben auch mal gesagt, Sie tun zur Entspannung gerne „gar nichts“. Haben Sie diese Lieblingsbeschäftigung während den Kontaktbeschränkungen nicht überstrapaziert?

Möhring: Nein, ich hatte eine ganz tolle, intensive Zeit mit den Kindern, mit denen ich am liebsten meine Zeit verbringe. Ich habe zu ihnen gesagt: „Wir wollten ja immer alle mal die Zeit anhalten, das haben wir jetzt gemacht.“ Wenn man dann die Möglichkeiten hat, die ich zum Glück habe, war das ja auch ein ganz besonderer und von der Natur gesegneter Frühsommer (lacht). Also mir hat da keiner gefehlt, kein Kontakt. Alleine durch das Homeschooling, zu schauen, „wo stehen die Kinder“, war mir nicht eine Sekunde langweilig.

nordbuzz: Aufgrund von Corona konnten Sie im Frühjahr natürlich ihrer Arbeit nicht nachgehen. Was vermissen Sie mehr: die Schauspielerei oder - als großer BVB-Fan - eine volle Südtribüne im Signal Iduna Park?

Möhring: Das ist eine schwierige Frage. Selbstverständlich vermisst man die Leidenschaft in der Arbeit, diese Freiheit, sich auszudrücken. Aber natürlich das andere, meinen Fußball, auch: Das ist ja grotesk mit den Geisterspielen. Aber die Regulierung der Spielergehälter, der Beratergehälter: Das wird jetzt alles nochmals neu durchgeschüttelt, und das finde ich eine ganz gesunde Entwicklung.

nordbuzz: Können Sie den Geisterspielen dennoch etwas abgewinnen?

Möhring: Ich bin zum letzten Spiel der Champions League, dem ersten Geisterspiel, nach Paris gereist - Geisterspiel ist einfach sch... Das ist ja wie Training, du hörst alles. Da musst du dich als Spieler auch ganz anders motivieren. Du legst vielleicht noch einmal ein paar Prozent zu, wenn die Südtribüne dich anfeuert. Also irgendwo ist das schon ulkig, dass man sich daran gewöhnt, dass sich echte Spiele, bei denen es um Meisterschaft und Punkte geht, von der Atmosphäre her anfühlen wie ein Trainingskick.

„Wenn du am Meer stehst, wirst du ruhiger“

nordbuzz: In „Sløborn“ spielen Sie einen Tierarzt. Haben Sie selbst Haustiere?

Möhring: Leihweise habe ich Haustiere, Hund und Katze. Auch für die Kinder, weil das noch mal andere Fähigkeiten und eine Verantwortung gegenüber anderen Lebewesen aufträgt. Das ist ein Benefit. Muss man zwar nicht haben, aber es ist natürlich toll, wenn man sich mit etwas auseinandersetzen muss, das keine Sprache spricht. Ich bin ja auch mit Tieren aufgewachsen und finde sie super.

nordbuzz: Die Serie spielt auf einer Insel und wurde unter anderem an der Nordsee gedreht. „Ich mag den Norden“ haben Sie mal gesagt. Was gefällt Ihnen als Westfale denn besonders dort?

Möhring: Meine Eltern kommen beide aus Bremen, und ich habe viel Zeit im Norden verbracht. Ich glaube, es sind zum einen die Lebensmerkmale der Menschen. Also nicht viel labern, sondern mit wenigen Worten genau das zu sagen, was man will. Dann der freie Blick zum Meer natürlich. Auch wenn wir alle aufgeregt sind wie die Irren - wenn du am Meer stehst, dann wirst du ruhiger. Das finde ich toll. Auch Hamburg als „Tor zur Welt“ - da ist tatsächlich was dran. Dieser Humor, die Trockenheit, das mag ich schon gerne.

teleschau

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