Der Grantler mit dem Doppelleben

Vor 30 Jahren, am 14. Juli 1990, wurde Walter Sedlmayr ermordet

"Th. Hierneis oder: wie man ehem. Hofkoch wird": Es war die Rolle, für die er 1973 den Bundesfilmpreis bekam. Walter Sedlmayr kehrt als erfolgreicher Unternehmer noch einmal an die Stätten seines ehemaligen Wirkens als Hofkoch zurück.
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„Th. Hierneis oder: wie man ehem. Hofkoch wird“: Es war die Rolle, für die er 1973 den Bundesfilmpreis bekam. Walter Sedlmayr kehrt als erfolgreicher Unternehmer noch einmal an die Stätten seines ehemaligen Wirkens als Hofkoch zurück.

Im Fernsehen war er der Vorzeige-Bayer, doch den echten Walter Sedlmayr kannten nur wenige: Vor genau 30 Jahren, am 14. Juli 1990, wurde der Volksschauspieler brutal ermordet. Die Erinnerung an eine Künstlerlegende lebt weiter.

München-Schwabing, 15. Juli 1990, 21.15 Uhr. Der Privatsekretär, Chauffeur und Hausverwalter des Volksschauspielers Walter Sedlmayr, Werner Dahms, hatte sich mit seinem Chef an diesem Sonntag zu einem Telefonat verabredet, doch Sedlmayr nahm den Hörer nicht ab. Dahms fährt daher im dunkelblauen BMW 750, Sedlmayrs Wagen, zur Wohnung des Schauspielers - und macht einen schrecklichen Fund: Auf dem Bett liegt Sedlmayrs Leiche mit eingeschlagenem Schädel. Der Mörder hatte seinem Opfer nach kurzem Kampf vermutlich mit einem Hammer viele Male auf den Hinterkopf geschlagen. Erste Verdachtsmomente weisen auf das homosexuelle „Milieu“. Sedlmayr hatte es zwar vermieden, sich als urbayerischer Volksschauspieler zu seiner Neigung zu bekennen, allerdings war in engeren Kreisen sein Trend zu männlichen Prostituierten bekannt.

Doch dann wurde als Erster der Chauffeur und Privatsekretär verhaftet, der mit einem selbstverfassten Testament Sedlmayrs Millionen kassieren wollte. Zwei Jahre nach dem Mord legte dann die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift gegen Sedlmayrs Kompagnon und dessen Halbbruder vor. Als Tatmotiv wurden Unregelmäßigkeiten in der gemeinsamen Wirtschaft „Beim Sedlmayr“ vermutet.

In einem Indizienprozess waren beide zu lebenslanger Haft verurteilt worden, jedoch bestritten beide eine Tatbeteiligung. Sedlmayrs Geschäftspartner wurde im August 2007, dessen Halbbruder im Januar 2008 auf Bewährung entlassen. Viele Fragen bleiben bis heute, 30 Jahre nach der Tat, offen. In der ZDF-Reihe „Aufgeklärt - Spektakuläre Kriminalfälle“ wurde zuletzt die damalige schwierige Aufklärungsarbeit mithilfe der Kriminalexperten Katinka Keckeis und Axel Petermann neu aufgerollt. Der Film, der in der Mediathek bereitsteht, erzählt die Ereignisse packend nach, liefert aber natürlich auch keine neue Perspektive - weder auf die Tat noch auf den Volksschauspieler, dessen Beerdigung damals, im Juli 1990, die Prominenz ferngeblieben war. Auch das ein Skandal, denn Sedlmayrs Tod riss eine riesige Lücke in die Fernsehlandschaft. Er war einer der größten bayerischen Darsteller aller Zeiten.

Der Durchbruch kam erst spät

Serien und Fernsehspiele mussten abgesagt oder unterbrochen werden. So wurde die 130. Folge der beliebten Münchner Polizeiserie „Polizeiinspektion 1“ die unwiderruflich letzte, mussten die geplanten „Kücheng'schichten“ (rund um Sedlmayrs Herd im eigenen Lokal) abgesetzt werden, gab es keine Weltreisen mehr mit dem ironisch-pfiffigen Beobachter von Land und Leuten. Vor allem aber hatte die Starkbierprobe auf dem Nockherberg ihren Prediger verloren, der die Politiker immer so schön zu derblecken und manchmal bis aufs Blut zu ärgern verstand.

Dabei war eine derartige Karriere zunächst nicht absehbar. Jahrzehntelang hatte der am 6. Januar 1926 in München geborene Sedlmayr, aus einfachen Verhältnissen kommend, sich in Jodelfilmen verbraucht. Erst mit 50 schaffte er dann in Syberbergs „Theodor Hirneis oder: Wie man ehem. Hofkoch wird“ den Durchbruch. Der Ex-Buffo wurde zum bayerischen Grantler mit spitzer Zunge, bei allen beliebt. Hinter den Kulissen konnte „der Sedlmayr“ allerdings ganz anders sein. Er legte sich mit Drehbuchautoren und Regisseuren („Meine natürlichen Feinde“) an, feilte pedantisch an Texten herum, stellte Kollegen bloß und zog sich nach den Dreharbeiten sofort zurück. Immer wieder drohte er damit, endgültig aufzuhören, forderte auf zum allgemeinen „Fernsehboykott“. „Ich hör' doch schon seit vier Jahren auf“, sagte er schon 1988 verschmitzt. „Nachdem die Leute immer wieder darauf einsteigen und mich dann mit guten Angeboten zu ködern versuchen, kokettiere ich halt wie eine alte Soubrette mit der Drohung, dass ich nicht mehr spiele.“

Er hat seine Mutter geliebt

Bis zum Tod der Mutter (1988) wohnte er bei ihr. „Er hat sie geliebt“, wusste Ruth Kappelsberger, seine Partnerin in der Radio-Ehe „Er und Sie. Szenen mitten aus dem Leben“. Danach sei er „noch einsamer“ geworden. Beim Spielen aber dachte er immer an seinen Vater: „Wenn mir irgendeine Reaktion einer Figur nicht einfällt, denke ich an meinen Vater. Ich spiele jetzt schon so lange meinen Vater, dass ich selber wie er geworden bin.“

Jedermann glaubte den grantelnden Münchner mit Hirn und Verstand zu kennen. Man kannte ihn aus den Serien und aus der „Paulaner“-Werbung. Von den Plakatwänden prostete der Nicht-Biertrinker allen fürstlich zu. Während nach dem Mord anderntags die Plakate entfernt wurden und die Werbung im Fernsehen verschwand, führt der Volksschauspieler nun ein ewiges Fernsehleben. Erstens, weil er so gut war. Zweitens, weil er immer mit dem Aufhören gedroht hat, und das Weiterspielen dafür die Strafe ist.

Im Film „Wambo“ glänzt Jürgen Tarrach als „Herbert Stieglmeier“

Das tragische Leben, der furchtbare Tod des Münchner Volksschauspielers Walter Sedlmayr, der am 15. Juli 1990 tot in seiner Schwabinger Wohnung aufgefunden wurde, diente 2001 als Vorlage für den Fernsehfilm „Wambo“. Produzent Helmut Dietl und Autorenregisseur Jo Baier beabsichtigten damals keine Verfilmung im Maßstab eins zu eins. Anhand einer wahren Biografie wollten sie nach eigenen Aussagen die Not eines Künstlers darstellen, den der Auseinanderfall von Sein und gesellschaftlichem Schein zerrieb. „Wambo“ ist also keines der üblichen Biopics, sondern so etwas wie ein filmischer Künstlerroman.

Walter Sedlmayr, der im Film zu „Herbert Stieglmeier“ wurde, war zu seinen Lebzeiten bei den Fernsehzuschauern ebenso beliebt wie bei den bayerischen Politikern, die er auf dem Nockherberg beim alljährlichen Starkbier-Anstich zu „derblecken“ pflegte. Die Bierwerbung hatte ihn gar zur bayerischen Biergarten-Ikone mit Schoßhund unter weißblauem Himmel stilisiert. Doch in Wirklichkeit war Sedlmayr ein angstvoller Mensch, der unter seiner streng-katholischen Kindheit und der Strenge des Vaters litt und später vor der Öffentlichkeit seine masochistischen, homophilen Neigungen verbarg, weil er fürchtete, vom Thron des allseits hofierten Volksstars wieder herabgestoßen zu werden. „Wambo“ (erhältlich auf DVD) ist unter Sedlmayr-Kennern nicht unumstritten, aber wohl die beste Referenz, um dieser Vita auch heute noch nahezukommen. Jürgen Tarrach, der selbst nicht aus Bayern, sondern aus Westfalen stammt, erweckte sein Vorbild kongenial zum Leben.

teleschau

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