„Ich mag meinen Körper auch in seinen Veränderungen“

Tanja Wedhorn im Interview

Heldin mit Brustkrebs: Tanja Wedhorn spielt in der ZDF-Serie "Fritzie - Der Himmel muss warten" eine engagierte Lehrerin, die eine Krebsdiagnose aus ihrem turbulenten Alltag reißt.
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Heldin mit Brustkrebs: Tanja Wedhorn spielt in der ZDF-Serie „Fritzie - Der Himmel muss warten“ eine engagierte Lehrerin, die eine Krebsdiagnose aus ihrem turbulenten Alltag reißt.

In der neuen ZDF-Serie „Fritzie - Der Himmel muss warten“ spielt Tanja Wedhorn eine Frau mit niederschmetternder Brustkrebs-Diagnose. Eine Rolle, die den 48-jährigen Publikumsliebling anfangs überforderte. Bis sie einen wichtigen Tipp erhielt.

Manche sagen, Tanja Wedhorn sei die beste deutsche Schauspielerin des schlechten Fernsehens. Schlecht im Sinne von „old school“. Gemeint ist klassische Unterhaltungsware des linearen Fernsehens. Durch ihr authentisches Spiel verwandelt Wedhorn, 48, des Öfteren Durchschnittliches in Gutes. In „Fritzie - Der Himmel muss warten“ (Donnerstag, 1. Oktober, 20.15 Uhr, ZDF) stimmt nun auch die Vorlage. Die Miniserie erzählt tragikomisch und angenehm klischeefrei von einer Brustkrebsdiagnose, die eine engagierte Lehrerin aus ihrem Alltag reißt. Im Interview spricht Wedhorn, Mutter zweier Söhne, über die Scham, als gesunder Mensch eine Todkranke zu spielen und das besondere Verhältnis von Frauen zu ihren Brüsten.

nordbuzz: In „Fritzie“ spielen Sie eine Frau, die eine ernste Brustkrebs-Diagnose erhält. Keine Serie für Hypochonder, oder?

Tanja Wedhorn: Eigentlich gehe ich recht zuversichtlich durchs Leben. Wir haben zu Beginn der Corona-Zeit auch keine Lebensmittel gehortet. Was ich allerdings vor dem Dreh gemacht habe - ich war bei meinem Frauenarzt und habe mich durchchecken lassen. Das war mir irgendwie wichtig, bevor ich eine Frau mit Brustkrebs spiele. Ich wollte nicht, dass die Rolle zum bösen Omen wird. Ich musste wissen, ob ich gesund bin, wenn ich mich in diesen Charakter hineinbegebe.   nordbuzz: Wie haben Sie sich sonst auf die Rolle vorbereitet?

Tanja Wedhorn: Mit einem Schamgefühl. Ich fand es nicht einfach, eine Frau mit Krebs zu spielen, während so viele an Krebs erkrankt sind und daran erkranken. Ich wollte denen in meiner Rolle gerecht werden und fand es erst einmal bedrückend und anmaßend, so zu tun als ob. Denn sie wissen es viel besser als ich, wie man sich mit so einer Diagnose fühlt. Diese Gedanken haben mich anfangs sehr beschäftigt.

„Fritzie, das bin ich“

nordbuzz: Wie sind Sie wieder herausgekommen aus diesem Zustand?

Tanja Wedhorn: Durch Zufall. Ich habe eine Nachricht von einer Bekannten erhalten, die ich beim Projekt vor „Fritzie“ kennengelernt hatte. Die Bekannte schrieb mir, dass ihre Mutter, ihre Schwester und ihre beste Freundin alle an Brustkrebs erkrankt waren - und dass diese drei Frauen ganz unterschiedlich mit der Diagnose und der späteren Therapie umgingen. Auch, dass sie selbst ganz unterschiedlich mit diesen drei ihr nahe stehenden Frauen umgegangen ist. Es war eine Erkenntnis, die mir eine gewisse Freiheit schenkte. Jene Einsicht, dass es nicht die eine, sozusagen authentische Art gibt, mit einer Krebsdiagnose zu leben.   nordbuzz: Sie glaubten also nicht mehr, mit der Rolle einer großen Aufgabe gerecht werden zu müssen?

Tanja Wedhorn: Ja, genau. So war es. Ich sagte mir dann einfach: Fritzie, das bin ich. Ob ich tatsächlich so wäre, wenn ich erkranken würde, weiß ich natürlich trotzdem nicht.   nordbuzz: Fritzie erfährt gleich in der ersten Szene der Serie, dass sie Krebs hat. Trotzdem ignoriert sie ihre Diagnose erst mal. Sie schiebt die Nachricht weg wie einen bösen Traum. Könnten Sie auch so reagieren?

Tanja Wedhorn: Ich glaube, dass eine solche Reaktion sehr menschlich und sehr nachvollziehbar ist. Wenn wir eine schlimme Nachricht erhalten, denken wir sicherlich darüber nach, ob und wie wir sie unserem Partner oder Kindern überbringen. Manche behalten Schockierendes vielleicht erst mal für sich. Wollen kontrollieren, wer es erfährt und wer nicht. Ich finde das Unter-der-Decke-halten sehr nachvollziehbar. Wer schlimme persönliche Nachrichten breit streut, muss unter Umständen damit rechnen, dass auch nach Monaten noch viele sehr oft fragen: Wie geht's dir denn?

„Ich wäre nicht mehr für mich selbst traurig“

nordbuzz: Also ist das Wegschieben schlechter Nachrichten nicht nur ein Nicht-wahr-haben-wollen, sondern auch ein rationaler Schutzmechanismus?

Tanja Wedhorn: Ich glaube, dass es das zumindest auch ist. Man überlegt sich sicherlich, wer damit gut umgehen kann und sucht bewusst aus, wen man in die Situation einweihen will. Es kann durchaus Kraft sparen oder sogar neue Kraft erzeugen, weiter den gesunden, kraftvollen Menschen zu „spielen“ - selbst, wenn es einem innerlich ganz anders geht.   nordbuzz: Was, glauben Sie, gibt schwer kranken Menschen am meisten Kraft?

Tanja Wedhorn: Für mich persönlich ist es der Lebenswille. Also für mich wäre es wohl der Hauptgrund, überleben zu wollen. Um meine Kinder nicht zurückzulassen ...   nordbuzz: Ein normaler Gedanke von Eltern, deren Kinder noch nicht erwachsen sind.

Tanja Wedhorn: Ja, das habe ich früh gemerkt, nachdem ich selbst Mutter wurde. Die Werte im Leben verschieben sich grundsätzlich. Ich wäre nicht mehr für mich selbst traurig.

Wie sprechen Frauen über ihre Brüste?

nordbuzz: Die Serie beschäftigt sich auch mit der Brust als Zeichen des weiblichen Selbstwertgefühls. Auch wenn die Frage aus dem Munde eines Mannes etwas seltsam klingt: Hat jede Frau eine besondere Beziehung zu ihren Brüsten?

Tanja Wedhorn: Ich kann da, glaube ich, nicht für alle Frauen sprechen (lacht). Jede Frau hat sicherlich ihre ganz eigenen und persönlichen Gedanken und Gefühle ihrem Körper gegenüber. Ich mag meinen Körper auch in seinen Veränderungen. Natürlich weiß ich, dass es vielen Frauen anders geht - aus sehr unterschiedlichen Gründen.   nordbuzz: Männer reden viel über weibliche Brüste. Tun Frauen das auch?

Tanja Wedhorn: Manchmal. Aber sicher ganz anders. Ob man einen guten BH gefunden hat oder darüber, was man am besten beim Sport anzieht. Aber auch das mag von Frau zu Frau unterschiedliche sein. Fritzie sagt in der Serie, dass sie nie über ihre Brüste nachgedacht hat. Dass sie es nur blöd fand, als sie damals gewachsen sind. Ich glaube, ich bin eher der Fritzie-Typ.   nordbuzz: Wir wollen nicht verraten, wie die Serie ausgeht, aber wäre es theoretisch denkbar, dass sie fortgesetzt wird? Da dürfen Sie wahrscheinlich gar nicht drüber reden ...

Tanja Wedhorn (lacht): Tatsächlich hat mir niemand gesagt, dass ich das nicht sagen darf. Wir erzählen in diesen sechs Folgen die ersten drei Wochen nach der Diagnose. Da passiert eine Menge, aber es ist noch nicht alles erzählt.

„Worüber ich öfter nachdenke, ist die Endlichkeit des Lebens mit meinen Kindern“

nordbuzz: Sie werden Ende nächsten Jahres 50. Ist das ein Alter, in dem man verstärkt über die Endlichkeit des Lebens nachdenkt?

Tanja Wedhorn: Das ist ja noch lange hin. Da denke ich jetzt noch nicht darüber nach. Es kann aber daraus positiv sein, über die Endlichkeit nachzudenken, weil man vielleicht das Leben so mehr wertschätzen und genießen lernt.

nordbuzz: Die Midlife-Crisis besteht in der drohenden Erkenntnis, was man immer mehr Dinge nicht mehr tun oder werden kann. Waren Ihnen solche Gedanken vor der Serie tatsächlich fremd?

Tanja Wedhorn: Das ist aktuell nicht so mein Thema (lacht). In meinem Leben ist so viel Bewegung. Routine gibt es nur in homöopathischen Dosen. Worüber ich öfter nachdenke, ist die Endlichkeit des Lebens mit meinen Kindern. Dass wir noch alle gemeinsam beispielsweise in die Ferien fahren. Nun trägt mein Großer Schuhgröße 46 und macht wahrscheinlich in wenigen Jahren Urlaub mit seinen Freunden per Interrrail. In dieser Hinsicht spüre ich schon etwas Wehmut.

nordbuzz: Ihre Wehmut betrifft aber nicht die Einschränkung der eigenen Möglichkeiten?

Tanja Wedhorn: Nein, gar nicht. Meine Augen sehen schlechter, das ist alles. Aber in den meisten Situationen brauche ich noch keine Brille. Ansonsten geht es mir gut. Ich halte mich auch für jung und fit genug, um zum Beispiel noch Surfen zu lernen.

teleschau

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