„Ich bringe wahrscheinlich etwas kriminelle Energie mit“

Kai Scheve ist der neue Kommissar im „Erzgebirgskrimi“

Kai Scheve erhält im „Erzgebirgskrimi“ seine erste Rolle als Kommissar.
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Kai Scheve erhält im „Erzgebirgskrimi“ seine erste Rolle als Kommissar.

Kai Scheve, der neue Hauptkommissar der ZDF-„Erzgebirgskrimis“, stammt tatsächlich aus der sächsischen Region. Wie sich die Rückkehr anfühlte, was es für ihn zu entdecken gab und warum er früher als Exot galt, erklärt der 54-Jährige im Interview.

Es kommt nicht oft vor, dass Regionalkrimi-Kommissare tatsächlich im meist provinziellen Ort des Geschehens geboren wurden. Aber bei Kai Scheve, der im „Erzgebirgskrimi“ den nach nur einem Film abgetretenen Stephan Luca ab sofort ersetzt, ist dies der Fall. Der 54-jährige Schauspieler, der in den vergangenen Jahren regelmäßig als zwielichtiger Verdächtiger eingesetzt wurde, spielt nicht nur den neuen Kommissar im sächsischen Mittelgebirge, sondern kam dort, genauer im Krankenhaus Erlabrunn, auch zur Welt. Nur wenige Kilometer entfernt drehte Scheve, der allerdings von jüngster Kindheit an in Leipzig aufwuchs und nach der Wende in Frankfurt am Main Schauspiel studierte, einige der wichtigsten Szenen seines Ermittler-Einstands „Tödlicher Akkord“ (Samstag, 7. März, 20.15 Uhr im ZDF). Wie sich die späte Rückkehr in die Region anfühlte, und warum man ihn nach der Wende als Exoten bertrachtete, erklärt Kai Scheve im Interview.

nordbuzz: Wenn Sie das Erzgebirge als interessanten Ort anpreisen sollten - was fiele Ihnen als erstes ein?

Kai Scheve: Zuallererst natürlich der Bergbau, dessen Geschichte und Tradition. Dann die wunderschönen Fichtenwälder und das Mittelgebirge, Moorseen im Sommer und Skifahren auf dem Fichtelberg im Winter. Außerdem verwunschene Städte wie Schneeberg oder Schwarzenberg, die ich vorher nicht kannte.

nordbuzz: Was haben Sie vom Dreh besonders in Erinnerung?

Scheve: Wir drehten im Hochsommer, an verschiedenen Orten, vor allem im Süderzgebirge. Eine imposante Landschaft - auch wenn man sich zurechtfinden muss, weil viele der künstlichen Berge gar nicht von Google Maps gelesen werden können (lacht). Sehr beeindruckt hat mich auch eine Instrumentenfabrik, in die man als Normalsterblicher ja gar nicht reinkommt. Wie dort die Blechblasinstrumente hergestellt werden, sieht man auch im Film.

nordbuzz: Merkt man, dass es auch eine Fremdenverkehrsregion ist?

Scheve: Obwohl die Gegend für den Tourismus so interessant ist, hat man nie das Gefühl, dass sie überlaufen ist. Ich traf kaum jemanden, wenn ich beispielsweise Mountainbike fuhr. Man kann ausgedehnte Wanderungen und Radtouren machen, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Ich finde das sehr attraktiv.

nordbuzz: Sie konnten die Gegend also auch ein bisschen erkunden?

Scheve: Von 23 Drehtagen drehte ich als Hauptkommissar an 23 Tagen. Aber die Wochenenden waren für Erkundungen reserviert. Das war mir wichig. So konnte ich die Region entdecken, in der ich geboren wurde.

„Ich glaube, ich bin noch nicht abgenutzt“

nordbuzz: Aufgewachsen sind Sie dort aber nicht ...

Scheve: Als ich ein Jahr alt war, zogen meine Eltern mit mir nach Leipzig. Vielleicht habe ich eine frühkindliche Erinnerung an die Gegend. Aber sicher baut man sich vieles aus Fotos und Erzählungen zusammen. So weiß ich etwa, dass es in den 60er-Jahren dort deutlich mehr Schnee gab (lacht). Ich fuhr während der Drehtage in meinen Geburtsort Erlabrunn - das Krankenhaus ist ein Gebäude aus den 50er-Jahren. Ein Monstrum mitten im Wald. Diese „Wiederbegegnung“ nach 50 Jahren war beeindruckend.

nordbuzz: Wurden Sie eigentlich auch aufgrund Ihrer Herkunft für die Hauptrolle des „Erzgebirgskrimis“ ausgewählt?

Scheve: Ich glaube eher, es war ein schöner Zufall, dass ich in der Region geboren wurde. Aber jetzt können wir wirklich sagen: Der Hauptermittler kommt aus dem Erzgebirge.

nordbuzz: Hatten Sie zuvor noch Kontakte in die Gegend?

Scheve: Verwandtschaft gibt es hier keine mehr. Auch meine Eltern hatte eher das Schicksal ins Erzgebirge verschlagen. Aber der Gegend, in der man geboren wurde, fühlt man sich doch immer verbunden.

nordbuzz: Kamen Sie während der Drehzeit mit den ansässigen Menschen ins Gespräch?

Scheve: Die Leute sind sehr interessiert und aufgeschlossen. Ich hatte sehr nette Vermieter während der Drehzeit. So war es toll, auch mal auf der Bank draußen plaudern zu können, oder sogar zu einem herrlichen Stück Kuchen eingeladen zu werden. So fühlt man sich nicht als „Fernsehtourist“, der heuschreckenähnlich einfällt und wieder abreist.

nordbuzz: Können Sie sich jetzt vorstellen, auch mit Ihrer Familie einen Kurzurlaub dort zu verbringen?

Scheve: Was ich meiner Familie gern zeigen würde, sind die alten Bergbaustollen. Ich bin an einem Wochenende „eingefahren“ - wie man sagt. Das war sehr beeindruckend. Somit haben wir das auch schon für den kommenden Dreh fest eingeplant. Aber ganz ehrlich: Wenn ich arbeite, dann bin ich so fokussiert, dass die Familie fast ein wenig stört. Aber sagen Sie das nicht weiter!

nordbuzz: Wie interessiert sind Ihre Kinder an Ihrem Beruf?

Scheve: Es ist zu Hause nicht das Riesenthema. Sie wissen aber schon, dass ich im Erzgebirge ermittle. Auch zeigte ich ihnen hin und wieder Ausschnitte, etwa eine Verfolgungsjagd. Viel mehr „Krimi“ ist für Zehn- und Zwölfjährige aber nicht unbedingt notwendig.

nordbuzz: Ist die Schauspielerei für Sie vor allem ein Brotjob?

Scheve: Ich würde sagen: Brotjob und Leidenschaft. Ich liebe es, zu spielen. Aber ich habe auch eine Familie, und so muss irgendwie die Stromrechnung bezahlt werden, und irgendwer muss den Jüngsten zum Fußball fahren oder den Hund Gassi führen. So suche ich meine Rollen mit Bedacht aus, um möglichst viel Leidenschaft im Brotjob unterzubringen.

nordbuzz: Wie klappt das bei Ihnen konkret?

Scheve: Wir teilen das auf. Ich versuche da zu sein, wenn meine Frau arbeitet, und sie verkürzt, wenn ich etwa im Erzgebirge drehe.

nordbuzz: Freute Sie die Hauptrolle trotz der Zeit, die Sie dafür nicht zu Hause sein können?

Scheve: Das Angebot, für diese Hauptrolle ist fantastisch. Es ist toll, eine Figur über einen längeren Zeitraum entwickeln zu können. Diese Möglichkeit bieten Episodenrollen nicht. Zudem wird man schnell auf Stereotype festgelegt: Wolf im Schafspelz, Hauptverdächtiger ...

nordbuzz: Wie kamen Sie zu dieser Art von Rollen?

Scheve: Erklären kann ich das nicht. Es entstehen Rollenprofile. Oft folgt die nächste Besetzung dem, was man gerade gespielt hat. Ich bringe wahrscheinlich etwas kriminelle Energie mit (lacht). Viele sagen ja auch, im deutschen Fernsehen sieht man immer die gleichen Gesichter. Das ist leider so. Dennoch glaube ich, dass ich noch nicht abgenutzt bin und noch ein Geheimnis in mir trage (lacht).

„Es muss nicht immer die neueste Konsole sein“

nordbuzz: Ihr Ermittler wirkt in der Tat geheimnisvoll, fast ein wenig still ...

Scheve: Er ist tatsächlich sehr ruhig. Ich konnte die Figur mitentwickeln und viel beitragen - auch Privates. Wir sitzen regelmäßig zusammen und besprechen den Stand der Dinge, das ist schon ungewöhnlich. Der Ton, die Sprache entwickelte sich dann langsam. Das ist das Schöne, wenn horizontal erzählt wird.

nordbuzz: Gibt es hinsichtlich Ihrer ostdeutschen Herkunft Parallelen zwischen dem Ermittler und Ihnen?

Scheve: Der Winkler ist weggegangen aus dem Osten. Das war bei mir auch so. Ich habe Mitte 1989 die DDR verlassen, bin über Ungarn geflohen. Und dieses Weggehen wird bis heute sehr argwöhnisch betrachtet.

nordbuzz: Inwiefern?

Scheve: Es schwingt ein „Du hast uns im Stich gelassen“ mit. Das wird auch in der Reihe weiter thematisiert werden. Viele haben es in den späten 80-ern nicht mehr ausgehalten, man wusste schließlich nicht, wie es weitergehen würde.

nordbuzz: Angesichts der Jubiläen im letzten und in diesem Jahr: Denken Sie viel über die Wende nach?

Scheve: Es ist für mich ein großes Thema. Ich wohne zwischen Berlin und Potsdam, da gibt es den Mauerweg, den ich oft für lange Spaziergänge mit dem Hund nutze. Wenn ich dort laufe, denke ich, wie unglaublich das alles ist: Mit welcher Selbstverständlichkeit man einen Zaun, eine Mauer gebaut und Menschen eingesperrt hat - und mit welcher Selbstverständlichkeit diese jetzt nicht mehr da ist, zum Hundeauslaufgebiet wurde.

nordbuzz: Nach dem Mauerfall sind Sie direkt nach Frankfurt am Main gegangen. Für Sie ein Glücksfall, oder?

Scheve: Die Schauspielschule Frankfurt nahm mich vermutlich nur wegen meines sächsischen Dialekts an. Den fand man dort exotisch, wollte ihn aber auch umgehend auslöschen. Ich war ein Versuchskaninchen (lacht).

nordbuzz: Wie erlebten Sie diese Zeit rückblickend?

Scheve: Das war schon toll. Eine imposante Stadt für einen 24-Jährigen aus der DDR. Aber: Ich war ein Exot und hatte schnell nur Umgang mit Westdeutschen. Die zeigten mir in der Bretagne den Atlantik (lacht). Da standen sie und wussten: Der Typ war noch nie in einem Ozean.

nordbuzz: Für Sie eine fremde Welt?

Scheve: Ich versuchte mich schnell zu integrieren. Das war mir ganz wichtig.

nordbuzz: Was sagte Ihre Familie dazu?

Scheve: Anfangs waren meine Eltern - damals Lokführer und Krankenschwester, und heute noch in Leipzig lebend - keine große Stütze. Das nehme ich Ihnen nicht übel, sie kamen eben nicht aus einem künstlerischen Umfeld.

nordbuzz: Ohnehin ist es noch immer ungewöhnlich, dass Schauspieler aus der Arbeiterschicht stammen. Das war im Osten ein wenig anders.

Scheve: Heute kommen viele junge Schauspieler aus der gehobenen, bürgerlichen Mittelschicht. In der DDR war das nicht so. Man hat mich damals in Leipzig nur unter der Voraussetzung angenommen, dass ich eine Bücherliste abarbeite. Da stellte man ein gewisses Defizit fest - aber man zeigte sich gegenüber der Arbeiterklasse gnädig (lacht).

nordbuzz: Brachten Sie durch Ihre Herkunft auch andere Fertigkeiten und Philosophien mit?

Scheve: Der Mangel prägte den in der DDR aufgewachsenen Menschen auf jeden Fall. Ich finde, man sollte seinen Kindern beibringen, dass man durchaus improvisieren darf. Dass nicht alles selbstverständlich ist. Es muss nicht immer gleich die neueste Konsole sein.

teleschau

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