„Vielleicht sollte man das Musikmachen besser sein lassen“

Rufus Wainwright im Interview

Rufus Wainwright, bald 47 Jahre alt, verbrachte die letzten Jahre mit dem Komponieren von Opern im Klassik-Betrieb. Nun kehrt der als genial gefeierte Songwriter zurück zur Popmusik. Und doch hat er Zweifel, ob die Welt noch offene Ohren hat für einen wie ihn.
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Rufus Wainwright, bald 47 Jahre alt, verbrachte die letzten Jahre mit dem Komponieren von Opern im Klassik-Betrieb. Nun kehrt der als genial gefeierte Songwriter zurück zur Popmusik. Und doch hat er Zweifel, ob die Welt noch offene Ohren hat für einen wie ihn.

Der gefeierte Songwriter Rufus Wainwright veröffentlicht nach acht Jahren Pause sein erstes Popalbum - und spielt im Interview mit dem Gedanken, diese Kunst aufzugeben. Macht es in diesen Tagen noch Sinn, Pop als klassische Kunstform zu betreiben?

Eigentlich ist er mit knapp 47 Jahren noch viel zu jung zum Aufhören. Doch Rufus Wainwright, Sohn der Folk-Legenden Kate McGarrigle und Loudon Wainwright III., hat früh angefangen und schon viel erlebt. Vor 20 Jahren wurden seine Songs von Kritikern und Musik-Connaisseuren als mit das Beste gefeiert, was die moderne Popmusik damals hergab. Nun kehrt der offen schwul lebende Künstler mit dem Album „Unfollow The Rules“ zu eben diesen Anfängen zurück. Im Interview spricht Rufus Wainwright über die zurückliegenden Jahre als Opern-Komponist, das Ende der Popmusik und sein Leben als Vater einer Tochter, die er und sein Mann mit der Mutter des Kindes großziehen.

nordbuzz: Sie bringen Ihr erstes Popalbum seit acht Jahren heraus. Welche Freuden bietet die Popmusik, die es beim Schreiben von Opern nicht gibt?

Rufus Wainwright: Es ist mein Beruf. Ich liebe es, Opern zu schreiben, ich liebe das Shakespeare-Album, aber ich betrachte diese Dinge eher als eine exotische Reise. Man kann neue musikalische Sprachen lernen, die dann wieder meinen Job als Singer/Songwriter bereichern. Heutzutage - aber auch, wenn ich die Karriere meiner Eltern betrachte - muss man als Musiker auf fast schon soldatische Art und Weise seinen Posten besetzen. Du machst eine Platte, dann folgt eine Tour, eine Platte, eine Tour - und so weiter. Auf dieses ewig Gleiche hatte ich keine Lust. Deshalb habe ich ein paar Opern komponiert. Jetzt ist alles wieder frisch und neu - ich kann wieder in den Kampf ziehen.

nordbuzz: Braucht es eine andere Art der Inspiration, wenn man Klassik macht?

Wainwright: Ja, das ist sehr anders. Wenn man an einer Oper schreibt, geht es einerseits zwar darum, was das Beste für das Stück ist, andererseits existiert auch eine Menge Austausch mit Leuten, die um dich herum arbeiten: der Dirigent, die Sänger oder der Dichter des Librettos. Oper ist Teamwork. Wenn ich dagegen Popsongs schreibe, geht es um den endlosen Kampf des Rufus, mit dem ich täglich lebe (lacht). Ich untersuche mein Ego, meine Wünsche, meine Ängste. Die eine Sache ist sehr extrovertiert, die andere ziemlich introvertiert. Aber ich schätze mich sehr glücklich, dass ich beides tun darf.

„Was muss passieren, damit es weitergeht?“

nordbuzz: Wenn man mit zwei Eltern aufwächst, die professionelle Songwriter und Performer sind - betrachtet man es dann als normal, dass man sein Inneres von Berufs wegen nach außen kehrt?

Wainwright: Ich bewundere es, je älter ich werde, immer mehr, dass meine Eltern als Musiker einerseits sehr geachtet und künstlerisch erfolgreich auf ihrem Gebiet waren - ihre Songs wurden von Leuten wie Johnny Cash oder Linda Ronstadt interpretiert. Andererseits mussten sie immer kämpfen. Sie verkauften nie besonders viele Alben, verdienten nicht besonders viel Geld. Besonders im Falle meiner Mutter und meiner Tante, die beide gleichzeitig Kinder aufziehen mussten. Ich wusste immer, wie es ist, wenn man um seine Kunst kämpfen muss. Bei uns ging es nie um Geld, Privilegien oder einen starmäßigen Lebensstil - was viele Menschen von mir immer noch glauben. Ich führe ein wunderbares, sehr privilegiertes Leben, aber ich habe sehr hart gearbeitet, um dorthin zu kommen. Ich habe es nur geschafft, weil ich wusste, wie schwierig es für meine Eltern war, ihre Karrieren am Laufen zu halten.

nordbuzz: Fiel es Ihnen in 20 Jahren als „Recording Artist“ immer gleich leicht oder schwer, das Innere nach außen zu tragen?

Wainwright: Für mich stellte sich nie die Frage, ob es leicht oder schwer war. Es ging immer nur darum, was passieren musste. Ich war immer getrieben von etwas, schon als ich ganz jung war. Ich glaube, dieses Gefühl war schon mit drei oder vier Jahren da. Es gibt viele Polaroid-Aufnahmen von mir aus den 70-ern, auf denen ich Windeln trage und intensiv das Piano bearbeite. Oft hatte ich mir dafür extra ein Kostüm angezogen. Meine Mutter hat meine Ambition früh verstanden und unterstützt. Sie tat alles, um mir zu helfen. Ich kann es deshalb nicht als schwierig bezeichnen, mich öffentlich auszudrücken. So bin ich einfach.

nordbuzz: Der längste Song Ihrer neuen Platte heißt genauso wie das Album: „Unfollow The Rules“. Ist das der Schlüsseltrack, wenn man verstehen will, worum es Ihnen gerade geht?

Wainwright: Ich bin 46 Jahre alt und an einem Punkt, von dem aus ich in vielerlei Hinsicht auf Lebensverläufe zurückblicken kann: meine Karriere als Künstler, dazu bin ich seit 14 Jahren verheiratet und Vater eines neun Jahre alten Kindes. Ich habe meine Mutter verloren und einen Vater, der noch lebt. Ich denke an all diese Dinge und ziehe Bilanz. Was war dafür verantwortlich, dass ich hier gelandet bin? Was muss passieren, damit es weitergeht? „Unfollow The Rules“ heißt nicht, dass ich die Regeln missachte. Ich bin kein Bilderstürmer, ich interessiere mich nur für meine Umgebung und versuche herauszufinden, warum sie so ist, wie sie ist. Hinzu kommt, dass ich dieses Album als eine Art Schlusskapitel betrachte - als Abschluss des ersten Drittels meines Künstlerlebens, wenn es gut läuft. Weil es vor 20 Jahren mit meinem ersten Album in Kalifornien anfing, soll es nun auch dort enden.

„Ich liebte die Oper, war schwul, ein Piano-verliebter Dandy ...“

nordbuzz: Aber warum soll dieses Album das Ende einer Ära sein - und was kommt danach?

Wainwright: Ich habe mich immer weit aus dem Fenster gelehnt, sei es mit den Opern, dem Shakespeare-Album und auch mit meinen eigenen Alben. Gleichzeitig bin ich auch Traditionalist. Ich glaube mit ganzem Herzen an die Kunstform des Songs und auch an die des Musikalbums. Beide Kunstformen sind im gegenwärtigen Musikbusiness vom Aussterben bedroht. Das Album sagt jüngeren Generationen nichts mehr - oder das Konzept wirkt zumindest sehr archaisch und altmodisch auf sie. Auch die Dichtkunst ist nicht besonders weit vorn, wenn man mich fragt und sich aktuelle Musik anhört. Manchmal habe ich die Idee, diese Kunst zu retten. Dann wieder denke ich an diesem Tiefpunkt des Songwritings und der Albumkunst: Vielleicht sollte man das Musikmachen besser sein lassen.

nordbuzz: Welche Rolle spielt Kalifornien in Ihrem Leben?

Wainwright: Ich lebe dort mittlerweile, und die Tatsache, dass ich mein erstes Album in Kalifornien aufgenommen habe, ist sehr bedeutsam. Es hatte den Grund, dass ich in New York krachend gescheitert war. Ich wuchs in Montreal auf, mein Vater lebte in New York, deshalb war ich oft dort. Ich liebte die Oper, war schwul, ein Piano-verliebter Dandy, der den Boulevard herunterschreiten wollte. Doch damals liebte man Jeff Buckley und Nirvana, und ich wurde eher als obskurer Typ wahrgenommen. Ich bekam keinen Fuß auf den Boden in New York - und das über Jahre. Erst, als ich nach Kalifornien ging und Leute wie Jon Brion und Van Dyke Parks kennenlernte, fühlte ich mich zu Hause. Ich schulde Kalifornien tatsächlich eine Menge. Hinzu kommt, dass wir jetzt in Laurel Canyon leben - mein Mann und ich. Das ist ja auch der Geburtsort von Folkrock, an dem meine Mutter und, ein Stück weit, auch mein Vater ihre Karriere starteten.

„Mein Mann und ich waren als Väter so ein bisschen die Typen im Hintergrund“

nordbuzz: Die Songs auf „Unfollow The Rules“ werden im Verlauf des Albums immer dunkler. Muss man sich Sorgen um Sie machen?

Wainwright: Wir leben in dunklen Zeiten. Hinzu kommt noch etwas anderes. Ich will nicht sagen, dass alle Künstler „dunkel“ sein müssen, aber all meine Lieblingskünstler sind es. Viele Leute fragen mich, ob man depressiv sein muss als Künstler, ob das eigene Leben scheiße sein muss. Ein Teil von mir sagt: Das ist ein Klischee. Aber irgendwie ist da auch etwas dran. Man muss sich in der Dunkelheit auskennen, um Dinge zu finden, die andere nicht sehen können. Auch wenn einige Künstler behaupten, es wäre definitiv ein Klischee, glaube ich immer noch daran: Man muss das Dunkle kennen, um große Kunst zu erschaffen. Auch wenn es eine große Herausforderung ist, diese Dunkelheit dann wieder hinter sich zu lassen.

nordbuzz: Wie hat Sie das Vatersein verändert?

Wainwright: Es hat mich sehr verändert, ließ mich gleichzeitig aber auch erkennen, wie wenig ich mich verändert habe. Ein Kind zeigt sämtliche Dinge auf, die dein Leben ausmachen - Dinge, die vielleicht schon immer da waren. Viele dieser Eigenschaften waren dir vielleicht nie bewusst - bis zu dem Punkt, wenn deine Kinder sie dir zeigen. Wir befinden uns gerade an einem interessanten Punkt. Viva, unsere Tochter, wird auch von ihrer Mutter aufgezogen. Es gibt also drei Eltern in ihrem Leben. Jedes Kind braucht eine Mutter, zumindest bis zu einem Alter von - sagen wir - sechs Jahren. Die Mutter steht fürs Überleben, sie ist die zentrale Figur im Leben eines kleinen Kindes. Von ihr gibt es das Essen. Mein Mann und ich waren als Väter in jener Zeit so ein bisschen die Typen im Hintergrund.

nordbuzz: Und das verändert sich gerade?

Wainwright: Ja. Viva vermisst uns mehr als früher, wenn wir mal nicht da sind. Sie braucht ihre Väter, das macht unser aller Leben intensiver. Wir haben uns immer angestrengt, da zu sein, in der Nähe zu sein - und dachten dennoch, dass wir in der zweiten Reihe stehen. Wir leben im selben Ort, in der gleichen Nachbarschaft. Doch wenn die Kinder größer und „richtige“ Menschen werden, muss man präsenter sein. Man muss mit ihnen verhandeln, oder besser: Man muss sich auf eine echte Beziehung einlassen.

nordbuzz: Wünschen Sie sich, dass Ihre Tochter auch Künstlerin wird?

Wainwright: Nein. Sie besitzt das Talent, so viel kann ich sagen. Sie hat eine wunderschöne Stimme, sie ist auch sehr hübsch - momentan jedenfalls (lacht). Wenn Sie sich dazu entscheiden würde, etwas Künstlerisches in ihrem Leben zu machen, würde ich es total verstehen. Ich ermutige sie auch dazu - aber ich fühle keinen Druck, sie in diese Richtung zu drängen.

teleschau

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