Die Geheimnisse ungelöster Fälle

Rudi Cerne im Interview

Durch welche Methoden und Zufälle werden spektakuläre Kriminalfälle, an deren Lösung fast niemand mehr glaubte, doch noch aufgelöst? "Aktenzeichen XY"-Moderator Rudi Cerne gibt im Interview Auskunft darüber.
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Durch welche Methoden und Zufälle werden spektakuläre Kriminalfälle, an deren Lösung fast niemand mehr glaubte, doch noch aufgelöst? „Aktenzeichen XY“-Moderator Rudi Cerne gibt im Interview Auskunft darüber.

„Aktenzeichen xy ... gelöst!“ berichtet in unregelmäßigen Abständen von spektakulären Kriminalfällen, die - oft nach langer Zeit - doch noch aufgeklärt werden. Im Interview erzählt Moderator Rudi Cerne, mit welchen Methoden und Zufällen solche „Cold Cases“ doch noch eine Lösung erfahren.

Seit 2002 moderiert der ehemalige Leistungssportler und Olympia-Teilnehmer im Eiskunstlaufen, Rudi Cerne, das deutsche Kult-Format „Aktenzeichen XY ... ungelöst“. Über jene 18 Jahre wurde der unprätentiöse Moderator selbst zum Experten für komplexe Kriminalfälle. Zuletzt kam „Aktenzeichen“ in die Schlagzeilen, weil die Lösung des weltweit für Aufsehen sorgenden Falles Maddie McCann wohl in Deutschland liegt - und die Ermittler wegen des Verschwindens eines englischen Mädchens aus einer portugiesischen Ferienanlage vor 13 Jahren wieder auf die deutsche TV-Öffentlichkeit setzten. Über diesen Fall sowie Methoden, die nach vielen Jahren und Jahrzehnten doch noch für die Aufklärung ungelöster Verbrechen sorgen, spricht der 61-jährige Moderator im Interview. Am Mittwoch, 15. Juli (20.15 Uhr, ZDF), berichtet Rudi Cerne in „Aktenzeichen XY ... gelöst“ von weiteren verzwickten Verbrechen, die doch noch aufgeklärt wurden.

nordbuzz: In „Aktenzeichen XY ... gelöst!“ betrachten Sie oft Fälle, die erst nach langer Zeit aufgeklärt wurden. Was war entscheidend dafür - Zufälle oder das Sammeln von Mosaik-Steinchen?

Rudi Cerne: Ein klares Muster lässt sich nicht erkennen. Ich kann aber sagen, dass es immer wieder neue, hilfreiche Hinweise zu Fällen gibt, die schon lange zurückliegen. Es findet kein kontinuierliches Vergessen statt. Wäre es so, würde es keinen Sinn ergeben, alte Fälle weiter zu verfolgen. Dass es anders ist, beweist die Tatsache, dass die Polizei immer mehr Stellen für so genannte „Cold Cases“ einrichtet.

nordbuzz: Wenn man sich die Lösung dieser „Cold Cases“ anschaut - ist da meist neue Technik ausschlaggebend oder der menschliche Faktor?

Cerne: Auch da glaube ich - beides ist der Fall. DNA-Analyse-Techniken werden immer ausgefeilter. Eventuell hinterlassene Spuren können immer besser überprüft werden. Gleichzeitig ändern sich auch soziale Beziehungen zwischen Tätern und Mitwissern über die Jahre. Beim Fall der verschwundenen Lolita Brieger, der nach 29 Jahren aufgeklärt wurde, war es beispielsweise so, dass die Ex-Freundin eines Mitwissers den Hinweis gab, noch mal mit ihrem damaligen Partner zu sprechen. Dieser konnte die ganze Last des Mitwissens nicht mehr ertragen und hat so für die Aufklärung eines Tötungsdeliktes gesorgt.

„Es gibt in dieser Hinsicht große Künstler unter den Ermittlern“

nordbuzz: Also halten sich wissenschaftlicher Fortschritt und klassisches menschliches Drama die Waage?

Cerne: Vielleicht. Doch man kann den menschlichen Faktor bei der Ermittlungsarbeit nicht hoch genug einschätzen. Die meisten Tötungsdelikte sind Beziehungstaten. Das ist eine enorme emotionale Wucht, die da auf allen Beteiligten lastet. Man vergisst nicht, was einmal gewesen ist. Außerdem ist es sehr entscheidend, wer die Ermittlungen führt. Bei den „Cold Cases“ treten oft irgendwann neue Ermittler an, weil die Fälle bisweilen Jahrzehnte zurückliegen.

nordbuzz: Was machen die neuen Ermittler anders?

Cerne: Oft ist es lediglich der berühmte frische Blick auf die Dinge. Manchmal sind es andere Methoden oder Vernehmungstechniken. Ich weiß, dass sich viele Polizisten darüber amüsieren, wenn in TV-Krimis Zeugen oder Verdächtige bei der Vernehmung hart rangenommen werden, wie man so schön sagt. In Wahrheit ist es so, dass die Leute viel öfter reden, wenn die Polizisten es schaffen, eine menschliche Nähe zu ihnen herzustellen. Es gibt in dieser Hinsicht große Künstler unter den Ermittlern. Es ist auf jeden Fall ein sehr besonderes Talent, so etwas gut zu können.

nordbuzz: Ein Fall, der immer wieder mal „kalt“ zu sein schien und nun vor der Aufklärung steht, ist jener der verschwundenen Madeleine McCann. Wie viel hat „Aktenzeichen“ dazu beigetragen?

Cerne: Wir haben nur die große Öffentlichkeit hergestellt. 2013 waren die Eltern des verschwundenen Mädchens das erste Mal bei uns in der Sendung. Schon damals sind die Ermittler auf den mutmaßlichen Täter Christian B. aufmerksam geworden, aber die Hinweise und Beweise reichten nicht aus. Doch die Arbeit ging weiter. Deshalb kam die Polizei nun noch einmal auf unsere Redaktion zu, um eine größtmögliche Öffentlichkeit herzustellen.

„Die Angehörigen kommen niemals zur Ruhe“

nordbuzz: Sie haben eine sehr gute Erfolgsquote, was die Aufklärung schwerer Verbrechen betrifft. Warum greift man nicht öfter auf das öffentliche Ermittlungsprinzip zurück?

Cerne: Öffentliche Fahndung ist ein sensibler Bereich. Dafür benötigt man einen höchstrichterlichen Beschluss. Erst wenn die herkömmlichen Ermittlungs-Methoden ausgeschöpft worden sind, greift die Öffentlichkeitsfahndung. Wir sind da der erste Ansprechpartner, die Ermittlungsarbeit machen Profis. Es sitzt auch immer ein Vertreter des Bundeskriminalamtes bei uns in der Sendung, um Hinweise direkt verarbeiten zu können. Wir hatten sogar schon zwei Spezialagenten des FBI bei „Aktenzeichen“, als es um einen Fall mit amerikanischem Bezug ging. Auch dieser Kontakt wurde über das BKA abgewickelt. Das FBI unterhält Büros in verschiedenen Städten Deutschlands, die Kommunikation läuft aber immer über das BKA.

nordbuzz: Kommen wir noch mal auf den Fall McCann zurück. Sie kennen die Eltern, nun entpuppt sich ein Deutscher als mutmaßlicher Täter. Was hat diese Wendung in Ihnen ausgelöst?

Cerne: Ich war extrem überrascht, damit hatte ich nicht gerechnet. Das hatte auch für mich eine emotionale Komponente. Vor Jahren hatte ich ja schon die Eltern von Madeleine in Birmingham zu einem Vorgespräch getroffenen. 2013 waren sie bei uns zu Gast. Für jemanden, der das nicht kennt, ist es unvorstellbar, wie sich Menschen fühlen müssen, die ihre Liebsten vermissen und nichts über deren Verbleib wissen. Die Situation ist extrem zermürbend. Die Angehörigen kommen niemals zur Ruhe. Oft sagen die betroffenen Personen: „Wissen Sie, Herr Cerne, das hier ist unser letzter Versuch, noch etwas herauszufinden. Danach können wir auch nicht mehr.“ Wenn einem jemand so etwas sagt, hat das eine enorme Bedeutung. Es ist eine unerträgliche Situation für die Angehörigen.

nordbuzz: Aber fühlen Sie sich auch als Willkommener, als Hoffnungsträger?

Cerne: Als Willkommener auf jeden Fall, die Leute kommen ja meist auf uns zu. Als Hoffnungsträger ... vielleicht. Im Falle McCann sagte der Vater damals zu mir: „Solange kein Beweis erbracht ist, dass meine Tochter tot ist, hoffe ich und habe das Recht zu glauben, dass sie noch lebt.“ Ich kann das gut verstehen. Ich fühle sehr mit den Angehörigen. Da findet eine Live-Sendung statt - und Menschen, die jemanden vermissen, müssen davon erzählen. Sie stehen unter einem enormen Stress. Trotzdem empfinden es die Betroffenen selbst oft anders. Viele sagen, es tut gut, dass sich noch jemand um sie und ihr Anliegen kümmert. Es nimmt sich jemand ihrer an.

„Die alte Columbo-Technik soll gut funktionieren“

nordbuzz: Kommen wir noch mal auf die Ermittler zu sprechen. Aus dem Fernsehen kennt man vor allem fiktionale Polizisten, Sie kennen viele echte. Wie weit sind Fiction und Wirklichkeit voneinander entfernt?

Cerne (lacht): Mir hat mal ein Ermittler gesagt, das Einzige, was korrekt wäre, ist, dass auf dem Revier die Kaffeemaschine immer läuft. Ansonsten kann ich über klassische Polizeiarbeit nicht so viel sagen, weil ich den Beamten bei der Arbeit ja nicht über die Schulter schaue. Ich weiß nur, dass die oft Hunderte von Hinweisen bekommen - und auch jedem einzelnen nachgehen. Polizeiarbeit ist in der Regel langwierig und mühsam. In dieser Hinsicht unterscheiden sich Krimi und Realität wohl am deutlichsten voneinander.

nordbuzz: Und der harte Hund unter den Ermittlern ist eher selten?

Cerne: Mir hat mal ein Mordkommissar aus München erzählt, am erfolgreichsten seien Ermittler, die eine Empathie mit dem Täter aufbauen könnten. Da läuft es einem eiskalt über den Rücken - aber auch das kann ich verstehen. Niemand packt aus, wenn man ihn in die Ecke drängt. Andererseits soll auch die alte Columbo-Technik gut funktionieren. Dieses Beiläufige, dass man quasi im Gehen noch mal sagt: „Ach, eine Frage hätte ich noch - sind Sie damals durch die Vorder- oder Hintertür hereingekommen?“.

nordbuzz: Wie sehr sind echte Mord-Ermittler von der filmischen Darstellung ihres Berufes eigentlich genervt?

Cerne: Ich glaube, gar nicht so sehr. Die schmunzeln eher darüber - und sind ansonsten ganz entspannt. Viele haben mir erzählt, dass sie gedanklich auch abseits der Arbeitszeit sehr beschäftigt mit ihren Fällen sind. Dass es ihnen mitunter schwerfällt, sie nach Feierabend loszulassen. Dass sie manchmal nachts aufwachen, weil ihnen ein neuer Gedanke zu einem Fall gekommen ist. Kann ich gut verstehen, aber es geht ja auch anderen Leuten so, dass sie nachts über ihren Beruf nachdenken. Selbst, wenn es dabei nicht um Mord geht.

teleschau

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