Reden, reden, reden ... bis der Bus kommt

Ronald Zehrfeld spielt in der originellsten Fernsehserie des Jahres

Ronald Zehrfeld spielt eine der beiden Hauptrollen in der neuen ungewöhnlichen rbb-Serie „Warten auf&#39n Bus“. In dem Format sieht er eine große gesellschaftliche Chance.
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Ronald Zehrfeld spielt eine der beiden Hauptrollen in der neuen ungewöhnlichen rbb-Serie „Warten auf'n Bus“. In dem Format sieht er eine große gesellschaftliche Chance.

Die achtteilige Serie „Warten auf'n Bus“ (ab 15. April in der ARD-Mediathek, online first; ab 22. April, mittwochs, 22 Uhr, rbb; Regie: Dirk Kummer) erzählt die Geschichte von zwei Brandenburgern im Leerlauf. Ein tiefgründiges Gespräch folgt dem anderen, Traurigkeit und Witz werden eins. Einer der beiden Hauptdarsteller ist Ronald Zehrfeld - der im Format eine große gesellschaftliche Chance sieht.

Ronald Zehrfeld kommt im Gespräch aus der Lobhudelei kaum heraus. Geradezu gebetsmühlenartig huldigt er Oliver Bukowski, den Drehbuchautor von „Warten auf'n Bus“, einer neuen, äußerst ungewöhnlichen Serie des RBB. Der Inhalt in Kurzform: Zwei Männer, Ende vierzig, warten an einer Bushaltestelle auf dem brandenburgischen Land. Warten, das bedeutet in ihrem Fall nicht darauf, in irgendeiner Weise weiterzukommen. Stattdessen warten sie auf einen Bus und seine Fahrerin, die am Ende jeder Folge ankommen und eine Zigarette rauchen wird. Bis dahin gibt es Dialoge aus dem Leerlauf-Leben der beiden Hauptfiguren. Die Serie ist ab 15. April in der ARD-Mediathek verfügbar, ab Mittwoch, 22. April, 22 Uhr, folgt die Ausstrahlung im rbb-Dritten.

Ronald Zehrfeld erinnert sich: „Oliver Bukowski hat uns eine Stilvorlage gegeben, indem er uns acht großartige Teile geschrieben hat. Er hat diese beiden Persönlichkeiten, die da an der Haltestelle sitzen, durch viele Gespräche, Spaziergänge auf den Straßen und Besuche in den Kneipen in Brandenburg zeichnen können und ihnen einen einzigartigen Geschmack verpasst.“ Und tatsächlich: Wer Hannes (Zehrfeld) und seinem Kumpel Ralf (Felix Kramer) zuhört und zusieht, bekommt einen tiefen Einblick in zwei ostdeutsche Seelen, der symbolisch gesehen werden kann für viele, die in den neuen Bundesländern zum beruflichen und privaten Stillstand gekommen sind - und für deren Umgang mit eben dieser Situation.

Frühinvalide und langzeitarbeitslos, verweilen Hannes und Ralf dort, wo sie einst noch zur Arbeit, ja sogar in den Urlaub fuhren. Sie hocken da und erzählen. Von allem, was gut war und was schieflief, was große Gefühle waren und was aus diesen wurde. Erkundet wird, wie es zu all dem kam. Oder wie Zehrfeld es ausdrückt: „Zwei Krautrüben fristen ihr Leben an einer Bushaltestelle. Auf den ersten Blick wirken diese beiden Arbeitslosen wie Sozialschmarotzer - aber man erkennt schnell, aufgrund der Tiefe ihrer Gespräche, dass sie und das gesamte Leben viel komplexer sind. Es geht hier um die ganz großen Beträge: Liebe, Schmerz, Enttäuschung, Verlust, Verrat, Anerkennung, Gewinn.“

Ein Lichtblick im Haltestellendasein: der stets gut gelaunte Hund Maik. Und natürlich Kathrin (Jördis Triebel), Busfahrerin. Für sie ist der Treffpunkt von Hannes und Ralf Endhalteschleife und Ort für eine Pause. Für die beiden Männerfreunde ist Kathrin eine Art Heilige. Eine unerreichbare Schöne. Dort, wo sie verharren, raucht sie eine und kommt mit ihnen in Kontakt. Sie ist „oberste Liga. Nüscht für Sterbliche“.

Es ist Zeit, Fragen zu stellen

Zehrfeld selbst, geboren im Januar 1977, stammt aus Ost-Berlin. Vater und Mutter arbeiteten für die staatliche DDR-Fluggesellschaft Interflug. Kind Ronald war ein großes Judo-Talent, gewann gar als Elfjähriger die DDR-Jugendmeisterschaft, träumte von Olympia. Doch dann kam die Wende. Zu jung für den westdeutschen Judokader, gab er die Sportkarriere auf. Er machte Abitur, studierte in Berlin Germanistik und Politik und ging schließlich auf die berühmte „Ernst Busch“-Schauspielschule. Der weitere Werdegang ließ sich sehen. Arbeiten am Theater folgten Film- und Fernsehengagements, unter anderem Dominik Grafs Serie „Im Angesicht des Verbrechens“, „Weissensee“ und die „Dengler“-Reihe. Dazu bemerkenswerte Kinofilme wie „12 Meter ohne Kopf“ (2009), „Barbara“ (2012) und „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015). Und jetzt: „Warten auf'n Bus“.

Mit dieser kleinen, aber feinen Serie, so Zehrfeld, wollen er und die Macher keineswegs eine „allgemeingültige Formel, nach dem Motto: So ist der Osten!“ zeigen. Aber: „Vielleicht kann die Serie den einen oder anderen Menschen aus den neuen Bundesländern denen aus den alten etwas näherbringen. Ich weiß, dass wir es auch nicht jedem recht machen können. Wir bieten aber etwas an.“

Sofort sei er Feuer und Flamme gewesen für diese Haltestellenrolle, weil man damit etwas unterhaltsame Tiefe vermitteln könne: „In unserer Gesellschaft haben wir für Oberflächliches immer viel Platz. Wir wollten jetzt mal etwas Anderes transportieren.“ Und dann seien da ja noch die jüngeren Generationen, die von „Warten auf'n Bus“ durchaus profitieren könnten: „Meine Tochter ist jetzt elf Jahre alt, und sie wird die acht Teile auch sehen. Sie ist natürlich befangen - ich bin ihr Vater. Mich würde nur freuen, wenn sie danach viele Fragen hat.“

Fragen, schließt Zehrfeld, seien die Grundvoraussetzung für ein Kommunizieren über eine Sache. „Das gilt für ihre Generation ebenso wie für die älteren. Wenn es keine Kommunikation gibt, entsteht Misstrauen. Gibt es welche, kann man sich gemeinsam weiterentwickeln.“

„Wir nehmen uns in diesem Format die Freiheit, eine Geschichte zu erzählen, in der im Grunde nichts passiert“, sagt die Doku- und Filmchefin des Rundfunk Berlin-Brandenburg Martina Zöllner über „Warten auf'n Bus“. Was für eine schöne Idee.

teleschau

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