„Wir Alten müssen uns ein bisschen anpassen“

Rich Nana: Rap-Karriere mit 66 Jahren?

Warum startet Diana Foster mit 66 Jahren eine Rap-Karriere als Rich Nana? "Weil das zu mir passt."
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Warum startet Diana Foster mit 66 Jahren eine Rap-Karriere als Rich Nana? „Weil das zu mir passt.“

Mit ihrer Debütsingle „Papi Chulo“ landete die 66-jährige Diana Foster alias Rich Nana einen TikTok-Hit. Der Traum der Rap-Granny: einmal in den Billboard-Hot-100-Charts landen.

Die Biografie von Diana Foster liest sich wie ein Drehbuch: 1954 in Prag geboren, wuchs sie als Teil einer verarmten Adelsfamilie in bescheidenen Verhältnissen auf. Früh träumte sie von Ruhm und Reichtum und überredete ihre Mutter schließlich zur Flucht nach Deutschland. Mit 23 Jahren heuerte Foster als Tänzerin in einem Tabledance-Club an, später versuchte sie sich als Schlagersängerin, Gastronomin, Weinhändlerin und Clubbesitzerin - doch mit dem Berühmtwerden wollte es nie so recht klappen. Bis jetzt. Im zarten Alter von 66 Jahren startet Foster unter dem Namen Rich Nana eine Rap-Karriere, und mit der ersten Single „Papi Chulo“ landete sie bereits einen Hit bei TikTok. Aber da soll noch viel mehr kommen, wie Foster im Interview erklärt.

nordbuzz: Udo Jürgens sang einst: „Mit 66 Jahren fängt das Leben an“. Hatte er recht?

Diana Foster: Ich weiß nicht, wie er darauf gekommen ist, aber jetzt, wo ich auch 66 bin, kann ich sagen, dass er recht hatte. Wir Alten lassen uns oft gehen, wir passen uns den jungen Menschen nicht an, weil wir so eingefahren sind. Ich frage mich immer: Wo sind die Hippies, mit denen ich früher ausgegangen bin? In der Schweiz schleichen die Leute in meinem Alter in Braun und Khaki durch die Straßen. Ein bisschen Farbe, ein bisschen Anpassung oder auch ein Instagram-Account wären wirklich nicht schlecht für die Alten. Sie müssen sich zusammenreißen und endlich anfangen zu leben.

nordbuzz: Sie starten nun mit 66 Jahren eine Rap-Karriere. Wie kam es dazu?

Foster: Ich wollte immer schon singen. In der Vergangenheit habe ich das auch ein paarmal versucht, aber keinen Erfolg damit gehabt. 2016 traf ich mich in Pristina dann mit dem Produzenten Cricket. Die Kosovaren machen ja wirklich gute Songs. Cricket sagte zu mir, ich sei so einzigartig, ich müsse unbedingt etwas machen. Also habe ich mir in meinem Stadthaus in Bern ein Tonstudio eingerichtet. So habe ich etwas zu tun, denn sonst wäre ich ja in Rente. Wenn man nicht gebraucht wird, verrostet man, oder man wird depressiv.

nordbuzz: „Papi Chulo“ heißt Ihre erste Single. Das bedeutet so viel wie „Sugar Daddy“, oder?

Foster: Nicht unbedingt. Es bedeutet „Daddy Cool“. Es ist einfach ein lustiger Song. Wir brachten ihn heraus, weil jetzt Sommer und er ein bisschen gaga ist. Damit er viral geht, was ja nun auch der Fall ist.

nordbuzz: Auf TikTok konnte der Song schon neun Millionen Views generieren. Ihr erklärtes Ziel sind aber die US-amerikanischen Billboard-Top-100-Charts ...

Foster: Das schaffe ich auch! Ich kenne in den USA ganz viele Leute, die beim Radio arbeiten. Die wollen meinen nächsten Song „Money“ in ihre Playlisten nehmen. Ich habe schon sieben Songs und vier Videos fertig - da kommt jetzt eins nach dem anderen. Meine anderen Songs klingen aber anders als „Papi Chulo“, die sind richtiger Rap.

nordbuzz: Warum eigentlich ausgerechnet Rap?

Foster: Weil das zu mir passt. Ich war zwischendurch auch schon die Schweizer Heidi und hatte einen Vertrag mit Koch Records, aber ich fühlte mich nie wohl damit. Ich habe schon viele Sachen probiert, aber das hier passt zu mir.

„Ich bin ja nicht wie Donatella Versace“

nordbuzz: Der Name Rich Nana impliziert eine gewisse Portion Glamour. Hatten Sie ein glamouröses Leben?

Foster: Ich hatte schon ein glamouröses Leben mit vielen Reisen, Luxushotels und Yachten. Aber das war nicht immer so. Ich wurde 1954 in Prag geboren. Im grauen Kommunismus aufzuwachsen, hat mir gar nicht gefallen. Ursprünglich war meine Familie adelig, aber unter den Kommunisten musste meine Oma in den Pferdestall ziehen, und das Haus wurde in ein Kinderheim umgewandelt. Meine Mutter war geschieden, und zwischendurch war ich auch selbst mal im Kinderheim.

nordbuzz: Hatten Sie schon früh den Wunsch auszubrechen?

Foster: Oh ja. Mein Onkel war Tänzer im Nationaltheater. Ich war also viel unter Künstlern, und immer, wenn die nicht arbeiteten, ging ich auf die Bühne und stellte mir vor, dass aus mir mal etwas wird. Als 1969 die Grenzen aufgingen, sagte ich zu meiner Mutter: Wir müssen hier weg! Sie meinte „Wieso denn, das ist doch unser Zuhause, und Prag ist so eine schöne Stadt“. Aber ich habe sie so lange weichgeklopft, bis wir einen Bus nach Bremen nahmen.

nordbuzz: Wie ging es für Sie weiter?

Foster: Mit 23, als ich mit der Berufsschule fertig war, zog ich in die Schweiz. Ich hatte damals schon meine erste Schallplatte aufgenommen - ein schönes Lied, aber leider wurde daraus weiter nichts. In dem Bremer Club „Gaslight“ hatte ich eine Striptease-Tänzerin aus Los Angeles getroffen, die meinte, ich solle in die Schweiz gehen, da könne ich singen und viel Geld verdienen. Als ich in Zürich ankam, hieß es dann aber „Hier wird nicht gesungen. Du kannst topless tanzen zur Musik, aber ein Mikrofon kriegst du nicht“ (lacht).

nordbuzz: Schlagersängerin, Gastronomin, Weinhändlerin, Clubbesitzerin - die Liste der Dinge, die Sie seitdem gemacht haben, ist lang.

Foster: Ich habe alles mögliche gemacht. Ich habe Schmuck und Uhren verkauft und Leute beraten wegen Schönheitsoperationen. Ich bin ja nicht wie Donatella Versace, sondern sehe total natürlich aus. Ich habe auch mal geheiratet - einen Mann, der 18 Jahre jünger war. Den Club, den ich hatte, habe ich inzwischen zugemacht. Stattdessen ließ ich mir nun ein TikTok-Studio und ein Fotostudio einrichten.

nordbuzz: Um das Video für ihre erste Single „Papi Chulo“ zu drehen, flogen Sie extra nach Havanna. Genug Geld für solche Aktionen haben Sie vermutlich - es heißt, Sie seien Millionärin?

Foster: Ich habe schon Geld, klar. Aber so teuer war der Videodreh nicht. Wenn ich in die Ferien fliege, kostet das auch was. Und ich wollte sowieso Urlaub auf Kuba machen. Gil Green, mein Video-Regisseur, lebt in Miami, für ihn passte es also super. Über die Modelagentur einer Freundin veranstalteten wir dann ein Casting. In Deutschland hätte mich so ein Dreh wahrscheinlich viel mehr gekostet.

„Ich wundere mich, dass die Alten nicht auf die Barrikaden gehen“

nordbuzz: Video-Regisseur Gil Green arbeitete schon mit Jason Derulo, Nicki Minaj und Pitbull, dazu engagierten Sie den Star-Choreograf Brooklyn Jai. Wie haben Sie diese Leute bekommen?

Foster: Als ich den Song fertig hatte, überlegte ich, wer mir ein Video machen könnte. Ich habe dann einfach mal bei YouTube herumgeguckt und „Swalla“ von Jason Derulo gefiel mir sehr gut. Das Video ist von Gil Green, also schrieb ich ihn bei Instagram an. Ganz so einfach kriegt man diese Leute natürlich nicht - aber das heißt, irgendetwas ist an mir dran. Gil schreibt auf seinem Instagram-Account sogar, wie wunderbar es gewesen sei, mit mir in Havanna zu drehen. Das schreibt er über Nicki Minaj nicht.

nordbuzz: Viele Menschen in Ihrem Alter wissen vermutlich nicht einmal, wie man Instagram oder TikTok schreibt ...

Foster: Das ist ja das Problem. Dabei kann ich es jedem nur raten. Es gibt den Menschen etwas. Wenn ein alter Opa mit seiner Harley sich da anmeldet, dann kennt er in einem halben Jahr bestimmt ganz viele junge Leute, die auch Motorräder lieben. Es muss ja nicht Musik sein, es kann auch Architektur sein oder das Kochen. Man verknüpft sich mit Leuten, die man sonst nie im Leben treffen würde. Dank Instagram habe ich so viele Freunde - vor fünf Jahren hatte ich kaum welche. Deswegen ist mein Rat an alle, die sich einsam fühlen: dringend so etwas machen. Das ist besser als alle Psychopharmaka.

nordbuzz: Was ist an Ihnen denn so anders, dass Sie diese neuen Kommunikationsmittel annehmen?

Foster: Ich will mich der Jugend anpassen, damit ich mit ihnen zusammen sein kann. Sie akzeptieren mich und mögen mich, weil ich ihre Bilder like und Storys teile. Ich habe da wirklich sehr viele Leute kennengelernt. Das heißt ja nicht, dass man im Club zusammen herumhängen muss bis morgens um fünf. Man ist durch die sozialen Medien immer verbunden. Wir Alten müssen uns ein bisschen anpassen. Das hält auch jung. Ich bin wirklich nur mit jungen Leuten zusammen. Meine Freunde sind 20 bis 35. Und ich kann sagen: Ich fühle mich heute viel besser als früher, als ich jünger war. Einfach zufriedener. Aber es gibt in unserer Gesellschaft ja leider eine Art Alters-Rassismus. Die Alten werden oft abgeschoben. Ab 50 kriegen wir keine Arbeit mehr. Ich finde das richtig eklig.

nordbuzz: Ist es Ihnen ein Anliegen, dagegen ein Zeichen zu setzen?

Foster: Genau. Ich wundere mich, dass die Alten nicht auf die Barrikaden gehen und das alles so hinnehmen. Die Alten sollen unter sich bleiben, heißt es ja manchmal. Aber warum denn? Wie eine Horde Schafe wird man in eine Ecke getrieben. Neulich bekam ich mit, wie ein 44-Jähriger in einen Club wollte und der Türsteher sagte „Du bist zu alt“. Das kann doch echt nicht sein!

teleschau

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