„Lockerungen sind auch für die Wirtschaft der falsche Weg“

Ranga Yogeshwar warnt vor zu viel Lockerung

Wissenschafts-Journalist Ranga Yogeshwar wird als naturwissenschaftlicher Denker in emotional unruhigen Zeiten geschätzt. Von 1993 bis 2018 arbeitete der Sohn eines Inders und einer Luxemburgerin für das WDR-Magazin „Quarks“. Mittlerweile hat sich der 60-Jährige von festen TV-Verpflichtungen frei gemacht.
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Wissenschafts-Journalist Ranga Yogeshwar wird als naturwissenschaftlicher Denker in emotional unruhigen Zeiten geschätzt. Von 1993 bis 2018 arbeitete der Sohn eines Inders und einer Luxemburgerin für das WDR-Magazin „Quarks“. Mittlerweile hat sich der 60-Jährige von festen TV-Verpflichtungen frei gemacht.

Der Wissenschafts-Journalist Ranga Yogeshwar warnt vor zu viel Lockerung - und erklärt, warum sich Gesundheitsfürsorge und Wirtschaftsfreundlichkeit in keinster Weise widersprechen. Das aktuelle Zerbröckeln der Front gegen Corona hat der 60-Jährige erwartet - denn Pandemien haben eiserne Gesetze.

Ranga Yogeshwar, studierter Physiker und einer der besten Wissenschafts-Journalisten deutscher Zunge, erklärt seit Jahrzehnten in verständlichen Worten komplexe Phänomene. Die Corona-Pandemie, zu der er derzeit regelmäßig im Fernsehen Stellung nimmt, stellt jedoch auch ihn vor Herausforderungen. Denn der Mensch verhält sich im Zuge empfundener und realer Gefahr nicht unbedingt logisch. Im Interview erklärt der Luxemburger, warum der Kampf gegen Pandemien in der Phase der „Differenzierung“, in der sich Deutschland gerade befindet, so schwierig wird - und warum es durchaus menschlich ist, unmenschlich zu sein.

nordbuzz: Momentan bröckelt die gesellschaftliche Front gegen Corona doch erheblich. Es wird viel gestritten. Hatten Sie das so erwartet?

Ranga Yogeshwar: Ja, das ist fast ein Naturgesetz. Man kann es am Beispiel früherer Pandemien beobachten. Wenn die erste Phase der Angst nachlässt, sei es aus Gewöhnung oder Lockdown-Frust, steigt das Protestpotenzial gegen die Maßnahmen. Dass die reale Gefahr durch das Virus keineswegs abgenommen hat, spielt dabei fast keine Rolle.

nordbuzz: Die tatsächliche Gefahr und die empfundene Bedrohung sind also entkoppelt?

Yogeshwar: Das ist nicht ungewöhnlich und funktioniert auf der ganzen Welt ziemlich ähnlich. Die Deutschen sind da keineswegs ein Sonderfall. Die ominöse Haushaltsleiter wird als äußerst kleine Gefahr angesehen - dabei ist sie real ein echter Killer. Dafür haben wir Angst vor Haien, wenn wir im Meer schwimmen - obwohl die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs verschwindend gering ist. Die Autofahrt zum Flughafen ist viel gefährlicher als der Flug selbst - und so weiter. Der Mensch entscheidet über Angst emotional und nicht nach Faktenlage.

„Ich bin seit Januar Großvater und kann meinen Enkel nicht sehen“

nordbuzz: Also sollte man mehr auf die empfundene als die reale Angst schauen, wenn man Maßnahmen beschließt oder sie zurücknimmt?

Yogeshwar: Die empfundene Angst ist auf jeden Fall ein wichtiger gesellschaftlicher Treiber. Die Versicherungsbranche würde beispielsweise als Geschäftsmodell nicht funktionieren, wenn der Mensch rein rational nach realer Bedrohungslage handeln würde.

nordbuzz: Also sind wir den Virologen und der Wissenschaft erst mal gefolgt, weil wir Angst hatten? Nicht, weil wir bei ihnen die größte Kompetenz gesehen haben ...

Yogeshwar: Insgesamt funktioniert der Mensch nicht besonders wissenschaftlich. Ein besorgniserregendes Einzelbeispiel genügt, um jede noch so beruhigende Statistik in der Wahrnehmung zu übertünchen. Nach Fukushima hatten die Leute hier Angst, Fischstäbchen zu essen - obwohl es dafür gar keinen Grund gab. Dafür ist man in der Region Fukushima relativ schnell zu einem normalen Leben zurückgekehrt, obwohl das ziemlich gefährlich war - und ist. Einfach, weil man sich dort an die Angst gewöhnt hatte und andere Frust-Faktoren überhandnahmen.

nordbuzz: In welcher Phase der Corona-Pandemie befinden wir uns gerade?

Yogeshwar: Gesellschaftlich kommen wir jetzt in die Phase der Differenzierung - und die ist sehr schwierig. Die wissenschaftliche Erkenntnis wächst, aber sie ist komplex. Sie lässt sich deshalb nur schwer vermitteln. Auf der anderen Seite wird das empfundene Manko der Maßnahmen als immer gravierender wahrgenommen: Existenznöte, Vereinsamung und so weiter. Ich bin seit Januar Großvater und kann meinen Enkel nicht sehen. Das ist ziemlich nervig. Letztendlich geht es um die Balance zwischen diesen Empfindungen und dem Risiko. Wenn sie kippt, wie jetzt gerade, dann sagen viele: Ach, ist doch alles nicht so schlimm mit der Corona-Gefahr.

„Deutschland ist in Sachen Digitalisierung leider ein Entwicklungsland“

nordbuzz: Was müsste die Politik jetzt tun?

Yogeshwar: Sie müsste das reale Risiko sehr gut erklären. Wenn man sich die „Excess Mortality“, sozusagen die „überschüssigen Toten“ anschaut, sieht man deutlich, dass in manchen Ländern bis zu 60 Prozent mehr Menschen an Covid 19 sterben, als es sich in den offiziellen Zahlen widergespiegelt. Das ist ziemlich besorgniserregend. Doch inzwischen sind wir im Modus der reinen Empfindung, denn wir kennen keine Nachbarn, keine Verwandten, die gestorben sind. Die Oma lebt immer noch - und das einzige, was wir von ihr hören ist: „Wie schade, dass ihr nicht kommt.“ Diese Situation ist - auch für die Politik - sehr schwer zu vermitteln.

nordbuzz: Lässt sich die Angst in Gegenden, in denen Covid 19 heftiger zuschlug, länger konservieren?

Yogeshwar: Ja, in Norditalien oder New York steckt den Menschen der Schock noch immer in den Knochen. Man sieht anhand der Mobilitätsdaten, dass die Menschen dort bei weitem nicht so freizügig geworden sind, wie beispielsweise gerade in Deutschland. Hier bröckeln die Kontaktsperren doch an sehr vielen Stellen, wenn man ehrlich ist.

nordbuzz: Nun soll ja irgendwann die Corona-App kommen, die über Kontakte zu Menschen informiert, die später positiv getestet werden. Was halten Sie von der App?

Yogeshwar: Sehr viel. Es ist schade, dass die App in Deutschland so spät kommt. Dahinter steckt ein Kompetenzproblem, vielleicht sogar ein Knowhow-Problem. Deutschland ist in Sachen Digitalisierung leider ein Entwicklungsland. Das hat man beim Shutdown gemerkt. Sie können ja mal recherchieren, wie viel deutsche Software in der neuen Lebenssituation, die man lösen musste, zum Einsatz kam. Sie werden fast nichts finden.

nordbuzz: Und die App wäre bei der Nachverfolgung der Ketten von großer Hilfe?

Yogeshwar: Ja, vor allem böte sie einen enormen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber Meldungen durch Ämter, die mit ihrer Technik zudem auch noch im vorigen Jahrhundert steckengeblieben sind. Da wird ja vielfach noch gefaxt. Dazu ist man personell überlastet, und der Mensch hat ja auch mal frei, zum Beispiel am Wochenende. Eine App ist hingegen immer im Dienst, und sie reagiert blitzschnell.

nordbuzz: Kann man sich so eine App nicht aus dem Ausland holen? Von dort, wo sie schon funktioniert ...

Yogeshwar: Wir werden in den nächsten Jahren erleben, dass wir uns immer öfter Technik aus dem Ausland holen müssen. Man hätte dann in Sachen App aber zugeben müssen, dass man es selbst nicht so schnell hinkriegt - weswegen man nun bei Weltkonzernen wie Apple und Google nachgefragt hat, die wohl etwas liefern werden. Bei diesen Firmen handelt es sich allerdings auch nicht gerade um die vertrauenswürdigsten, nur dem Gemeinwohl verpflichteten Firmen.

„Unser Verhalten ist menschlich, auch wenn es unmenschlich erscheint“

nordbuzz: Ein anderes Thema - der Bund reicht derzeit viel Kompetenz an die Länder weiter. Manche halten das für falsch, weil eine klare Linie fehlt. Was sagen Sie?

Yogeshwar: Im Prinzip ist es richtig, die Krise regional und spezifisch zu bekämpfen. Wir sollten allerdings eine gemeinsame Strategie haben, die darauf abzielt, die Zahl der Infektionen noch deutlich zu verringern. Wenn wir es schaffen, die täglichen Neuinfektionen deutlich unter 100 zu bekommen, was machbar wäre, könnte man sämtliche Infektionsketten verfolgen. In der Regel wären sie regional beschränkt. Entsprechend könnte man auch Lockdown-Maßnahmen regional beschließen, und der große Rest Deutschlands würde normal weiterlaufen. Davon könnten Wirtschaft und Gesundheit der Menschen gleichermaßen profitieren. Aber - man müsste die Infektionszahl erst mal weiter herunterkriegen. Deshalb halte ich viele frühe Lockerungen, die derzeit stattfinden, auch im Sinne der Wirtschaft für den falschen Weg.

nordbuzz: Sie haben in einem Zeitungsbeitrag geschrieben, die letzte Phase einer Pandemie sei die der Verdrängung. Kann man einer Angst so müde werden, dass man irgendwann keine Kraft mehr für die Furcht hat?

Yogeshwar: Ja, ein bisschen ist das so. Es liegt in unserer menschlichen Natur. Wir schützen unsere Seele, indem wir das von ihr fern halten, was zu schwer zu ertragen ist: die Klimakatastrophe oder das Elend von Flüchtlingen in Europa zum Beispiel. Allein 400.000 Kinder sterben jedes Jahr an Malaria. Eigentlich ist das doch gar nicht auszuhalten, oder? Also ignoriere ich es. Da nehme ich mich selbst auch gar nicht aus. Unser Verhalten ist menschlich, auch wenn es unmenschlich erscheint.

nordbuzz: Viele Experten warnen nun schon von der nächsten Pandemie. Glauben Sie, dass die Welt aufgrund der Corona-Erfahrungen besser gegen das nächste Virus gewappnet ist?

Yogeshwar: Wir hatten 2002 SARS, auch das war ein weltweites Problem - selbst, wenn es sich als weniger gravierend als die jetzige Pandemie herausgestellt hat. Damals haben viele Experten gesagt, wir müssen jetzt ganz viel ändern. Auch in Deutschland wurde 2013 ein Pandemie-Plan im Zusammenhang mit einem Corona-Virus erstellt. Wenn sie ihn lesen, denken sie, die reden von der aktuellen Situation 2020. Im Endeffekt ist nach diesem Plan von 2013 aber wenig passiert. In anderen Ländern, zum Beispiel in Singapur, war das ganz anders. Die haben sich gut vorbereitet und hatten Pläne in der Schublade. Die Menschen vergessen sehr schnell. Nehmen Sie das Beispiel der Weltkriege. Nach dem Ersten Weltkrieg waren sich alle auf der Welt einig: Nie wieder Krieg! Elf Jahre später hatte man den nächsten Weltkrieg. Der Mensch glaubt in guten Zeiten, dass morgen wie heute sein wird. Auf dieser Basis plant er sein Leben.

teleschau

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