Einmal „Madman“, immer „Madman“

Ozzy Osbourne im Porträt

Einmal „Madman“, immer „Madman“? Was bleibt von Ozzy Osbourne nach Trash-TV-Shows, zahlreichen Skandalen und 50 Jahren auf der Heavy-Metal-Bühne?
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Einmal „Madman“, immer „Madman“? Was bleibt von Ozzy Osbourne nach Trash-TV-Shows, zahlreichen Skandalen und 50 Jahren auf der Heavy-Metal-Bühne?

Für manche ist er der ultimative Rockstar, andere betrachten ihn als größten Clown im Musikzirkus - und wieder andere als tragische Gestalt, die dem Tod mehr als einmal von der Schippe sprang. Sicher ist: Kaum jemand hat die Rock- und Metal-Szene so nachhaltig geprägt wie Ozzy Osbourne.

Ozzy Osbourne ist inzwischen, wer hätte das für möglich gehalten, 71 Jahre alt und bringt nun mit „Ordinary Man“ sein zwölftes Soloalbum auf den Markt. Eine Tour ist ebenfalls geplant. Ob aber tatsächlich noch einmal eine größere Konzertreihe stattfinden wird, bleibt abzuwarten - die Tour wurde bereits mehrfach verschoben; zahlreiche US-Auftritte wurden gerade endgültig abgesagt. Erst vor Kurzem ging die Nachricht über seine Parkinson-Erkrankung durch die Presse, aber dass er unter gesundheitlichen Problemen leidet, ist schon seit Jahren bekannt. Bei seinem Grammy-Auftritt vor wenigen Wochen nahm der „Godfather of Heavy Metal“ einen Gehstock zur Hilfe.

Doch: Während andere Musiker in seinem Alter sich entweder zurückgezogen haben oder inzwischen als weise, alte Männer durch die Lande ziehen, ist Ozzy Osbourne, der „Madman“, sich immer treu geblieben. Er ist nach wie vor immer gut für einen Lacher, er ist nach wie vor immer etwas verrückt und abgedreht. Auch er schrieb seine Memoiren. Die ersten Sätze darin: „Sie sagten, ich würde dieses Buch nie schreiben. Zum Teufel mit ihnen, hier ist es. Jetzt muss ich es nur noch schaffen, mich an irgendetwas zu erinnern ...“

Genie und Wahnsinn lagen bei dem 1948 als John Michael Osbourne in einem Vorort von Birmingham geborenen Musiker immer eng beisammen. Er litt in seiner Jugend unter Dyslexie und ADS, gab den Klassenclown und träumte von einem Leben als Rockstar, seit er das erste Mal die Beatles hörte. Geezer Butler, Bassist von Black Sabbath, erinnert sich an das erste Aufeinandertreffen mit den Worten „Ich hatte den Eindruck, dass er nicht ganz bei Trost ist“, und Gitarrist Tony Iommi schreibt in seiner Autobiografie „Iron Man“ über die Anfangszeit: „Mein Vater fand Ozzy witzig. Und er hatte Recht: Ozzy war ein sehr witziger Typ.“ Black Sabbath gründeten sich 1968 und brachten in den ersten Jahren mit Frontmann Ozzy Osbourne das auf die Bühne, was viele rückblickend als „Geburtsstunde des Heavy Metal“ beschreiben. Insbesondere das Album „Paranoid“ von 1970 gilt bis heute als eines der stilbestimmenden Werke.

Die Sache mit der Fledermaus

Die meisten Geschichten und Mythen, die Osbournes späteres Bild in der Öffentlichkeit prägten, entstammen jedoch einer anderen Ära. Als er 1979 bei Black Sabbath rausgeschmissen wird, haben die Drogen ihn fest im Griff. Sharon Arden, die Tochter des ehemaligen Sabbath-Managers Don Arden und spätere Ehefrau von Osbourne, beschreibt die Phase in der von Sohn John Osbourne produzierten Dokumentation „God Bless Ozzy Osbourne“ (2011) schonungslos: „Kam man in sein Zimmer, lag er zusammengekrümmt am Boden in seinem Urin, um ihn herum nur Bierflaschen und überall Drogenbesteck.“ Auf den Punkt gebracht: „Er hatte keinen Funken von Würde mehr.“

Auch andere Rockstars befanden sich zu dieser Zeit in einer Abwärtsspirale, man denke beispielsweise an Alice Cooper oder Glenn Hughes. Der Punk hatte in den späten 70-ern seine Spuren hinterlassen, die (Musik-)Welt veränderte sich stark. Diese Umwelt sowie Osbournes Sucht führten dazu, dass zu diesem Zeitpunkt kaum jemand mit dem rechnete, was noch kommen sollte: Mit einer neuen, eigenen Band startete Ozzy Osbourne ein zweites Mal durch. Das Debüt „Blizzard Of Ozz“ (1980) und der Nachfolger „Diary Of A Madman“ (1981) wurden zu Heavy-Metal-Klassikern. Osbourne erhob sich wie ein Untoter aus seiner Gruft, das Image des „Madmans“ wurde weltbekannt.

Vor allem in jener Zeit lieferte er auch die Skandale, die von der Regenbogenpresse für ewig ausgeschlachtet werden sollten: 1981 beißt er bei einer Veranstaltung seiner Plattenfirma Tauben den Kopf ab, anstatt sie - wie von seiner Managerin Sharon geplant - als Friedenszeichen freizulassen. Ein Jahr später, während eines Konzerts, geschieht dasselbe mit einer Fledermaus. Diesmal eher unabsichtlich: Osbourne war davon ausgegangen, dass es ein Plastiktier sei, welches ein Fan auf die Bühne geworfen hatte (2019 kam eine Plüsch-Fledermaus mit abnehmbarem Kopf auf den Markt). Im selben Jahr, 1982, wird Osbourne verhaftet, nachdem er in den Kleidern seiner zukünftigen Ehefrau Sharon - sie hatte seine versteckt, um ihn vom Rausgehen abzuhalten - am Alamo-Denkmal in San Antonio, Texas, uriniert. Nikki Sixx, seines Zeichens Bassist der ebenfalls zu Exzessen neigenden Band Mötley Crüe, bringt es in der berühmten Biografie „The Dirt“ auf den Punkt: „Wir dachten, wir hätten es zur Kunstform erhoben, sich wie Tiere zu benehmen. Aber dann trafen wir Ozzy.“

Was bleibt von Ozzy Osbourne?

Trotz all der Drogen, trotz Erinnerungsschwund und gesundheitlicher Probleme - Osbourne machte weiter. Er hatte in den 90-ern keinen prägenden Einfluss mehr auf die Rockszene, lieferte aber weiterhin solide und mitunter großartige Musik ab. Dabei darf natürlich nicht unerwähnt bleiben, dass die Liste der Musiker, die bei dem „Fürsten der Finsternis“ in Lohn und Brot standen, immer von schillernden Persönlichkeiten durchzogen war. Ohne den ersten Gitarristen seiner eigenen Band, Randy Rhoads, dessen frühen Unfalltod (1982) Osbourne noch heute als schlimmstes Ereignis seiner Karriere bezeichnet, hätte es die frühen Solo-Erfolge so wohl nicht gegeben. Aber auch Musiker wie die Gitarristen Jake E. Lee und Zakk Wylde sowie der heutige Deep-Purple-Keyboarder Don Airey hatten ihren Anteil an vielen starken Ozzy-Momenten.

Was bleibt nun, wenn man heute an Ozzy Osbourne denkt? Die von vielen Fans mit Fremdscham betrachtete Doku-Soap „The Osbournes“ (2002-2005), in der ein verwirrter Ozzy ständig den Häufchen seiner Hunde hinterhergeisterte? Einen alter, verlebter, reicher Promi (das Vermögen von Ozzy und Sharon Osbourne wurde zuletzt auf 145 Millionen Pfund geschätzt), der seit seinem schlimmen Quad-Unfall 2003 körperlich zu kämpfen hat? Der nach drei Flaschen Wein zum Dinner bei George W. Bush geht und - wie Tony Iommi in seiner Autobiografie berichtet - vor einem Besuch der königlichen Familie erst einmal üben musste, „fluchfrei“ zu sprechen? Hoffentlich nicht.

Man sollte in Ozzy Osbourne vielmehr einen Mann sehen, der ein halbes Jahrhundert lang die Rockmusikgeschichte aktiv mitgestaltete. Einen Mann, der im Gegensatz zu anderen immer auch zeigte, dass er schwach sein kann. Dass Verlieren im Leben dazugehört. Und dass es genauso immer wieder Momente und Menschen gibt, die einen wie Phoenix aus der Asche auferstehen lassen. Der Beginn seiner Solokarriere war solch ein Moment. Die erfolgreiche Wiedervereinigung von Black Sabbath, welche 2017 endete, ebenfalls. Und auch Osbournes neues Album „Ordinary Man“, dessen Entstehung angesichts seines Zustandes für sich schon ein kleines Wunder ist, ist so ein Moment.

teleschau

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