„Beim Klavierspielen war ich eine komplette Katastrophe“

Nina Hoss im Interview

Nina Hoss spielt im subtilen Filmdrama „Das Vorspiel“ eine Geigenlehrerin, die ihren jugendlichen Schüler zu Höchstleistungen treiben will.
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Nina Hoss spielt im subtilen Filmdrama „Das Vorspiel“ eine Geigenlehrerin, die ihren jugendlichen Schüler zu Höchstleistungen treiben will.

„Sollte ich Klavierspielen, waren meine Hände schweißgebadet“: Schauspielerin Nina Hoss, die als ehemalige Pianistin nun eine Geigerin in der Midlife-Crisis spielt, spricht im Interview über ihr subtiles Filmdrama „Das Vorspiel“.

„Das Vorspiel“ (Kinostart: 23. Januar) ist die großartige Psychostudio einer Musikerin: Nina Hoss spielt in den Film von Ina Weisse eine Geigenlehrerin an einem Musikgymnasium, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Talent eines ihrer jungen Schüler zu fördern. Außerdem überlegt sie selbst, nach vielen Jahren wieder professionell Musik zu spielen - vernachlässigt dabei aber ihren Mann und ihren Sohn. Die besondere Aura der 44-jährigen Hauptdarstellerin macht viel von der Faszination des Filmdramas aus. Im Interview spricht Nina Hoss über ihre eigenen Erfahrungen als Klavierschülerin und über die Notwendigkeit von Filmen, die sich ein paar Geheimnisse bewahren.

nordbuzz: Frau Hoss, haben Sie als Kind ein klassisches Instrument gelernt?

Nina Hoss: Ja, ich habe Klavier gespielt. Schon mit fünf fing ich damit an. Danach spielte ich etwa zwölf Jahre. Zwischendrin gab es Phasen, in denen ich rebellierte und nicht üben wollte. So konnte ich meine Eltern und Lehrer zu Verzweiflung bringen. Das alles half mir nun natürlich bei diesem Film.

nordbuzz: Inwiefern?

Hoss: Weil ich auch körperlich weiß, was es heißt, üben zu müssen. Um überhaupt zu einem Punkt zu kommen, dass man Freude beim Spielen haben kann. Es braucht diesen Prozess, sich durch etwas durchzubeißen, bis man ein Beethoven-Stück beim Spielen genießen kann. Ich konnte nie besonders gut vorspielen, weil ich so nervös war.

nordbuzz: Sind Sie ein ängstlicher Typ, wenn es darum geht, etwas vorzutragen?

Hoss: Nein, eigentlich nicht. Ich hatte zum Beispiel nie wirklich Angst vor der Bühne, wenn es darum ging, etwas Schauspielerisches aufzuführen oder zu singen. Sollte ich aber Klavierspielen, waren meine Hände schweißgebadet. Bei jedem Ton, der falsch war, dachte ich, dass ich ihn nie wiedergutmachen kann.

nordbuzz: Sind Theater und klassische Musik für den vortragenden Künstler zwei völlig verschiedene Dinge?

Hoss: In meiner Wahrnehmung, ja. Meine Filmfigur Anna ist ein gutes Beispiel. Wenn man sich im Moment des Vorspiels nicht von der Angst befreien kann, Fehler zu machen, wird man weder Freude beim Musizieren empfinden noch eine wirklich gute Leistung liefern. Man muss eins werden mit dem Instrument, man darf es nicht als Gegner begreifen.

nordbuzz: Sie sind aber immer ängstlich geblieben - am Instrument?

Hoss: Ich kam zumindest nie über jenen Punkt hinweg, der da heißt: Was ist, wenn ich mich verspiele? Insofern machte das mit dem Klavier und mir auf Dauer keinen Sinn. Dagegen wusste ich beim Schauspiel immer, wie ich mich retten kann.

nordbuzz: Wie denn?

Hoss: Man kann improvisieren oder hat hoffentlich Kollegen, die einem Stichworte liefern können. Es gibt viele Möglichkeiten. Beim Klavierspielen war ich immer komplett blockiert. Wenn ich mich verspielt habe, konnte ich auch nicht einfach weitermachen. Ich musste dann immer von vorne anfangen. Also - eine komplette Katastrophe ... (lacht).

nordbuzz: Und solche Blackouts erlebten Sie nie als Schauspielerin auf der Bühne?

Hoss: Doch, auch das gab es. Aber es ist auch eine Frage des Alters und der Erfahrung, weshalb ich mir später da nicht mehr so viele Gedanken drüber machte. Ich sagte mir: Irgendwie rettest du dich dann schon. Das Retten ging so weit, dass ich mal bei „Faust II“ auf der Bühne anfing, meine Version von Goethe zu dichten. Das machte dann aber doch nicht so viel Sinn (lacht). Ich habe dann einfach noch mal von vorne angefangen.

„Ich habe bis zum Umfallen geübt“

nordbuzz: Mit welcher inneren Einstellung muss man auf die Bühne gehen, um befreit spielen zu können?

Hoss: Man muss den Leitsatz „Was soll schon passieren?“ verinnerlichen. Niemand wird einem den Kopf abreißen. Fehler sind menschlich, das wissen wir alle. Im Theater ist das Publikum sogar für solche Fehler dankbar. Die Leute schauen einem gerne dabei zu, wie man aus solchen Situationen herausfindet. Außerdem ist es etwas, dass man nur an diesem Abend dort gemeinsam erlebt hat. Fehler rühren unser Herz, weil sie etwas zutiefst Menschliches sind.

nordbuzz: Sie können nicht wirklich Geige spielen. Ist es bei den vielen Musikszenen im Film nicht schwierig, dass man mit seiner Lüge vor Zuschauern, die sich mit der Geige auskennen, nicht auffliegt?

Hoss: Mein persönliches Ziel war, dass sich niemand im Kinopublikum darüber Gedanken macht, ob meine Figur Anna wirklich Geige spielen kann. Dies war auch mein Anspruch gegenüber der Regisseurin Ina Weisse, die übrigens selbst Geige spielt. Es war auch wichtig, um das Drama und diesen Gegensatz in der Geschichte darzustellen: Obwohl diese Frau ausgezeichnet Geige spielen kann, ist sie nicht in der Lage, etwas Schönes mit ihrer Musik zu erleben.

nordbuzz: Wie haben Sie es denn nun gemacht, dass Ihr Geigenspiel echt aussieht?

Hoss: Ich habe bis zum Umfallen geübt. Mit einer ganz tollen Lehrerin, mit der ich schon vor zehn Jahren oder mehr für einen anderen Film mit der Geige trainiert habe. Sie hat eine ganz tolle Art, einem das Instrument spielerisch nahezubringen. Die Violine liegt ja im Gegensatz zum Klavier an deinem Körper an. Sie ist quasi eine Verlängerung des Körpers. Deshalb spürt man auch jeden Ton über das Holz. Es ist sehr sinnlich. Man kann sich im Gegensatz zum Klavier an Töne herantasten, sie noch leicht korrigieren. Es ist ein faszinierendes Suchen, Spüren und Behaupten. Mich hat das Geigenspielen eher an Singen erinnert.

nordbuzz: Spannend an „Das Vorspiel“ ist die offene Form des Films. Man schaut einer Geigenlehrerin bei ihrem Alltag zu und weiß ganz lange nicht, auf was diese Geschichte hinausläuft. Liegt darin der Reiz der Erzählung?

Hoss: Wenn man sich über den Film unterhält, gibt es ganz viel unterschiedliches Feedback zur Frage, wovon der Film erzählt und wie man Anna wahrnimmt. Ich empfinde genau das als etwas Wunderbares. Ina Weisse und ich wollen deshalb auch gar nicht vorgeben, worum es in „Das Vorspiel“ geht. Jeder sieht seinen eigenen Film - und das ist großartig.

„Ein Film, der nichts auserzählt“

nordbuzz: Trotzdem sieht man einer Frau zu, die mit ihrem Leben hadert. Man weiß jedoch nicht, mit was genau. Ist dieses schwer zu greifende Leiden Ausdruck einer weiblichen Midlife-Crisis?

Hoss: Ich glaube, dass viele Frauen, aber auch Männer, die diesen Film sehen, emotional bei Anna andocken können. Weil sie eben in einem Alter ist, wo man sich überlegt: Was geht noch? Sollte ich noch mal etwas versuchen, zum Beispiel noch einmal meine Musikkarriere aktivieren? Irgendwann müssen wir uns alle fragen, ob wir gewisse Träume nicht fallen lassen müssen. Manchmal ist es dann auch in Ordnung so. Unter anderen nötigen Abschieden leiden wir dann aber wie ein Hund. Für viele Menschen geht es in dieser Lebensphase vielleicht erstmals um große Abschiede. Ich finde, der Film hat aber auch seine leichten Momente. Anna ist für mich eine flirrende Figur, die sich durchs Leben kämpft. Jemandem dabei aus nächster Nähe zuzusehen, ist das Erlebnis in diesem Film.

nordbuzz: Gibt es heute zu wenige Filme, die eine solch offene Form haben?

Hoss: „Das Vorspiel“ ist ein Film, der nichts auserzählt. Der seinen Zuschauern viel Raum fürs Beobachten und Spekulieren lässt. Solche Filme nehmen den Zuschauer bezüglich seiner Intelligenz ernst. Ich persönlich schaue mir solche Filme am liebsten an - und halte mich auch gerne als Schauspielerin in ihnen auf. Sie erinnern uns daran, dass das Leben kompliziert ist. Filme, die mir genau erzählen, was schwarz und was weiß ist, interessieren mich nicht. Im Leben ist kaum etwas nur schwarz oder weiß. Der Alltag besteht auch bei vielen trivialen Dingen aus unzähligen Schattierungen. Wenn mich Kino daran erinnert, fühle ich mich in meinen Gedanken und Gefühlen ganz anders abgeholt.

nordbuzz: In letzter Zeit scheinen Filme, die aus der Welt der klassischen Musik erzählen, zu boomen - „Prélude“, „Lara“ - nun „Das Vorspiel“. Wie kommt das?

Hoss: Ich glaube, klassische Musik bietet einen Rahmen, in dem man Geschichten sehr gut zuspitzen kann. Weil man so viel Arbeit investieren muss, um überhaupt zum Moment der Schöpfung zu kommen. Man kann sich mithilfe dieser Welt auch gut die Frage stellen: Muss man eigentlich so streng sein? Oder: Gibt es andere Wege? Klassische Musik ist auch eine Passion, also etwas, das mit Leiden, aber auch Lust zu tun hat. All das sind Gefühle, die auch das Kino sucht.

nordbuzz: Was war das Schlimmste, wenn Sie sich an Ihren eigenen Klavierunterricht erinnern?

Hoss: Das Schlimmste für mich war, die Enttäuschung meiner Klavierlehrerin zu sehen, wenn ich nicht geübt hatte. Ich dachte dann, dass ich dieser Frau Lebenszeit gestohlen habe, weil sie nun eine Stunde mit mir hier herumsitzen musste.

teleschau

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