„Die alten Silberrücken sterben aus“

Natalia Wörner im Interview

„Autoritäten waren für mich klar weiblicher Natur“, verrät Schauspielerin Natalia Wörner.
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„Autoritäten waren für mich klar weiblicher Natur“, verrät Schauspielerin Natalia Wörner.

Wie sehr erschütterte MeToo patriarchale Strukturen? Ein paar Jahre nach dem Beben lotet Schauspielerin Natalia Wörner in ihrem neuen Film die Graubereiche der Debatte aus - und spricht im Interview über ihre Erfahrungen.

Natalia Wörner hat ihre Prinzipien. Nicht über Privates zu sprechen, ist eines davon. Privat, das bezieht sich in erster Linie auf ihre Beziehung mit dem Bundesaußenminister. Dass Privates jedoch immer auch politisch sein kann, scheint eine weitere prinzipielle Vorstellung der 52-jährigen Schauspielerin zu sein. Hat es gesellschaftliche Relevanz, dann redet die Wahlberlinerin durchaus auch von ihren persönlichen Erfahrungen - etwa als Tochter in einer von Frauen bestimmten Familie mit abwesendem Vater oder als Frau in einer von MeToo durchgeschüttelten Branche. Wie erdbebengleich die Debatte um Sexismus, Machtmissbrauch und Definitionsmacht tatsächlich wirkte, zeigt auch ein Film wie „Wahrheit oder Lüge“ (Montag, 17. Februar, 20.15 Uhr, im ZDF), in dem Wörner nun eine Anwältin spielt, die vor allem übergriffsverdächtige Männer verteidigt. Dass es in dem Justizdrama wie in der wirklichen Welt nicht immer moralisch klar und politisch korrekt zugeht, war der beliebten Darstellerin, die auch in ihrer Reihe „Unter anderen Umständen“ bald wieder ermittelt (Montag, 2. März, 20.15 Uhr, im ZDF) ebenso wichtig wie die Erkenntnis, dass MeToo patriarchale Strukturen nachhaltig aufbrechen konnte.

nordbuzz: Welches Zwischenfazit würden Sie einige Zeit nach der MeToo-Debatte ziehen?

Natalia Wörner: MeToo hat uns eine große Bewusstseinsschärfung gebracht; eine Sensibilisierung für Dinge, die auch den ganz normalen Alltag betreffen. Das fängt schon in viel subtileren Situationen an, wie Blicke, Berührungen, Kommentare, und kann im Extremfall bis hin zu sexuellen Übergriffen und Gewalttätigkeiten führen.

nordbuzz: Hat MeToo so unsere Diskussionskultur verändert? Manche würden ja auch sagen: simplifiziert ...

Wörner: Es gibt Geschichten von Frauen, die sich durch MeToo scheinbar an den „armen“ Männern abreagieren. Das wird dann gerne als Totschlagargument genommen. Dabei haben Frauen Jahrhunderte lang patriarchale Strukturen geduldet, und es gab keine Sprache, um diese Übergriffe zu benennen und zu verorten. Das war bis nah an MeToo unser aller akzeptierte Welt. Und jetzt geht es auch nicht darum, einen Generalverdacht auszusprechen.

nordbuzz: Sondern?

Wörner: Darum, eine ganz bestimmte Art toxischer Männlichkeit zu definieren, Ungerechtigkeiten zu identifizieren - und dem etwas entgegenzusetzen. Jetzt geht es doch darum, die Graubereiche zu betrachten und die Zwischentöne auszuloten.

nordbuzz: Ihr neuer Film „Wahrheit oder Lüge“ nähert sich dieser Grauzone eindrücklich.

Wörner: Der Film lässt sich darauf ein, das Thema sexuelle Gewalt ganz fein zu justieren, genau hinzuschauen und nicht eine allgemeingültige Formel abzuleiten. In ihrer Ambivalenz erzählen die Figuren aus dem echten Leben. Samt einer ehrlichen, brutalen Wahrheit. Man hat, finde ich, nicht das Gefühl, durch einen MeToo-Lehrfilm geführt zu werden. Im Gegenteil. Es wird einem nicht chiropraktisch eine Meinung aufgedrückt.

nordbuzz: Hätten Sie sich auch auf einen simpleren Zugang zur MeToo-Debatte eingelassen?

Wörner: Lars Becker, der auch das Drehbuch schrieb, inszenierte den Film komplex, politisch interessant, aber auch „unkorrekt“. Das war mir schon wichtig. Auf eine 08/15-Weise, nach dem Motto „Frau gut, Mann schlecht“, wäre mir das ehrlich gesagt unangenehm gewesen. Man darf keinen simplen Erwartungen entsprechen. Ich spiele eine Anwältin, die zunächst ihre Vorteile aus der Diskussion zu ziehen weiß.

„Geschichten werden komplexer erzählt“

nordbuzz: Warum traut man sich im deutschen Fernsehen denn noch immer selten, solche Widersprüche aufzuzeigen?

Wörner: Ich denke, das beginnt sich zu ändern. Geschichten werden komplexer erzählt. Das hat natürlich auch mit Streaming, Netflix und Co. zu tun. Das deutsche Fernsehen produziert sehr unterschiedliche Formate und darunter Gutes - aber tatsächlich auch Überflüssiges. Es ist eine Generation mit komplett neuen Sehgewohnheiten herangewachsen, die eben auch verlangt, Geschichten komplexer und widersprüchlicher zu erzählen.

nordbuzz: Die Jüngeren schauen also differenzierter?

Wörner: Die Jungen formulieren ihre Ansprüche an Figuren und komplexe Geschichten anders. Das führt dazu, dass man auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern Themen vielschichtiger und moderner erzählt. Kein Sender kann sich der Entwicklung zum innovativen Erzählen entziehen.

nordbuzz: Was unterscheidet die junge Generation auch abseits des Medienkonsums von ihren Eltern und Großeltern?

Wörner: Das Selbstverständnis im Umgang miteinander, im Sinne der Gleichstellung zwischen den Geschlechtern. Es geht darum, wo welche Grenzen neu definiert werden. Ein 30-jähriger in einer Führungsposition würde heute nicht mit den gleichen Machtstrukturen agieren wie ein 60-Jähriger. Die alten Silberrücken sterben aus.

nordbuzz: Geht die Schauspielbranche da voran?

Wörner: Es gibt in unserer Branche einen großen Wandel bezüglich der Sensibilitäten und des Umgangs miteinander. Ich kann dem nur Positives abgewinnen. Klar, es gibt Verunsicherungen bei den Männern, das tut auch ein bisschen weh, so verunsichert zu sein. Das ist aber auch total okay. Man muss anfangen, die Geschichte aus weiblicher Sicht erzählen.

nordbuzz: Waren Sie selbst Teil dieser Geschichte?

Wörner: Ich habe nichts ertragen müssen. Das war aber weder mutig noch heroisch, sondern liegt vor allem an meinem Naturell.

nordbuzz: Wie würden Sie dieses Naturell beschreiben?

Wörner: Ich habe in den unmöglichsten Situationen die Dinge beim Namen genannt. Das hat mir nicht nur Freunde beschert. Das Umfeld des alltäglichen Sexismus sah schließlich vor 20 Jahren anders aus als heute. Es gab eine Kultur des Schweigens, die jetzt aufgebrochen ist. Dieses Klima war von einer stillschweigenden Verabredung geprägt, die auf Kosten der Frauen ging. Dass diese Situation so lange gesellschaftlich toleriert war, hatte auch damit zu tun, wer das Narrativ besitzt, und wer die Wahrheit definiert - und das waren nun mal vorrangig die Männer.

nordbuzz: Wie kann dieses Narrativ geändert werden?

Wörner: Indem Frauen in Führungspositionen sitzen und andere Strukturen entstehen, gelebt werden und auch gewollt werden. Das gilt für alle Bereiche des Lebens. Keine Redaktion, kein Krankenhaus, kein Parlament hat nicht mit diesen Problemen zu tun. Es geht nicht nur um Harvey Weinstein & Co, sondern grundsätzlich um die Neudefinition der Strukturen der Macht.

„Ich habe die Angst vor Autoritäten übersprungen“

nordbuzz: Sie wuchsen in einem Haus voller Frauen auf - mit Mutter, Schwester, Großmutter und Urgroßmutter. Konnten Sie den männlichen Strukturen etwas entgegensetzen, weil Ihre Wahrheit von Frauen definiert wurde?

Wörner: Ja, das ist Teil meiner Biografie. Ich habe die Angst vor Autoritäten übersprungen. Nicht, dass ich sie nicht hatte - ich bin nur nicht auf ihr ausgerutscht. Zwar nahm ich männliche Autoritäten schon wahr, aber sie lösten in mir keine Ängste aus. Beziehungsweise: Ich konnte angstfrei reagieren. Damit überraschte ich mich in meinem Leben in vielen Situationen selbst.

nordbuzz: Sie konnten mit potenziellen MeToo-Situationen also selbstbewusster umgehen?

Wörner: Viele Frauen beschreiben, dass sie sich in übergriffigen Situationen überrumpelt fühlten, nicht vorbereitet waren. Und daher nicht adäquat reagieren konnten, weil sie sich nicht trauten. Dahingehend war ich tatsächlich freier. Ich verhielt mich in mancher Situation sehr undiplomatisch und machte deutlich, was ich will und was nicht.

nordbuzz: Der Frauenhaushalt prägte sie also ungemein?

Wörner: Das Interessante an der Konstellation war, dass ich sie nie infrage gestellt habe. Das war meine Welt, mit allen Grenzen. Diese Frauen waren meine Heldinnen, denen ich zuschaute, wie sie ihr Leben meisterten. Da lernte ich viel - vor allem Selbständigkeit und Eigensinn. Aber es war nicht nur heile Frauenwelt, überhaupt nicht. Es wurde viel gestritten, und es ging streng zu. Jede der Frauen musste sich auf ihre Art immer wieder behaupten - auch untereinander. Autoritäten waren für mich klar weiblicher Natur.

teleschau

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