Deshalb ist die „Lindenstraße“ unsterblich

„Mutter Beimer“ Marie-Luise Marjan im Interview

„Sonntag, 18.50 Uhr, das war für mich wie für so viele andere Menschen in diesem Land all die Jahre ein Pflichttermin - ich habe kaum eine Folge verpasst“, sagt Marie-Luise Marjan (79). Aber was macht „Mutter Beimer“ künftig? - „Nach dem 29. März wird mir schon etwas einfallen. Mir wird nie langweilig. Aber mir wird die Serie fehlen, wie vielen anderen Menschen auch.“ Man dürfe eines nicht vergessen, betont die Schauspielerin: „Die &#39Lindenstraße&#39 war auch für die Fans ein Teil ihres Lebens.“
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„Sonntag, 18.50 Uhr, das war für mich wie für so viele andere Menschen in diesem Land all die Jahre ein Pflichttermin - ich habe kaum eine Folge verpasst“, sagt Marie-Luise Marjan (79). Aber was macht „Mutter Beimer“ künftig? - „Nach dem 29. März wird mir schon etwas einfallen. Mir wird nie langweilig. Aber mir wird die Serie fehlen, wie vielen anderen Menschen auch.“ Man dürfe eines nicht vergessen, betont die Schauspielerin: „Die 'Lindenstraße' war auch für die Fans ein Teil ihres Lebens.“

Drehschluss war für das Team der „Lindenstraße“ schon vor Monaten: Es gab Tränen und warme Worte. „Die Damen bekamen Blumen, die Herren Champagner“, erinnert sich Marie-Luise Marjan. Nun, da es auch auf dem Bildschirm zu Ende geht, sollte man das Ganze nicht kleiner reden als es ist: Im Interview holt „Mutter Beimer“ zum Vermächtnis aus.

Das Datum rückt unaufhaltsam näher, auch wenn mancher noch gar nicht daran denken möchte: Am Sonntag, 29. März, läuft um 18.50 Uhr, im Ersten die 1.758. und definitiv letzte Folge der „Lindenstraße“. Die um fünf Minuten verlängerte Episode trägt den programmatischen Titel „Auf Wiedersehen“ und markiert nach fast 35 Jahren das letzte Kapitel eines weiß Gott starken Stückes deutscher Fernsehgeschichte. Nicht unwahrscheinlich, dass treue Zuschauer, die mit Hans W. Geißendörfers Dauerbrenner groß oder gar alt wurden, nach den finalen 35 Minuten erst einmal reif sind für die Psychotherapie. Aber was, muss man sich fragen, ist dann erst mit den Schauspielern - jenen, die wie „Mutter Beimer“ Marie-Luise Marjan seit der ersten Folge dabei sind? Die 79-Jährige beteuert im Interview zwar, dass sie dem Ende mit wackeren Pragmatismus entgegensieht, doch natürlich ist aus beinahe jedem Satz herauszulesen, mit welcher Art Verlust wir es hier zu tun haben. Denn, mögen Kritiker und Außenstehende über so viel Pathos und Gefühlsduselei auch den Kopf schütteln, die Wahrheit ist: Mit der „Lindenstraße“ geht für Protagonisten und Fans ein Stück Familie, und die Gesellschaft verliert wieder ein wenig von dem Klebstoff, den sie eigentlich so bitter nötig hätte.

nordbuzz: Als Hans W. Geißendörfer gefragt wurde, was er nach dem letzten „Lindenstraße“-Drehtag im Dezember 2019 machen werde, sagte er nur: „Saufen!“ - Taten Sie es ihm gleich?

Marie-Luise Marjan: (lacht) Mir blieb an jenem Abend nicht genug Zeit dafür! Ich musste mit Moritz (Moritz A. Sachs, er spielt Helga Beimers Sohn Klaus, d. Red.) rüber zu Bettina Böttinger, wir waren zu Gast beim „Kölner Treff“ im WDR.

nordbuzz: Aber der Drehschluss war etwas Besonderes, oder?

Marjan: Natürlich. Ich erinnere mich an unsere hochemotionale Szene mit Irene Fischer (spielt Anna Ziegler, die Helga Beimer einst den Ehemann ausspannte, d. Red.). Als die Szene zu Ende war, stand das ganze Team - alle Abteilungen vom Fahrer bis zur Kantinenköchin - in der Kulisse und applaudierte. Da kamen uns natürlich die Tränen. In den letzten Wochen der Produktion hatten viele Rollen ihren letzten Drehtag, alle wurden einzeln von Hans und Hanna (Geißendörfers Tochter ist inzwischen Produzentin des Formats, d. Red.) mit einer kleinen Rede verabschiedet. Die Damen bekamen Blumen, die Herren Champagner.

nordbuzz: Waren Sie danach noch einmal am Set in Köln-Bocklemünd?

Marjan: Ja, vor ein paar Wochen. Das Verrückte war, dass ich dort auf eine Handvoll Kollegen traf - wir waren alle zufällig noch mal am „Lindenstraßen“-Set, stellen Sie sich das mal vor! Wir haben dann in der Kantine gemeinsam Mittag gegessen, das war fast so, als hätten wir gerade Drehpause.

nordbuzz: Was machen Sie künftig eigentlich am Sonntagabend?

Marjan: Bis zur allerletzten Folge „Lindenstraße“ gucken natürlich! Sonntag, 18.50 Uhr, das war für mich wie für so viele andere Menschen in diesem Land all die Jahre ein Pflichttermin - ich habe kaum eine Folge verpasst.

nordbuzz: Und dann?

Marjan: Nach dem 29. März wird mir schon etwas einfallen. Mir wird nie langweilig. Aber mir wird die Serie fehlen, wie vielen anderen Menschen auch. Man darf nicht vergessen: Die „Lindenstraße“ war auch für die Fans ein Teil ihres Lebens.

„Ich bin hart im Nehmen“

nordbuzz: Können Sie wirklich noch hinsehen? - Die letzten Folgen sind gerade für Helga Beimer hochdramatisch. Keiner weiß, ob sie überleben wird.

Marjan: Ich weiß es - aber ich verrate es nicht. Haben Sie denn die 1.754. Folge „Die Geister, die Helga riefen“ gesehen?

nordbuzz: Natürlich: Helga liegt auf der Intensivstation, und im Koma-Traum trifft sie ihre beiden verstorbenen Männer, ihren Sohn, verstorbene Freunde wieder, darunter einige, die wie Zombies aussahen, und ihren Schöpfer Hans W. Geißendörfer ...

Marjan: Das war unglaublich, oder? - Meine Nachbarin hat die Folge mit mir geschaut, und das Taschentuch lag in greifbarer Nähe. Ich erinnerte mich noch, dass ich damals kurz vorher beim Drehen gestolpert war und mit einem Meniskusriss weitergedreht hatte ...

nordbuzz: Ist nicht Ihr Ernst?

Marjan: Doch, doch. Ich bin hart im Nehmen. Nach der Ausstrahlung der „Koma-Folge“ bin ich so oft auf der Straße angesprochen worden wie seit der Trennung von Helga und Hans (Joachim Hermann Luger, d. Red.) nicht mehr. Die Leute waren begeistert, aber auch sehr berührt. Das kann man ja auch verstehen: Einerseits ist da das Schicksal von Helga, andererseits naht das unaufhaltsame Ende der Serie. Es scheint nun wirklich so, als würde man den Fans ein Stück Familie wegnehmen. Das besondere Verhältnis der Zuschauer zum Geschehen und die Dramaturgie waren immer das Erfolgsgeheimnis der „Lindenstraße“.

nordbuzz: Was genau meinen Sie?

Marjan: Es gab immer eine Art Symbiose zwischen den Figuren und den treuen Fans. Hans Geißendörfer hatte schon ganz am Anfang gesagt: „Uns wird man eines Tages vermissen, wenn die Serie zu Ende gehen sollte, denn wir werden so bekannt wie die 'Tagesschau.“ Was er meinte: Die Menschen haben sich an uns gewöhnt, sie haben uns liebgewonnen, wir gehörten für viele ganz einfach zu ihrem Leben dazu. Genau das sorgt nun für Trennungsschmerz.

nordbuzz: Denn nun ist all das weg, aus und vorbei!

Marjan: Ja. Und nein: Die „Lindenstraße“ ist unsterblich. Es wird bereits viel für eine lebendige Erinnerungskultur getan. In der Deutschen Kinemathek in Berlin gibt es eine Sonderausstellung, das Haus der Geschichte in Bonn hat Helgas Küche und das berühmte Bushaltestellen-Schild übernommen, und Speyer hat das „Café Bayer“ und das „Akropolis“. In den digitalen Medien und im Fernsehen werden jetzt schon besondere Folgen wiederholt. Und wer weiß, was eines Tages noch alles kommen wird. Die „Lindenstraße“ hat deutsche Fernsehgeschichte geschrieben, sie lebt weiter.

nordbuzz: Aber eine Lücke hat das Serien-Aus auch in Ihr Leben gerissen, oder?

Marjan: Ich merke das daran, dass ich an meinem Bett all meine Drehbücher noch nicht weggeräumt habe. Das brachte ich noch nicht übers Herz. Ich habe jeden Tag irgendwelche Termine rund um das Ende der „Lindenstraße“. Vermutlich kommt die wirkliche Trauer viel später, wenn der Trubel vorbei ist. Und ich habe ja auch noch meine Lesungen und mein soziales Engagement.

nordbuzz: Und Sie sagten ja, dass Sie hart im Nehmen sind ...

Marjan: Es ist eine Frage der Berufseinstellung. Ich sage immer, als Schauspieler muss man die Haut eines Rhinozeros und die Empfindsamkeit einer Pusteblume haben.

nordbuzz: Die „Lindenstraße“ hat Ihnen immer abverlangt, zwei Leben zu führen ...

Marjan: Das kann man absolut so sagen. Denn irgendwie war die „Lindenstraße“ wirklich meine Familie, da sind so viele Freundschaften entstanden, für immer.

nordbuzz: Sie haben selbst keine Kinder, sind nicht verheiratet ...

Marjan: Vor allem ist da mein soziales Engagement, das mich nun beinahe voll und ganz beansprucht. Ich bin seit 30 Jahren bei UNICEF im Komitee, Fördermitglied bei den Maltesern und seit 30 Jahren bei der Organisation „Plan international“ aktiv mit fünf Patenkindern. Anlässlich meines 70. Geburtstages habe ich die Marie-Luise-Marjan-Stiftung gegründet („Hilfe mit PLAN“, d. Red.). Ich wuchs bei Pflegeeltern auf, mir wurde in meiner Kindheit sehr viel geholfen - und ich möchte etwas zurückgeben. In Hamburg an der Schauspielschule bekam ich ein Stipendium. Die Stadt Hattingen, wo ich aufgewachsen bin, hat mich als junge Darstellerin finanziell unterstützt. Es ist wunderbar, dass mir die Popularität der „Lindenstraße“ so viele Türen öffnete. Aber man muss sich beides erarbeiten - die Popularität und das soziale Engagement.

„Da war immer ein Anspruch, eine besondere Qualität“

nordbuzz: Was hat die „Lindenstraße“ so besonders gemacht, dass sie fast 35 Jahre auf Sendung blieb?

Marjan: Sie ging immer mit der Zeit - auch wenn einem heute manche das Gegenteil weismachen wollen. Nie zuvor wurden Leben und Alltag im Fernsehen so realitätsnah erzählt, nie zuvor wurden über eine Fernsehserie relevante Botschaften in die Gesellschaft getragen, nie zuvor wurden in einem Unterhaltungsformat soziale und politische Entwicklungen mit so viel Haltung erzählt. Da war immer ein Anspruch, eine besondere Qualität. Für uns am Filmset waren auch der Zusammenhalt, der gegenseitige Respekt selbstverständlich. Es war eine Familie, in der es keine eitlen Stars gab. Überhaupt: Stars, was heißt das denn? Jedes junge Mädchen, das hübsch aussieht und ein YouTube-Video machen kann oder schon ein paarmal im Fernsehen sein Gesicht gezeigt hat, wird heute als Star gefeiert. Das ist mir zu inflationär.

nordbuzz: Seit 1985 hat sich eben viel geändert, auch in der Medienlandschaft. Dass alles immer schneller sein muss und jünger aussehen soll, dürfte letztendlich auch zum Aus der „Lindenstraße“ geführt haben.

Marjan: Nein, diese Aussage unterschreibe ich nicht. Dass es zu Ende geht, hat vermutlich eher mit der komplizierten Struktur der ARD zu tun, mit den vielen Sendern. Fast alle Entscheidungsträger kommen vom Journalismus. Es lag nicht daran, dass die Serie unmodern war. In unseren Geschichten war immer auch die Jugend stark vertreten - vom Baby bis zum Greis, ein Querschnitt der Gesellschaft. Und unsere Themen waren immer aktuell. Das war die einmalige Stärke der „Lindenstraße“, dass sie immer voll auf der Höhe war. Was sich sehr verändert hat, ist die Technik, auch die Art, zu drehen ... Heute passiert fast alles in Großaufnahme, das war in den 80er-Jahren undenkbar.

nordbuzz: Am Anfang war auch noch nicht absehbar, dass die Serie ein Dauerbrenner werden würde ...

Marjan: Nein, man bangte beim Start 1985, ob die „Lindenstraße“ überhaupt ein Jahr übersteht. Erst als wir die Zahl von 30 Folgen überschritten hatten, atmeten wir langsam auf. Friedrich Nowottny, der damals WDR-Intendant war, hat uns sehr unterstützt. Er hatte die Serie auch nach Köln geholt, nachdem die Münchner abgewunken hatten. Dann waren wir plötzlich voll da: Neben „Dallas“ und „Denver Clan“ kam der pure Alltag aus der „Lindenstraße“.

nordbuzz: Aber da war auch Gegenwind ...

Marjan: Richtig. Die Presse war zunächst überhaupt nicht begeistert. Ich weiß noch, wie ich damals persönlich einem Kritiker die Leviten las, weil er uns nach nur zwei Folgen verrissen hatte. Ich kämpfte wie eine Löwin. Aber das Publikum hatte uns sofort akzeptiert. Wir hatten bei den ersten Folgen auf Anhieb 13 Millionen Zuschauer!

„Mehr Influencerin geht doch gar nicht!“

nordbuzz: Und Sie waren immer so etwas wie die Frontfrau ...

Marjan: Ja, das kann man wohl sagen. Ich musste immer meinen Kopf hinhalten. Für alles und jedes war ich der Ansprechpartner. Sie glauben gar nicht, womit ich alles konfrontiert war. Wenn mein Seriensohn mal klaute, riefen mich junge Väter an, die zu Hause mit ihrem Kind ähnliche Probleme hatten, und baten mich um Rat. Ehefrauen, deren Männer fremdgingen, weinten am Telefon. Und - damals gab es ja noch keine Mails - ich bekam haufenweise Briefe. Ich habe alle beantwortet. Viele habe ich aufgehoben, sie stapeln sich immer noch bei mir zu Hause. Alles Erinnerungen ...

nordbuzz: Wie sollte Helga im kollektiven Gedächtnis bleiben?

Marjan: Als eine mutige, humorvolle, emotionale Frau. Eine Frau, die Leid ertragen und Probleme lösen konnte. Eine moderne Frau, weil sie nie in diesen Kategorien dachte - modern oder unmodern, das war nicht ihr Thema, sie hatte Wichtigeres zu tun. Sie war Hausfrau, sie war berufstätig, sie war Betrogene, sie war Geliebte, sie war Mutter und Ehefrau. Sie war eine Frau, die sich immer treu blieb und mit Leib und Seele Frau war. Deswegen identifizieren sich auch nach wie vor so viele mit ihr. Eine ganze Generation ist zusammen mit Helga gealtert. Jetzt mal im Ernst: Wie viele Leute ich mit meiner Arbeit erreicht habe, zum Teil tief in ihren Herzen, ich war in über 1.000 Folgen dabei - mehr Influencerin geht doch gar nicht!

nordbuzz: Dann an die Influencerin in Ihnen die letzte Frage: Wie kommt es, dass Sie mit beinahe 80 Jahren so fit sind?

Marjan: Das macht der Beruf. Außerdem muss man immer auf sich achten, sich pflegen, einen gewissen Rhythmus im Leben haben. Ich gehe zeitig ins Bett, weil ich nach dem Motto lebe: „Was ich nicht vor Mitternacht erlebe, erlebe ich auch nicht danach“. Das Allerwichtigste ist aber, dass ich die Dinge immer positiv sehe. Ich bin eigentlich immer fröhlich, sehe nur das Gute, ich bin neugierig und immer bereit, dazuzulernen. Wenn Sie noch mehr wissen wollen, habe ich als Influencerin einen Tipp: Dann lesen Sie doch einfach meine beiden Biografien: „Denk jetzt nicht, du kannst schon alles“ und „Ganz unerwartet anders. Ich suchte meinen Vater und fand eine Großfamilie“!

teleschau

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