„Klar, denke ich mir manchmal, dass in Deutschland alles besser ist“

Die in New York lebende Schauspielerin Pia Mechler im Interview

„Am Anfang meiner Filmkarriere habe ich schon mitgekriegt, wie schwer es sein kann, sich als Frau in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen“, erinnert sich Pia Mechler. Die Schauspielerin stammt aus Darmstadt, lebte lange in London und hat nun in New York eine zweite Heimat gefunden. Im Interview spricht die 37-Jährige über ihren Alltag in Corona-Zeiten und über ihre große Rolle in der Sky-Banker-Serie „Devils“.
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„Am Anfang meiner Filmkarriere habe ich schon mitgekriegt, wie schwer es sein kann, sich als Frau in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen“, erinnert sich Pia Mechler. Die Schauspielerin stammt aus Darmstadt, lebte lange in London und hat nun in New York eine zweite Heimat gefunden. Im Interview spricht die 37-Jährige über ihren Alltag in Corona-Zeiten und über ihre große Rolle in der Sky-Banker-Serie „Devils“.

„Ich liebe New York“, sagt die deutsche Schauspielerin Pia Mechler, die in Big Apple eine neue Heimat gefunden hat. Wie sie die Stadt während der gerade in New York hart zuschlagenden Corona-Krise erlebt und warum sie doch immer wieder Heimweh nach Deutschland hat, verrät sie im Interview.

Für den Finanzthriller „Devils“ (ab 28. Mai bei Sky), in dem es um Geld, Macht, Verführung und Enttäuschung geht, steht die deutsche Schauspielerin Pia Mechler an der Seite von „Grey's Anatomy“-Star Patrick Dempsey vor der Kamera. Als Traderin Eleanor Bourg muss sich die 37-Jährige in der von Männern dominierten Finanzwelt beweisen. Das allein wäre schon hart genug, doch auf einmal findet sich Eleanor inmitten eines internationalen Finanzkrieges wieder, in dem ihr Boss Massimo Ruggero (Alessandro Borghi) in einen Skandal um seine drogenabhängige Ehefrau verstrickt ist ... Pia Mechler wanderte 2010 in die USA aus - jedoch alles andere als geplant. Wie es dazu kam, wie sie sich in Zeiten der Pandemie in Amerika fühlt und was sie am meisten an Deutschland vermisst, verrät sie im Interview.

nordbuzz: In der Serie sehen wir den finanziellen Einbruch von 2008 aus der europäischen, anstatt der amerikanischen Sicht. Sie spielen die Traderin Eleanor Bourg. Wie war das?

Pia Mechler: Mir hat es enorm viel Spaß gemacht, diese Geschichte zu erzählen. Ein Grund dafür war, dass der Cast und Crew aus so viele unterschiedlichen Nationalitäten bestand. Es waren Amerikaner, Briten, Spanier, Italiener und ich am Set. Dieser Querschnitt entspricht eigentlich auch der Realität, wenn man sich die Finanzbranche in New York ansieht. Hier sind Leute aus der ganzen Welt vertreten.

nordbuzz: Sie als Frau unter den ganzen Männern ...

Mechler: (lacht) 2008 war noch vor der #Metoo Bewegung. Ich fand es sehr interessant, herauszufinden, wie sich eine Frau in dieser Zeit in der Finanzwelt bewegte. Zwei Monate vor dem Dreh habe ich durch Zufall bei einer Dinner-Party in New York eine Dame kennengelernt, die an der Spitze der City-Bank arbeitet. Sie hat mich mit zum „City Bank Trading Floor“ genommen, damit ich aus erster Hand miterleben kann, wie es dort zugeht. Hinterher habe ich mich noch lange mit ihr unterhalten, und sie hat mir unter vier Augen ihre Erfahrung in der Finanzbranche geschildert.

nordbuzz: Gedreht wurde in London und Rom. Welche Erinnerungen haben Sie mit nach Hause genommen?

Mechler: Ich weiß, dass es eine Floskel ist, wenn man sagt, was für ein tolles Team am Start war (lacht), aber hier stimmt es tatsächlich. Der Hauptteil wurde in Rom gedreht. Es wurde ein komplettes Trading-Studio auf einem Gelände außerhalb Roms aufgebaut. Da wir eine zusammengewürfelte Gruppe verschiedener Nationalitäten waren, uns in einem fremden Land befanden, wo wir die Sprache nicht beherrschten, bildete sich eine so große Gruppendynamik, wie ich das so stark zuvor noch nie erlebt hatte. Beim Mittagessen saßen wir immer zusammen in einem Trailer und hatten unglaublich viel Spaß. Ich habe noch nie bei einem Dreh so viel gelacht. Ich denke heute noch mit einem warmen Herzen daran zurück, denn wir haben in den sechs Monaten wirklich tiefe Freundschaften geschlossen. Auch jetzt, in der Zeit der Pandemie, sind wir ständig in Verbindung. Ich glaube, diese Innigkeit spiegelt sich auch in der Serie wider.

nordbuzz: Und wie war es mit Patrick Dempsey zu arbeiten?

Mechler: Toll! Ich durfte schon öfter mit Hollywood-Stars zusammenarbeiten, und die sind meistens extrem professionell. Dempsey ist vollkommen kollegial. Auch wenn er in einer Szene gerade nicht on camera ist, gibt er beim Anspielen alles, was das Ganze natürlich für den Kollegen vereinfacht. Er ist ein charmanter Mann, aber gleichzeitig ein netter Kerl. Er konnte im Gegensatz zu uns nicht inkognito durch Rom schlendern, denn vor dem Set standen ständig kreischende Mädels, die auf ihn gewartet haben.

nordbuzz: Die Finanzbranche ist eine harte Branche. Kann man sie ein bisschen mit der Film- und Serienwelt vergleichen?

Mechler: Was ich persönlich sehr spannend fand, und was mir Eleanor sehr nahegebracht hat, ist, dass sie eine attraktive doch gleichzeitig sehr intelligente Frau ist. Allein deshalb hat sie mit Sexismus zu kämpfen. Das kann ich nachvollziehen. Wenn man einen gewissen Look hat oder attraktiv ist, wird schnell behauptet, dass hinter dem Aussehen nichts steckt. Vor allen Dingen, wenn man sich in einer Männerwelt bewegt.

nordbuzz: Mussten Sie sich auch damit auseinandersetzten?

Mechler: Am Anfang meiner Filmkarriere habe ich schon mitgekriegt, wie schwer es sein kann, sich als Frau in einer von Männern dominierten Welt durchzusetzen, aber jetzt nicht mehr. Doch ich glaube, das zieht sich sicherlich durch alle Bereiche, nicht nur durch die Filmwelt.

„Greencard in der Lotterie gewonnen“

nordbuzz: Sie sind 2010 nach Amerika ausgewandert. Wie kam das?

Mechler: Ich hatte früh damit angefangen, auf Englisch zu drehen, was durchaus daran lag, dass ich mit den Rollen, die mir in Deutschland angeboten wurde, nicht so sehr zufrieden war. Aber ich habe auch auf Englisch Film studiert, deshalb war das nicht ganz so abwegig. Zwei Jahre nachdem ich meine Karriere begann, bin ich für eine Woche nach London gereist. Damals klopfte ich richtig naiv, aber voller Überzeugung an die Türen der Casting-Agenturen (lacht), so nach dem Motto: Hier bin ich! Ich hatte tatsächlich Glück und mir wurde eine erste kleine Rolle angeboten. Die hat mir die Tür geöffnet. Ein- zweimal bin ich auch immer wieder mal nach Los Angeles gereist, aber ich hatte keine Papiere, und an ein Visum kam man zu diesem Zeitpunkt auch nicht so schnell ran.

nordbuzz: Wie haben Sie es dann geschafft?

Mechler: Ich habe eine Greencard in der Lotterie gewonnen (lacht). Ich weiß, was für eine verrückte Geschichte. Mein Bruder hat zehn Jahre lang versucht, diese Greencard zu gewinnen, und ich hatte eines Abends in London aus Langeweile online die Papiere ausgefüllt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich aber gerade keine Pläne, nach Amerika auszuwandern. Mein Konzept Berlin - London funktionierte super für mich. Dann bekam mein damaliger Freund und jetziger Ehemann ein Jobangebot in New York. Damit fiel die Entscheidung, und mein Konzept hat sich im Nu auf ein Dreieck ausgeweitet: Amerika, England und Deutschland (lacht).

„Ich habe einige Freunde, die das Virus hatten“

nordbuzz: Ist an dem Spruch: „Alles ist möglich in Amerika“ in Ihren Augen etwas dran?

Mechler: Nein. Damals in Berlin waren die Mieten noch viel billiger, und viele Leute konnten Künstler sein. Sie saßen mit ihren Laptops in Kaffees und waren kreativ. In London war alles teurer und dadurch der Druck höher. Doch Amerika ist die absolute Steigerung, New York ist ein teures und knallhartes Pflaster. Bei meinen ersten Castings in New York musste ich schnell feststellen, dass da ungefähr 300 andere Mädchen sitzen, die genauso aussehen wie ich, aber mit amerikanischem Akzent (lacht). Das war schon ein Erwachen. Bei mir hat es jedoch dazu geführt, dass ich eine andere Seite meiner Kreativität genutzt habe und anfing, mehr zu schreiben. Ich habe auch angefangen Regie zu führen. Bei meinem ersten Langfilm „Everything is Wonderful“ hatte ich Glück und schnell gute Leute mit im Boot und Panasonic hat das ganze Kameraequipment gesponsert. Das ist normalerweise schweineteuer (lacht). Ich finde, in Amerika gilt oft die Regel, jemanden eine Chance zu geben, der dann beweisen muss, was er kann. Das wäre in Deutschland sicherlich viel härter gewesen oder hätte gar nicht geklappt. Ich zu diesem Zeitpunkt nur bei einer Web-Serie in Regie geführt, konnte also noch nicht so viel vorweisen.

nordbuzz: Apropos Amerika: Sie haben die deutsche und die amerikanische Perspektive auf die Corona-Pandemie. Wie würden Sie den Umgang mit Krankheit und Krise vergleichen?

Mechler: Amerika ist zwar das Land der Freiheit, doch gleichzeitig gibt es auch extreme Ungleichheiten. Schon allein das Gesundheitssystem. Er ist hart mitzuerleben, dass entschieden wird, wer überlebt und wer nicht überlebt. Doch ich möchte betonen, dass Amerika und New York zwei unterschiedliche Dinge sind.

nordbuzz: Inwiefern?

Mechler: Ich sage immer, dass ich nicht nach Amerika, sondern nach New York gezogen bin. Unser Gouverneur Andrew Cuomo hatte strikte Maßnahmen. Klar, vielleicht ein bisschen zu spät, aber letztendlich dann doch sehr konsequent. Wenn ich heute in New York auf die Straße gehe, tragen 90 Prozent der Mitbürger Masken. Das ist typisch New York. Ich war auch in der Stadt, als Hurrikan Sandy hier einiges verwüstete. Da waren die Hilfsbereitschaft und Solidarität unglaublich. Und jetzt ist es wieder so. Wie Cuomo erst kürzlich in einer Rede sagte: „Es geht nicht um deine Gesundheit, es geht um unsere Gesundheit!“ - Das finde ich sehr stellvertretend für New York. Trotzdem bin ich natürlich froh, dass meine Eltern, die ja zur Risikogruppe gehören, in Deutschland leben. Das Gesundheitssystem ist einfach besser. Wenn ich auf Amerika blicke, sehe ich zurzeit sicherlich kein grünes Licht, auch wenn die Zahlen in New York extrem heruntergehen. Doch es gibt einfach viele Staaten, die echt Mist gebaut und viel zu früh aufgemacht haben. Dann ist es halt wieder das Amerika, in dem leider auch viel Dummheit passiert.

nordbuzz: Haben Sie persönlich Freunde, die Covid-19 hatten?

Mechler: Ich habe einige Freunde, die das Virus hatten. Hier in Amerika und auch in England. Leider habe ich aber auch einen Bekannten, der tatsächlich verstorben ist. Das war ein Mensch, der hatte noch mindestens 20 bis 25 gute Jahre vor sich. Ein gesunder Mann, Anfang 60. Wenn ich auf der Straße in meiner Nachbarschaft spazieren gehe, stehen in den Vorgärten Blumengestecke und Erinnerungen. Ich glaube, diese Realität führt die Menschen in New York dazu, Masken zu tragen. Das Grauen ist greifbar nahe.

nordbuzz: Wie verbringen Sie Ihre Heim-Quarantäne?

Mechler: Ich kann mich wirklich nicht beschweren, denn wir sind schon privilegiert in der Quarantäne im Gegensatz zu anderen New Yorkern. Es geht uns gut. Wir hatten auch noch großes Glück und sind vor der Pandemie in eine größere Wohnung gezogen. Mein Mann arbeitet von zu Hause aus, und ich bin auch gut beschäftigt. Ich arbeite an einem Drehbuch für eine deutsche Produktionsfirma und bin immer wieder auf Skype oder Zoom in irgendwelche Gespräche verwickelt. Zeitgleich arbeite ich noch an einer romantischen Komödie, die von der Pandemie inspiriert ist. Ich bin auf Seite 40 und weiß auch noch nicht genau, wie sie sich entwickeln wird. Ich finde, wenn wir schon diese Zeit erleben müssen, sollten wir sie vielleicht auch kreativ festhalten. Ich bin sehr froh, dass ich arbeiten kann. Zumindest kann ich damit meinen Tag kreativ strukturieren.

„Ich liebe New York“

nordbuzz: Haben Sie Heimweh?

Mechler: Ich habe das Glück, durch die internationalen Drehs immer wieder bei meinen Eltern und Freunden zu sein, was sich jetzt aber vielleicht auch ändern wird. Am Anfang als diese ganze Geschichte losging, hatte ich mir Sorgen gemacht, dass es nicht gut in diesem Land ausgehen wird und hatte mir schon überlegt, wie ich so schnell wie möglich nach Deutschland abhauen kann (lacht). Gott sei Dank gibt es mittlerweile FaceTime. Klar, denke ich mir manchmal, dass in Deutschland alles besser ist, aber es gibt genügend Gründe, warum ich hier gelandet bin. Ich liebe New York. Es ist eine tolle Stadt voller Menschen und Gegensätze. Ich finde, wenn man in der U-Bahn sitzt und sich umschaut, ist das der Querschnitt der ganzen Stadt. Da steht der orthodoxe Jude neben der Upper-Eastside-Mama in ihrem Gucci-Outfit und dem Brooklyn Hipster. Doch das ist New York.

nordbuzz: Und was vermissen Sie am meisten an Deutschland?

Mechler: Meine Familie ... Ansonsten Bismarck-Brötchen und Spargel. Immer wenn ich zur Spargelzeit in Deutschland bin, esse ich ihn zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen (lacht). Ich vermisse die deutsche Sprache, sie ist so herrlich kompliziert. Den deutschen Sommer und das Freibad. Aber vor allem vermisse ich es, in einen See zu springen und durch den Wald zu laufen. Gerade jetzt in dieser Zeit träume ich oft davon, durch den Wald zu laufen. In meinem Traum ist dieser Wald ein deutscher Wald, der ist einfach anders als der amerikanische.

Ab Donnerstag, 28. Mai, 20.15 Uhr, ist „Devils“ auf Sky Atlantic HD zu sehen.

teleschau

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