„Ab jetzt ist alles anders“

Matthias Matschke im Interview

Zum letzten Mal spielt Matthias Matschke den seltsamen Kriminalpsychologen „Professor T“ in der gleichnamigen ZDF-Serie. Für den 51-jährigen Schauspieler ist T keineswegs nur eine Kunstfigur. Er kennt sogar so jemanden aus seiner Jugend in der hessischen Provinz.
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Zum letzten Mal spielt Matthias Matschke den seltsamen Kriminalpsychologen „Professor T“ in der gleichnamigen ZDF-Serie. Für den 51-jährigen Schauspieler ist T keineswegs nur eine Kunstfigur. Er kennt sogar so jemanden aus seiner Jugend in der hessischen Provinz.

Matthias Matschkes ZDF-Serie „Professor T“ geht ab Freitag, 15. Mai, mit einer vierten Staffel zu Ende. Im Interview spricht der Schauspieler über empathielose Quälgeister in seinem Leben und warum er nicht glaubt, dass allzu viele Menschen etwas aus der Corona-Krise lernen werden.

Sonderlinge liegen Matthias Matschke, ob es nun der kindlich-lebensuntüchtige Hagen aus der epischen Serie „Pastewka“ war oder der merkwürdige Kriminalgelehrte mit Kontaktphobie aus „Professor T“. Jener Professor T, den Matthias Matschke über vier Staffeln verkörperte, löst nun - genialisch wie immer - seine letzten Fälle. Ab Freitag, 15. Mai (20.15 Uhr), zeigt das ZDF die finalen vier Folgen. Sämtliche vier Staffeln sind bereits ab 8. Mai in der ZDF-Mediathek zu sehen. Das Interview gab der 51-jährige Schauspieler aus dem Lockdown seiner Berliner Wohnung heraus, in die er sich vor einigen Wochen fast komplett zurückgezogen hat. Schlecht drauf ist Matschke deswegen nicht, sagt er. Der im südhessischen Darmstadt aufgewachsene, ehemalige Lehramtsstudent nutzt die Zeit, um an Konzepten zu feilen und sich Gedanken über den Zustand der Welt zu machen - was bei Schauspielern, Regisseuren und Multikünstlern wie ihm manchmal fast dasselbe ist.

nordbuzz: Wie geht es Ihnen momentan?

Matthias Matschke: Mir geht es wie vielen anderen Menschen, die ich kenne. Ich habe viel zu tun, aber keine Arbeit. Eine typische Situation für Kreative derzeit. Jeder schaut, wo man vielleicht doch noch Geld herbekommt. Man sondiert, welche Projekte doch stattfinden oder bald weitergehen könnten.

nordbuzz: Mit was beschäftigen Sie sich konkret?

Matschke: Ich habe mich gleich nach dem Lockdown dafür entschieden, das Corona-Loch zu umlaufen. Jeden Tag stehe ich zeitig auf und folge einem strukturierten Tagesplan. Nach der alten Mönchsregel: Halte Ordnung und die Ordnung hält dich. Dann arbeite ich an Konzepten für Serien oder andere künstlerische Projekte. Das hilft auf jeden Fall.

„Ein gesellschaftlicher Reset, den ich nicht unbedingt erwartet hätte“

nordbuzz: Sie verbringen also viel Zeit zu Hause ...

Matschke: Ja, fast ausschließlich. Ich entwickle Stoffe - und habe meinen Alltag deutlich verändert. Auch abseits der Arbeit. Wir versuchen ja seit Wochen, die Reproduktionszahl herunterzuschrauben - und das scheint erst mal geklappt zu haben. Aber es ist ein Zwischenstand. Corona wird uns noch einige Jahre beschäftigen, davon gehe ich aus. Ab jetzt ist alles anders, das sollte man sich bewusst machen. Unser Leben ist definitiv nicht mehr das alte.

nordbuzz: Wenn Sie von Jahren sprechen, denken Sie da vor allem an den Lockdown des Kulturlebens?

Matschke: Wir Film- und Theaterleute reagieren auf diese Gesellschaft. Wir nehmen auf, was uns umgibt. Selbst wenn alte Theaterstücke gespielt werden, hat das vor allem mit Gegenwart zu tun. Insofern sind Künstler Seismografen dessen, was passiert. Momentan können wir unsere Funktion in der Gesellschaft kaum ausüben, damit muss man leben. Es hat aber auch etwas Gutes. Wenn irgendwann mal wieder vor Publikum gespielt und gesungen wird, werden die Menschen das anders wertschätzen als zuletzt. Man wird wieder freudig aufgeregt sein, zusammen etwas in einem Raum zu erleben.

nordbuzz: Also wird Corona unsere Sinne für künstlerische Gemeinschaftserlebnisse schärfen?

Matschke: Für Gemeinschaft generell, denke ich. Insbesondere aber auch für gemeinsam erlebte Kunst. Ich glaube, wir werden viele Werte neu entdecken, wenn der Lockdown nachlässt. Darauf freue ich mich.

nordbuzz: Leiden Sie nie unter Lagerkoller?

Matschke: Nein, es geht. Wenn ich am Morgen die Fenster meiner Berliner Wohnung öffne - die Sonne scheint, die Vögel singen - dann denke ich oft, wie schön es ist, dem Leben nicht mehr so hinterherhetzen zu müssen. Ich freue mich auch über viele achtsame Menschen in den Straßen, die anderen ausweichen. Fremde, die sich distanziert, aber eben fürsorglich im öffentlichen Raum bewegen. Ich finde, wir haben da auch ganz viel erreicht. Es ist ein gesellschaftlicher Reset, den ich nicht unbedingt erwartet hätte. Viele Menschen haben ihre Sicht der Dinge verändert - nichts weniger als das!

„Viele Leute fürchten sich kurioserweise vor Erkenntnis“

nordbuzz: Sie klingen optimistisch. Glauben Sie, diese Veränderungen werden anhalten, wenn zum Beispiel ein Impfstoff da ist?

Matschke: Der Geist unserer Zeit wird eine Weile wirken. Aber ich befürchte, sehr viele Menschen streben nicht danach, einen Status quo, sondern einen Status ante zu erreichen. Sie wollen sozusagen ihr altes Leben zurück. Die meisten wollen auch gar nicht wissen, warum es Corona überhaupt gibt.

nordbuzz: Warum gibt es Corona?

Matschke: Weil es zu viele Menschen gibt und wir den Rückzugsräumen der Wildtiere immer näher kommen. Auch, weil wir Tiere essen. Weil diese Wahrheit jedoch nicht angenehm ist, flüchten sich viele Status ante-Liebhaber in Verschwörungstheorien. Oder sie ignorieren das Thema der Ursache einfach. Viele Leute fürchten sich ja kurioserweise vor Erkenntnis.

nordbuzz: Eigentlich dachte man, der Mensch ist begierig darauf, dazuzulernen. Warum scheint es heute oft so, dass viele sich vor neuem Wissen schützen wollen?

Matschke: Weil Erkenntnisgewinn die Änderung unserer Lebensweise bedeuten würde. Viele Menschen haben Angst vor dieser Veränderung. Stünde Erkenntnisgewinn an oberster Stelle unseres Strebens, würde sich unser Zusammenleben nun drastisch verändern. In diesem Fall würden wir uns sehr viel mehr um unseren Planeten kümmern. Alles hängt mit allem zusammen. Die Welt und all ihre Menschen - mittlerweile sind wir global aufs Engste verknüpft.

„Professor T“ ist eine Miniserie - und nicht der neue „Derrick“

nordbuzz: Eine Zeit lang schien es, als wären Sie im Fernsehen omnipräsent. Mittlerweile sind Sie aus Ihrer „Polizeiruf“-Rolle ausgestiegen, auch „Professor T“ geht nun zu Ende. Versuchen Sie gerade, sich von seriellen Verpflichtungen freizumachen?

Matschke: Nein. Zwischen den beiden Rollen, die Sie ansprechen, besteht kein Zusammenhang. Der „Polizeiruf“-Ausstieg ist ja schon etwas länger her, und bei „T“ haben wir immer gesagt, dass wir die Dramaturgie nicht überstrapazieren wollen. „T“ ist eine Zwitter-Serie mit einerseits abgeschlossenen Kriminalfällen pro Folge und einer zweiten, stark horizontal erzählten Ebene über einen kuriosen Kriminalpsychologen. Vor allem letzteres musste nun fertig erzählt werden. Eine starke Geschichte braucht auch ein starkes Ende.

nordbuzz: Es war eine gemeinsame Entscheidung der kreativen Macher und des Senders, die Serie nach vier Staffeln zu beenden?

Matschke: Ja, das passierte absolut einvernehmlich. In Belgien, woher die Original-Idee der Serie stammt, war übrigens auch nach drei, allerdings längeren Staffeln Schluss. Unser „Professor T“ ist eine Miniserie - und nicht der neue „Derrick“.

nordbuzz: Wurden die erzählten Kriminalfälle dem belgischen Vorbild entnommen?

Matschke: In der ersten Staffel war es so, in der zweiten teilweise und seit der dritten Staffel machen wir komplett unser eigenes Ding. Wir merkten mit der Zeit, dass der belgische Professor T, gespielt von Koen De Bouw, zwar ein ganz toller Typ ist, sich dessen Serienkosmos aber nicht eins-zu-eins auf deutsche Verhältnisse übertragen lässt. Jeder Krimi ist ein Spiegel der Gesellschaft, in der er spielt. Feine Unterschiede dieser Gesellschaften machen dramaturgisch manchmal eine Menge aus, wenn man eine Serie vom Ausland auf Deutschland überträgt. Wir haben uns deshalb mehr und mehr vom belgischen Original gelöst.

„Menschen, die sich eine Plastikhandschuh-Welt bauen“

nordbuzz: Professor T ist ein manierierter, ziemlich kantiger Charakter. Ist es interessanter für Sie als Schauspieler, einen eher realistischen Normalo mit vielen Facetten oder eine knallige Kunstfigur wie T zu spielen?

Matschke: Beides kann faszinieren. Hätte ich nur Charaktere wie T zu spielen, würde ich eingehen. Andersrum genauso. Dieses ziseliert Feine eines Allerweltscharakters ist schön, aber auch das will man nicht immer haben. Da ist es auch mal reizvoll, einen krassen Typen zu spielen, bei dem sich die Menschen fragen: Gibt es den denn in echt?

nordbuzz: Gibt es solche Menschen in echt?

Matschke: Es ist meine Aufgabe, dass die Figur nicht zur Parodie eines Sonderlings wird. Andererseits ist es verblüffend, wenn man sich mit anderen unterhält - fast jeder kennt einen, an den sie Professor T erinnert. Auch ich traf mindestens einen in meinem Leben.

nordbuzz: Wahrscheinlich ein Künstler ...

Matschke: Ich glaube, eher nicht. Mein heimlicher T stammt aus Darmstadt, eine Figur aus meiner Jugend. Es gibt einfach Leute, die kann man nicht dekodieren. Sie sind nicht zu fassen und sie wollen auch nicht zu fassen sein. Das sind Menschen, die sich eine Plastikhandschuh-Welt bauen, in der sie möglichst kontrolliert leben - und die anderen ausschließen. Allerdings entsteht in solchen Welten auch meist ein Vakuum der Sehnsucht nach Kontakt. Vor allem nach dem, was man Liebe nennt.

nordbuzz: Es heißt, dass viele Menschen an einer milden Form von Autismus leiden und deshalb sehr unempathisch mit anderen kommunizieren. Meist Leute, die wir als enorm unfreundlich empfinden. Ist Professor T so einer?

Matschke: Ein Stück weit ist das sicher richtig. T ist kein Sadist, er reflektiert nicht darüber, was er tut. Er erzielt keinen Lustgewinn daraus, fies zu anderen Leuten zu sein. Ihm fehlt einfach das Maß dafür.

nordbuzz: Also ist er ein Autist?

Matschke: Wir haben beim Erfinden und Ausgestalten der Figur immer vermieden, dieses Wort zu benutzen - weil man das Phänomen so kleiner macht. Jemanden einen Autisten zu nennen, ist eine Art Nominativ-Rassismus. Der Begriff ist sehr plakativ. Er beschuldigt, aber entschuldigt auch pauschal viele Dinge, die man feiner auflösen müsste. Andererseits ist nicht jedes Arschloch, das einem im Leben begegnet, ein Autist. Ich habe gerade in der Schule unglaublich unter derlei Leuten gelitten. Aber nicht jeder von denen war ein Autist, manche waren einfach nur Arschlöcher (lacht).

teleschau

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