„Ich bin dein Malkasten, und du nimmst dir die Farben“

Marianne Sägebrecht wird 75 Jahre alt

"Mir ist es wichtig, jeden einzelnen Tag zu ehren": Marianne Sägebrecht (hier im Fernsehfilm "Immer Wirbel um Marie", 2008) wird am 27. August 75 Jahre alt.
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„Mir ist es wichtig, jeden einzelnen Tag zu ehren“: Marianne Sägebrecht (hier im Fernsehfilm „Immer Wirbel um Marie“, 2008) wird am 27. August 75 Jahre alt.

Sie ist längst eine Legende, aber sie war nie ein Star, geschweige denn eine Diva, sondern sie ist bis heute immer nur „die Sägebrecht“ geblieben. Jetzt vollendet das aus dem oberbayerischen Starnberg stammende Unikum Marianne Sägebrecht das 75. Lebensjahr.

Lange hat es nicht gedauert, das Karriere-Ende von Marianne Sägebrecht, welches nach einem „Beckmann“-Talk 2005 fälschlicherweise eifrig verkündet worden war. Tatsache war: „Das 'Ende' bezog sich lediglich auf den ARD-Dreiteiler 'Marga Engel'. Er sollte aufgrund der fantastischen Publikumsresonanz weitergeführt werden. Für mich kam das aber nicht in Frage“, stellte die Schauspielerin später mehrfach klar. Dennoch verbreitete sich die Meldung über ihren vermeintlichen Abschied von Film und Fernsehen wie ein Lauffeuer, wie es eben passiert bei Prominenten, die sich selbst nur selten öffentlich äußern. „Bei mir gibt es halt wenig zu berichten. Ich lebe viel zu ruhig mit meinen Tieren und Pflanzen, sodass die Leute über alles froh sind, was sie finden können“, vermutete sie damals. Jetzt, am 27. August, feiert die allürenfreie Schauspielerin, die Mitte der 1980er-Jahre mit Percy Adlons Werken „Zuckerbaby“ und „Out of Rosenheim“ geradezu aus dem Stand zur Legende avancierte, ihren 75. Geburtstag. Sie sei „wie eine alpenländische Version von Marlene Dietrich“, lobte der Filmemacher die Frau vom Starnberger See einst in einem TV-Interview.

Wobei man sich mit Vergleichen bei Marianne Sägebrecht von jeher schwertat. Wer mit 74 Jahren ein Buch mit dem Titel „Ich umarme den Tod mit meinem Leben“ herausbringt, ist fraglos ein unvergleichliches Unikat. „Ich habe immer nur einen Tag! Das wird mir mit den Jahren immer klarer“, offenbarte sie unlängst gegenüber „Das neue Blatt“. Ich werde immer ruhiger, meine Gelassenheit immer größer. Mir ist es wichtig, jeden einzelnen Tag zu ehren. Niemand weiß, ob er abends wieder nach Hause kommt."

Wer immer Marianne Sägebrecht in den vergangenen Jahren zum Interview traf, merkte schnell: Das ist eine ganz andere Nummer, ein besonderer Termin mit einer Schauspielerin, die einerseits in sich ruht und auf der anderen Seite vor Energie und unschlagbarer Lebensweisheit förmlich übersprudelt. Beinahe ohne Pause serviert sie im Gespräch eigene Gedanken und Geschichten. Eine Frage kann sie da schon mal überhören, am liebsten stellt sie sowieso selbst immer wieder mit großem Enthusiasmus Rückfragen.

Mit Michael Douglas seit „Der Rosenkrieg“ verbunden

„Fotografen und Journalisten schauen mich immer verwundert an, wenn ich ihnen eine Gegenfrage stelle“, lacht Marianne Sägebrecht, wenn sie auf diese Eigenart angesprochen wird. „Ein Interview ist immer ein Gespräch, und es ist schön, wenn dieses mit gegenseitigem Respekt geführt wird“, findet sie. Auch wenn sie alles andere als abgebrüht wirkt, unglaublich viel Erfahrung mit den Medien hat Marianne Sägebrecht natürlich.

Immerhin ist sie seit 1974 in Film und Fernsehen zu sehen. Bereits nach Percy Adlons „Die Schaukel“ (1983) erlebte die gebürtige Starnbergerin ihren legendären Durchbruch. Missverstanden, so sagt sie, wurde sie trotz aller Medienerfahrung schon öfters von der Presse - erst kürzlich wieder: „Da haben sie geschrieben, ich hätte 40 Jahre lang keinen Sex gehabt. Das habe ich so nie gesagt. Seit 40 Jahren lebe ich nach meiner Trennung vom Vater meiner Tochter alleinstehend, geborgen in treuen Freundschaften, eingebettet in den schützenden Schoß meiner Familie. Sexualität erlebe ich nur im Beisein von seelischer Einbindung.“ Zu schwer scheint sie jenes Schlagzeile gewordene Missverständnis aber nicht zu nehmen, jedenfalls hindert die Erfahrung den sympathischen „Out of Rosenheim“-Star auch keineswegs daran, weiterhin über das Privatleben zu plaudern.

Die eigene Lebenserfahrung dürfte Marianne Sägebrecht auch bei ihrer Rolle im Anfang 2019 gesendeten ZDF-Zweiteiler „Bier Royal“ geholfen haben, immerhin ging es in der durchaus anspruchsvollen Komödie um eine große Patchwork-Familie. Als ehemaliges Kindermädchen und Hausmädchen Rosa gab Marianne Sägebrecht die gute Seele eines illustren Clans, der heftig zerstritten ist. Da wurden zwangsläufig Erinnerungen wach an ihren legendären Auftritt in „Der Rosenkrieg“ (1989), wo die Sägebrecht an der Seite mit den Weltstars Michael Douglas, Danni De Vito und Kathleen Turner in einem ähnlichen Part auftrat.

Familie vor Karriere

Marianne Sägebrecht ließ sich 1976 scheiden und hat danach stets alles darangesetzt, eine funktionierende Großfamilie zu leiten. Wie das damals war und welche Schlüsse sie zog, verrät sie unumwunden. „Ich rate immer: Lass die Wut ausdampfen und übertrage sie nicht auf deine Kinder. Das ist leicht gesagt und schwer getan, weil man eine verletzte Seele hat und die neue Partnerin sieht und gekränkt ist. Aber es ist der Schlüssel.“ Ihr Exmann, so sagt sie, sei „vom Schöpfer als der Vater meiner Tochter“ ausgewählt, doch damals habe er noch nicht ihre philosophischen Gedanken verstanden, erklärt sie. Man müsse nach der Trennung immer noch gut miteinander, aber vor allem auch mit der nächsten Familie, umgehen.

Für die Familie ließ die ehemalige Wirtin einer Schwabinger Künstlerkneipe einst die große Karriere in Hollywood sausen: Von „Der Rosenkrieg“ und Michael Douglas schwärmt sie noch heute: „Michael und ich haben ein gutes Bruder-Schwester-Verhältnis gefunden.“ Sie würden oft telefonieren und sich auch treffen, wenn es sich gerade anbietet. Und auch die Arbeitsweise in den USA schätzt die Schauspielerin: „In Amerika gibt es eine hohe Disziplin und eine hohe social correctness.“ Auf die Frage, ob sie sich jemals gewünscht habe, dass sie ihre Entscheidung Hollywood zu verlassen, nicht getroffen hätte, antwortet sie knackig: „Ich bereue keine Sekunde!“

Nichts scheint diese Marianne Sägebrecht von ihrer inneren Ruhe und ihrer Entschlossenheit abzubringen. Viele aber, so meint sie, neiden ihr die damalige Karrierechance und verstünden nicht, dass sie sie nicht wahrgenommen hat. Die Mutter einer Tochter sagt: „Es gibt Kollegen, die wollten immer rüber, und es hat sich nicht ergeben. Ich sage aber immer: 'Jammere mir nicht die Ohren voll.' Wenn man sieht, wie in Hollywood Menschen für ihren Traum kämpfen, ist das einfach etwas anderes. Die kellnern, babysitten oder jobben anderweitig nebenher, um dann eine kleine Rolle zu ergattern.“

„Meine Tochter macht das Sekretariat“

Dabei könnten wohl viele eine Menge von Marianne Sägebrecht lernen. Schon ihre Herangehensweise an die Rollen zeugt von einer ganz besonderen Hingabe: „Ich gebe den Regisseuren kurz vor Arbeitsbeginn immer einen Pinsel und sage: 'Ich bin dein Malkasten, und du nimmst dir die Farben, die du brauchst, dann wird das eine schöne Sache.“ Eine Agentur, verrät die Schauspielerin, brauche sie schon lange nicht mehr, um an Rollen zu kommen. „Ich habe einen Anwalt, und zwar den besten. Meine Tochter macht das Sekretariat. Alles andere bestimme ich selbst, wenn ein Angebot vorliegt.“

Und was kommt bei ihr als Nächstes? Vielleicht noch mal ein Hollywood-Streifen? „Mal sehen, so was ergibt sich alles“, meinte sie im Interview im Vorfeld der „Bier Royal“-Ausstrahlung vollkommen gelassen und spricht von großen Reiseplänen oder über den Wohnungsmarkt in München, eine Art Kernthema der Frau, die am 27. August ihr 75. Lebensjahr vollendet. Leidenschaftlich berichtet die Künstlerin, dass sie selbst 18 Jahre lang in der Kaulbachstraße am Englischen Garten im Herzen der Isarmetropole wohnte. Doch dann verstarb ihre Mutter. „Da haben sie mir angeboten, die Wohnung zu übernehmen, doch statt 900 Mark im Monat sollte ich plötzlich 2.600 zahlen“, erinnert sie sich kopfschüttelnd. Scheinbar macht sie das immer noch fassungslos. Trotzdem schaut diese sowieso unerschütterliche Frau optimistisch in die Zukunft, denn: „Jetzt bewegt sich was!“ Und Marianne Sägebrecht will da natürlich dabei sein. Daheim, am Starnberger See ist für sie die Basis allen Seins: „Meine sinnliche, feinfühlige Seite kann ich nur anwenden, wenn ich in der freien Natur bin. Es war schon immer mein Wunsch, aufs Land zu ziehen, wo ich mit meinen Tieren leben, Kräuter anpflanzen und meine Elixiere brauen kann.“

teleschau

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