Wortgewaltig, provokant und direkt

Marcel Reich-Ranicki wäre am 2. Juni 100 Jahre alt geworden

Marcel Reich-Ranicki wäre am 2. Juni 100 Jahre alt geworden. Der populäre Literaturkritiker starb am 18. September 2013 im Alter von 93 Jahren.
+
Marcel Reich-Ranicki wäre am 2. Juni 100 Jahre alt geworden. Der populäre Literaturkritiker starb am 18. September 2013 im Alter von 93 Jahren.

Er war der Literaturkritiker schlechthin. Sein Name ist auch eifrigsten Literaturbanausen ein Begriff: Marcel Reich-Ranicki hätte am 2. Juni seinen 100. Geburtstag gefeiert. Sieben Jahre nach seinem Tod erinnern die Sender 3sat und ZDF an sein aufregendes Leben.

An manchen Menschen scheint das Alter spurlos vorüberzugehen. Wer Marcel Reich-Ranicki mit 70, 80 Jahren spitzzüngig und gedankenschnell wie eh und je erlebte, mochte ihm die vielen Lebensjahre kaum glauben. Vielleicht lag es auch daran, dass er als Mittzwanziger bereits wie ein 50-Jähriger aussah, nach der langen, qualvollen Zeit im Warschauer Getto und im Keller der polnischen Familie, die ihn und seine Frau Teofila bis zum Kriegsende vor den Nazis versteckte. „Wer, zum Tode verurteilt, den Zug zur Gaskammer aus nächster Nähe gesehen hat, der bleibt ein Gezeichneter - sein Leben lang“, pflegte Reich-Ranicki zu sagen. Er starb am 18. September 2013 im Alter von 93 Jahren.

Am 2. Juni wäre Deutschlands energischster, eigenwilligster und berühmtester Literaturkritiker 100 Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass wiederholen 3sat und das ZDF den Dokumentarfilm „Ich, Reich-Ranicki“ von Lutz Hachmeister und Gert Scobel (Samstag, 30. Mai, 22.50 Uhr, auf 3sat; Sonntag, 31. Mai, 0.25 Uhr, im ZDF).

Der Film stellt selten gezeigte Archiv-Aufnahmen neben Ranickis persönliche Erinnerungen. Er zeigt die Höhepunkte eines Lebens im kulturellen Mittelpunkt ebenso wie die frühen Jahre der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Als Jude hat es Marcel Reich-Ranicki immer schwerer gehabt. Stets hatte er das Gefühl, etwas mehr kämpfen zu müssen, um sich durchzusetzen und anerkannt zu werden. Das war schon in der evangelischen, deutschsprachigen Volksschule in seinem Geburtsort Wloclawek der Fall. Das sollte sich auch in den 60er-Jahren nicht ändern, als er als Literaturkritiker der „Zeit“ und von 1973 bis 1988 als Literaturchef der „FAZ“ große Erfolge feierte.

„Von Anfang an fiel ich aus dem Rahmen, ich war ein Außenseiter. Ich passte nie ganz zu meiner Umgebung.“ Aus dieser Erfahrung heraus rühren wohl Reich-Ranickis Vehemenz und Lautstärke, mit der er seine Meinung kundtat. Daher dürfte auch der stechende und zugleich melancholische Blick stammen, der seinem Gesicht diese Grundernsthaftigkeit verlieh, die selbst bei einem Lachen nicht verschwand.

Der erfüllte Traum von der Literaturkarriere

Seine große Liebe zur deutschen Literatur, die ihn zu einem so gefürchteten, weil gnadenlos anspruchsvollen und keine Schwächen verzeihenden Kritiker werden ließ, entwickelte Marcel Reich-Ranicki in den Jahren 1929 bis 1938. Damals war seine Familie von Polen nach Berlin immigriert. Noch Jahrzehnte später erinnerte er sich an den Satz, den eine Lehrerin dem neunjährigen, lesebegeisterten Kind mit auf die Reise gegeben hatte: „Du fährst, mein Sohn, in das Land der Kultur.“ Worte, die durch die grausamen Erlebnisse im Dritten Reich - Reich-Ranickis Eltern und sein Bruder wurden in Auschwitz ermordet - als schmerzhaftes Paradoxon für immer im Gedächtnis haften blieben.

Später erinnerte er sich in seiner erfolgreichen Autobiografie „Mein Leben“, die in Millionenauflage erschien und vom Regisseur Dror Zahavi mit Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle verfilmt wurde, daran zurück. Im Ersten ist „Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben“ (2009) am Sonntag, 31. Mai, um 23.35 Uhr, zu sehen.

Dem Trauma zum Trotz kehrte Reich-Ranicki 1958 nach Deutschland zurück - gemeinsam mit seiner Frau Teofila, die er 1942 im Warschauer Getto heiratete und mit der er bis zu ihrem Tod im Jahr 2011 zusammenblieb. Doch eine Heimat fand Marcel Reich-Ranicki in der Bundesrepublik nicht, genauso wenig, wie er sich jemals in Polen heimisch gefühlt hat. Oft wurde er gefragt, ob er denn das deutsche Volk nicht hasse, nach all dem, was es ihm angetan habe. Stets antwortet er mit einem überzeugten „Nein“. „Weder hasse noch liebe ich Völker, sondern immer nur Individuen. Ich bin geblieben, weil ich hier machen kann, was mein ganzes Leben lang mein Traum war - mich beruflich mit deutscher Literatur beschäftigen.“

Durch die Buch-Besprechungen in der ZDF-Reihe „Das literarische Quartett“ (1988 bis 2001) wurde Reich-Ranicki einem breiten Publikum bekannt. Der Mann, der die große Geste ebenso liebte wie gute Bücher, avancierte zu einem TV-Star. In der Dokumentation „Ich, Reich-Ranicki“ erinnert sich sein damaliger Mitstreiter Hellmuth Karasek als einer von vielen Zeitzeugen an die gemeinsamen Sendungen zurück.

„Die meisten Dichter verstehen von Literatur nicht mehr als Vögel von Ornithologie“

In Erinnerung geblieben sind auch Reich-Ranickis herrlich unverblümte Aphorismen. „Die meisten Dichter verstehen von Literatur nicht mehr als Vögel von Ornithologie“, wetterte er hier und an anderer Stelle: „Man soll die Kritiker nicht für Mörder halten - sie stellen nur den Totenschein aus.“ Der (Selbst-)Mörder ist demnach der Autor selbst, der ein schlechtes Buch verfasst hat. Begreiflich, dass sich der wirkungsmächtige Mann in dieser Manier nicht nur Freunde machte. Einen handfesten Eklat provozierte er gar, als er im Jahr 2008 den Deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk ablehnte und sich lautstark über die öde, aus seiner Sicht unerträglich oberflächliche Veranstaltung echauffierte: „Ich habe nicht gewusst, was mich hier erwartet“, polterte er damals sichtlich erregt. „Ich finde es auch schlimm, dass ich das erleben musste.“

Noch während der Gala sorgte die Schelte für Aufruhr, die ihm aber nicht nur sein Heimatsender längst verziehen haben dürfte. Der ZDF-Intendant Thomas Bellut fand zum Tode Reich-Ranickis 2013 Worte der Würdigung: „Marcel Reich-Ranicki konnte polarisieren wie wenige andere. Seinem Motto 'Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit der Kritiker' ist er immer treu geblieben. Und das auf seine ganz besondere Art, authentisch, glaubwürdig, unverwechselbar.“

teleschau

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare