„Es gibt keinen einzigen Corona-Fall in Bärstadt, und das ist gut so“

„Löwenzahn“-Moderator Guido Hammesfahr im Interview

Kinder müssen auch in Corona-Zeiten draußen spielen können. „Ich sage ja nicht ohne Grund zum Schluss jeder &#39Löwenzahn&#39-Sendung: Ich gehe jetzt noch eine Runde mit Keks“, erklärt Guido Hammesfahr.
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Kinder müssen auch in Corona-Zeiten draußen spielen können. „Ich sage ja nicht ohne Grund zum Schluss jeder 'Löwenzahn'-Sendung: Ich gehe jetzt noch eine Runde mit Keks“, erklärt Guido Hammesfahr.

Happy Birthday, „Löwenzahn“! Die ZDF-Kinder-Wissenssendung feiert 40. Geburtstag. Fritz-Fuchs-Darsteller Guido Hammesfahr freut sich über den enormen Zuspruch für seine Sendungen in Corona-Zeiten - und macht sich für rasche Erleichterungen für die Kids stark.

Eigene Kinder hat Guido Hammesfahr, der als Schauspieler für die „Ladykracher“-Comedysendungen mit Anke Engelke erstmalig einem breiteren Fernsehpublikum bekannt wurde, keine. Dafür ist er spätestens, seit er im Oktober 2006 die Nachfolge von Peter Lustig als verschmitztes Gesicht der jungen Wissenssendung „Löwenzahn“ antrat, ganz vielen Kindern im deutschsprachigen Raum bestens bekannt. Selten waren „Löwenzahn“-Sendungen so beliebt - und gleichzeitig für Kinder (und gestresste Eltern) so wichtig wie heute, da auch und vor allem die Kleinen unter den der Enge der Pandemie-Maßnahmen leiden und nach Leichtigkeit und kindgerecht aufbereitetem Wissen dürsten.

Trotzdem hätte man sich natürlich schönere Zeiten für das groß angelegte „Löwenzahn“-Jubiläum im ZDF gewünscht. Am Samstag, 15. Mai, gibt es ab 8.20 Uhr vier neue Folgen zu sehen, die Guido Hammesfahr in Südafrika gedreht hatte. Die 40-Jahre-Sonderprogrammierungen, die auch den KiKA und die ZDF-Mediathek umfassen, bieten am Sonntag, 16. Mai, 7.25 Uhr, ein Wiedersehen mit der ersten „Löwenzahn“-Folge von Hammesfahr als Fritz Fuchs. Außerdem werden gleich mehrere „Löwenzahn Classics“-Episoden mit Hammesfahrs Vorgänger Peter Lustig ausgestrahlt, der im Februar 2016 verstarb.

nordbuzz: Herr Hammesfahr, wir erwischen uns gegenseitig leider nur am Telefon. Wie geht es Ihnen?

Guido Hammesfahr: Mir geht's gut, ich bin gesund. Alles prima. Natürlich bin ich auch ungeduldig, weil es bei mir mit eigentlich anstehenden Arbeiten nicht so losgeht, wie es geplant war. Aber das bringt nun mal die Situation derzeit mit sich. Wir machen das Beste daraus.

nordbuzz: Sie können aktuell wahrscheinlich ja nicht drehen - weder „Löwenzahn“-Folgen noch andere Sachen?

Hammesfahr: Ich hatte das Glück, dass ich im Frühjahr Theater spielen konnte. Das hat ganz normal im Januar, Februar und dann bis Anfang März stattgefunden. Erst danach fing es ja an, schwierig zu werden. Bis zuletzt waren wir zuversichtlich, dass wir im Mai mit „Löwenzahn“ wieder mit dem Drehen anfangen könnten. Aber das müssen wir jetzt ein wenig nach hinten verschieben. Noch ist nicht ganz klar, wie es weitergeht. Aber die Produktionsfirma, der Sender und ich wollen versuchen, dass wir einen Großteil des für dieses Jahr geplanten Pensums drehen können.

nordbuzz: Wie sah denn Ihr „Löwenzahn“-Drehplan in einem normalen Jahr, vor Einbruch der Corona-Krise, aus?

Hammesfahr: Normalerweise hätten wir von Mai bis September gedreht. Im Schnitt stellen wir dann 14 Folgen her, je nachdem wie aufwendig die ausfallen.

„Die 'Löwenzahn'-Sendungen haben plötzlich eine ganz andere Relevanz“

nordbuzz: Aktuell dürfte die Rezepiton von Kinderunterhaltung im TV rasant gestiegen sein.

Hammesfahr: Trotz der ganzen Umstände, die natürlich betrüblich sind, ist es toll, dass unsere Arbeit und die „Löwenzahn“-Sendungen plötzlich eine ganz andere Relevanz haben. Das liegt natürlich daran, dass die Kinder derzeit nicht in der Schule sein können. Mit unseren Sendungen haben sie ein Format, bei dem sie trotz allem ihren Spaß haben - weil wir ja so abenteuerlich angelegt sind, mit dem was wir zeigen. Es ist deutlich sichtbar, dass die Klickzahlen für „Löwenzahn“ im Internet extrem nach oben gehen. Ich finde es toll, dass die Sendung, an der ich mit so viel Herzblut beteiligt bin, so eine starke Wirkung entfaltet. Die Öffentlich-Rechtlichen machen sich derzeit ganz gut.

nordbuzz: Das klingt nach Genugtuung.

Hammesfahr: Es gab zuvor eine Entwicklung, die sehr unangenehm war - wenn man nur an die unsägliche Lügenpresse-Debatte denkt. Damals fiel es zunehmend schwer, für das Fernsehen zu arbeiten und diesem Druck standzuhalten, auch wenn die Vorwürfe mich bei 'Löwenzahn' nicht so sehr trafen. Im Moment merkt einfach jeder, dass die Kollegen vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen journalistisch eine recht verlässliche Arbeit machen. Natürlich ist es schön, dass unsere Sendung eine neue Aufmerksamkeit genießt und dass die Leute sich auch die etwas älteren Folgen gerne ansehen. Wir sind wichtig geworden. Das macht allen Beteiligten Freude.

nordbuzz: Und Fritz Fuchs ist plötzlich eine Art Familienmitglied in vielen Haushalten ...

Hammesfahr: Es hat sich eben gezeigt: Wir leisten wertvolle Arbeit. Diese Wertschätzung freut mich sehr, die war zuletzt - vor der Corona-Krise - ein wenig verloren gegangen. Wir werden eben dem Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gerecht. Es gibt wenige Sachen, die so spannend und so lehrreich sind im deutschen Fernsehen wie das, was wir bei 'Löwenzahn' machen.

nordbuzz: Wie schwer ist es, jungen Zuschauern die Corona-Angst zu nehmen?

Hammesfahr: Ich habe zuletzt viele Gespräche geführt. Es gab einige Skeptiker, die mich fragten, ob wir in der Aufarbeitung von Corona in 'Löwenzahn' nicht schneller sein müssten. Ich sehe das anders: Ich finde es sehr entspannend, dass wir Corona im Moment als Thema nicht bedienen. Tagesaktuell könnten wir aber auch gar nicht sein. Wir sind ja ein fiktionales Format und haben andere Vorläufe, normalerweise fast ein Jahr.

nordbuzz: Trotzdem wirken manche „Löwenzahn“-Beiträge erstaunlich aktuell.

Hammesfahr: Wir beschäftigen uns mit Umweltthemen und die waren und sind aktueller denn je, wenn man sich mal die „Fridays for Future“-Bewegung anschaut. „Löwenzahn“ spielt ja außerdem im Hier und Jetzt. Wir reagieren auf gewisse Tagesthemen, da gibt es eben auch zeitgemäße Probleme in Bärstadt. Ich meine aber auch: Die schnellen Antworten sind etwa durch die Kollegen von „logo!“ oder „PUR+“ gut abgedeckt. Ich finde schön, dass wir bei „Löwenzahn“ zum Jubiläum jetzt unsere Abenteuer aus Südafrika zeigen. Damit kann man sich einfach mal eine halbe Stunde vor den Fernseher, sein Tablet oder seinen PC setzen und bekommt dann eine Geschichte erzählt, die gar nichts mit Corona zu tun hat. Die ist dann aber trotzdem lehrreich. Und spannend, humorvoll und unterhaltsam sowie kontemplativ. Was Besseres können wir den Kindern derzeit gar nicht bieten! Radio und Fernsehen sind derzeit voll mit Corona-Themen. In Bärstadt hatten wir damit noch nichts zu tun. Es gibt keinen einzigen Corona-Fall in Bärstadt. Und das ist auch gut so.

nordbuzz: Wird denn in den neuen Folgen, die Sie demnächst hoffentlich drehen können, das Thema Corona aufgegriffen?

Hammesfahr: Die Bücher sind natürlich schon geschrieben. Mal sehen, was sich da machen lässt. Corona wird aber nicht eins zu eins vorkommen. Bärstadt ist überall, aber das Geschehen dort ist immer ein kleines Stück weit überhöht. Wir sind eine fiktionale Sendung. Das soll auch so bleiben. Aber natürlich befassen wir uns in der Redaktion mit der aktuellen Situation, in der Kinder gerade leben. Wir arbeiten momentan an einem unterhaltsamen Kurzformat nach „Löwenzahn“-Art für ein weiteres Angebot im Internet, quasi „live“ aus dem Bauwagen

„Irgendwann kriegen die Kinder einen Rappel“

nordbuzz: Wie bewerten Sie die Auswirkungen, welche die derzeit eingeschränkte Bewegungsfreiheit auf Kinder haben könnte?

Hammesfahr: Was wir mit „Löwenzahn“ anbieten können, ist natürlich nur ein kleiner Rückzug aus der aktuell so verdüsterten Welt. Es ist schön, wenn sie mit unserer Sendung für eine kurze Zeit auf andere Gedanken kommen. Aber die Kinder brauchen natürlich auch Bewegung. Ich hoffe, dass es dafür schnell eine Lösung gibt und rasch wieder mehr für Kinder möglich sein wird im Land.

nordbuzz: Wie meinen Sie das konkret?

Hammesfahr: Kinder müssen herumtollen, sie müssen miteinander spielen und dabei ein Gegenüber haben. Es geht darum, die Welt da draußen zu erleben - und zwar ganz körperlich. Das ist leider im Moment ja sehr stark eingeschränkt. Ich spüre selbst stark: Ich bin ein Mensch, der gerne mit anderen Menschen zusammen ist und mit ihnen Kontakt hat. Ich lebe hier in Köln in direkter Nachbarschaft mit einer Schule. Es ist eine geisterhafte Situation, wenn man derzeit dort fast gar keine Kinder mehr spielen hört. Ich hoffe sehr, dass dieses Ventil bald wieder aufgeht. Für Kinder ist die Corona-Zeit echt schwer.

nordbuzz: Was raten Sie, wie man mit dem Druck in den Familien umgehen sollte?

Hammesfahr: Wie ich aus meinem Verwandten- und Bekanntenkreisen höre, sind die Kinder in der Regel sehr diszipliniert und gehen vorbildlich mit dem Druck um. Ich hoffe aber, dass mit Erleichterungen für sie nicht zu lange gewartet wird. Kinder stehen oft an letzter Stelle.

nordbuzz: Die Corona-Maßnahmen wirken so, als ob sie fast ausschließlich auf die Erwachsenenwelt abzielen.

Hammesfahr: Sie so zu sehen, wäre ganz falsch. Kinder müssen ganz nach vorne rücken. Sie sind unsere Zukunft. Ich hoffe, dass die Politik sie ins Zentrum stellt. Das wäre mir sehr wichtig.

nordbuzz: Viele Eltern in Familien „parken“ derzeit allerdings gerne ihre Kinder auch vor Fernsehprogrammen. Damit sie selbst einmal für eine halbe Stunde den Kopf frei bekommen können.

Hammesfahr: Fernsehen ist immer in der Gefahr, als ein Stillhalte-Medium erhalten zu müssen. Das trifft auf Handys und Computerspiele natürlich gleichermaßen zu. Aber so funktioniert das ja nicht ewig. Irgendwann kriegen die Kinder einen Rappel. Sie brauchen ihre Bewegung. Ich sage ja nicht ohne Grund zum Schluss jeder Löwenzahn-Sendung: Ich gehe jetzt noch eine Runde mit Keks.

nordbuzz: Der berühmte modernisierte Bitte-mal-Abschalten-Spruch.

Hammesfahr: Er soll ja heißen: Geht raus, bewegt euch in der Natur! Kinder müssen sich draußen abreagieren können. Im Moment ist das schwer. Ich fände wichtig, dass für die Kinder als Erstes eine weitreichende Lockerung erlaubt wird. Glücklicherweise betrifft Corona als Krankheit Kinder nicht so stark. Sie können zwar Träger des Virus sein, müssen es selbst aber offenbar nicht so sehr fürchten.

„Keks geht es sehr gut!“

nordbuzz: Sie selbst haben keine Kinder ...

Hammesfahr: Nein. Ich bin vierfacher Onkel. Wir haben das in unsere Familie ein wenig ungewöhnlich aufgeteilt. nordbuzz: Wie denn?

Hammesfahr: Mein Bruder ist in Vorleistung gegangen. Er hat vier Kinder. Bei mir hat sich das leider nicht ergeben. Aber ich habe mit jeder einzelnen Sendung über eine Million Kinder. Das ist dann auch schon mal was.

nordbuzz: Sie haben Keks erwähnt: Hunde sind ja auch so was wie die heimlichen Gewinner der Corona-Zeiten. Viele Deutsche, die gerne einen schönen Grund hätten, draußen eine Runde zu drehen, dürften sich derzeit einen Hund wünschen. Wie geht's denn Keks?

Hammesfahr: Die Besitzer von Keks wohnen ein wenig außerhalb von Berlin. Auf dem Land in Brandenburg scheint die Lage vergleichsweise entspannt zu sein. Keks geht ja auch in der Woche zweimal zu einer Tiertrainerin, um gut auf unsere Dreharbeiten vorbereitet zu werden. Er hat also mehr noch als andere Hunde Umgang mit einem großen Rudel, das er gut kennt und mit dem er gerne arbeitet. Keks geht es sehr gut! Übrigens: Selbst der frühere Keks, der eigentlich schon „in Rente“ ist, kommt immer wieder mal zum Besuch vorbei. Die Wiedersehensfreude ist unvorstellbar und herzzerreißend - auf beiden Seiten. So liebevoll wie Keks mich jedes Mal bestürmt, wurde ich von alten Bekannten noch nie begrüßt.

teleschau

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