„Ein beruhigendes Gefühl, dass man in diesem Problem kollektiv vereint ist“

Karoline Schuch im Interview

„Es ein beruhigendes Gefühl, dass man in diesem Problem kollektiv vereint ist“, sagt Karoline Schuch zur Corona-Krise. Die Schauspielerin ist diplomierte Psychologin.
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„Es ein beruhigendes Gefühl, dass man in diesem Problem kollektiv vereint ist“, sagt Karoline Schuch zur Corona-Krise. Die Schauspielerin ist diplomierte Psychologin.

Im ARD-Film „Die Toten am Meer“ gibt Karoline Schuch ihr Debüt als TV-Kommissarin. Ein Gespräch über Gefühlsausbrüche am Schießstand, die Auswirkungen von MeToo und die Bedeutung von Familie.

Jetzt zückt also auch Karoline Schuch die Pistole: Die 38-Jährige, die seit Jahren zu den gefragtesten deutschen Schauspielerinnen gehört, gibt im ARD-Film „Die Toten am Meer“ (Samstag, 25. April, 20.15 Uhr) erstmals in ihrer Karriere eine Kommissarin. Dabei habe sie um die Rolle als Polizistin lange einen Bogen gemacht, wie Schuch im Interview beschreibt. Der Gedanke sei lange gewesen: „Ach nö, ich will jetzt nicht auch noch eine Kommissarin sein.“ Was die Zweifachmama letztlich doch überzeugt hat, verrät sie im Gespräch. Außerdem spricht sie über Existenzängste in der Corona-Krise, die Veränderungen in der Filmbranche seit dem Aufkommen der MeToo-Bewegung und verrät, weshalb sie bislang nicht mit ihrem jüngeren Bruder Albrecht vor der Kamera stand.

nordbuzz: Wie geht es Ihnen in diesen besonderen Tagen?

Karoline Schuch: Mir geht es gut, ich möchte mich nicht beklagen. Ich habe einen großen Garten, wo die Kinder rauskönnen, genug zu essen im Kühlschrank und keine Krankheitssymptome. Natürlich oszilliert die Gefühlswelt zwischen totaler Verzweiflung und „Ach, das ist doch gar nicht so schlimm“. Aber wenn man sich drei Wochen in Folge täglich ausdenken muss, was man zum Mittagessen kocht - das ist einfach nicht mein Element. Trotz allem ist es ein beruhigendes Gefühl, dass man in diesem Problem kollektiv vereint ist. Dadurch fühlt man sich nicht alleine.

nordbuzz: Vor der Corona-Pandemie stand Ihre Heimat Thüringen wegen der chaotischen Landtagswahl in den Schlagzeilen. Wie erlebten Sie diese politische Gemengelage?

Schuch: Ich fand das super schwierig und konnte mich auch nur sehr schwer zurückhalten. Gemeinsam mit meinem Bruder startete ich einen Aufruf, dass die Leute möglichst geballt wählen gehen sollen. Die Wahl hat abgebildet, wie stark die großen Parteien schwimmen und dass sie sich eigentlich komplett neu aufstellen müssen, um diesem gefühlten Bollwerk von rechts souverän gegenüberzutreten. Da sind wir noch immer nicht gut aufgestellt - weder in Thüringen, noch bundesweit.

nordbuzz: Was muss passieren?

Schuch: Ich hoffe, die Lage in Thüringen hat die Politik aufgerüttelt. Ich bin gespannt und besorgt darüber, wie sich dieses Machtverhältnis nach dieser sehr absurden Corona-Krise darstellt. Da muss man einen guten Fahrplan haben, gerade auch was die wirtschaftlichen Subventionen betrifft, damit das nicht den rechten Parteien in die Hände spielt.

„Ich mache mir noch keine Gedanken darüber, den Beruf wechseln zu müssen“

nordbuzz: Abseits von großen und mittelständischen Unternehmen sind es besonders freischaffende Künstler wie Musiker oder Schauspieler, die von der Krise betroffen sind. Spüren Sie Existenzängste?

Schuch: Konkret nicht, weil ich letztes Jahr viel gearbeitet habe und das Gefühl habe, dieses Jahr gut überstehen zu können. Aber natürlich: Wenn das länger so weiter geht und die Filmbranche so einbricht, wie das gerade befürchtet wird - momentan ist das Szenario ja, dass dieses Jahr kein Film mehr gedreht wird -, dann mag es für mich als gut beschäftigte Schauspielerin noch einigermaßen überschaubar sein. Aber ich bin nicht der Maßstab. Es gibt so viele SchauspielerInnen, die sich mit zehn bis 15 Drehtagen im Jahr über Wasser halten. Um die mache ich mir Sorgen, weil sie kaum Ausblick auf Einkommen haben.

nordbuzz: Beruhigt es Sie, dass Sie durch Ihre Ausbildung als Psychologin nicht vollkommen abhängig von der Schauspielbranche sind?

Schuch: Auf jeden Fall. Aber ich mache mir noch keine Gedanken darüber, den Beruf wechseln zu müssen. Ich glaube, es macht aber Sinn, generell einigermaßen breit aufgestellt zu sein. Was das angeht, war ich schon immer eher der Sicherheitstyp. Die Psychologie würde ich auch gar nicht als Notnagel betrachten, sondern als schöne Alternative.

„Seit ich Familie habe, haben sich die Prioritäten verschoben“

nordbuzz: In Ihrem neuen Film „Die Toten am Meer“ feiern Sie Ihr Debüt als TV-Kommissarin. Wie hat es sich nach zahlreichen Episodenrollen, unter anderem im „Tatort“, angefühlt, die Seiten zu wechseln?

Schuch: Das war total aufregend. Ich hatte bis dato um die Rolle als Kommissarin immer einen Bogen gemacht. Das wurde schon ein paarmal an mich herangetragen, aber ich fand mich immer zu jung und dachte: „Ach nö, ich will jetzt nicht auch noch eine Kommissarin sein.“

nordbuzz: Wie lautet Ihr Fazit?

Schuch: Es hat viel Spaß gemacht. Schon beim Lesen des Drehbuches dachte ich mir: „Krass, wir drehen im März, und meine Figur springt mit voller Montur ins Hafenbecken.“ Mich durch das Brackwasser und die Fluten zu schlagen, war total toll. Und Kraulen und Schießen lernen - das sind so Sachen, die man richtig trainieren muss. Ich habe keine großen Hände. Da musste erst einmal eine passende Waffe gefunden werden, damit ich überhaupt den Abzug betätigen konnte.

nordbuzz: Wie fühlte es sich an, eine Waffe in der Hand zu haben?

Schuch: Als ich auf dem Schießstand zum ersten Mal eine Neunmillimeter abgefeuert habe, war mir danach zum Heulen zumute. Diesen Spaß, den andere daran haben, konnte ich überhaupt nicht nachempfinden. Ich fand es einfach nur schrecklich. Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich als Kommissarin eher mit Pfeil und Bogen unterwegs.

nordbuzz: Ihre Rolle Ria ist eine gebrochene Seele. Was zeichnet Sie aus?

Schuch: Ich finde besonders, dass bei Ria viele Dinge über ihre Situation angerissen werden, aber es nie wirklich auserzählt wird. Man sieht eine Frau, die Probleme hat, sich auf Menschen einzulassen, die einsam und spartanisch wohnt und selten Spaß hat. Warum das so ist, kann man aber nur erahnen. Ich finde, die deutschen Drehbücher kranken oft daran, dass man sich irgendwann mit dem Tee in der Hand hinsetzt und sein Leben erzählt. Bei dieser Rolle ist das nicht der Fall, und so bleibt Raum für eigene Gedanken und Interpretationen.

nordbuzz: Eigenschaften, die Ria ausmachen, sind Ehrgeiz und Verbissenheit. Spüren Sie bei sich selbst ähnliche Tendenzen?

Schuch: Ich finde es total wichtig, dass man sich sehr intensiv mit seiner Rolle auseinandersetzt. Schwierig wird es, wenn man das am Abend nicht mehr los wird. Man ist gut beraten, wenn man das Gefühl, das man mit der Rolle verbindet, wie ein Kostüm ablegen kann. Verbissenheit und total mit dem Beruf verheiratet zu sein, das hatte ich zwischen 20 und 30 ganz stark. Seit ich Familie habe, haben sich die Prioritäten verschoben.

„Ich spüre ein stärkeres Band zwischen den Kolleginnen“

nordbuzz: „Die Toten am Meer“ ist geprägt durch starke Frauenrollen. Ist durch die MeToo-Debatte ein Ruck durch die Filmbranche gegangen?

Schuch: Auf jeden Fall, auch wenn ich mich mit dem Begriff der starken Frauenrolle schwertue. Das sind einfach Frauen, die eigene Gedanken haben. Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass sie stärker als andere sind. Aber dass Frauen mehr im Fokus stehen als noch vor ein paar Jahren, spüre ich sehr stark.

nordbuzz: Hat sich auch der Umgang unter den Schauspielerinnen geändert?

Schuch: Ich spüre eine andere Verbundenheit unter den Frauen, fast wie eine Verschwesterung. Frauen sind mehr füreinander da und stehen füreinander ein. Wenn wir jetzt nicht zusammenstehen und uns für die gleiche Sache starkmachen, wird das nichts. Dieses Gefühl ist in meiner Generation stärker geworden. Ich spüre ein stärkeres Band zwischen den Kolleginnen.

nordbuzz: Dennoch scheint die Entwicklung noch nicht am Ende zu stehen ...

Schuch: Dieser Trend muss unbedingt so weiter gehen. Wir sind noch lange nicht am Ende der Diskussion, was für manche auch nervig ist. Aber das muss es auch sein, bevor sich Dinge grundsätzlich ändern und auch in den Köpfen verankern. Ich hatte neulich ein interessantes Streitgespräch mit einem guten Freund, bei dem das anscheinend noch nicht so richtig angekommen ist. Das fand ich total bereichernd, und es war für uns beide wichtig, dass man sich auch mal gegenseitig auf den Schlips tritt.

nordbuzz: Auch Ria muss gegen Widerstände im Kommissariat kämpfen ...

Schuch: Ria stellt das aber falsch an, finde ich. Sie ist kein Teamplayer und hat den männlichen Kollegen gegenüber so ein Misstrauen, dass es das Verhältnis zusätzlich erschwert. Sie schottet sich ab und wagt lieber Alleingänge, die einfach nichts bringen. Statt in dieses Extrem auszuschlagen, wäre es für sie besser, freundlich, aber bestimmt den Teamgeist der Anderen einzufordern.

nordbuzz: Als Kommissarin erweitern sich noch einmal Ihr ohnehin schon sehr breites Rollenportfolio. Gibt es dennoch eine Traumrolle oder ein Genre, das sie noch bedienen wollen?

Schuch: Die letzten Jahre habe ich viel Drama und Thriller gemacht, jetzt habe ich mal wieder Lust auf etwas Lustiges. Was genau das für eine Rolle sein könnte, weiß ich aber nicht. Mir steht gerade der Sinn nach etwas Ungeordnetem, Chaotischem. Zum Beispiel hätte ich wieder einmal Lust auf einen Impro-Dreh.

„Ich mag es überhaupt nicht, wenn mich meine Familie am Set besucht“

nordbuzz: Auch zum französischen Film scheinen Sie eine ausgeprägte Affinität zu besitzen ...

Schuch: Wahnsinnig. Mit Isabelle Huppert zu drehen, wäre natürlich das absolut Größte. Dafür würde ich einiges geben.

nordbuzz: Was begeistert Sie so an ihr?

Schuch: Ich bin über den Film „Die Kameliendame“ auf sie gekommen und spätestens nach „Die Klavierspielerin“ war es vollkommen um mich geschehen. Ich finde Isabelle Huppert in ihrer Kraft und Wut, die sie ausstrahlt, gleichzeitig so unglaublich zerbrechlich. Sie verkörpert so viele unterschiedliche Extreme in diesem kleinen, zerbrechlichen Persönchen. Ich schaue ihr wahnsinnig gerne zu, egal was sie macht. Neulich war sie mit einem Theaterstück in Hamburg. Ich habe aber keine Karte mehr bekommen und bin fast durchgedreht.

nordbuzz: Auch mit Ihrem Bruder Albrecht haben Sie bislang noch nicht gedreht ...

Schuch: Das ist schon öfter an uns herangetragen worden, aber so richtig gekickt hat es uns bisher noch nicht. Wenn wir das machen, muss uns ein Stoff total anspringen. Wir haben beide auch ein bisschen Angst davor, einmal miteinander zu spielen.

nordbuzz: Warum?

Schuch: Sich am Set von seiner persönlichsten Seite zu zeigen, ist unser Beruf, und mich vor fremden Leuten zu öffnen, bin ich gewohnt. Dass mir jemand dabei zuschaut, der mir so nahesteht wie mein Bruder, ist aber etwas ganz anderes. Ich mag es auch überhaupt nicht, wenn mich meine Familie am Set besucht. Damit kann ich nicht gut umgehen.

nordbuzz: Neben den Figuren fungiert in „Die Toten am Meer“ auch die Landschaft als Protagonist. Wie war der Dreh in dieser Naturlandschaft?

Schuch: Ich fand das total beeindruckend. Zu der Zeit, in der wir gedreht haben, gab es unfassbar schöne, schwarz-weiße Gänse, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich mochte diesen Strand in St. Peter-Ording und auch Husum total gerne. Die Natur dort oben war ein totales Geschenk - auch wenn ich eher Team Ostsee bin. Schlicklandschaft sieht aus der Vogelperspektive ganz schön aus, aber Wattwürmer sind nicht so meins.

nordbuzz: Aufgewachsen sind Sie in Jena. Wie verbunden sind Sie Ihrer Heimat heute noch?

Schuch: Ich bin total gerne da und vermisse manchmal die Natur dort, dieses Hügelige. Auch der Dialekt und meine alten Schulfreunde fehlen mir. Ich finde es immer total schön, dass ich eine ganze Reihe von ihnen wiedersehe, wenn ich in der Heimat bin. Jena ist eine der wenigen ehemals ostdeutschen Städte, wo die Leute nach dem Abitur geblieben sind.

teleschau

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