„Die Identität der Ostdeutschen wurde beruflich und kulturell wegrationalisiert“

Karoline Schuch im Interview

Von den Kinder- und Jugendbühnen der DDR zu einer der gefragtesten Schauspielerinnen des Landes: Karoline Schuch erblickte in Jena das Licht der Welt und erinnert sich anlässlich des TV-Dramas "Für immer Sommer 90" (Mittwoch, 6. Januar, 20.15 Uhr, ARD) an die Zeit nach der Wende.
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Von den Kinder- und Jugendbühnen der DDR zu einer der gefragtesten Schauspielerinnen des Landes: Karoline Schuch erblickte in Jena das Licht der Welt und erinnert sich anlässlich des TV-Dramas „Für immer Sommer 90“ (Mittwoch, 6. Januar, 20.15 Uhr, ARD) an die Zeit nach der Wende.

Das improvisierte ARD-Drama „Für immer Sommer 90“ behandelt die Zeit nach der Wende. Im Interview verrät Karoline Schuch, warum die Nachwendezeit für viele Ex-DDR-Bürger so schmerzhaft war, warum sie vor dem Dreh die Hosen voll hatte und welchen Wunsch sie sich mit ihrem Begrüßungsgeld erfüllte.

Letzte Generation Ost: Karoline Schuch wurde 1981 in Jena geboren und entstammt somit einem Jahrgang, der sich die DDR heutzutage nur in Form verschwommener Kindheitserinnerungen ins Gedächtnis rufen kann. Deutlich präsenter ist der 39-Jährigen hingegen die Zeit nach der Wende, welche auch in ihrem neuen TV-Film „Für immer Sommer 90“ (Mittwoch, 6. Januar, 20.15 Uhr, ARD, bereits jetzt in der Mediathek) behandelt wird. Darin improvisiert die zweifache Mama - längst eine der gefragtesten Schauspielerinnen des Landes - an der Seite von Charly Hübner. Im Gespräch erinnert sie sich an ihre ersten Auftritte auf der Kinder- und Jugendbühne sowie ihre erste Tour nach Westberlin und berichtet über den ostdeutschen Identitätsverlust nach dem Fall der Mauer.

nordbuzz: Frau Schuch, im Sommer 1990 waren Sie acht Jahre alt. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dieser Zeit?

Karoline Schuch: Ich habe nur sehr kindliche Erinnerungen an die ganze Zeit. Aber ich erinnere mich, dass ich im Garten gespielt habe und irgendjemand vom Balkon geschrien hat, dass wir Weltmeister sind. Ehrlich gesagt, hatte ich dazu auch überhaupt keinen Bezug. Erstens war ich nie ein großer Fußballfan, und zweitens war das ja gefühlt noch nicht unser Team.

nordbuzz: Und abseits des Weltmeisterschafts-Trubels?

Schuch: Ich erinnere mich, dass ich mir von meinem Begrüßungsgeld eine Barbie gekauft habe und mit meinem Vater durch Westberlin gefahren bin mit einem Doppeldeckerbus. Während ich mich für den Doppeldeckerbus begeisterte, war mein Vater angetan von all den Orten, an denen man plötzlich vorbeifahren konnte. Sonst sind mir nur die Gerüche und Farben in Erinnerung. Das teile ich wahrscheinlich mit vielen Menschen, die in vergleichbarem Alter erstmals den Westen wahrgenommen haben. Aber die großen, globalen Zusammenhänge, die fasst man als Kind noch nicht.

„Ich habe mir vor der Impro wahnsinnig in die Hosen gemacht“

nordbuzz: Aber Sie standen damals bereits auf der Bühne?

Schuch: Ja, auf der Kinder- und Jugendbühne. Ich kann mich noch an die ersten Auftritte erinnern. Das sind Adrenalinschübe, die man sein Leben lang nicht vergisst. Konkret fällt mir eine Aufführung von „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ ein, der russischen Variante vom „Zauberer von Oz“. Da habe ich eine Vogelscheuche gespielt. Mit diesem wirklich tollen Stück sind wir sogar durch Thüringen und Ostdeutschland getourt, und ich habe dafür extra schulfrei bekommen.

nordbuzz: Im Frühjahr haben Sie angekündigt, gerne wieder eine Impro zu machen.

Schuch: Und drei Monate später haben wir bei „Für immer Sommer 90“ improvisiert. Ich muss Dinge einfach öfter laut aussprechen, drei Monate später passieren sie dann (lacht). Allerdings muss ich zugeben: Ich habe mir wahnsinnig in die Hosen gemacht vorher. Lustig war, dass ich am Drehtag noch mit anderen Schauspielern gefrühstückt hatte, denen es genauso ging. Der Text ist für einen Schauspieler eine Art Waffe, mit der er ans Set geht. Der ist schon einmal die halbe Miete.

nordbuzz: Und diesmal?

Schuch: Diesmal musste ich mich in eine Situation begeben, in der ich nicht wusste, was genau passiert. Das war sehr aufregend. Wir wurden lediglich mit vagen Informationen aufeinander losgelassen. Zum Glück konnte mir Charly Hübner die Angst und die Sorge durch seine pure Anwesenheit nehmen. Der ist ein alter Hase in diesem Metier.

„In gewisser Weise kann ich Ostalgie nachvollziehen“

nordbuzz: „Für immer Sommer 90“ beschäftigt sich auch mit der Zeit nach der Wende.

Schuch: Genau das finde ich spannend. Es gibt ja mittlerweile viele Filme zur DDR und zum Fall der Mauer. Aber was danach kam, und was ja mitunter sehr schmerzvoll für Ostdeutsche war, stand noch nicht so im Fokus. Dazu, dass sich das ändert, könnte der Film möglicherweise etwas beitragen.

nordbuzz: Haben Sie die zahlreichen Sondersendungen zu 30 Jahren Wiedervereinigung verfolgt?

Schuch: Durchaus, immer mal wieder. Mich interessiert das Thema ja sozusagen schon von Haus aus. In Verbindung mit dem Film „Ballon“ habe ich mich zudem schon damit beschäftigt, auch für „Für immer Sommer 90“ war es wichtig, mich noch einmal damit zu befassen. Insbesondere damit, wie es den Mecklenburgern im Gegensatz zu Berlinern oder Thüringern ging. Mecklenburg war nochmal ganz anders betroffen, weil es dort so viel Landwirtschaft gab und für sehr viele Menschen plötzlich überhaupt keine Zukunft in Sicht war.

nordbuzz: Können Sie denn nachvollziehen, dass manche Menschen „Ostalgie“ pflegen?

Schuch: In gewisser Weise schon, auch wenn ich es grundsätzlich schlau fände, das etwas abzulegen. In meiner Generation ist das sicher weniger ein Thema als in der Generation der Menschen über 60. Die brauchen das vielleicht auch auf eine andere Art und Weise und das möchte ich ihnen auch überhaupt nicht absprechen. Man muss sehen, dass die Identität der Ostdeutschen nicht nur beruflich, sondern auch kulturell radikal wegrationalisiert wurde. Deshalb kann ich verstehen, dass Menschen eine gewisse Erinnerung an diese Zeit immer noch brauchen, um sich verortet zu fühlen. Einfach, weil sie mit der westdeutschen Dynamik so wenig anfangen konnten oder überhaupt mitgenommen wurden.

„Ich habe mir geschworen, eines Tages in Berlin zu leben“

nordbuzz: Haben Sie noch viele Freunde in Jena?

Schuch: Ich bin noch in Kontakt mit meiner Abiklasse, wenn auch nicht regelmäßig. Bei meinem Abiturjahrgang 2000 war es tatsächlich so, dass viele in Jena geblieben sind. Das ist doch ein gutes Zeichen, zehn Jahre vorher sind noch sehr viel mehr junge Menschen in den Westen gegangen.

nordbuzz: Woran könnte das Ihrer Meinung nach liegen?

Schuch: Also grundsätzlich sind Ballungsgebiete und Uni-Städte wie Leipzig, Rostock oder Erfurt Sonderfälle. Da, wo sich Ausbildungsmöglichkeiten bieten, bleiben die Leute eher als in ländlichen Gebieten.

nordbuzz: Glauben Sie, Sie hätten etwas verpasst, wenn sie in Jena geblieben wären?

Schuch: Ja. Es stand für mich überhaupt nicht zur Debatte, mein Leben lang in Jena zu bleiben. Ich glaube, ich war mit 13 oder 14 schon auf meiner ersten Loveparade. Da habe ich mir geschworen, dass ich eines Tages in Berlin leben werde, und das habe ich auch knallhart durchgezogen. Vor einer Weile habe ich selbst überlegt, nach Jena zurückzugehen. Mir gefällt die Größe der Stadt, die Landschaft, die Leute. Ich bin dann aber ganz aufs Land gezogen.

nordbuzz: Interessant ist auch, dass die Corona-Krise in „Für immer Sommer 90“ integriert wurde.

Schuch: Soweit ich das richtig in Erinnerung habe, hatte man offenbar ein anderes Projekt geplant, welches sich mit den Auflagen nicht realisieren ließ. Also haben sich die Regisseure und Autoren Lars Jessen und Jan Georg Schütte ganz schnell etwas anderes ausgedacht und das an die Zeit und ihre Umstände angepasst.

„Dieser Beruf ist identitätsstiftend“

nordbuzz: Wie bewerten Sie die aktuelle Pandemie-Situation?

Schuch: Ich verstehe, dass Leute sich eingeschränkt fühlen, aber selbstverständlich sehe ich auch die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen. Ich wünsche mir nur, dass es bald vorbei ist. Es ist wichtig, dass Branchen entschädigt werden, aber dass Film- und Theaterschauspielerinnen und Schauspielern kaum berücksichtigt werden, ärgert mich. Dieser Beruf ist identitätsstiftend und viele dürfen ihn nicht ausüben. Wir machen das aber nicht nur zum Spaß, sondern um anderen Leuten Spaß zu bereiten. Jeder, der in der Veranstaltungs- und Unterhaltungsbranche arbeitet, macht das gerne.

nordbuzz: Auf Instagram haben Sie sich für die „Alarmstufe Rot“-Initiative stark gemacht.

Schuch: Ja. Bei Filmschauspielerinnen und -Schauspielern geht in der Situation wenigstens noch ein bisschen etwas, aber bei Musikerinnen und Musikern oder Theaterschauspielerinnen und -Schauspielern überhaupt nicht. Das tut mir sehr leid, und ich verstehe auch, dass sich da eine große Ermattung und Ratlosigkeit breit macht. Die Leute bekommen vermittelt, sie seien in diesem System nicht bedeutsam, das halte ich für falsch und auch gefährlich.

nordbuzz: Haben Sie eine Erklärung für teils aggressive Debatten?

Schuch: Das können andere natürlich viel besser. Ich erlebe eine generelle große Verunsicherung in der Gesellschaft, die war vor Corona schon da und jetzt bricht sie verstärkt hervor. Die Leute haben Sorgen, wie und ob es für sie weitergeht wie bisher. Soziale und zwischenmenschliche Konflikte werden wie durch ein Brennglas verschärft. Die alte Ordnung wird durcheinandergewirbelt. Das könnte auch toll sein, Neues und Besseres hervorbringen. Ich bin sehr gespannt, was wir aus der ganzen Geschichte mitnehmen.

nordbuzz: Was erhoffen Sie sich denn?

Schuch: Größere Demut vor dem, was man hat. Ein Essen mit Freunden werde ich zukünftig nicht mehr als selbstverständlich erachten. Oder einfach in der Gruppe einen Film anschauen, den man in mühevoller Arbeit gemeinsam gedreht hat. Premieren. Zusammenkünfte jeder Art. Ich erhoffe mir, dass Dinge neu gedacht werden - berufliches Reisen zum Beispiel. Viele werden in dieser Zeit bemerkt haben, dass man internationale Meetings ganz hervorragend im Chat abhalten kann. Wenn dadurch auch langfristig CO2 eingespart werden kann, finde ich das spitze. Die geringe Bezahlung der Pflegeberufe ist in der Pandemie offensichtlich, wie nie zuvor - keiner will es machen, und jetzt fehlen diese Menschen an allen Ecken und Enden. Das muss und wird sich hoffentlich ändern. Solche Sachen erhoffe ich mir.

„Es gibt einen großen Drang nach Eskapismus“

nordbuzz: Vermuten Sie, dass es während und nach der Pandemie verstärkt den Wunsch nach Heiterkeit in Filmen und Serien gibt?

Schuch: Es gibt einen großen Drang nach Eskapismus. Aber gerade funktionieren auch Kriminalfilme wahnsinnig gut, und die sind ja nicht in erster Linie lustig. Es geht wahrscheinlich darum, sich mal mit etwas anderem zu beschäftigen. Ich habe jedenfalls deutlich mehr internationale Serien geguckt als letztes Jahr. Aber wenn das bedeuten würde, dass die Komödie in Deutschland wieder verstärkt Einzug erhält, sehr gerne!

nordbuzz: Sie haben aktuell wieder Lust auf komödiantische Rollen?

Schuch: Absolut. Ich muss es jetzt möglichst laut sagen, dann passiert es in ein paar Monaten auch (lacht).

teleschau

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