„Der Hass trifft mich nicht“

Kabarettistin Sarah Bosetti im Interview

Autorin und Satirikerin Sarah Bosetti avancierte in den vergangenen Jahren unter anderem durch ihren Umgang mit Hasskommentaren zu einer Aufsteigerin in der deutschsprachigen Satireszene.
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Autorin und Satirikerin Sarah Bosetti avancierte in den vergangenen Jahren unter anderem durch ihren Umgang mit Hasskommentaren zu einer Aufsteigerin in der deutschsprachigen Satireszene.

Sie verwandelt Hasskommentare in Liebeslyrik und erlebte in den vergangenen Jahren einen steilen Aufstieg in der Satire-Szene: Die unter anderem aus „extra 3“ bekannte Buchautorin und Kabarettistin Sarah Bosetti sagt kompromisslos ihre Meinung. Entsprechend scharfzüngig gibt sie sich im Interview.

Wenn Eloquenz auf Kompromisslosigkeit trifft und aus Hasskommentaren Liebeslyrik wird: Sarah Bosetti beweist als Satirikerin und Autorin, dass Humor durchaus als wirksame Waffe gegen grassierenden Hass einsetzbar ist. In Aachen geboren und aufgewachsen, studierte sie anschließend Filmregie in Brüssel und lebte zwischenzeitlich in Italien, Schottland und Portugal. Anschließend entdeckte sie in der deutschen Hauptstadt die Lesebühne und den Poetry Slam für sich - der Beginn ihrer Karriere. Die 36-jährige Wahlberlinerin ist Mutter einer Tochter, der sie auf einer Preisverleihung bereits einen ihrer charakteristischen Briefe widmete. Die radioeins-Kolumnistin bezeichnet sich selbst als „Feministin wider Willen“ - so lange es aber Geschlechter-Ungleichheit gibt, sieht sie sich gezwungen, den Mund aufzumachen. Grundsätzlich mischt sie sich gerne scharfzüngig in politische Diskurse ein und vertritt ihre Ansichten unter anderem in jenen Briefen, die sie in ihrem Podcast „Post von Sarah Bosetti“ vorliest, und an Personen des öffentlichen Lebens adressiert sind.

Im Fernsehen ist Sarah Bosetti immer wieder in Gastauftritten, unter anderem in „Die Anstalt“, zu sehen, seit geraumer Zeit hat sie mit „Sarah Bosetti liest Liebesbriefe an 'extra 3“ ihre eigene Rubrik in eben dieser NDR-Satireshow. Im Januar 2020 erschien ihr inzwischen viertes Buch unter dem Titel „Ich hab nichts gegen Frauen, du Schlampe“, in dem sie Hasstiraden in Liebesgedichte verwandelt. Sarah Bosettis Aufstieg in der Kabarettszene fand seinen vorläufigen Höhepunkt mit dem Gewinn des renommierten Kleinkunstpreises Salzburger Stier. „Schöner und entlarvender nimmt derzeit wohl niemand auf deutschen Bühnen den populistischen, lauten Stimmen den Wind aus den Segeln“, hieß es in der Begründung der Jury.

nordbuzz: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie für diese Art von Kunst gemacht sind?

Sarah Bosetti: Ich bin vor zehn Jahren durch Zufall bei den Berliner Lesebühnen gelandet und habe da meinen ersten Bühnentext vorgelesen. Mich haben also die Texte auf die Bühne gebracht.

nordbuzz: Neben Ihren Tätigkeiten als Autorin und Podcasterin sind Sie unter anderem als Bühnenkünstlerin aktiv. Wie sehr vermissen Sie das unmittelbare Feedback eines Live-Publikums?

Bosetti: Sehr. Ich mag die Menschen ja gar nicht immer, aber jetzt fehlen sie mir doch. Wer hätte das gedacht?

nordbuzz: Glauben Sie, Ihre Antworten könnten auf die Verfasser der „Liebesbriefe“, die Sie bei „extra 3“ vorlesen und auch in Ihrem Buch behandeln, pädagogisch wirken, oder haben Sie solche Leute aufgegeben?

Bosetti: Ich bezweifle, dass ich durch meine Antworten auf Hasskommentare ein Umdenken bei den Verfasserinnen und Verfassern bewirken kann. Das Ganze hat in erster Linie ein anderes Ziel: Dadurch, dass ich die Hasskommentare in lustige Liebeslyrik verwandele, habe ich zusammen mit dem Publikum Spaß damit - was wohl das Gegenteil dessen ist, was die Kommentare bezwecken sollten. Das nimmt ihnen ihre Macht.

„Ich gucke mich selten im Fernsehen. Ich kenne die Texte ja meist schon“

teleschau: Sehen Sie sich grundsätzlich gerne im Fernsehen?

Bosetti: Ich gucke mich selten im Fernsehen. Ich kenne die Texte ja meist schon.

nordbuzz: Können Sie Aussagen wie „Frau Bosetti, ich hoffe, dass Sie bald mal ein Axtmörder besucht“ wirklich einfach an sich abprallen lassen?

Bosetti: Ja. Weil ich nicht wirklich gemeint bin. Ich bekomme solche Kommentare ja nicht von Menschen, die mir nahestehen, sondern von Leuten, die mich unmöglich wirklich hassen können, weil sie mich gar nicht persönlich kennen. Sie hassen also nicht mich, sondern alle, die nicht ihrer Meinung sind. Das trifft mich nicht. Es stimmt mich bloß ein wenig traurig, dass es Menschen gibt, denen es emotional so schlecht geht, dass sie solche Kommentare schreiben.

nordbuzz: Lesen Sie nach all Ihren Auftritten und Video-Posts die zugehörigen Kommentare?

Bosetti: Ich schaffe es nicht immer. Aber ich lese ziemlich viele Kommentare.

nordbuzz: In Ihrem Brief an Donald Trump schrieben Sie: „Zum ersten Mal habe ich den Eindruck, dass mein Schimpfwortschatz nicht ausreicht, um meinen Emotionen Ausdruck zu verleihen.“ Ist Ihr Schimpfwortschatz denn ansonsten vielschichtig?

Bosetti: Ja, sehr. Ich habe viel geübt.

nordbuzz: Glauben Sie nicht, dass ein Donald Trump einfach nur geliebt werden möchte, wie jeder andere?

Bosetti: Ich weiß es nicht. Donald Trump übersteigt meine küchenpsychologischen Fähigkeiten.

nordbuzz: Könnten Sie ihn tatsächlich treffen - was würden Sie dem US-Präsidenten wirklich gerne einmal ins Gesicht sagen?

Bosetti: Dass es mir schwerfällt, ihm Gutes zu wünschen.

nordbuzz: Ist Ihr Job seit dem Amtsantritt Trumps leichter oder schwerer geworden?

Bosetti: Weder noch. Ich habe ja das große Glück, nicht in dem Land zu leben, das er regiert.

„Ich war bei keiner der Rassismus-Demos“

nordbuzz: In einem anderen Brief zogen sie einen Vergleich zwischen Alice Weidels interkultureller lesbischer Beziehung und einem 60-Jährigen, der darauf besteht, eine Corona-Party zu schmeißen. Wie lange feilen Sie an solchen Vergleichen?

Bosetti: Wieso, hätte ich mir mehr Mühe geben müssen? (lacht) Die Idee zu diesem Vergleich kam mir, glaube ich, recht schnell. Im Kontext des Briefs ergab er auch halbwegs Sinn.

nordbuzz: Engagement gegen Rechts bezeichneten Sie als eine Notwendigkeit. Wie haben Sie die großen Anti-Rassismus-Demos trotz Corona-Beschränkungen aufgenommen? Waren Sie selbst schon bei einer solchen Kundgebung dabei?

Bosetti: Ich war bei keiner der Demos. Im Kontext der Pandemie fand ich diese Form des Protests nicht sehr sinnvoll, auch wenn ich inhaltlich natürlich dahinterstehe.

nordbuzz: Aber Sie glauben daran, mit Ihrer Kunst etwas ändern zu können?

Bosetti: Kunst ist eine Form der Kommunikation, kann also natürlich Dinge bewirken. Dass ich das auch mit meiner Kunst erreiche, kann ich nur hoffen.

nordbuzz: 2019 wurden Sie mit dem ersten Kabarettistinnen-Preis „Ladies First“ ausgezeichnet, der Künstlerinnen vorbehalten ist. Eine überfällige Idee, um Frauen in der Branche die nötige Anerkennung zukommen zu lassen, oder ein Manifestieren der benachteiligten Situation?

Bosetti: Beides.

„Ich habe in der Kabarettszene dieselben Mechanismen beobachtet“

nordbuzz: „Feminismus ist wie das Kondom, das man erst noch kaufen gehen muss, obwohl man schon nackt zusammen im Bett liegt: Ohne wär's einfacher, aber langfristig eben nur für den Mann“, haben Sie mal gesagt. Glauben Sie, Ihre Tochter wird im Erwachsenenalter eine vollständige Gleichstellung der Geschlechter erleben?

Bosetti: Ganz so optimistisch bin ich nicht. Aber ich glaube, wir bewegen uns in die richtige Richtung.

nordbuzz: Kann der Job des Satirikers generell ermüden, wenn sich über Jahre doch nichts ändert?

Bosetti: Da Sie es ansprechen: Ich bin gar kein Satiriker, sondern Satirikerin.

nordbuzz: Pardon! Würden Sie sagen, dass innerhalb der Satire- und Kabarettszene ein stärkeres Gespür für Diskriminierung vorherrscht, als in der Gesamtgesellschaft?

Bosetti: Ich finde, es wäre zu erwarten, weil die Reflexion ein Hauptbestandteil unserer Arbeit ist. Aber leider habe ich in der Kabarettszene dieselben Mechanismen beobachtet wie in der restlichen Gesellschaft.

teleschau

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