„Ich habe Freunde verloren“

Jürgen Prochnow im Interview

Jürgen Prochnow fürchtet die aktuellen Auswirkungen der Corona-Pandemie: "Unser Beruf ist am härtesten getroffen. Das ist eine verheerende Situation."
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Jürgen Prochnow fürchtet die aktuellen Auswirkungen der Corona-Pandemie: „Unser Beruf ist am härtesten getroffen. Das ist eine verheerende Situation.“

„Das Boot“ machte ihn einst zum Hollywood-Star, heute lebt er wieder in seiner Geburtsstadt Berlin: Jürgen Prochnow über seine neue ARD-Komödie, die große Karriere in Amerika - und den Blick auf die nahende 80.

Im kommenden Jahr ist es vier Dekaden her, dass „Das Boot“ in See stach - und Jürgen Prochnow, der damals den Kaleun gab, eine eindrückliche internationale Karriere bescherte. Auch wenn sich der deutsche Hollywood-Star laut Eigenaussage nichts aus derlei Jubiläen macht: Noch heute beeinflusst der Klassiker von 1981 sein Leben, noch immer wird er in Interviews und auf der Straße danach gefragt. Ohne Wolfgang Petersens Meisterwerk wäre alles anders verlaufen, sagt Prochnow, der in den folgenden Jahrzehnten durch Filme wie „Der Wüstenplanet“, „Der englische Patient“ und „Air Force One“ zum Superstar avancierte. Ein Vierteljahrhundert lebte der gebürtige Berliner in Kalifornien, 2003 erhielt er die US-Staatsbürgerschaft. Vor drei Jahren kehrte Prochnow mit seiner dritten Ehefrau in die deutsche Hauptstadt zurück - und spielte seither vor allem in hiesigen Produktionen. Aktuell sieht man die Schauspiellegende, die 2018 bei den Nibelungenfestspielen gar ein Bühnen-Comeback feierte, in der ARD-Dramedy „Der Alte und die Nervensäge“ (Freitag, 11. Dezember, 20.15 Uhr). Das Alter - es beschäftigt den 79-Jährigen auch privat - 2021 feiert schließlich nicht nur „Das Boot“ ein rundes Jubiläum. Im Interview verrät Jürgen Prochnow, was er sich aus der nahenden 80 macht, ob er die USA vermisst - und wie er die Pandemie erlebt.

nordbuzz: War es für Sie in den letzten Monaten schwierig, als Schauspieler kaum spielen zu können?

Jürgen Prochnow: Schwierig waren die Umstände der Corona-Pandemie - nicht spielen zu können weniger. Ich bin 79 und nicht mehr darauf angewiesen, neue Projekte anzugehen. In gewisser Weise kann ich darüber froh sein. Es tut mir für die vielen jungen Schauspieler wahnsinnig leid. Unser Beruf ist am härtesten getroffen. Das ist eine verheerende Situation. Die Kinos und die Theater sterben.

nordbuzz: Es gab Versuche, der Krise mit experimentellen Formaten zu begegnen. Hat das überhaupt Zukunft?

Prochnow: Mit anderthalb Metern Abstand zu spielen, dabei Maske zu tragen - das ist irrsinnig. So kann man kein Theater machen und auch keinen Film drehen. Man versuchte ja, Situationen zu schaffen, in denen das geht. Aber das war natürlich wahnsinnig reduziert.

nordbuzz: Nach Ihrer Rückkehr aus den USA hatten Sie bei den Nibelungenfestspielen in Worms ein Comeback auf der Bühne. Planten Sie vor Ausbruch der Pandemie, wieder mehr am Theater zu arbeiten?

Prochnow: Als ich in den USA war, stand ich nie auf der Bühne. Einmal erhielt ich ein Angebot für den Broadway. Das hätte ich auch gern gespielt, es kam aber leider nicht zustande. Nach meiner Rückkehr gab es immer mal wieder Angebote. Die Rolle des Hunnenkönigs Etzel in Worms gefiel mit sehr gut. Da habe ich wieder Blut geleckt (lacht) - und durchaus ein Interesse entwickelt, wieder Theater zu spielen. Aber im Augenblick ist es natürlich sinnlos, darüber nachzudenken.

nordbuzz: Während Ihrer 25 Jahre in Hollywood spielten Sie ausschließlich vor der Kamera. Bekommen Sie noch viele Angebote?

Prochnow: Was die Filme angeht, habe ich drüben noch meine Agentur - da bekomme ich immer wieder Angebote, die halten sich mit denen aus Deutschland ungefähr die Waage.

„Ich wurde immer ganz ehrfurchtsvoll angesehen“

nordbuzz: Gibt es etwas, das Ihnen aus der Zeit in den USA fehlt?

Prochnow: Im Augenblick vermisse ich gar nichts. Ich telefoniere mit Agenten und Managern und mit dem Steuerbüro. Aber rüber fliegen möchte ich gerade gar nicht. Meine Frau fragte mich schon, ob wir noch einmal in die USA reisen. Es kann auch durchaus sein, dass ich beruflich irgendwann in die Staaten muss. Aber in der derzeitigen Situation eher nicht.

nordbuzz: Meinen Sie damit auch die Geschehnisse abseits der Corona-Pandemie?

Prochnow: Dieses Jahr spitzte es sich besonders zu, mal von Trump ganz abgesehen. Die Waldbrände, die Ausschreitungen - das gab es auch, als ich in den USA lebte. Aber 2020 hat sich alles noch einmal verschlimmert.

nordbuzz: Seit dreieinhalb Jahren leben Sie wieder in Berlin, wo sie 1941 geboren wurden. Mussten Sie sich seit Ihrer Rückkehr an eine ganz neue Stadt gewöhnen?

Prochnow: Es ist nicht mehr das Berlin von damals. Ein Teil davon erinnert mich aber noch an meine Kindheit, das fand ich auch wieder. Eine gewisse Nostalgie führte mich zurück in die Zeit, in der ich als Kind in den Trümmern aufwuchs. Andere Teile sah ich natürlich während meiner Kindheit nie - das Wiederaufgebaute, den Osten. Da gibt es für mich noch viel zu entdecken.

nordbuzz: Erscheint Ihnen der Kontrast zwischen ruppigen Berlinern und herzlichen Kaliforniern sehr groß?

Prochnow: Ich glaube, ich bin eine Ausnahme, weil ich zu den bekannten Menschen gehöre. Daher werde ich generell sehr freundlich behandelt (lacht). Aber grundsätzlich stimmt das: Als ich damals nach Amerika ging, fiel mir die ungeheure Freundlichkeit auf, die Kulanz der Leute. Das war ein großer Unterschied zu Deutschland.

nordbuzz: Wenn man Sie hierzulande auf der Straße erkennt: Werden Sie noch immer auf „Das Boot“ angesprochen?

Prochnow: Ja, „Das Boot“ natürlich nach wie vor das Thema Nummer Eins. Man hat mir sogar für die nächste Staffel der gleichnamigen Serie eine Rolle angeboten. Aber das ist ja eine ganz andere Geschichte - und die ist meiner Meinung nach unberechtigterweise danach benannt. Unter anderem deshalb habe ich das Angebot dann abgelehnt.

nordbuzz: Weshalb noch?

Prochnow: „Das Boot“ war der entscheidende Film in meiner Schauspielgeschichte. Er führte dazu, dass ich in Amerika mit offenen Armen aufgenommen wurde - und dort mit wunderbaren Regisseuren und Schauspielern arbeiten durfte. Die Zusammenarbeit mit Wolfgang Petersen war sehr besonders - eine einzigartige Produktion, die man wohl nur einmal im Leben mitmacht. Das wollte ich nun nicht wieder auf die Probe stellen.

nordbuzz: Ohne „Das Boot“ wäre Ihre Karriere anders verlaufen?

Prochnow: Ganz sicher. Das war für mich damals überhaupt der Anstoß, international zu arbeiten. Das hatte ich ja zuvor nie gemacht. Zwar hatte ich in Deutschland sehr erfolgreich Filme gedreht, aber nie im Ausland. „Das Boot“ hatte dann drüben in den USA eine solche Aufmerksamkeit - das kann man sich gar nicht vorstellen. Das hält bis heute an. Ich wurde immer ganz ehrfurchtsvoll angesehen - bei allen Vorstellungsgesprächen und Treffen mit Regisseuren.

nordbuzz: Dennoch haben Sie sich in der Folge nicht darauf festnageln lassen.

Prochnow: Das habe ich zumindest versucht. Und zum großen Teil ist mir das auch gelungen. Meine große Angst war es, nur noch Nazi-Rollen zu bekommen. Erst viel später, in „Der englische Patient“ spielte ich wieder einen deutschen Major. Eigentlich wollte ich die Rolle des Spions, den durfte dann aber nur ein Amerikaner spielen. Willem Dafoe spielte den dann. Aber es hat sich gelohnt - der Film erhielt schließlich neun Oscars (lacht).

„Ich bin ja auch älter geworden!“

nordbuzz: In den letzten Jahren spielten Sie oft ältere und durchaus etwas grimmige Charaktere. Liegt Ihnen das?

Prochnow: Ich bin ja auch älter geworden! (lacht) Das sind natürlich Charakterrollen, die man mir anbot. Zuletzt spielte ich zwei 90-Jährige - das ist eine schauspielerische Herausforderung. Man muss das von irgendwo herholen. So hatte ich etwa meinen Großvater vor Augen, dessen Bewegungen, seinen Gang. Daran orientiere ich mich.

nordbuzz: War er für Sie ein sehr wichtiger Mensch?

Prochnow: Als mein Vater in Gefangenschaft war, wuchs ich auch bei meinem Großvater auf. Er war teilweise, zumindest in meiner Kindheit, eine sehr prägende Männerfigur für mich.

nordbuzz: In Ihrem aktuellen Film „Der Alte und die Nervensäge“ wird das Aufeinandertreffen zweier sehr unterschiedlicher Generationen und Menschen humorvoll betrachtet. Nähert man sich so einem Thema am besten mit Witz?

Prochnow: Bei der aktuellen Komödie gefiel mir das Drehbuch sehr gut - diese Gegenüberstellung von jung und alt. Außerdem hatte ich Lust, mich mal einem etwas leichteren Stoff zu widmen. Der Alte, der Angst hat, dass ihn die Familie einsperrt - und deshalb flieht. Er will sein Leben allein leben und denkt, dass er dazu noch in der Lage ist.

nordbuzz: Kennen Sie das Gefühl, fliehen zu wollen?

Prochnow: Nein, nicht wirklich. Aber: Ich tat alles dafür, am Theater das freie Leben eines freien Schauspielers leben zu können. Und ich unternahm entscheidende Schritte, um nach Amerika gehen zu können. Insofern vielleicht schon.

nordbuzz: Ihre Figur schnappt sich einen kleinen Bus und begibt sich auf große Reise. Sind Sie ein Roadtrip-Mensch?

Prochnow: Ich drehte einmal in Australien, da hatte ich ein Motorhome, das aber an ein Luxusappartement erinnerte. Das lieh ich mir damals nach dem Dreh aus und lud meine Familie ein. Dann fuhren wir ohne Pläne mit dem Ding los - in diesen großen Ländern ist das toll. Als wir zum Ayers Rock durchs Outback wollten, stand auf einem Schild, dass die nächste Tankstelle 730 Kilometer entfernt ist (lacht). In den USA hatte ich das auch immer vor. Allerdings kam es nie dazu.

nordbuzz: Im kommenden Jahr werden Sie 80. Eine Zahl, die Ihnen Gedanken macht?

Prochnow: Ja, gerade nach diesem furchtbaren Jahr. Ich habe Freunde verloren - darunter zwei ganz enge. Auch die Frau meines Bruders starb. Daher beschäftigt mich das Älterwerden schon sehr.

teleschau

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