„Der Tod ist mir sehr nah“

Interview mit Schauspielerin Katerina Jacob

Erst wollte sie ihren Beruf schon an den Nagel hängen. Jedoch: "Man kommt um die Schauspielerei einfach nicht drum herum", sagt Katerina Jacob.
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Erst wollte sie ihren Beruf schon an den Nagel hängen. Jedoch: „Man kommt um die Schauspielerei einfach nicht drum herum“, sagt Katerina Jacob.

„Der Bulle von Tölz“ machte sie bekannt - doch dann haderte Katerina Jacob mit dem Schauspielberuf. Nun feiert die 62-Jährige mit einer Best-Ager-Komödie ein Comeback im Fernsehen. Wie das glückte und wie sie mit den Rückschlägen in ihrem Leben umgeht, erklärt die gebürtige Münchnerin im Interview.

Beinahe schien es schon, als würde sie die Schauspielerei an den Nagel hängen wollen. Einst als Theater- und TV-Darstellerin und insbesondere als Kriminalkommissarin an der Seite des „Bullen von Tölz“ bekannt geworden, haderte Katerina Jacob in den vergangenen Jahren mit ihrem Beruf. Als Autorin von Büchern über ihre Wahlheimat Kanada startete die gebürtige Münchnerin eine zweite und überaus erfolgreiche Karriere. Und doch: Um das Schauspielern komme sie nicht herum, gesteht die 62-Jährige. Mit der Best-Ager-Komödie „Anna und ihr Untermieter“ (Freitag, 9. Oktober, 20.15 Uhr, im Ersten) feiert sie nun ein Fernsehcomeback. Weshalb ihre ungewöhnliche Hauptrolle sie trotz aller Ängste im Vorfeld mit der Branche versöhnte, wie sie mit Online-Beleidigungen und Schicksalsschlägen wie dem Tod ihrer Mutter im vergangenen Jahr umgeht, und warum ihr das Leben als Oberhaupt einer multinationalen Großfamilie so viel Spaß bereitet, erklärt Katerina Jacob im Interview.

nordbuzz: In den letzten Jahren haderten Sie mit ihrem Beruf, der Schauspielerei, dem Fernsehen. Warum?

Katerina Jacob: Nach „Der Bulle von Tölz“ machte ich noch ein paar Filme, „Polizeirufe“. Dann bin ich aber einem so genannten Darsteller begegnet, der sich in einer unmöglichen Weise verhalten hat. Da sagte ich mir: Das habe ich nicht nötig, ich höre auf und schreibe meine Bücher.

nordbuzz: Warum zogen Sie keinen vollständigen Schlussstrich?

Jacob: Es kamen wieder ein paar gute Angebote. Das passt, wenn die Bücher wirklich gut sind und die Kollegen etwas von ihrem Beruf verstehen - so wie jetzt bei „Anna und ihr Untermieter“. Schauspielerei ist nämlich kein Job und kein Hobby, sondern ein Beruf, den man erlernt haben muss.

nordbuzz: Stimmt es, dass Sie in den Dreh zu „Anna und ihr Untermieter“ mit Angstgefühlen gingen?

Jacob: Ja, natürlich. Ich kannte das Team nicht, den Regisseur nicht, auch Ernst Stötzner kannte ich als Kollegen nicht. Und wenn man dann eine Hauptrolle spielt, lastet natürlich die gesamte Verantwortung auf einem.

nordbuzz: Am Ende ging aber alles gut?

Jacob: Klar, bei so einem guten Drehbuch, einem super Kollegen und einem tollen Regisseur - das hat mich alles versöhnt. Ebenso wie mich mein neuer Film „Die Lederhosenaffäre“, den ich gerade in Österreich abgedreht habe, mit den jungen Kollegen versöhnt hat. Auch wenn ich nur eine kleine Rolle habe.

nordbuzz: Bei „Anna und ihr Untermieter“ spielen Sie die Titelrolle. Was gefiel Ihnen daran am besten?

Jacob: Was mich wahnsinnig gefreut hat: Für diese Rolle angefragt zu werden, obwohl ich nicht der Standard bin. Ich bin übergewichtig, hab graue Haare und keine aufgespritzten Lippen. Ich entspreche also nicht dem, was in den letzten Jahren in Deutschland gefragt war. Deshalb fragte ich mich erst mal: Meinen die mich? (lacht)

nordbuzz: Dass Frauen mit dem Alter in der Branche unsichtbar werden, war ja bis vor ein paar Jahren eher die Regel. Ändert sich da etwas?

Jacob: Sie werden immer noch unsichtbar. In Amerika passiert dagegen genau das Gegenteil. Da kommen die Alten - und schon früher waren die „Golden Girls“ beliebt. So wollte ich immer werden.

nordbuzz: Boomt das „Best Ager“-Genre auch in Kanada, wo Sie einen Teil des Jahres leben?

Jacob: Ja! Ich könnte da jetzt drehen ohne Ende! Ich hatte zum ersten Mal ein Agentur-Casting und sofort zahlreiche Anfragen. Ich hatte jedoch schon hier in Deutschland Verträge.

nordbuzz: Es scheint so, als könnten Sie die Schauspielerei nicht wirklich sein lassen ...

Jacob: Man kommt um die Schauspielerei einfach nicht drum herum. Ich hätte mir so gewünscht, dass meine Tochter einen Anwalt oder einen Arzt kennenlernt, irgendein Beruf, der unseren Lebensunterhalt verringert. Aber nein, es musste ein Schauspieler sein (lacht)! Und diese Schauspieler bringen wieder neue Schauspieler hervor.

nordbuzz: Bei Ihrem Enkel ist das nicht anders ...

Jacob: Mein Enkel dreht gerade mehr als wir alle zusammen! Der ist eine eigene Firma geworden. Ob ich das gut finde oder nicht: Es ist nicht zu verhindern (lacht)! In diesem Kind hat sich alles Talent, was sich jemals in dieser Familie angesammelt hat, gebündelt.

nordbuzz: Eine genetische Sache also?

Jacob: Ich denke schon. Aber dass Schauspielerkinder in die Fußstapfen ihrer Eltern treten, ist nicht immer gut. Manchmal überspringt es auch eine Generation.

„Meine Heimat wird immer Deutschland bleiben“

nordbuzz: Ihre Enkel sind in Kanada, Sie drehen in Deutschland - wissen Sie schon, wo Sie die nächsten Jahre vornehmlich verbringen werden?

Jacob: Nein. Wer weiß, was passiert. Meine Heimat wird immer Deutschland bleiben. Kanada ist mein Zuhause. Dort ist mein Lebensinhalt - vor allem weil meine Tochter nicht mehr nach Deutschland kommen wird und meine Enkel durch und durch Kanadier sind. Wir sind eine Großfamilie und halten alle sehr zusammen - inzwischen Leute aus elf Nationen!

nordbuzz: Wie organisiert man das?

Jacob: Es gibt zwei Familienoberhäupter - die Mutter meines Schwiegersohnes und mich. Männer zählen nicht, wir leben in einem absoluten Matriarchat (lacht)! Ich koche jeden Tag für zwölf Personen. Alle kommen sie zu einem und wollen gefüttert und unterhalten werden. Das macht aber Spaß!

nordbuzz: Ihre Figur im neuen Film ist auch Großmutter. Sehen Sie sich als klassische Oma?

Jacob: Meine Tochter will mir die Kinder partout nicht geben. Sie sagt: Die kommen zurück und haben nur Unsinn im Kopf. Ich muss allerdings lernen, dass ich körperlich nicht mehr so viel kann wie früher. Neulich hab ich mit dem Backblech in der Hand die Kurve auf der Treppe nicht bekommen.

nordbuzz: Klingt so, als herrschte in Deutschland für Sie eher Entspannung.

Jacob: Täuschen Sie sich da nicht. Ich habe noch meine Freundinnen aus dem Kindergarten hier - wir sind so ein Weißrückenclub. Wir sehen auch alle gleich aus (lacht)! Und ich rede dann auch gescheit Bayerisch - das weiß nur keiner!

nordbuzz: Haben Sie es in diesen Corona-Zeiten denn gut aus Kanada nach Deutschland geschafft?

Katerina Jacob: Ja, für mich war das ja kein Problem. Umgekehrt ist es für alle schwierig, die aus Deutschland nach Kanada reisen wollen. Ohne wichtigen Grund darf man nicht einreisen. Und Urlaub ist kein wichtiger Grund. Immer wenn ich also höre, etwa auf meiner Facebook-Seite, dass Leute bald nach Kanada wollen, dann frag ich mich: Kinder, habt ihr euch wirklich erkundigt, ob ihr rein könnt?

nordbuzz: Auf Ihrem Facebook-Profil haben Sie sich mit Ihren Posts zum Thema Corona nicht nur Freunde gemacht - etwa mit Blick auf die Demos in Berlin. Ist Ihnen eine Verteidigung der Maßnahmen wichtig?

Jacob: Ja. Für mich ist ganz klar, ebenso wie für die Kanadier: Wir tun das nicht für uns, sondern für die anderen. Wir helfen! In Deutschland habe ich das manchmal Gefühl, von Egoisten umgeben zu sein. Wenn ich von intelligenten Leuten Verschwörungstheorien zum Thema Bill Gates höre, dann frage ich mich schon: Herrgott, wie lange hat man denn die Maske am Tag auf? Die kann man doch zum Einkaufen mal aufsetzen ...

nordbuzz: Manche fühlen sich angeblich in ihrer Freiheit bedroht ...

Jacob: Welche Freiheit denn? In Berlin demonstrieren sie für ihre Freiheit, demonstrieren zu dürfen. Die Kanadier haben schallend über die Deutschen gelacht. Die fragten sich, wofür die eigentlich demonstrieren. Und dann werden wegen solcher Idioten die Theater wieder geschlossen - was für mich der viel größere Einschnitt in die Freiheit ist.

„Die Jungen sind sehr viel erzogener als die Älteren“

nordbuzz: Online haben sie zahlreiche Follower. Glauben Sie, die Leute dort tatsächlich zu erreichen?

Jacob: Wenn ich nur eine Person zum Umdenken bewege, dann lohnt sich das schon. Ich bekomme ja auch viele Privatnachrichten, in denen mir Leute etwa von ihren Depressionen berichten. Wenn die dann wieder rausgehen und arbeiten - dann klopf ich mir innerlich auch mal auf die Schulter. Auch wenn ich durchaus auch manchmal andere Nachrichten erhalte ...

nordbuzz: Sie wurden online auch angegriffen?

Jacob: Da kamen Beleidigungen, sogar Morddrohungen. Aber ich habe ein paarmal hart durchgegriffen. Dadurch herrscht auf meinem Blog ein sehr gesitteter Ton.

nordbuzz: Wie haben Sie sich gewehrt?

Jacob: Ich habe darauf hingewiesen, dass mein Gerichtsstand Kanada ist und dass ich die Leute zwingen kann, nach Kanada zu fliegen und dort vor Gericht zu gehen. Mobbing und Stalking wird dort hart bestraft, das ist kein Kavaliersdelikt wie hier. Außerdem haben ich einen Freund, der Anwalt ist und sich immer freut, wenn er die bösen Briefe schreiben darf (lacht). Dann war ganz schnell Ruhe.

nordbuzz: Ist das denn die Mühe wert?

Jacob: Man muss diesen Trollen entgegentreten. Ich kann das aushalten - an mir persönlich geht das vorbei, wie die mich nennen. Ich bin Schauspielerin, 90 Prozent unseres Berufes ist Kritik. Aber die machen vor mir nicht halt. Das erreicht auch junge Mädchen, die damit nicht umgehen können. Dabei verstecken sich diese Typen hinter dem Computer. Fragt man dann zurück, und fordert: „Zeig wenigstens dein Gesicht“, dann werden die ganz feige und kleinlaut. Ich habe sogar Entschuldigungsbriefe erhalten!

nordbuzz: Tatsächlich?

Jacob: Ja! Da heißt es dann: „Es tut mir so leid, ich mag Sie eigentlich“ ... Oder: „Wenn Sie mich mal brauchen, ich mache alles, auch Garten.“ Hallo?! Mittlerweile kenne ich die üblichen Verdächtigen auf meiner Seite ja. Die meisten sind ältere Männer - die Jungen sind sehr viel erzogener als die Älteren.

nordbuzz: Gab es dennoch einen Punkt, an dem Sie keine Lust mehr hatten, sich damit auseinanderzusetzen?

Jacob: Als es soweit war, dass manche drohten, dass sie vor meinem Haus stehen würden, zweifelte ich kurz. Aber viele andere ziehen so viel Positives daraus, ich habe schon Freundschaften gestiftet. Leute, die sich um andere Leute kümmern. Und dafür ist dieses Medium toll. Auch wenn es inzwischen schwer wird, alle Kommentare zu lesen.

nordbuzz: Sie lesen alle Kommentare?

Jacob: Jeden einzelnen. Ich weiß aber, dass manche Kollegen gar keine lesen.

nordbuzz: Dafür braucht man sicher ein sehr dickes Fell.

Jacob: Ich würde sagen, das habe ich. Manchmal aber auch nicht. Gar nicht wegen der Unverschämtheiten. Sondern vor allem, wenn ich mit schweren Schicksalen konfrontiert werde. Bei manchen frage ich mich: Wie kann ein einzelner Mensch das ertragen?

„Meine Mutter bat mich, über ihren Tod sehr offen zu reden“

nordbuzz: Sie selbst haben ebenfalls eine schwere Zeit hinter sich.

Jacob: Ja, weil meine Mutter gestorben ist. Auch wenn sie sterben wollte und schon alt war.

nordbuzz: Sie sind damit an der Öffentlichkeit sehr offen umgegangen. Taten Sie das bewusst?

Jacob: Ich wollte dieses „Oh, ich leide so sehr!“ nicht mitmachen. Es ist etwas völlig Natürliches, wenn die Eltern vor einem sterben. Und meine Mutter war eine ganz starke Verfechterin der Sterbehilfe. Sie wollte sterben, aber ich habe das nicht fertiggebracht. Ich kann ihr nicht das Kissen aufs Gesicht drücken. Aber meine Mutter bat mich, über ihren Tod sehr offen zu reden. Das war sozusagen ihr Vermächtnis. Zu sagen: Jeder hat eine Selbstbestimmung.

nordbuzz: Gestehen Sie das jedem zu, der sein Leben beenden will?

Jacob: Zumindest wenn ich aus diesem Leben gehen will, weil ich es nicht länger ertrage, weil die Schmerzen zu groß sind, weil man körperlich an einem Ende ist. Das geht auch aus Liebe: Mein Onkel hat sich umgebracht, der war blind, hat Krebs bekommen und seine Frau war schon über 80. Der wollte ihr das ersparen. Ein Selbstmord aus Liebe. Das akzeptiere ich. Ich akzeptiere keinen Selbstmord aus Liebeskummer oder aus Geldmangel. Da findet man immer eine Lösung.

nordbuzz: Begleitet Sie diese Beschäftigung mit dem Tod seither mehr?

Jacob: Mein Bruder starb mit 21, dann folgte mein Vater, dann meine Großmutter, mein Onkel, meine Tante, die ich pflegte, und dann meine Stieftochter mit 47 Jahren, an Gebärmutterkrebs. Der Tod ist mir sehr nah. Wenn einem jemand genommen wird, der noch jung ist und mitten im Leben steht, dann fragt man sich schon: Was soll das? In Vancouver liegt gerade eine mir sehr wichtige Person auf der Intensivstation - und wir wissen nicht ob sie durchkommt.

nordbuzz: Wie gehen Sie damit um, wenn es nur solche schlechten Nachrichten hagelt?

Jacob: Als ich davon erfuhr, bin ich bei strömendem Regen eine Stunde im See schwimmen gegangen, das half. Dann sprang ein nackter Mann aus dem Gebüsch - und ich lachte schon wieder. Das Leben geht immer weiter.

teleschau

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