„Ich war so deprimiert, dass ich zwei Monate kaum aus dem Bett kam“

Huey Lewis and the News im Interview

Huey Lewis and the News: 18 Jahre nach seinem letzten Album („Plan B“) kehrt der mittlerweile 69-jährige Songwriter und Sänger aus Kalifornien noch einmal zu seinen Blues- und Rock&#39n&#39Roll-Wurzeln zurück.
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Huey Lewis and the News: 18 Jahre nach seinem letzten Album („Plan B“) kehrt der mittlerweile 69-jährige Songwriter und Sänger aus Kalifornien noch einmal zu seinen Blues- und Rock'n'Roll-Wurzeln zurück.

Mit „Sports“ nahm Huey Lewis 1983 eines der erfolgreichsten Alben der Popgeschichte auf. Nach einer epischen Pause von 18 Jahren veröffentlicht der kalifornische Musiker nun ein Lebenszeichen. Es wird sein höchstwahrscheinlich letztes Album sein.

Die Menière-Krankheit, ein Defekt des Innenohres, quält die Leidenden mit Schwindel, Übelkeit, Hörverlust und Phantomgeräuschen. 30 Jahre lebte der amerikanische Musiker Huey Lewis bereits mit der Krankheit, als sein Zustand sich Anfang 2018 deutlich verschlechterte. Derzeit sieht es nicht danach aus, als könne man das Problem, für das es nach wie vor keine richtige Behandlungsmöglichkeit gibt, in den Griff kriegen. Dennoch veröffentlicht der 69-jährige Sänger, Gitarrist und furiose Mundharmonika-Spieler nach 18 Jahren Pause mit seiner Band Huey Lewis and the News („The Power Of Love“, „The Heart Of Rock'n'Roll“, „Back In Time“) ein wohl letztes Album, das die Musiker in großen Teilen jedoch schon vor Lewis' Gehör-Absturz aufgenommen hatten. Zuletzt schaffte es der Patient, ein paar letzte Tracks für „Weather“ fertigzustellen und nun unter die Leute zu bringen. Ein Gespräch übers Leiden, den Verlust der Jugend und warum man trotzdem mit allem, was geschehen ist, sehr glücklich sein darf.

nordbuzz: Sie leiden an einer Krankheit, durch die Sie fast nichts mehr hören können. War das der Grund für die lange Album-Pause von 18 Jahren?

Huey Lewis: Nein, der Grund war profaner. Wir hatten nicht genug Songs für ein Album (lacht). Wir waren noch nie besonders produktiv als Band. Wenn man dann schon so lange dabei ist - und so viele Songs geschrieben hat - wird es nicht einfacher. Als wir vor zwei Jahren immerhin sieben neue Songs aufgenommen hatten, kollabierte mein Gehör komplett. Ein Jahr lang konnte ich überhaupt nicht singen. Nun geht es etwas besser. Wir wollten dieses Album einfach zu Ende bringen, weil wir die Songs darauf wirklich lieben.

nordbuzz: Wie schwierig ist es für Sie aktuell, Musik zu machen? Können Sie überhaupt „live“ spielen?

Lewis: Nein, ich kann nicht mehr „live“ spielen. Musik zu hören ist für mich sehr viel anstrengender, als Menschen beim Reden zuzuhören. Und selbst das fällt mir an schlechten Tagen schwer. Mein Gehör spielt total verrückt - und es ist völlig unberechenbar. Gestern war es okay, heute hingegen fällt es mir schwer, dieses Interview zu geben. Die Frequenzen spielen verrückt in meinem Kopf. Ich höre vieles verzerrt, übersteuert, übermäßig laut oder gar nicht. Weil Musik so viele Frequenzen auf einmal enthält, ist der Umgang damit für mich sehr viel schwieriger als mit Sprache.

„Ich bin immer noch ein Typ, der verdammt viel Glück im Leben hatte“

nordbuzz: Wie hat sich die Krankheit bei Ihnen entwickelt?

Lewis: Man weiß immer noch nicht genau, woher die Menière-Krankheit kommt oder wie man sie behandeln kann. Ich habe 80 Prozent meines Gehörs auf der rechten Seite schon vor 30 Jahren verloren. Die restlichen 20 Prozent waren aber immerhin stabil. Dann, Anfang 2018, spielte plötzlich meine linke Seite verrückt. Seitdem hat sich das leider nicht mehr stabilisiert. Mal ist es mit dem Hören besser, dann wieder schlechter. Am Anfang war ich so deprimiert, dass ich zwei Monate kaum noch aus dem Bett kam.

nordbuzz: Wie bitter ist gerade diese Erkrankung für einen Menschen, der sein ganzes Leben der Musik gewidmet hat?

Lewis: Es war schlimm. Ich hatte eine richtige Depression, weil nichts half. Ich bekam Spritzen in den Gehörgang, nahm Steroide und anderes heftiges Zeug ein. Ich wurde von Chiropraktikern mit Cranio-Massage und Akupunktur behandelt. Nichts half. Verrückt ist allerdings, dass der Mensch sich an alles gewöhnen kann. Natürlich ist es schrecklich, nicht mehr singen zu können. Trotzdem weiß ich, dass viele Menschen schlechter dran sind als ich. Ich finde es sehr wichtig, sich das immer wieder klarzumachen - denn ich möchte auf der hellen Seite des Lebens bleiben.

nordbuzz: Wie schaffen Sie das - ganz konkret?

Lewis: Ich versuche, kreativ zu bleiben - und zu schreiben. Zum Beispiel an einem neuen Broadway Musical, das in der kommenden Saison Premiere feiert. Jetzt promote ich unsere neuen Songs und das Album, auf das ich sehr stolz bin. Außerdem arbeite ich an einem Dokumentarfilm. Insgesamt betrachtet bin ich immer noch ein Typ, der verdammt viel Glück im Leben hatte.

„Wer das nicht schafft, führt ein ziemlich verfluchtes Leben“

nordbuzz: Der erste Song auf dem neuen Album heißt „While We're Young“. Glauben Sie wie so viele Ältere, dass das Jungsein an die Jugend verschwendet ist?

Lewis: Weil sie das Glück ihrer Jugend nicht zu schätzen wissen? Ja, so lautet das Sprichwort. Das Lied ist ein wenig ironisch, denn es schildert aus der Sicht eines älteren Menschen, woraus sein Glück besteht. Zum Beispiel aus einem Schläfchen am Nachmittag. Im Song geht es darum, sich mit dem Älterwerden anzufreunden. Wer das nicht schafft, führt ein ziemlich verfluchtes Leben. Vor allem ist es ein sinnloses Leben. Warum sollte man Energie in einen Kampf stecken, den man definitiv nicht gewinnen kann - und der zudem auch keinerlei Spaß bringt?

nordbuzz: Im Sommer feiern sie Ihren 70. Geburtstag. Wie kommen Sie mit dem Älterwerden klar?

Lewis: Ich versuche das Beste aus jedem Tag herauszuholen. Man sollte jede Minute genießen, egal was man gerade tut. Du weißt nie, wie lange es noch so weiterläuft. Es kann alles sehr schnell vorbei sein. Das weiß jeder, der ein gewisses Alter erreicht hat.

nordbuzz: Als Sie 1983 mit „Sports“ ein Album veröffentlichten, das dank Songs wie „I Want A New Drug“ und „The Heart Of Rock'n'Roll“ zu einem der erfolgreichsten der Popgeschichte wurde - wie überraschend kam der Erfolg damals?

Lewis: Er kam ziemlich überraschend, weil wir damals schon eine alte Band waren, die auf eine lange Historie relativer Erfolglosigkeit zurückblickte (lacht). Im Prinzip spielten wir damals schon sehr altmodische Musik. In den 70-ern war der Rhythm'n'Blues, der mich prägte, anfangs noch ein bisschen angesagt. Trotzdem wurden Blues und Rock'n'Roll damals schon von Punk und anderen Ideen abgelöst. 1983 wollten wir es noch einmal wissen und nahmen mit „Sports“ ein Album auf, das ganz bewusst für den Radioeinsatz geschrieben und produziert war. Das Medium Radio war damals König. Es gab keinen anderen Weg, um mit Musik erfolgreich zu sein.

„Meine Schauspielerfahrung bestand aus einem Satz“

nordbuzz: Haben Sie damals noch an den Erfolg geglaubt?

Lewis: Ich erinnere mich daran, dass der Plan, ein kommerzielles Album aufzunehmen, für unsere Band echt hart war - weil wir alles Kommerzielle hassten. Dazu kam meine schmutzige Stimme, die alles andere als Radio-freundlich war. Immerhin bestanden wir darauf, dieses Album selbst zu produzieren. Wir sagten: Wenn wir schon versuchen, kommerziell zu sein, dann wenigstens so, wie wir uns das vorstellen. Alles, was wir uns damals wünschten, war, einen richtigen Hit zu landen. Dass es am Ende sechs große Hits auf nur einem Album waren, war natürlich ein Traum.

nordbuzz: Wussten Sie, als „Sports“ fertig aufgenommen war, dass darauf so viele Hits enthalten waren?

Lewis: Man kann so etwas nie wirklich wissen. Ich folgte immer einem recht simplen Rezept: Versuche, die acht besten Songs, die du gegenwärtig hast, auf dein neues Album zu packen und füge noch zwei seltsame Spielereien hinzu, die dir gefallen. Dann hast du ein Album von zehn Stücken, mit denen du gut leben kannst. Dass unsere erste Single „Heart And Soul“ funktionierte, konnte ich noch nachvollziehen. Das ist einfach ein Hit-Song. Als anschließend „I Want A New Drug“ durchstartete, wusste ich, dass hier etwas Ungewöhnliches passiert - denn diese Nummer ist alles andere als eine typische Hit-Single.

nordbuzz: Noch unerwarteter als ihr Durchbruch als Hitparaden-Musiker war ihre Schauspielkarriere, die Sie quasi nebenbei machten. Wie kam es dazu, dass sie Rollen in Filmen erhielten?

Lewis: Es war Zufall und vorher nicht abzusehen. Als ich das erste Mal vor der Kamera stand, bestand meine Schauspielerfahrung aus einem Satz, den ich mal an der Uni im Bühnenstück „No Time For Sergeants“ aufgesagt hatte. Ich war nicht der Star meiner Drama-Klasse, trotzdem machte mir das Spielen viel Spaß. Es ist ja auch nicht so, dass ich später eine wirklich gigantische Schauspielkarriere gemacht habe. Aber man wollte mich hier und da haben und ich sagte gerne zu. Dass ich einen Film mit Robert Altman gedreht habe („Short Cuts“, 1993, Anm. d. Red.), finde ich heute immer noch unglaublich!

„Ich schätze, ich würde mit dem Angeln beginnen“

nordbuzz: Wie kam ein so berühmter Regisseur wie Robert Altman eigentlich auf Sie?

Lewis: Ich weiß es bis heute nicht. Ich weiß, dass Bob Altman ein großer Musikfan war. Er rief meinen Manager an und fragte, ob wir uns in Santa Monica treffen können. Es ging um die Rolle eines Anglers und er fragte mich, ob ich etwas davon verstünde. 'Na klar', sagte ich, 'Ich bin ein Fanatiker des Fliegenfischens. Ich lebe in Montana, da macht man den ganzen Tag nichts anderes in seiner Freizeit.'

nordbuzz: Und das reichte schon?

Lewis: Nein, Altman erzählte mir anschließend ein Szenario, dass ich mir vorstellen sollte. Ich hätte mit zwei Freunden eine großartige Angel-Tour geplant, wäre nach langer, mühevoller Anreise in dieses entlegene Revier gekommen. Die Dämmerung bräche herein, die Fische würden gleich wie verrückt beißen. Aber - da läge diese Leiche im Wasser. Was ich in dieser Situation tun würde? 'Nun', sagte ich, 'ich schätze, ich würde mit dem Angeln beginnen.'

nordbuzz: Und was antwortete Robert Altman?

Lewis: Nur, dass ich die Rolle hätte (lacht).

teleschau

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