„Viele liebgewonnene Menschen haben ihren Job verloren“

Hier nehmen die Stars der „Lindenstraße“ Abschied

Rebecca Siemoneit-Barum wurde als „Iffi“ in der „Lindenstraße“ berühmt und wie Moritz Sachs in der Serie erwachsen. Die 42-Jährige findet ehrliche Worte zum Serienfinale: „Die &#39Lindenstraße&#39 war mehr als mein halbes Leben lang mein Arbeitsplatz“, sagt sie. „Ich verliere aber nicht nur meinen langjährigen Arbeitsplatz und ein Einkommen, sondern auch ein Zuhause und einen Zufluchtsort.“
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Rebecca Siemoneit-Barum wurde als „Iffi“ in der „Lindenstraße“ berühmt und wie Moritz Sachs in der Serie erwachsen. Die 42-Jährige findet ehrliche Worte zum Serienfinale: „Die 'Lindenstraße' war mehr als mein halbes Leben lang mein Arbeitsplatz“, sagt sie. „Ich verliere aber nicht nur meinen langjährigen Arbeitsplatz und ein Einkommen, sondern auch ein Zuhause und einen Zufluchtsort.“

Jeder kennt sie als Jack, Klaus, Helga, Iffi, Vasily oder Alex ... - Doch hinter den Protagonisten der „Lindenstraße“ stecken echte Menschen: Schauspieler, die mit dem Ende der Serie ihren Job und wohl noch einiges mehr verlieren. Einige waren seit über drei Jahrzehnten dabei, wurden mit der Serie alt. Hier verraten sie, wie sie mit dem Aus der Serie umgehen.

Sie mischte in über 1.000 Folgen der „Lindenstraße“ mit, ging als „Mutter Beimer“ in den vergangenen 35 Jahren durch Familiendramen, Trennungen, Krankheiten, durch einige Höhen und jede Menge Tiefen. Schauspielerin Marie-Luise Marjan steht wie niemand sonst für die größte deutsche Serie aller Zeiten. Die 79-Jährige weiß: Eine ganze Generation ist zusammen mit Helga Beimer gealtert. „Mehr Influencerin geht nicht“, sagt sie. Doch aller Einfluss half nichts: Die ARD-Serieninstitution wird nach fast dreieinhalb Jahrzehnten auf Sendung am Sonntag, 29. März, 18.50 Uhr, zum letzten Mal ausgestrahlt. In exklusiven Interviews gewähren nun neben der legendären Helga Beimer-Darstellerin zahlreiche weitere Stars der „Lindenstraße“ Einblicke in ihr Seelenleben: Wie gehen die Schauspieler, die zum Teil 20 oder sogar über 30 Jahre für Hans W. Geißendörfers Dauerbrenner vor der Kamera standen, damit um, dass die Serie eingestellt wurde? Und wie geht es jetzt für sie weiter?

Marie-Luise Marjan: „Es lag nicht daran, dass die Serie unmodern war“

Marie-Luise Marjan sagt, sie wurde zuletzt besonders oft auf der Straße angesprochen. Die Leute seien begeistert, „aber auch sehr berührt“, denn, so Marjan, „es scheint nun wirklich so, als würde man den Fans ein Stück Familie wegnehmen“. Das besondere Verhältnis der Zuschauer zum Geschehen und die Dramaturgie seien ja immer das Erfolgsgeheimnis der „Lindenstraße“ gewesen. „Es gab immer eine Art Symbiose zwischen den Figuren und den treuen Fans“, betont sie. „Die Menschen haben sich an uns gewöhnt, sie haben uns liebgewonnen, wir gehörten für viele ganz einfach zu ihrem Leben dazu. Genau das sorgt nun für Trennungsschmerz.“

Warum die Serie ein derartiger Dauerbrenner werden konnte, liegt für die Schauspielerin auf der Hand: „Sie ging immer mit der Zeit - auch wenn einem manche das Gegenteil weismachen wollen“, erklärt die „Mutter Beimer“-Darstellerin, die seit der ersten Folge vom Dezember 1985 mit von der Partie ist. „Nie zuvor wurden Leben und Alltag im Fernsehen so realitätsnah erzählt“, sagt sie. „Nie zuvor wurden über eine Fernsehserie relevante Botschaften in die Gesellschaft getragen, nie zuvor wurden in einem Unterhaltungsformat soziale und politische Entwicklungen mit so viel Haltung erzählt. Da war immer ein Anspruch, eine besondere Qualität“, schwärmt die 79-Jährige „Frontfrau“ von Hans W. Geißendörfers legendärer Fiction-Produktion.

Dass die „Lindenstraße“ nun eingestellt wird, hat für Marie-Luise Marjan nichts mit der sich wandelnden Medienlandschaft oder mit einer womöglich veralteten Erzählweise zu tun als vielmehr „mit der komplizierten Struktur der ARD: mit den vielen Sendern“. Fast alle Entscheidungsträger kämen vom Journalismus, so Marjan. „Es lag nicht daran, dass die Serie unmodern war. In unseren Geschichten war immer auch die Jugend stark vertreten - vom Baby bis zum Greis, ein Querschnitt der Gesellschaft. Und unsere Themen waren immer aktuell.“ Es sei „die einmalige Stärke der 'Lindenstraße' gewesen, “dass sie immer voll auf der Höhe war."

Helga Beimer, die Rolle, die Marjan für lange Zeit den Stempel „Mutter der Nation“ einbrachte, soll „als eine mutige, humorvolle, emotionale Frau“ in Erinnerung bleiben, wünscht sich der „Lindenstraßen“-Star: „Eine Frau, die Leid ertragen und Probleme lösen konnte. Eine moderne Frau, weil sie nie in diesen Kategorien dachte - modern oder unmodern, das war nicht ihr Thema, sie hatte Wichtigeres zu tun. Sie war Hausfrau, sie war berufstätig, sie war Betrogene, sie war Geliebte, sie war Mutter und Ehefrau. Sie war eine Frau, die sich immer treu blieb und mit Leib und Seele Frau war. Deswegen identifizieren sich auch nach wie vor so viele mit ihr.“

Und nach dem 29. März? - „Mir wird mir schon etwas einfallen“, versichert die 79-Jährige. „Mir wird nie langweilig. Aber mir wird die Serie fehlen, wie vielen anderen Menschen auch.“

Joris Gratwohl: „Ein Abbild der Gesellschaft“

Er war schon auf bestem Wege zum Fußballprofi, wurde dann doch lieber Schauspieler und landete alsbald in der „Lindenstraße“: Seit 2001 ist Joris Gratwohl als „Alex“ Behrend dabei - patenter Kumpel, gute Seele, charmant-chaotischer Frauentyp. „Man merkt, wenn man sich wohlfühlt, vergeht die Zeit wie im Flug“, erklärt der Schweizer nun angesichts des Serien-Endes. „Viele Menschen vor und hinter der Kamera sind mir nach der langen Zeit schon ans Herz gewachsen. Da wird man ein wenig wehmütig.“ Die Fahrt mit dem Rad zum Drehen nach Bocklemünd habe er „immer sehr genossen“, betont der ehemalige Spieler des FC Aarau. Jetzt freue er sich auf die Zukunft. Gratwohl spiele nach eigener Aussage jetzt erst mal sein neues selbstgeschriebenes Theaterstück „In der Mitte“ weiter und schreibe an dem dazugehörigen Buch. Die Zeit dafür habe er nun aufgrund der Corona-Situation ...

Die „Lindenstraße“ bezeichnet der Schauspieler als „ein Abbild der Gesellschaft ohne große Effekthascherei - normale Menschen und ihre Freuden und Probleme“. Er glaube, „die Serie hat stets versucht, real und ehrlich zu sein. Und es wurden immer wieder aktuelle, gesellschaftspolitische Themen aufgenommen, in die Sendung eingebunden und aktualisiert.“ Und, so Gratwohl: „Für viele Menschen ging 'Lindenstraße' auch einher mit dem Sonntagabendgefühl. Ein zeitlich festgelegter Anker im Streamingchaos quasi.“

Nun zitiert der 46-Jährige den Serienschöpfer Hans W. Geißendörfer, der gesagt habe: „Alles, was gut ist, hat auch mal ein Ende.“ Momentan empfinde er Dankbarkeit, dass er „so lange eine tolle Zeit mit vielen interessanten Begegnungen“ gehabt habe. „Zugleich ist es natürlich auch ein Neuanfang“, sagt Gratwohl. Dabei halte er sich an Franz Beckenbauer: „Schaunwa mal!“

Moritz A. Sachs: „Zuschauern ein emotionales Zuhause geboten“

Moritz A. Sachs war sechs Jahre alt, als er zum „Lindenstraßen“-Darsteller wurde: „Die Lindenstraße war mein berufliches Zuhause, und auch ein privates“, sagt der Mann, der als Klaus(i) Beimer seit der ersten Folge die Geschichte der Serie mitprägte. Dass die „Lindenstraße“ nun eingestellt wird, trifft ihn als Urgestein natürlich ganz besonders. „Viele liebgewonnene Menschen haben ihren Job verloren und wir alle die Gelegenheit, in schöner und vertrauter Atmosphäre ein schönes Format zu produzieren“, bedauert der Schauspieler, der neben seiner Arbeit am Set Rechtswissenschaften studiert hat, das Ende seiner Serie.

Zur Frage, was der Gesellschaft mit der „Lindenstraße“ verloren geht, erklärt Sachs: „Die Antwort ist heute anders als noch vor zwei Wochen. Damals hätte ich gesagt, 'ein kritisches, ausgleichendes und kommentierendes TV-Format, das es so sonst nicht gibt'.“ Nun aber sei der „Verlust einer Serie“ zu beklagen, „die vielen Zuschauern ein emotionales Zuhause geboten hat“. Sachs: „Wir sind für viele ja fast Familie.“ Dieser Verlust sei „zurzeit, wo wir alle wegen der Coronaereignisse beunruhigt zu Hause sitzen, besonders bitter“. Denn: „Vertrautes und Struktur können uns momentan sehr helfen. Aber was heute passiert, war damals natürlich nicht absehbar.“

Er werde nun vieles vermissen, beteuert der Veranstalter des Internationalen Kurzfilmfestivals „shnit“ in Köln: „mein Team, meine Freunde dort, meinen Arbeitsplatz ... Da kommt viel zusammen“. Aber natürlich muss auch für einen Star aus der „Lindenstraße“ das Leben nun weitergehen. Und Moritz A. Sachs zaubert gleich mal ein amtliches Projekt aus dem Ärmel: „Am 27. März kommt mein Buch heraus: 'Ich war Klaus Beimer - Mein Leben in der Lindenstraße' erscheint im echt-EMF Verlag.“ Er habe zwar Lesungen und Signierstunden momentan alle absagen müssen, doch stattdessen werde er, so Sachs, „am Sonntag nach der letzten Folge der 'Lindenstraße', gegen 19.15 Uhr, auf Instagramm oder Facebook live gehen und unseren Zuschauern Rede und Antwort stehen“. Und dann? - „Ob meine nächsten Jobs, Regieassistent bei 'Unter uns' und Moderation, nach der Coronakrise noch aktuell sind, ist noch nicht klar“, antwortet der Schauspieler. „Die Lage ist ja zur Zeit für uns alle sehr unübersichtlich und belastend.“

Rebecca Siemoneit-Barum: „Über Jahre versucht, positiv auf die Gesellschaft einzuwirken“

Auch Rebecca Siemoneit-Barum wurde einst als „Iffi“ in der Serie berühmt und genau wie Moritz Sachs in der „Lindenstraße“ erwachsen. Auch die heute 42-Jährige findet ehrliche Worte zum Ende der Serie. „Die Lindenstraße war mehr als mein halbes Leben lang mein Arbeitsplatz“, sagt sie. „Ich verliere aber nicht nur meinen langjährigen Arbeitsplatz und ein Einkommen, sondern auch ein Zuhause und einen Zufluchtsort.“ Den Zuschauern werde die „Lindenstraße“ sicher fehlen, meint sie: „Sie verlieren langjährige Wegbegleiter und eine Serie, die über Jahre versucht hat, positiv auf die Gesellschaft einzuwirken, die die Probleme unserer Zeit reflektierte und die versuchte, Lösungsansätze zu finden.“

Rebecca Siemoneit-Barum ist sich sicher, sie werde nun ihre Kollegen vermissen - „vor allem die, mit denen ich als Iffi intensiv zusammengearbeitet habe. Mit einigen werde ich sicher weiterhin in Kontakt bleiben“. Sie arbeite weiter als Moderatorin von Events und als Sängerin und Musicaldarstellerin. „Es macht mich glücklich, auf der Bühne zu stehen, weil ich die Internaktion mit dem Publikum liebe. Auußerdem möchte ich weiter als Schauspielerin im TV zu sehen sein, darüber hinaus schreibe ich an einem Buch. Ich würde gerne auch eine eigene Radiosendung haben - ein Talk-Format wäre toll!“

Irene Fischer: „Danbkar für so viele glückliche und erfüllte Jahre“

„Ich bin nie davon ausgegangen, dass die 'Lindenstraße' ewig weitergeht, insofern bin ich danbkar für so viele glückliche und erfüllte Jahre als Schauspielerin und Autorin der Serie“, sagt Irene Fischer (60). „Jetzt freue ich mich auf neue berufliche Aufgaben.“ Die Frau, die seit der 1987 dabei ist und sich von 1999 bis 2016 auch als Drehbuchautorin für die Serie betätigte, spielt die Rolle der Anna Ziegler: jene schöne Nachbarin, die einst Hansemann Beimer (Joachim H. Luger) derart betörte, dass dieser seine Frau Helga (Marie-Luise Marjan) erst betrog und dann verließ. Ein gesamtgesellschaftlicher Aufreger damals, Ende der 80er-Jahre.

„Die 'Lindenstraße' hat jahrzentelang als Unterhaltungsformat politische und gesellschaftsrelevante Themen aufgegriffen - das hat es in dieser Art niemals davor gegeben, und ich fürchte, dass es auch nie mehr geschehen wird“, sagt Anna Ziegler. „Dass die ARD die gewonnene Sendezeit dafür nutzt, noch mehr Sport und ein Promiklatschmagazin auszustrahlen, finde ich keine kluge Entscheidung.“

Anna Ziegler betont auch: „In den vielen, vielen Jahren, die ich in der 'Lindenstraße' gearbeitet habe, sind tiefe und unverbrüchliche Freundschaften entstanden, die auch weiterhin bestehen werden. - Insofern werde ich niemand vermissen müssen.“

Cosima Viola: „Mehr Bildungsauftrag als Unterhaltungsprogramm“

„Jack“ - der Name, den Cosima Viola in der „Lindenstraße“ trägt, klingt seit jeher wie ein Statement. Die heute 31-Jährige stieß 2001 als junges Mädchen zum Cast. Jack, der Problem-Teenager mit heftiger Kindheitsgeschichte, avancierte zu einer echten Marke. Entsprechend markig fallen die Antworten von Cosima Viola aus: „Ich finde, dass die 'Lindenstraße' mehr als Bildungsauftrag hätte gesehen werden müssen. Und weniger als reines Unterhaltungsprogramm“, sagt die Schauspielerin. Die Serie habe „versucht, gesellschaftliche Themen möglichst komplex und aus verschiedenen Perspektiven darzustellen, ob Rechtsradikalismus, Flüchtlinge oder Klima. Da wurde keine Meinungsmache betrieben, es werden verschiedene Standpunkte gezeigt, geknüpft an Charaktere, mit denen man sich identifizieren kann. Ich glaube zum Beispiel, dass viele Menschen ihre Meinung zu Homosexualität deshalb geändert haben, weil sie die Figur Carsten Flöter gerne mochten.“

„Natürlich bin ich traurig“, bekennt Cosima Viola. „Ich habe bei der 'Lindenstraße' viel gelernt und bin extrem dankbar dafür. Vor allem aber habe ich mir aus tiefstem Herzen verbundene Menschen getroffen. Wir haben zusammen das letzte schwere Jahr gewuppt, und ich bin enorm glücklich, dass ich Teil dieses einmaligen Projekts 'Lindenstraße' sein durfte.“ Sie werde der Schauspielerei nie den Rücken kehren - „das mache ich seit meiner Kindheit super gerne“, versichert sie. „Aber ich habe immer auch andere Sachen nebenbei gemacht: Nach dem Abitur eine Ausbildung zur Hundetrainerin, darin arbeite ich hin und wieder auch noch. Momentan mache ich meinen Bachelor in Psychologie.“

Sie werde nun viele Kollegen aus dem Ensemble und Team vermissen und die langjährige Arbeit für dieses Produkt, lässt Cosima Viola wissen und schließt mit einem Satz, an dessen Wahrheitsgehalt echte „Lindenstraße“-Fans sicherlich keinen Zweifel haben: „Die Rolle Jack hat ganz gut zu meinem Charakter gepasst: Jack hatte das Herz am rechten Fleck, das mag ich.“

Erkan Gündüz: „Beispielhaft für deutsche Jungs mit türkischen Wurzeln“

Auch wenn seinen Namen vielleicht nicht so viele kennen: Erkan Gündüz ist einer der bekanntesten „Lindensträßler“, denn er hat seit 1999 mit seiner markanten Rolle als bestens integrierter Deutschtürke Murat in der „Lindenstraße“ definitiv auch ein Stück Fernsehgeschichte geschrieben. „Ich bin sehr traurig, die 'Lindenstraße' war wirklich meine zweite Familie“, teilt der 47-Jährige mit. Die Serie „hat mein halbes Leben mitbestimmt, sie hat mich bekannt gemacht. Am Set habe ich viele tolle Leute kennengelernt und neue Freunde gefunden“, so Gündüz, der sich des Gewichts seiner Rolle durchaus bewusst ist. „Ich habe den Murat gerne gespielt“, sagt er. „Murats Geschichte ist, so krass sie manchmal war, in vielerlei Hinsicht beispielhaft für deutsche Jungs mit türkischen Wurzeln aus meiner Generation.“

Gerade in den letzten Folgen rückte der Deutschtürke wieder stark in den Fokus der Storyline. Er sei „happy, dass ich in den allerletzten Folgen der 'Lindenstraße' mit einer Geschichte präsent war, die symbolischen Charakter hatte: Murat kettete sich an eine Linde und kämpfte gegen die Entwurzelung und somit für den Erhalt der 'Lindenstraße“. Nun vermisse er alles: „die Arbeit in dieser Serie, die Kollegen, das Team“. Er werde sich künftig mehr auf den Bereich der Kameraregie konzentrieren. „Alles Weitere wird sich zeigen“, schließt Erkan Gündüz.

Arne Rudolf: „Etwas von Bedeutung, mit Nachhall“

Arne Rudolf ist noch nicht lange in „Lindenstraße“ dabei, doch seine Rolle ist eine der brisantesten in der fast 35-jährigen Geschichte des Dauerbrenners. Er spielte Konstantin Landmann, der unter Hebephilie leidet, also sexuelles Interesse an Teenagern hat. „Ich war zwar nur zwei Jahre dabei, aber der Abschied fällt mir dennoch sehr schwer“, sagt der 1990 geborene Schauspieler und Sänger der Alternative Metal-Band Gleißer. „Mir tut es vor allem für die Kollegen leid, die schon lange dabei sind. Ich würde mich wohler fühlen, wenn diese kleine Welt weiterbestehen würde.“

Das Team, die Arbeit mit den Kollegen „und natürlich meine Rolle, die eine große Herausforderung war“, würden ihm nun definitiv fehlen. „Eine Figur, wie die des Konstantin, der unter Hebephilie leidet, bekommt man selten zu spielen.“

Auch Arne Rudolf hat die Wirkkraft eines starken „Lindenstraße“-Auftritts schnell zu spüren gekommen: „Es haben sich Betroffene gemeldet, die gesagt haben, dass sie meine Darstellung gut fanden und es wichtig sei zu zeigen, dass Hebephile nicht automatisch Kinderschänder sind und manche schwer mit ihren Neigungen kämpfen.“ Es sei „ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man nicht nur Unterhaltung macht, sondern etwas von Bedeutung, mit Nachhall.“ - Obwohl er erst 2017 eingestiegen ist, hat der Schauspieler fraglos ein treffliches Gespür für die Bedeutung der Serie entwickelt.

Andrea Spatzek: „Immer ein Spiegel der deutschen Gesellschaft“

„Die 'Lindenstraße' war immer ein Spiegel der deutschen Gesellschaft - und das verliert die TV-Landschaft nun“, unterstreicht mit Andrea Spatzek eine, die es wissen muss. Beinahe 33 Jahre länger als Rudolf ist die gebürtige Salzburgerin dabei. Seit der ersten Folge verkörpert sie die Rolle der Gabi Zenker. „Die 'Lindenstraße' wird immer Teil meines Lebens bleiben. Ich freue mich, bei so einem schönen, großen Projekt dabei gewesen sein zu dürfen“, versichert die Schauspielerin, die ihre Ausbildung am Mozarteum in Salzburg absolovierte. „Neben meiner Arbeit habe ich im Team und Ensemble viele Freundinnen und Freunde gewonnen.“

„Meine regelmäßige Arbeit für die Serie werde ich vermissen“, ist sie sich sicher: „Die Gabi habe ich immer sehr gern gespielt“, so die 60-Jährige. Auch die „enge Zusammenarbeit mit Jo Bolling (meinem Filmmann) und Marie-Luise Marjan (zuletzt meine WG-Filmpartnerin)“ werde ihr fehlen. Und nun? - „Ich werde da weitermachen, wo ich angefangen habe: am Theater“, antwortet Andrea Spatzek. „Und dann schauen wir mal, was die Zukunft noch bringt.“

Gunnar Solka: „Der Wegfall schmerzt“

Als Peter „Lotti“ Lottmann hatte Gunnar Solka eine der sympathischsten Rollen in der „Lindenstraße“. Seit September 2004 ist „Lotti“ der sensible, aber partytaugliche, stets verlässliche Mitarbeiter eines Friseursalons. „Gesellschaftpolitisch zu beeinflussen, ist mir ein wichtiges Anliegen. Das ging mir als Journalist so und später als Schauspieler. Es entspricht meinem Dasein“, betont Solka. In diesem Bereich sei die „Lindenstraße“ Vorreiter gewesen - „und bis heute auch die einzige Langzeitserie, die sich mit gesellschaftsrelevanten Themen auseinandersetzte“. Er sagt es ganz deutlich: „Der Wegfall dieser Möglichkeit schmerzt ebenso wie der Verlust einer Sicherheit.“

Die „Lindenstraße“ habe laut Gunnar Solka von Anfang an die gesellschaftlichen Strukturen hinterfragt. „Sie brachte linke Politik aus einem teilfiktiven Alltag in den realen Alltag“, erläutert der 49-Jährige. „Sie fordert Identifikation ein und provoziert daher die Auseinandersetzung mit dem eigenen Weltbild.“ Solka: „Kamen in Talkshows verantwortungslos viele Rechte zu Wort, Menschen, die jeden Diskurs verweigern, so machte es die 'Lindenstraße' anders: Sie zeigte diese Rechten als Figuren und sprach über sie statt mit ihnen. Wie es sein muss, heute mehr denn je.“

Seit einigen Wochen absolviere er nun eine Weiterbildung zum Sprecher, so Solka. „Einer meiner Mitschüler ist Martin Walde, der die Rolle 'Sunny' spielte.“ Außerdem erarbeite er mit einem Freund gesellschaftpolitische Kunstprojekte mit gesellschaftspolitischer Ambition. Bekannt wurde der Kurzfilm „ife“ der auf dem Human Rights Film Festival lief - da führte Solka mit Felix Kusser. Dass sowohl er als auch Kusser, der die Gastrolle als Josch Bergmann in der „Lindenstraße“ hat, und Sara Turchetto, bekannt als Marcella Varese aus der „Lindenstraße“, gemeinsam in dem Film gespielt hatten, sieht er als „eine Weiterführung des Engagements für Geflüchtete, die schon immer Thema der Serie war“. Und er versichert: „Es folgen weitere solcher Projekte.“

Hermes Hodolides: „Ein großer Fluss, der viele Seelen erfrischt und gestärkt hat“

Ein echtes Urgestein ist Hermes Hodolides (56), den hierzulande wohl jeder als „Vasily Sarikakis“ kennt. Seit Folge Eins der „Lindenstraße“ ist er dabei. Was wäre die „Lindenstraße“ ohne sein Restaurant „Akropolis“? Bei der Frage, was das Ende der Serie bedeutet, wird der Theaterschauspieler und Mitbegründer des Athener „Attis-Theaters“ philosophisch:

„Für mich: Das Ende der 'Lindenstraße' ist der Verlust einer Heimat. Ein realer und zugleich imaginärer Ort, der samt Anwohner und Familienangehörigen ausgewandert ist und weiter im Himmelreich unserer Gedanken lebt.“ „Für die Gesellschaft: Für viele Menschen war die 'Lindenstraße' ein wichtiger Ansprechpartner, der mit Rat und Tat durch die kleinen und großen Herausforderungen des Alltags einen Weg zeigte. Das Vertrauen der Zuschauer an die 'Lindenstraße', durch all die Jahre ehrlichen Daseins gewonnen, ist ein großer Fluss, der viele Seelen erfrischt und gestärkt hat.“

Vermissen werde er „das Kitzeln im Bauch vor dem Dreh, die seltenen Momente der Überwindung des privaten, kleinen Feldes, das verlieren der hemmenden Kontrolle des eigenen Kopfes, um Momente des Zusammenfindens, des Austausches zu erleben“. Hermes Hodolides: „Alles wird anders als man denkt, und wenn wir Pläne machen, lacht Gott: Heutzutage erleben wir das besonders deutlich. Wichtig ist erst mal, dass es weiter geht.“

teleschau

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